Wie ein Börsengang abläuft: Die Etappen im Überblick

Ein Börsengang läuft in mehreren Etappen über viele Monate ab: Am Anfang stehen die Entscheidung und die Auswahl der begleitenden Banken, dann folgen die Vorbereitung mit Wertpapierprospekt und behördlicher Prüfung, die Vermarktung und Preisfindung, schließlich die [Zeichnung](/akademie/glossar#zeichnung "Die Zeichnung ist die verbindliche Order zum Kauf neuer Wertpapiere direkt bei der Emission, bevor sie an der Börse gehandelt werden.") durch Anleger und die Erstnotiz an der Börse. An diesem Weg wirken das Unternehmen, Banken, die Aufsicht und Anleger zusammen.
In Was ist ein Börsengang? hast du gesehen, was ein Börsengang ist und warum Unternehmen ihn wagen. Diese Lektion zeigt dir das Wie: den typischen Fahrplan von der ersten Idee bis zum ersten Handelstag.
Ziel ist nicht, jedes Detail auswendig zu können, sondern die großen Etappen und Rollen zu verstehen. Denn wer den Ablauf kennt, durchschaut später, an welchen Stellen für dich als Anleger die wichtigen Entscheidungen fallen.
Auf den Punkt
Ein Börsengang ist kein spontanes Ereignis, sondern ein monatelanger Prozess aus Vorbereitung, Prüfung, Preisfindung und Platzierung, mit vielen Beteiligten.
1. Wie beginnt ein Börsengang?
Am Anfang steht eine strategische Entscheidung: Das Unternehmen will an die Börse, meist um Kapital für Wachstum zu beschaffen. Diese Entscheidung fällt lange vor dem ersten Handelstag und zieht eine umfangreiche Vorbereitung nach sich.
Als Erstes sucht sich das Unternehmen Partner: eine oder mehrere Banken, die den Börsengang begleiten. Diese Gruppe heißt Emissionskonsortium. Sie beraten zum Zeitpunkt, helfen bei der Bewertung, bereiten die Unterlagen mit vor und platzieren später die Aktien bei Investoren.
Die Auswahl läuft oft über eine Art Wettbewerb, bei dem sich mehrere Häuser mit ihrem Konzept bewerben. Schon hier zeigt sich, wie viel Vorarbeit ein Börsengang bedeutet: Die Notierung ist nur der sichtbare Schlusspunkt.
2. Wie bereitet sich das Unternehmen vor?
Der Kern der Vorbereitung ist die Offenlegung. Das Unternehmen durchleuchtet sich selbst in einer gründlichen Prüfung (Due Diligence) und fasst alle wesentlichen Informationen in einem umfangreichen Dokument zusammen: dem Wertpapierprospekt.
Dieser Prospekt beschreibt Geschäftsmodell, Finanzzahlen, Zukunftspläne und, besonders wichtig, die Risiken. Er ist die zentrale Informationsquelle vor einem Börsengang. Wie du ihn liest, vertieft die Lektion Das S-1 und den Prospekt lesen.
Bevor Aktien öffentlich angeboten werden dürfen, muss die zuständige Aufsichtsbehörde den Prospekt billigen, in Deutschland die BaFin. Sie prüft dabei, ob der Prospekt vollständig, verständlich und widerspruchsfrei ist. Wichtig: Diese Billigung ist kein Gütesiegel für die Aktie, sondern eine formale Prüfung der Unterlagen.
3. Wie wird der Ausgabepreis ermittelt?
Steht der Prospekt, geht es an die Preisfindung. Üblich ist das sogenannte Bookbuilding-Verfahren: Das Unternehmen und die Banken legen zunächst eine Preisspanne fest, innerhalb derer der Ausgabepreis liegen soll, zum Beispiel zwischen 18 und 22 €.
In dieser Phase stellen Management und Banken das Unternehmen großen Investoren vor: Diese Präsentationsrunde heißt Roadshow. Die Investoren geben daraufhin Gebote ab, wie viele Aktien sie zu welchem Preis kaufen würden.
