Das KGV verstehen: Kurs-Gewinn-Verhältnis einfach erklärt

Das KGV, kurz für Kurs-Gewinn-Verhältnis, ist die bekannteste Bewertungskennzahl der Börse. Es teilt den Aktienkurs durch den Gewinn je [Aktie](/akademie/glossar#gewinn-je-aktie "Der Gewinn je Aktie ist der auf eine einzelne Aktie entfallende Anteil des Unternehmensgewinns.") und zeigt damit, mit dem Wievielfachen seines Jahresgewinns ein Unternehmen bewertet wird. Ein KGV von 15 bedeutet: Der Preis der Aktie entspricht dem 15-fachen Jahresgewinn.
Genau deshalb ist das KGV so beliebt: Es übersetzt einen abstrakten Kurs in eine greifbare Aussage. Statt „die Aktie kostet 60 €" heißt es plötzlich „du zahlst 15 Jahresgewinne", und das lässt sich zwischen Unternehmen, Branchen und Zeiträumen vergleichen.
In Warum Kennzahlen wichtig sind hast du gesehen, dass der Kurs allein nichts über günstig oder teuer verrät. Das KGV ist das erste und wichtigste Werkzeug, um genau diese Frage zu beantworten, vorausgesetzt, du kennst seine Grenzen.
Auf den Punkt
Das KGV verrät, mit dem Wievielfachen seines Jahresgewinns ein Unternehmen an der Börse bezahlt wird. Es misst Erwartungen, keine Qualität.
1. Wie berechnet sich das KGV?
Die Formel ist simpel: Aktienkurs geteilt durch Gewinn je Aktie. Kostet eine Aktie 60 € und verdient das Unternehmen 4 € Gewinn je Aktie im Jahr, liegt das KGV bei 15. Alternativ kannst du den gesamten Börsenwert durch den Jahresgewinn des Unternehmens teilen. Das Ergebnis ist dasselbe.
Der Gewinn je Aktie ist dabei schlicht der Jahresgewinn, verteilt auf alle ausgegebenen Aktien. Gemeint ist üblicherweise der Nettogewinn, also das, was nach allen Kosten, Zinsen und Steuern übrig bleibt. Wie diese Größe entsteht, vertieft die Lektion Umsatz, Gewinn und Marge.
Eine Feinheit noch: Je nachdem, ob man den Gewinn der letzten zwölf Monate oder den für das kommende Jahr erwarteten Gewinn einsetzt, spricht man vom aktuellen oder vom erwarteten KGV. Erwartete Gewinne sind Schätzungen. Entsprechend unsicherer ist das erwartete KGV.
2. Was sagt dir das KGV wirklich?
Anschaulich formuliert beantwortet das KGV die Frage: Wie viele Jahre müsste das Unternehmen seinen aktuellen Gewinn erzielen, um seinen Börsenpreis zu „verdienen"? Bei einem KGV von 15 wären das 15 Jahre, vorausgesetzt, der Gewinn bliebe konstant, was in der Realität nie der Fall ist.
Vor allem aber misst das KGV Erwartungen. Sind Anleger bereit, das 30-Fache des Gewinns zu zahlen, rechnen sie offenbar mit kräftig steigenden Gewinnen. Zahlen sie nur das 8-Fache, trauen sie dem Unternehmen wenig zu, oder erwarten sogar sinkende Gewinne.
Ein hohes KGV ist deshalb nicht automatisch „zu teuer" und ein niedriges nicht automatisch „günstig". Beide sind zunächst nur ein Spiegel dessen, was der Markt dem Unternehmen zutraut. Deine Aufgabe ist zu prüfen, ob diese Erwartung plausibel ist.
3. Was ist ein gutes KGV?
Eine feste Grenze gibt es nicht. Als ganz grobe historische Orientierung: Breite Aktienmärkte bewegten sich über lange Zeiträume oft bei KGVs im mittleren Zehnerbereich. Solche Durchschnitte taugen aber höchstens als Hintergrundwissen, nicht als Messlatte für ein einzelnes Unternehmen.
Entscheidend ist der Kontext. Wachstumsstarke Branchen wie Software tragen traditionell höhere KGVs, weil der Markt künftige Gewinne einpreist. Reife, langsam wachsende oder stark schwankende Branchen, etwa Autobauer oder Banken, werden meist mit deutlich niedrigeren KGVs gehandelt.
Sinnvoll bewerten kannst du ein KGV deshalb nur im Vergleich: mit direkten Wettbewerbern, mit dem Branchendurchschnitt und mit der eigenen KGV-Historie des Unternehmens. Ein KGV von 25 kann für einen Softwareanbieter normal und für einen Stahlkonzern ein Alarmsignal sein.
4. Wann führt das KGV in die Irre?
Erstens: bei Verlusten. Macht ein Unternehmen keinen Gewinn, lässt sich kein sinnvolles KGV berechnen. Portale zeigen dann oft gar nichts oder einen negativen Wert an. Gerade junge Wachstumsunternehmen sind mit dem KGV deshalb kaum greifbar.
Zweitens: bei Einmaleffekten. Verkauft ein Unternehmen etwa eine Sparte mit hohem Gewinn, sieht das KGV für ein Jahr traumhaft niedrig aus, obwohl das laufende Geschäft unverändert ist. Umgekehrt kann eine einmalige Abschreibung den Gewinn drücken und das KGV künstlich aufblähen.
Drittens, und am tückischsten, bei zyklischen Unternehmen. Auf dem Höhepunkt eines Booms sind deren Gewinne besonders hoch, und das KGV wirkt verlockend niedrig. Genau dann kann der Abschwung bevorstehen: Die Gewinne brechen ein, und aus dem optischen Schnäppchen wird eine teure Aktie. Ein niedriges KGV kann also auch eine Warnung des Marktes sein.
