Erster Handelstag und Underpricing: Warum ein Kurssprung trügt

Marc Lewald6. Juli 2026

Underpricing bedeutet, dass der Ausgabepreis eines Börsengangs niedriger angesetzt wurde, als der Markt am ersten Handelstag zu zahlen bereit ist. Deshalb springt der Kurs zur Erstnotiz oft nach oben. Was wie ein glänzender Erfolg aussieht, hat aber eine Kehrseite: Ein großer Kurssprung heißt vor allem, dass das Unternehmen seine Aktien zu billig verkauft und viel Geld verschenkt hat.

In Der Ausgabepreis erklärt hast du gesehen, dass Ausgabepreis und Börsenkurs zwei verschiedene Dinge sind. Diese Lektion zeigt, warum sie am ersten Tag auseinanderfallen, und warum ein starker Auftakt nicht automatisch gut ist.

Ziel ist, den vielleicht am häufigsten missverstandenen Moment eines Börsengangs nüchtern einzuordnen: den ersten Handelstag.

Auf den Punkt

Underpricing heißt: Der Ausgabepreis lag unter dem, was der Markt zahlt. Der Kurssprung am ersten Tag ist deshalb weniger ein Erfolg als ein Zeichen für verschenktes Kapital.

1. Was passiert am ersten Handelstag?

Der erste Handelstag ist die Erstnotiz: der Moment, in dem die Aktie erstmals frei an der Börse gehandelt wird. Ab jetzt bestimmt nicht mehr das Bookbuilding den Preis, sondern Angebot und Nachfrage, wie bei jeder anderen Aktie.

Häufig weicht der erste Börsenkurs deutlich vom Ausgabepreis ab. Besonders bei gefragten Börsengängen eröffnet die Aktie oft darüber, manchmal um einen zweistelligen Prozentsatz. In den Medien wird ein solcher Sprung gern als gelungener Börsengang gefeiert.

Diese Deutung greift zu kurz. Um zu verstehen, was ein Kurssprung wirklich bedeutet, braucht es einen nüchternen Begriff: Underpricing.

2. Was bedeutet Underpricing?

Underpricing, wörtlich „Unterbepreisung", liegt vor, wenn der Ausgabepreis niedriger festgelegt wurde, als der Markt kurz darauf zu zahlen bereit ist. Die Zeichner haben die Aktie also günstiger bekommen, als sie an der Börse sofort wert war.

Der Kurssprung am ersten Tag ist damit kein Zufall, sondern das sichtbare Maß des Underpricings: Je größer der Abstand zwischen Ausgabepreis und erstem Kurs, desto stärker war die Aktie unter Wert angeboten. Ein Plus von 30 % bedeutet, dass der Ausgabepreis rund 30 % unter dem lag, was Anleger tatsächlich zahlten.

Warum Unternehmen ihre Aktien überhaupt zu billig anbieten, ist umstritten: genannt werden Unsicherheit über die „richtige" Bewertung und der Wunsch, den Börsengang sicher zu platzieren. Für dich zählt weniger das Warum als die Folge.

3. Warum ist ein großer Kurssprung nicht automatisch gut?

Weil das verschenkte Geld jemandem fehlt, nämlich dem Unternehmen. Verkauft eine Firma neue Aktien zum Ausgabepreis und der Kurs schnellt sofort hoch, hätte sie dasselbe Paket auch teurer verkaufen können. Die Differenz nennt man „auf dem Tisch liegen gelassenes Geld".

Für das Unternehmen ist ein extremer Kurssprung deshalb ambivalent: gute Schlagzeilen, aber weniger Kapital als möglich. Aus Sicht der Kapitalbeschaffung ist ein moderater erster Tag oft das bessere Ergebnis als ein spektakulärer.

Und für dich als Anleger sagt der Sprung nichts über die Qualität der Aktie aus. Ein hoher erster Kurs ist eine Momentaufnahme der Nachfrage, kein Urteil über das Geschäft. Viele Aktien mit fulminantem Start notierten später deutlich tiefer.

