DigitalOcean liefert ein Quartal für die Bücher
DigitalOcean Holdings (NYSE: DOCN) hat am Dienstag, dem 5. Mai 2026, vor Börseneröffnung seine Zahlen für das erste Quartal vorgelegt und alle Erwartungen pulverisiert. Der Umsatz kletterte um 22,4 Prozent auf 257,9 Millionen Dollar. Analysten hatten im Schnitt mit 249,7 Millionen Dollar gerechnet. Beim bereinigten Gewinn pro Aktie wurde es noch deutlicher. 0,44 Dollar standen am Ende, fast 68 Prozent über der Konsensschätzung von 0,27 Dollar.
Die Reaktion an der Börse fiel entsprechend heftig aus. Die DOCN-Aktie sprang am Dienstag um 40,40 Prozent auf 152,77 Dollar und markierte ein neues 52-Wochen-Hoch. Vor einem Jahr notierte das Papier noch bei 25,56 Dollar. Innerhalb von zwölf Monaten hat sich der Kurs damit fast versechsfacht. Die Marktkapitalisierung liegt jetzt bei rund 15,9 Milliarden Dollar.
Besonders beeindruckend war die Anhebung des Ausblicks. Für das Gesamtjahr 2026 rechnet DigitalOcean nun mit Umsätzen von 1,14 Milliarden Dollar, ein Plus von etwa 50 Millionen Dollar gegenüber der vorherigen Prognose. Für 2027 hob CEO Paddy Srinivasan das erwartete Wachstum von 30 auf über 50 Prozent an. Diese Beschleunigung statt Verlangsamung treibt die Fantasie der Anleger an.
Die Cloud für Entwickler und Mittelstand
Wer DigitalOcean noch nicht kennt, hier die Kurzversion. Das 2012 gegründete Unternehmen aus New York betreibt eine Cloud-Plattform, die sich gezielt an Entwickler, Startups und kleinere bis mittlere Firmen richtet. Über 640.000 Kunden weltweit nutzen die Dienste. Während die Hyperscaler AWS, Microsoft Azure und Google Cloud mit über 200 verschiedenen Services um Großkonzerne kämpfen, fokussiert sich DigitalOcean auf das Gegenteil. Einfache Bedienung, transparente Preise, schnelle Bereitstellung.
Das Kernprodukt heißt seit jeher Droplet, eine virtuelle Maschine ab vier Dollar pro Monat. Dazu kommen verwaltete Datenbanken, Kubernetes, Object Storage und seit 2024 zunehmend KI-spezifische Angebote. 74,5 Prozent der Kunden haben weniger als zehn Mitarbeiter, was die Positionierung deutlich macht. DigitalOcean ist die Cloud für die kleinen Teams, die schnell Software ausliefern wollen, ohne sich durch Hunderte Konfigurationsmenüs zu klicken.
Ende April 2026 startete dann der bisher größte Produkt-Launch der Firmengeschichte. Mit der DigitalOcean AI Native Cloud kamen über 15 neue Produkte auf einmal in den Markt, darunter eine eigene Inference Engine und die Gradient AI Agentic Cloud. CEO Srinivasan sprach im Earnings Call von einer "tektonischen Verschiebung" hin zur Inferenz-Ära und positionierte die Firma als spezialisierte Plattform für KI-Workloads kleinerer und mittlerer Unternehmen.
Das KI-Geschäft wächst dreistellig
Hinter dem Kurssprung steckt vor allem eine Zahl. Die Annual Recurring Revenue im KI-Geschäft kletterte im Vergleich zum Vorjahresquartal um 221 Prozent auf 170 Millionen Dollar. Vor einem Jahr lag dieser Wert noch bei 53 Millionen. Diese Beschleunigung ist der Beleg dafür, dass DigitalOcean im KI-Boom mehr ist als nur ein interessanter Außenseiter. Die Firma profitiert messbar vom Boom bei Inferenz-Workloads, also dem Betrieb fertig trainierter KI-Modelle in Anwendungen.
Auch andere Kennzahlen liefern den Bullen Munition. Die Gesamt-ARR überschritt erstmals die Marke von einer Milliarde Dollar und steht jetzt bei 1,03 Milliarden. Der Umsatz mit Großkunden, die mehr als eine Million Dollar pro Jahr ausgeben, schoss um 179 Prozent auf 183 Millionen Dollar ARR nach oben. DigitalOcean wird damit zunehmend auch für ernsthaftere Workloads relevant, nicht nur für die Hobby-Webseite.
Ganz ohne Schatten kommt das Quartal trotzdem nicht aus. Die Bruttomarge fiel von 61 auf 56 Prozent, weil der Ausbau neuer Rechenzentren höhere Abschreibungen und Kosten für angemietete Kapazitäten verursacht. Der Nettogewinn nach US-Bilanzregeln sank von 38,2 auf 15,8 Millionen Dollar, belastet durch höhere Zinsausgaben und Steuern. Das Wachstum ist also nicht umsonst zu haben. Investoren akzeptieren diese Investitionen aber, solange das Top-Line-Wachstum so stark beschleunigt.
Der Underdog im Schatten der Hyperscaler
Im Cloud-Markt ist DigitalOcean nach wie vor ein kleiner Spieler. AWS dominiert weltweit mit etwa 31 Prozent Marktanteil, Azure folgt mit 24 Prozent, Google Cloud liegt bei rund 13 Prozent. Zusammen vereinen die drei Hyperscaler über zwei Drittel des globalen Cloud-Marktes auf sich. DigitalOcean kommt auf weniger als zwei Prozent. Die Frage ist, ob das ein Problem oder eine Chance ist.