5. Wie setzt du das KGV sinnvoll ein?
Nutze das KGV als Startpunkt, nicht als Urteil. Ein auffälliger Wert, besonders hoch oder besonders niedrig, ist vor allem eine Einladung zur Frage: Warum bewertet der Markt das Unternehmen so? Die Antwort steckt im Geschäftsmodell, in den Aussichten und manchmal in Problemen, die auf den ersten Blick nicht sichtbar sind.
Kombiniere es außerdem immer mit weiteren Kennzahlen. Das KGV blendet Schulden komplett aus: ein günstig wirkendes Unternehmen kann hoch verschuldet sein. Und es hängt an einer einzigen, gestaltbaren Größe: dem Gewinn. Warum echtes Geld oft die ehrlichere Messlatte ist, zeigt später die Lektion Den Cashflow lesen.
Als nächsten Baustein lernst du mit dem KBV eine Kennzahl kennen, die statt auf den Gewinn auf die Substanz eines Unternehmens schaut, eine sinnvolle Ergänzung, gerade wenn das KGV an seine Grenzen stößt.
Beispiel aus der Praxis
Stell dir zwei Maschinenbauer vor. Die Alpha AG kostet 90 € je Aktie und verdient 9 € Gewinn je Aktie: KGV 10. Die Beta AG kostet nur 30 € je Aktie, verdient aber bloß 1,50 €: KGV 20. Obwohl die Beta-Aktie nur ein Drittel so viel kostet, zahlst du bei ihr doppelt so viele Jahresgewinne wie bei Alpha. Gemessen am Gewinn ist die „teure" Alpha-Aktie die günstigere.
Häufiger Irrtum
„Ein niedriges KGV ist ein Schnäppchen." Nicht unbedingt. Oft hat der Markt gute Gründe, für ein Unternehmen nur wenige Jahresgewinne zu zahlen: schrumpfende Märkte, hohe Schulden oder Gewinne auf dem Höhepunkt eines Zyklus. Anleger sprechen dann von einer Bewertungsfalle: die Aktie sieht günstig aus und wird trotzdem immer billiger. Prüfe bei einem auffällig niedrigen KGV deshalb zuerst, was der Markt womöglich schon weiß.
Das Wichtigste in Kürze
- ✓Das KGV teilt den Aktienkurs durch den Gewinn je Aktie und zeigt, wie viele Jahresgewinne du für ein Unternehmen zahlst.
- ✓Ein hohes KGV spiegelt hohe Erwartungen an künftige Gewinne. Es ist ein Stimmungsmesser, kein Qualitätsurteil.
- ✓Ein pauschal gutes KGV gibt es nicht: Aussagekraft entsteht erst im Vergleich mit Branche, Wettbewerbern und eigener Historie.
- ✓Bei Verlusten, Einmaleffekten und zyklischen Gewinnen führt das KGV schnell in die Irre.
- ✓Das KGV ignoriert Schulden und hängt am gestaltbaren Gewinn. Kombiniere es deshalb immer mit weiteren Kennzahlen.
Teste dein Wissen
1. Wie wird das KGV berechnet?
2. Was bedeutet ein hohes KGV in erster Linie?
3. Warum kann ein sehr niedriges KGV ein Warnsignal sein?
Häufige Fragen
Was ist ein gutes KGV?
Eine allgemeingültige Grenze gibt es nicht. Breite Märkte lagen historisch oft im mittleren Zehnerbereich, doch üblich sind je nach Branche sehr unterschiedliche Niveaus. Aussagekräftig wird ein KGV erst im Vergleich mit Wettbewerbern, Branchendurchschnitt und der eigenen Historie des Unternehmens.
Was ist der Unterschied zwischen aktuellem und erwartetem KGV?
Das aktuelle KGV nutzt den zuletzt berichteten Gewinn, das erwartete KGV die Gewinnschätzungen für das kommende Jahr. Das erwartete KGV blickt nach vorn, beruht aber auf Prognosen, und die können sich als zu optimistisch oder zu pessimistisch erweisen.
Was bedeutet es, wenn kein KGV angegeben ist?
Meist macht das Unternehmen dann Verluste, ohne positiven Gewinn lässt sich kein sinnvolles KGV berechnen. Für solche Firmen braucht es andere Kennzahlen, etwa das Umsatzwachstum, das Kurs-Buchwert-Verhältnis oder den Blick auf den Cashflow.
Warum haben Wachstumsunternehmen oft hohe KGVs?
Weil der Kurs die erwarteten künftigen Gewinne bereits enthält, der aktuelle Gewinn aber noch klein ist. Wächst der Gewinn wie erhofft, normalisiert sich das KGV über die Jahre. Bleibt das Wachstum aus, war der hohe Preis nicht gerechtfertigt.
Reicht das KGV allein für eine Bewertung?
Nein. Das KGV ignoriert Schulden, reagiert empfindlich auf Einmaleffekte und versagt bei Verlusten. Es ist ein guter Startpunkt, sollte aber immer mit Kennzahlen zu Substanz, Marge, Cashflow und Verschuldung kombiniert werden.
Ganz einfach erklärt
Stell dir vor, du kaufst eine kleine Wohnung für 200.000 €, die dir 10.000 € Miete im Jahr einbringt. Du zahlst also das 20-Fache der Jahresmiete. Genauso funktioniert das KGV: Es sagt dir, das Wievielfache seines Jahresgewinns eine Firma kostet. Je mehr „Jahresmieten" du zahlst, desto fester musst du daran glauben, dass die Mieten künftig steigen.