4. Wer profitiert, und wer verliert beim Underpricing?

Profiteure sind die Zeichner mit Zuteilung: Sie kauften zum niedrigen Ausgabepreis und könnten am ersten Tag mit Gewinn verkaufen. Weil große institutionelle Investoren bei der Zuteilung oft bevorzugt werden, landet dieser Vorteil überwiegend bei ihnen.

Auf der Verliererseite steht das Unternehmen, das weniger Kapital eingesammelt hat, sowie die verkaufenden Alteigentümer, die ihre Anteile zu billig abgegeben haben. Sie tragen die Kosten des Kurssprungs, den andere feiern.

Für Privatanleger ist die Bilanz gemischt. Aus Zeichnung und Zuteilung weißt du, dass sie bei gefragten Börsengängen oft nur wenige oder keine Aktien bekommen. Vom Underpricing profitieren sie deshalb meist begrenzt, und zahlen den Kurssprung, wenn sie erst am ersten Tag kaufen, sogar mit.

5. Was bedeutet der erste Tag für dich als Anleger?

Die wichtigste Konsequenz: Lauf dem Kurssprung nicht hinterher. Wer eine Aktie erst kauft, nachdem sie am ersten Tag stark gestiegen ist, zahlt genau den erhöhten Marktpreis, und damit den vollen Aufschlag, den die Zeichner als Gewinn mitnehmen.

Der erste Handelstag ist zudem oft besonders schwankungsanfällig: Anfangseuphorie, spekulative Käufe und [Gewinnmitnahmen](/akademie/glossar#gewinnmitnahme "Eine Gewinnmitnahme ist der Verkauf einer im Plus liegenden Position, um den Buchgewinn in einen realisierten Gewinn zu verwandeln.") bewegen den Kurs stark, ohne dass sich am Unternehmen etwas geändert hätte. Diese Bewegungen sind Stimmung, keine Information.

Für eine überlegte Entscheidung spricht daher wenig dagegen, den Trubel des ersten Tages abzuwarten. Ein Unternehmen, das langfristig überzeugt, ist das auch noch in einigen Wochen.

6. Was sagt der erste Handelstag über die Aktie aus?

Ehrlich gesagt: wenig. Der erste Kurs spiegelt kurzfristige Nachfrage und Stimmung rund um den Börsengang, nicht den langfristigen Wert. Ob eine Aktie ihr Geld wert ist, entscheidet sich über Jahre, nicht an einem einzelnen Tag.

Gerade die größten Kurssprünge entstehen oft in Phasen besonderer Euphorie, in denen die Bewertung ohnehin gedehnt ist. Ein spektakulärer Start kann deshalb sogar ein Warnsignal für überzogene Erwartungen sein.

Wie du einen Börsengang unabhängig vom Lärm des ersten Tages beurteilst, führt die Abschlusslektion Einen Börsengang bewerten zusammen. Der Grundsatz aus dem Kapitel Was ist ein Börsengang? gilt auch hier: Ein Ereignis ist keine Qualitätsgarantie.

Beispiel aus der Praxis

Stell dir vor, ein Unternehmen gibt beim Börsengang zehn Millionen neue Aktien zum Ausgabepreis von 20 € aus und nimmt damit 200 Millionen € ein. Am ersten Handelstag springt der Kurs auf 30 €, ein Plus von 50 %. Rein rechnerisch hätte die Firma dieselben Aktien auch für rund 300 Millionen € verkaufen können; die Differenz von 100 Millionen € hat sie „auf dem Tisch liegen gelassen". Wer bei der Zeichnung Aktien zu 20 € bekam, sitzt auf einem Buchgewinn. Wer erst bei 30 € über die Börse kauft, zahlt dagegen den vollen Aufschlag. Die Zahlen sind ein illustratives Beispiel.