Aus der Summe dieser Gebote, dem „Orderbuch", ergibt sich schließlich der endgültige Ausgabepreis, auch Emissionspreis genannt. Ist die Nachfrage sehr hoch, landet er eher am oberen Rand der Spanne. Warum dieser Preis nicht dasselbe ist wie der Kurs, den du am ersten Handelstag zahlst, klärt Der Ausgabepreis erklärt.
4. Wie kommen Anleger an die Aktien?
Parallel zur Preisfindung läuft die Zeichnungsfrist: der Zeitraum, in dem Anleger erklären können, dass sie Aktien aus dem Börsengang kaufen möchten. Als Privatanleger gibst du diese „Zeichnung" über deine Bank oder deinen Broker ab.
Übersteigt die Nachfrage das Angebot, bei gefragten Börsengängen häufig, kann nicht jeder alle gewünschten Aktien bekommen. Dann wird zugeteilt, oft nur ein Teil der Menge oder gar nichts. Wie das funktioniert, zeigt Zeichnung und Zuteilung.
Wer eine Zuteilung erhält, bekommt die Aktien zum festgelegten Ausgabepreis ins Depot gebucht, noch bevor sie frei handelbar sind. Damit ist die Bühne bereitet für die Erstnotiz.
5. Was passiert bei der Erstnotiz?
Die Erstnotiz ist der erste Tag, an dem die Aktie regulär an der Börse gehandelt wird. Ab diesem Moment bestimmt nicht mehr das Bookbuilding den Preis, sondern Angebot und Nachfrage am freien Markt, der Kurs kann nun jederzeit steigen oder fallen.
Häufig weicht der erste Börsenkurs vom Ausgabepreis ab. Liegt er darüber, spricht man von einem gelungenen Start; das gilt oberflächlich als Erfolg, hat aber eine Kehrseite. Warum ein starker erster Tag nicht automatisch gut ist, erklärt Erster Handelstag und Underpricing.
Mit der Erstnotiz ist der Börsengang formal abgeschlossen: Das Unternehmen ist jetzt börsennotiert. Für die Firma beginnt damit ein neuer Alltag mit Publizitätspflichten und öffentlicher Bewertung, wie du ihn aus der Anchor-Lektion kennst.
6. Wer ist beteiligt, und wer trägt welche Verantwortung?
Fassen wir die Rollen zusammen. Das Unternehmen selbst trifft die Entscheidung, legt die Zahlen offen und trägt die Verantwortung für die Richtigkeit des Prospekts. Es ist der Ausgangspunkt des gesamten Prozesses.
Die Konsortialbanken organisieren den Ablauf, begleiten die Preisfindung und platzieren die Aktien bei Investoren; teils übernehmen sie auch eine gewisse Absicherung der Platzierung. Die Aufsichtsbehörde, in Deutschland die BaFin, billigt den Prospekt und wacht über die formalen Anforderungen, ohne die Aktie inhaltlich zu bewerten.
Auf der Nachfrageseite stehen die Investoren: institutionelle Anleger wie Fonds und Versicherungen sowie Privatanleger. Und schließlich die Börse, die den Handelsplatz ab der Erstnotiz stellt. Erst dieses Zusammenspiel macht aus einem privaten Unternehmen ein börsennotiertes.
Beispiel aus der Praxis
Stell dir vor, ein Unternehmen entscheidet sich im Januar für den Börsengang. In den folgenden Monaten wählt es seine Banken aus, durchleuchtet sein Geschäft und schreibt den Prospekt, den die Aufsicht bis in den Herbst prüft und billigt. Im Oktober startet die Roadshow, die Preisspanne liegt bei 18 bis 22 €. Nach einer Woche Zeichnungsfrist steht der Ausgabepreis bei 21 €, und Anfang November feiert die Aktie ihre Erstnotiz, fast ein Jahr nach der Entscheidung. Die Zahlen hier sind ein illustratives Beispiel.
