Frankfurts IPO-Comeback im Realitätscheck

Frankfurt feiert, der Markt zweifelt
Drei Initial Public Offerings im ersten Quartal, genauso viele wie im gesamten Vorjahr 2025 zusammen. Als die Wirtschaftsprüfer von PwC Ende März ihre Quartalsbilanz vorlegten, klang das nach einer Trendwende. Die Frankfurter Börse meldete sich zurück, gleich zwei der drei Börsenneulinge kamen aus dem boomenden Verteidigungssektor.
Fünf Wochen später ist die Stimmung gedämpfter. Von 678 Millionen Euro Gesamtemissionsvolumen im Quartal entfiel ein Großteil auf einen einzelnen Anbieter. Und während dieses eine Unternehmen weiter deutlich über dem Ausgabepreis notiert, stehen die beiden anderen knapp darunter oder sogar tief im Minus. Ein Initial Public Offering, kurz IPO, also der erstmalige öffentliche Verkauf von Aktien an der Börse, war 2025 ein seltenes Ereignis am deutschen Markt. Umso wichtiger ist die Frage, was die ersten drei Frankfurter IPOs des Jahres 2026 wirklich gebracht haben.
Wir nehmen die drei Börsengänge ASTA Energy, Gabler Group und VINCORION ein paar Wochen nach dem Hype unter die Lupe.

ASTA Energy als einziger echter Gewinner
Den Auftakt machte am 30. Januar der österreichische Kupferspezialist ASTA Energy Solutions. Das Unternehmen aus Niederösterreich fertigt hochisolierte Kupferdrähte und Profilstäbe für Hochspannungstransformatoren, Generatoren und zunehmend auch für Rechenzentren. Genau das Material, das die Energiewende und der KI-Ausbau in Massen brauchen.
Der Ausgabepreis lag mit 29,50 Euro am oberen Ende der Spanne. Der erste Kurs sprang auf 43 Euro, ein Plus von 46 Prozent zum Start. Heute notiert das Papier bei rund 38 bis 40 Euro und damit immer noch deutlich über dem IPO-Preis. Die Börsenbewertung liegt bei etwas über 500 Millionen Euro.
Was den Unterschied macht, sieht man im Investorenkreis. Siemens Energy zeichnete als Ankerinvestor und gleichzeitig Großkunde Aktien für rund 25 Millionen Euro. BNP Paribas Asset Management und Invesco kamen als Cornerstone-Investoren mit Festzusagen dazu. Insgesamt sicherten sich diese Anker rund 55 Millionen Euro im Vorfeld. So einen Schulterschluss aus strategischem Industriepartner und institutionellen Schwergewichten gab es bei keinem der beiden anderen IPOs.
Auch fundamental liefert ASTA. 2025 stieg der Umsatz um 8,3 Prozent auf 696 Millionen Euro, der Nettogewinn sprang von 4,8 auf 30,1 Millionen Euro. Aus dem IPO flossen 125 Millionen Euro frisches Kapital direkt an das Unternehmen. Geld, das in neue Werke und die Recycling-Sparte in Brasilien fließt. Bis 2030 soll der Umsatz auf eine Milliarde Euro steigen. Auf Basis der Schätzungen für 2027 liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis bei rund 20. Sportlich, aber nicht abschreckend.
Gabler Group und das Pech mit dem Iran
Am 9. März folgte die Gabler Group, ein 1962 gegründeter Spezialist für U-Boot-Technik aus Lübeck. Der Zulieferer baut Ausfahrgerätesysteme, also die hydraulisch ausfahrbaren Masten und Periskope auf U-Booten, sowie Spezialbatterien und Unterwasser-Kommunikationstechnik. In Europa ist das Unternehmen Marktführer.
Der Start verlief erst sehr ordentlich. Bei einem Ausgabepreis von 44 Euro lag der Erstkurs bei 47,20 Euro. In der Spitze stieg die Aktie bis 49,50 Euro. Doch ausgerechnet am IPO-Tag rauschten die Ölpreise nach oben, weil der Iran die Straße von Hormus zu blockieren begann. Der DAX verlor zwischenzeitlich mehr als drei Prozent, das Sentiment kippte sofort. Bis zum 17. März lief Gabler trotzdem noch auf ein Hoch von 52,80 Euro. Seither geht es bergab. Heute notiert die Aktie bei 37,40 Euro, knapp 15 Prozent unter dem Ausgabepreis und fast 30 Prozent unter dem Hoch.
Operativ ist Gabler kein Schwächling. Das Unternehmen kam 2025 pro forma auf 61,7 Millionen Euro Umsatz und 16,5 Millionen Euro EBIT. Aus dem IPO flossen brutto 46 Millionen Euro frisches Kapital an die Gesellschaft. Das Wachstumsziel von 100 Millionen Euro Umsatz mittelfristig wirkt realistisch, vor allem mit der Akquisition der SubCtech aus dem Sommer 2025 im Rücken.
Das Problem war die Bewertung. Mit einem Unternehmenswert von rund 247 Millionen Euro und einem Faktor von 14 auf das pro-forma EBITDA von 17,50 Millionen Euro startete Gabler ambitioniert. Cornerstone-Investoren gab es zwar, aber keinen großen industriellen Anker wie bei ASTA. In einem nervösen Markt entlud sich diese Lücke schnell.
VINCORION als reiner Exit-IPO
Den dritten Börsengang lieferte am 20. März die VINCORION SE, ein Rüstungszulieferer mit Sitz in Thüringen. Die Komponenten des Unternehmens stecken in Kampfpanzern wie dem Leopard 2, in Schützenpanzern wie dem Puma sowie in den Luftverteidigungssystemen Patriot und IRIS-T SLM. Das macht VINCORION zur direkten Profiteurin des europäischen Aufrüstungstrends.
