Long Lake holt Amex GBT für 6,3 Milliarden von der Börse

Die Global Business Travel Group (GBTG) wird vom KI-Investor Long Lake für 6,3 Milliarden US-Dollar übernommen. Die Aktie steigt daraufhin um 57 %.

Übernahmegebot katapultiert die GBTG-Aktie um 57 Prozent

Nordamerika🎧4 Min.05.05.2026

Die Aktie der Global Business Travel Group (NYSE: GBTG) hat am Montag, dem 4. Mai 2026, einen ihrer spektakulärsten Handelstage hingelegt. Der Kurs schoss um 57,34 Prozent nach oben und schloss bei 9,33 Dollar. Das Handelsvolumen lag mit 80,5 Millionen Aktien rund 2.759 Prozent über dem Dreimonatsdurchschnitt.

Auslöser war eine Pflichtmitteilung am frühen Morgen. Die Investmentgesellschaft Long Lake Management übernimmt das Unternehmen, das hinter American Express Global Business Travel steht, in einer All-Cash-Transaktion zu insgesamt 6,3 Milliarden Dollar. Aktionäre erhalten 9,50 Dollar pro Aktie. Das entspricht einem Aufschlag von 60,2 Prozent auf den Schlusskurs vom 1. Mai und 65,1 Prozent auf den volumengewichteten Durchschnittskurs der vergangenen 30 Tage.

Wer ist Amex GBT eigentlich

Hinter dem etwas sperrigen Namen Global Business Travel Group steckt der weltweit größte reine Anbieter für Geschäftsreisemanagement. Das Unternehmen organisiert Flüge, Hotels und komplette Reisekostenabrechnungen für Konzerne. Zur Kundschaft zählen weite Teile der Fortune-500-Unternehmen. Insgesamt arbeiten bei Amex GBT rund 22.000 Menschen, der Jahresumsatz liegt bei knapp 2,9 Milliarden Dollar.

Die Konzerngeschichte ist kompliziert. American Express hat das Geschäft 2014 abgespalten und an den Finanzinvestor Certares verkauft, der 900 Millionen Dollar für eine 50-Prozent-Beteiligung zahlte. 2022 ging das Unternehmen über einen SPAC-Mantel an die NYSE. Der Name bleibt, weil ein Lizenzvertrag mit American Express weiterhin die Nutzung der Marke erlaubt. Amex selbst hielt zuletzt noch 30 Prozent an GBTG. Diese Beteiligung verkauft der Konzern jetzt für rund 1,5 Milliarden Dollar an Long Lake.

Long Lake ist eine ungewöhnliche Käuferin

Long Lake Management wurde erst 2023 gegründet. CEO Alex Taubman kommt vom Investment-Riesen Oaktree, Mitgründer Zach Frankl war einst beim Fintech Ramp dabei. Die Strategie ist simpel und gleichzeitig riskant. Long Lake kauft etablierte Dienstleistungsfirmen und überträgt deren Prozesse auf seine eigene KI-Plattform namens Nexus, um sie zu automatisieren.

Bisher umfasste das Portfolio 18 amerikanische Hausverwaltungen. Amex GBT spielt eine völlig andere Liga. Möglich macht den Deal die Investorenbasis. Hinter Long Lake stehen General Catalyst, Alpha Wave, Koch Equity Development sowie prominente Tech-Investoren wie Elad Gil, D1 Capital und Thrive Capital. Bei General Catalyst hat besonders ein Name Symbolkraft. Ken Chenault, heute Chairman des VC-Riesen, war von 2001 bis 2018 CEO von American Express. Er kennt das Geschäft also wie kaum ein zweiter.

Auch der zweite Großinvestor verfügt über beachtliche Strahlkraft. Alpha Wave hat in der Vergangenheit Beteiligungen an OpenAI, Anthropic, SpaceX und Cerebras Systems aufgebaut. General Catalyst wiederum ist seit Jahren bei Stripe, Airbnb, Snap und Hubspot investiert. In der eigenen Holding-Struktur berichtet General Catalyst von Produktivitätszuwächsen zwischen 25 und 30 Prozent, nachdem KI-Tools in den übernommenen Dienstleistungsfirmen ausgerollt wurden. Genau dieses Playbook soll jetzt auf Amex GBT übertragen werden.

Finanziert wird die Übernahme durch eine Kombination aus Eigenkapital und Krediten von JPMorgan, Bank of America, Citi und MUFG. Auf Finanzierungsbedingungen verzichtet Long Lake komplett. Das reduziert das Risiko eines geplatzten Deals erheblich. Auch die Großaktionäre Expedia, Qatar Investment Authority und BlackRock haben dem Verkauf bereits zugestimmt.