Häufiger Irrtum
„Ein Börsengang passiert schnell und mehr oder weniger über Nacht." Das Gegenteil ist der Fall. Zwischen der Entscheidung und der Erstnotiz liegen in aller Regel viele Monate intensiver Vorbereitung: Prüfung des Unternehmens, Erstellung und Billigung des Prospekts, Preisfindung und Platzierung. Der erste Handelstag ist nur der sichtbare Abschluss eines langen, aufwendigen Prozesses, nicht sein Beginn.
Das Wichtigste in Kürze
- ✓Ein Börsengang durchläuft feste Etappen: Entscheidung und Bankenauswahl, Prospekt und Prüfung, Preisfindung, Zeichnung und Erstnotiz.
- ✓Das Emissionskonsortium aus Banken begleitet den Ablauf, hilft bei der Bewertung und platziert die Aktien bei Investoren.
- ✓Der Wertpapierprospekt legt Geschäft, Zahlen und Risiken offen und muss von der Aufsicht (in Deutschland der BaFin) gebilligt werden.
- ✓Der Ausgabepreis entsteht im Bookbuilding aus der Nachfrage großer Investoren, nicht durch die Börse.
- ✓Mit der Erstnotiz ist die Aktie frei handelbar; ab dann bestimmen Angebot und Nachfrage den Kurs.
Teste dein Wissen
1. In welcher Reihenfolge läuft ein Börsengang typischerweise ab?
2. Wie entsteht der Ausgabepreis beim Bookbuilding?
3. Was bedeutet die Billigung des Prospekts durch die BaFin?
Häufige Fragen
Wie lange dauert ein Börsengang?
Von der Entscheidung bis zur Erstnotiz vergehen meist viele Monate, oft ein halbes bis ganzes Jahr. Der Großteil entfällt auf die Vorbereitung: Prüfung des Unternehmens, Erstellung des Prospekts und dessen Billigung. Der eigentliche Handelsstart dauert dann nur einen Tag.
Was ist ein Emissionskonsortium?
Das ist die Gruppe aus einer oder mehreren Banken, die den Börsengang begleitet. Sie berät das Unternehmen, hilft bei der Bewertung und Preisfindung, bereitet die Unterlagen mit vor und platziert die Aktien bei Investoren. Bei großen Börsengängen teilen sich mehrere Banken diese Aufgaben.
Was ist eine Roadshow?
Die Roadshow ist die Präsentationsrunde, in der das Management gemeinsam mit den Banken das Unternehmen großen Investoren vorstellt. Ziel ist, Interesse zu wecken und ein Gefühl für die Nachfrage zu bekommen; die Gebote der Investoren fließen anschließend in die Preisfindung ein.
Was bedeutet Bookbuilding?
Bookbuilding ist das übliche Verfahren zur Preisfindung bei einem Börsengang. Innerhalb einer vorher festgelegten Preisspanne geben Investoren Gebote ab, zu welchem Preis und in welcher Menge sie kaufen würden. Aus diesem „Orderbuch" ermitteln Unternehmen und Banken den endgültigen Ausgabepreis.
Was ist die Erstnotiz?
Die Erstnotiz ist der erste Tag, an dem die Aktie regulär an der Börse gehandelt wird. Ab diesem Zeitpunkt bestimmen Angebot und Nachfrage den Kurs, nicht mehr das Bookbuilding-Verfahren. Mit der Erstnotiz ist der Börsengang formal abgeschlossen.
Wer genehmigt einen Börsengang?
Die zuständige Finanzaufsicht billigt den Wertpapierprospekt, in Deutschland die BaFin. Sie prüft, ob der Prospekt vollständig, verständlich und widerspruchsfrei ist. Diese Billigung ist eine formale Prüfung der Unterlagen und ausdrücklich kein Urteil über die Qualität der Aktie.
Ganz einfach erklärt
Ein Börsengang ist wie die Premiere eines großen Theaterstücks. Monatelang wird im Hintergrund geprobt: Das Stück wird geschrieben, Rollen werden verteilt, Karten gedruckt, und eine Prüfstelle schaut, ob alle Unterlagen stimmen. Erst am Premierenabend geht der Vorhang auf und alle sehen das Ergebnis. Dieser Abend ist die Erstnotiz, der sichtbare Höhepunkt nach sehr viel unsichtbarer Arbeit.