Häufiger Irrtum

„Ein großer Kurssprung am ersten Handelstag ist ein Zeichen für einen besonders guten Börsengang." Das ist eine der hartnäckigsten Fehldeutungen. Ein starker Sprung bedeutet vor allem Underpricing: Das Unternehmen hat seine Aktien zu billig verkauft und Kapital verschenkt. Über die langfristige Qualität der Aktie sagt der erste Tag praktisch nichts. Viele fulminante Börsenstarts endeten Monate später unter dem Ausgabepreis. Ein Kurssprung ist eine Momentaufnahme der Nachfrage, kein Gütesiegel.

Das Wichtigste in Kürze

  • Underpricing bedeutet, dass der Ausgabepreis unter dem lag, was der Markt am ersten Handelstag zahlt, daher der Kurssprung.
  • Die Höhe des Kurssprungs ist das Maß des Underpricings: Je größer das Plus, desto stärker war die Aktie unter Wert angeboten.
  • Ein extremer Kurssprung ist für das Unternehmen zwiespältig: gute Schlagzeilen, aber verschenktes Kapital.
  • Profiteure sind vor allem zugeteilte, oft institutionelle Investoren; Verlierer sind das Unternehmen und die verkaufenden Alteigentümer.
  • Der erste Handelstag sagt fast nichts über den langfristigen Wert aus. Wer dem Kurssprung hinterherkauft, zahlt den vollen Aufschlag.

Teste dein Wissen

1. Was bedeutet Underpricing?

2. Warum ist ein großer Kurssprung für das Unternehmen zwiespältig?

3. Was sagt ein starker erster Handelstag über die langfristige Qualität der Aktie aus?

Häufige Fragen

Was ist Underpricing bei einem Börsengang?

Underpricing bezeichnet den Fall, dass der Ausgabepreis niedriger festgelegt wurde, als der Markt am ersten Handelstag zu zahlen bereit ist. Die Folge ist ein Kurssprung zur Erstnotiz. Die Höhe dieses Sprungs zeigt, wie stark die Aktie unter Wert angeboten wurde.

Warum steigt eine Aktie am ersten Handelstag oft?

Weil der Ausgabepreis häufig etwas unter dem Marktwert angesetzt wird, um den Börsengang sicher zu platzieren und Investoren anzuziehen. Übersteigt die Nachfrage das Angebot, treibt das den ersten Börsenkurs zusätzlich über den Ausgabepreis. Beides zusammen erzeugt den typischen Kurssprung.

Ist ein Kurssprung am ersten Tag ein gutes Zeichen?

Nicht unbedingt. Für zugeteilte Anleger ist er erfreulich, für das Unternehmen bedeutet er verschenktes Kapital. Über die langfristige Entwicklung sagt er kaum etwas aus. Viele Aktien mit starkem Start notierten später deutlich tiefer. Ein Sprung ist eine Momentaufnahme, kein Qualitätsurteil.

Wer profitiert vom Underpricing?

Vor allem die Zeichner, die eine Zuteilung zum niedrigen Ausgabepreis erhalten haben, häufig große institutionelle Investoren, die bei der Zuteilung bevorzugt werden. Das Unternehmen und die verkaufenden Alteigentümer verlieren dagegen, weil sie ihre Aktien zu billig abgegeben haben.

Sollte ich am ersten Handelstag kaufen?

Das ist eine persönliche Entscheidung, doch der erste Tag ist oft besonders schwankungsanfällig und von Euphorie geprägt. Wer nach einem starken Sprung kauft, zahlt den vollen Aufschlag. Häufig spricht wenig dagegen, den Trubel abzuwarten und die Aktie erst nach nüchterner Bewertung zu prüfen.

Ganz einfach erklärt

Stell dir vor, eine Bäckerei verkauft ihre begehrten Torten zur Eröffnung für 5 €. Sofort stehen draußen Leute, die sie für 8 € weiterverkaufen. Die Torten waren also viel zu billig. Die Bäckerei hat Geld verschenkt, und verdient haben die Zwischenhändler. Dass die Torten sofort teurer weitergingen, heißt aber nicht, dass sie besonders gut schmecken. Genauso ist ein Kurssprung am ersten Börsentag: ein Zeichen für einen zu niedrigen Preis, kein Beweis für Qualität.

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