Starkes Quartal liefert die Begründung

Parallel zur Übernahmemeldung legte Amex GBT die Zahlen für das erste Quartal 2026 vor. Der Umsatz stieg um 35 Prozent auf 840 Millionen Dollar und übertraf damit die Analystenschätzung von 815,98 Millionen klar. Beim Gewinn pro Aktie kamen 0,10 Dollar heraus, erwartet waren 0,07. Das bereinigte EBITDA legte um 6 Prozent auf 150 Millionen Dollar zu. Der Nettogewinn fiel zwar um 28 Prozent auf 54 Millionen, was an gestiegenen Kosten liegt. Die Kundenbindungsrate von 96 Prozent zeigt aber, dass die operative Substanz stimmt.

Im Wettbewerbsumfeld steht Amex GBT zwischen zwei Welten. Auf der einen Seite operieren klassische Travel Management Companies wie BCD Travel und CWT. Beide werden privat geführt, CWT kämpft seit Jahren mit finanziellen Schwierigkeiten. Auf der anderen Seite drängen Tech-Plattformen wie Navan, TravelPerk und Spotnana ins Geschäft. Sie werben mit moderner Software und schlanker Bedienoberfläche um jüngere Mittelständler. SAP Concur dominiert das Spesenmanagement und arbeitet seit Oktober 2025 mit Amex GBT an einer gemeinsamen KI-Plattform namens Complete. Genau diese hybride Stellung zwischen alter Größe und neuer Technologie macht Amex GBT für Long Lake interessant.

Was Anleger jetzt wissen sollten

Wer GBTG-Aktien hält, steht vor einer simplen Rechnung. Der Übernahmepreis liegt bei 9,50 Dollar, der Schlusskurs am Montag bei 9,33 Dollar. Der Spread von rund 1,8 Prozent ist klassische Merger-Arbitrage. Er reflektiert das Restrisiko, dass der Deal nicht zustande kommt. Die Wahrscheinlichkeit eines Scheiterns ist aber überschaubar. Der Sonderausschuss unabhängiger Direktoren hat dem Verkauf einstimmig zugestimmt, die Großaktionäre stehen geschlossen dahinter und Finanzierungsbedingungen gibt es keine.

Für Aktionäre der ersten Stunde fühlt sich der Deal trotzdem zwiespältig an. Seit dem Börsengang Anfang 2022 hat die Aktie inklusive des aktuellen Sprungs gerade einmal rund 29 Prozent zugelegt. Wer beim IPO eingestiegen ist, hat eine schwache Performance hingenommen, bevor die Übernahmeprämie überhaupt zum Tragen kam. Ein Wermutstropfen kommt obendrauf. An der weiteren KI-Transformation des Unternehmens kann man als Privatanleger nicht mehr partizipieren. Amex GBT verschwindet von der Börse und alle künftigen Wertgewinne fließen an Long Lake und seine Geldgeber.

Für Neueinsteiger ist die Aktie auf diesem Niveau unattraktiv. Das Aufwärtspotenzial bleibt auf wenige Cent begrenzt, das Risiko eines geplatzten Deals dagegen real. Wer auf den Konsolidierungstrend in der Geschäftsreise-Branche setzen möchte, wird sich anderswo umsehen müssen. Booking Holdings und Expedia sind dabei nur bedingt vergleichbar, weil sie ihr Geld vor allem mit Privatreisen verdienen.

Was bis zum Closing passiert

Die nächsten Monate sind technischer Natur. Amex GBT muss eine außerordentliche Hauptversammlung einberufen, auf der die Aktionäre über den Deal abstimmen. Parallel laufen die kartellrechtlichen Prüfungen in den USA, der EU und weiteren Märkten. Insbesondere die britische Wettbewerbsbehörde CMA hat sich in der Vergangenheit kritisch zu Konzentrationen am Markt für Geschäftsreisen geäußert. Das Closing wird für die zweite Jahreshälfte 2026 erwartet. Die Finanzprognose für das laufende Jahr hat das Unternehmen mit der Deal-Ankündigung kassiert.

Spannender wird es nach der Übernahme. Long Lake hat bislang vor allem mit kleinen Hausverwaltungen Erfahrung gesammelt. Ob die Nexus-Plattform in einem 22.000-Mitarbeiter-Konzern wie Amex GBT die versprochenen Produktivitätsgewinne liefert, wird das eigentliche Experiment. Sollte es klappen, könnte ein erneuter Börsengang in einigen Jahren ein Vielfaches der heutigen Bewertung bringen. Allerdings nicht mehr für die heutigen Kleinanleger.