Der Börsengang selbst war strukturell etwas anderes als die beiden vorherigen. Sämtliche 20,3 Millionen Aktien stammten aus dem Bestand des britischen Finanzinvestors Star Capital, der das Unternehmen 2022 von JENOPTIK übernommen hatte. Der Ausgabepreis lag bei 17 Euro, das Emissionsvolumen bei bis zu 345 Millionen Euro. Sämtliche dieser Erlöse flossen ausschließlich an Star Capital. VINCORION selbst erhielt keinen einzigen Euro frisches Kapital.
Der Erstkurs lag bei 19,30 Euro, der Schlusskurs am ersten Tag bei 18,70 Euro. Schon nach knapp vier Wochen rutschte die Aktie unter den IPO-Preis. Am 15. April markierte das Papier ein Tief von 15,32 Euro. Aktuell pendelt der Kurs um 17,55 Euro herum. Der Stabilisierungsmechanismus durch J.P. Morgan, der zwischen Ende März und Anfang April rund fünf Millionen Euro in den Markt gepumpt hatte, lief am 23. April aus. Auch die Greenshoe-Option endete an dem Tag.
Fundamental sieht VINCORION gar nicht schlecht aus. 2025 stieg der Umsatz um knapp 18 Prozent auf 240 Millionen Euro, der Nettogewinn verdoppelte sich auf 19,4 Millionen Euro. Der Auftragsbestand liegt bei 1,1 Milliarden Euro. Mit einem KGV von 46 ist die Aktie deutlich günstiger bewertet als HENSOLDT mit einem KGV um 95 oder Rheinmetall mit über 100. Trotzdem hält der Markt die Hand zurück. Star Capital muss noch eine 180-Tage-Lockup-Periode einhalten und sitzt bis Herbst auf einem Anteil von rund 47,5 Prozent. Die Sorge vor weiteren Verkäufen drückt den Kurs.
Was die drei Performances gemeinsam haben
Auf den ersten Blick wirken die unterschiedlichen Verläufe willkürlich. Bei genauerem Hinsehen kristallisieren sich aber drei Muster heraus, die auch für künftige IPOs prognostische Kraft haben.
Die Qualität des Investorenkreises entscheidet. ASTA Energy hatte mit Siemens Energy einen Großkunden als Ankerinvestor, der vorab eine Bestellung in Form von Aktien abgab. Solche strategischen Engagements senden ein starkes Signal, weil sie aus einem rein wirtschaftlichen Anreiz erfolgen. Bei den beiden Defense-Werten fehlte ein vergleichbarer Industrieanker.
Mindestens genauso wichtig ist die Verwendung der Erlöse. ASTA bekam 125 Millionen Euro frisches Kapital für Werke, Recycling und Lieferkette. Gabler bekam 46 Millionen Euro für organisches Wachstum und Zukäufe. Bei VINCORION floss kein einziger Euro ans Unternehmen. Anleger merken den Unterschied im Tempo, mit dem solche Geschichten am Markt nachreifen.
Und dann ist da das Timing, das fast jede Story schlägt. Gabler hatte das Pech, ausgerechnet am Tag des Ölpreissprungs nach Hormus an die Börse zu gehen. VINCORION ging zehn Tage später raus, mitten in einer Phase weiterer geopolitischer Eskalation. ASTA dagegen stieß im Januar in einen ruhigen Markt vor, lange bevor der Iran-Konflikt eskalierte. Selbst bei perfekt aufgesetzten Transaktionen kann ein einzelner Tag den Bewertungsboden für Wochen verschieben.
Pipeline 2026 mit Schwergewichten
Trotz der durchwachsenen Bilanz halten Marktbeobachter die Pipeline für gut gefüllt. PwC und EY rechnen mit fünf bis zehn Börsengängen in diesem Jahr. Die größten potenziellen Kandidaten haben Bewertungen, gegen die ASTA, Gabler und VINCORION wie kleine Vorboten wirken.
Vorne im Rennen liegt der deutsch-französische Panzerbauer KNDS. Eine Doppelnotierung in Frankfurt und Paris ist für 2026 vorbereitet, die Bewertung wird auf rund 20 Milliarden Euro geschätzt. KNDS baut den Leopard 2 sowie das gemeinsame Panzersystem MGCS und wäre einer der größten Verteidigungs-IPOs der europäischen Börsengeschichte. Daneben prüft Thyssenkrupp den Verkauf der Aufzugssparte TK Elevator mit einer Bewertung von rund 23 Milliarden Euro. Das wäre der größte deutsche Börsengang seit Porsche im Jahr 2022.
Hinzu kommen mögliche Listings von Mobile.de mit einer Bewertung um 10 Milliarden Euro, dem Krypto-Broker Bitpanda und dem Zahlungsdienstleister SumUp, der noch zwischen London und Frankfurt schwankt. Auch der Prozessoptimierer Celonis wird regelmäßig genannt.
Für Anleger bedeutet das vor allem eines. Die Frage ist nicht mehr, ob sich der deutsche IPO-Markt belebt, sondern welche dieser Transaktionen tatsächlich in einem akzeptablen Marktumfeld stattfinden. Solange der Iran-Konflikt das Sentiment dominiert und der Ölpreis volatil bleibt, sind Verschiebungen wahrscheinlicher als ein durchgängiges Boom-Jahr. Wer die Pipeline beobachtet, sollte nach dem ASTA-Muster suchen. Echtes frisches Kapital, ein industrieller Anker, eine fundamentale Wachstumsstory. Die schnelle Defense-Story alleine reicht offenbar nicht mehr.