Die Bullen argumentieren mit der Nische. AWS, Azure und Google Cloud sind für viele Entwicklerteams schlicht zu kompliziert geworden. Über 200 Services, undurchsichtige Preise, hohe Egress-Gebühren beim Datenabruf. Bei GPU-Instanzen für KI-Anwendungen wirbt DigitalOcean damit, bis zu 75 Prozent günstiger zu sein als AWS für vergleichbare Konfigurationen mit Nvidia H100 und H200 Chips. In einem Markt, in dem KI-Workloads explodieren und Rechenkapazität knapp ist, kann diese Preisdifferenz den Unterschied machen.
Genau diese Logik treiben Wall-Street-Analysten gerade. Canaccord-Analyst Kingsley Crane hob sein Kursziel von 80 auf 120 Dollar an und verwies auf eine 810 Millionen Dollar schwere Kapitalerhöhung, mit der DigitalOcean zusätzliche KI-Kapazitäten finanziert. Oppenheimer und Citigroup landeten beide bei 115 Dollar Kursziel, Bank of America bei 107 Dollar. Auf der vorsichtigeren Seite stehen UBS und Piper Sandler mit 97 beziehungsweise 98 Dollar bei neutralen Einstufungen. Deren Argument ist nachvollziehbar. Nach der Kursverdoppelung in nur einem Monat sei viel Optimismus bereits eingepreist.
Eine Schwachstelle bleibt der Vergleich mit den Hyperscalern bei großen Enterprise-Kunden. Wer Compliance-Zertifikate für regulierte Branchen, weltweite Datacenter-Präsenz und ein riesiges Service-Portfolio braucht, wird zu AWS oder Azure greifen. DigitalOcean spielt bewusst nicht in dieser Liga und überlässt das Schwergewichts-Geschäft den Großen. Stattdessen wächst die Firma mit den vielen kleinen und mittleren KI-Builders, die in den letzten zwei Jahren entstanden sind.
Bewertung mit Premium und Fallhöhe
Bei aller Euphorie sollten Anleger die Bewertung im Blick behalten. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt bei rund 60, das Kurs-Umsatz-Verhältnis bei etwa 14. Für ein Unternehmen, das in den letzten fünf Jahren mit durchschnittlich 22,8 Prozent gewachsen ist, sind das ambitionierte Multiples. Sie funktionieren nur, wenn die jetzt prognostizierten 50 Prozent Wachstum für 2027 tatsächlich Realität werden.
Wer die Aktie heute kauft, zahlt einen Premium-Preis und braucht starke Nerven. Innerhalb eines Monats ist DOCN von rund 75 auf 152 Dollar gestiegen. Das ist eine parabolische Bewegung, die in beide Richtungen abrupt drehen kann. Sollte ein zukünftiges Quartal nur leicht enttäuschen oder die Wachstumsbeschleunigung nicht wie versprochen eintreten, sind Korrekturen von 20 bis 30 Prozent realistisch. Die Aufnahme in den S&P MidCap 400 Index sorgt für strukturelle Nachfrage durch Indexfonds, kann diesen Effekt aber nur dämpfen, nicht verhindern.
Wer bereits investiert ist, sitzt auf erheblichen Gewinnen. Hier stellt sich die Frage des Risikomanagements. Teilverkäufe zur Realisierung von Gewinnen sind eine Option, ebenso das Setzen von Stop-Loss-Marken. Operativ liefert die Firma ab, daran besteht nach diesem Quartal kein Zweifel mehr. Die Bewertung ist allerdings auf Perfektion ausgerichtet. Das ist immer eine zweischneidige Sache.
Was die nächsten Monate bringen können
Der nächste große Termin steht bereits im Kalender. Die Q2-Zahlen werden voraussichtlich Anfang August veröffentlicht, das Management hat einen Umsatz von 273 Millionen Dollar in der Mitte der Spanne in Aussicht gestellt. Das wäre ein Wachstum von etwa 27 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal und damit eine weitere Beschleunigung. Genau diese Zahl muss DigitalOcean dann auch liefern, um die hohe Bewertung zu rechtfertigen.
Wichtig wird die weitere Entwicklung der KI-Kunden-ARR und die Adoption der neu gelaunchten AI Native Cloud. Wenn die 15 neuen Produkte bei Bestandskunden zu höheren Ausgaben führen, könnten die Kohorten-Daten in den Folgequartalen positiv überraschen. Auch der Ausbau der Rechenzentren mit den 60 zusätzlichen Megawatt Kapazität ist ein Faktor, den der Markt genau beobachten wird. Engpässe bei GPU-Kapazitäten können die Wachstumsstory kurzfristig bremsen, längerfristige Kapazitätsausbauten aber zusätzliches Umsatzpotenzial freisetzen.
Spannend wird zudem die Reaktion der Hyperscaler. Wenn AWS, Azure und Google Cloud ihre eigenen einsteigerfreundlichen Angebote für KI-Inferenz aggressiver ausbauen, könnte sich das Wettbewerbsumfeld verschärfen. Bislang lassen sie DigitalOcean in der SMB-Nische gewähren. Ob das so bleibt, wird einer der wichtigsten Faktoren für die DOCN-Bewertung in den nächsten zwei Jahren.

