Die Rückkehr eines Gaming-Highflyers
CD Projekt (Warschauer Börse: CDR) hat das Cyberpunk-Desaster hinter sich gelassen und ist 2026 wieder einer der beliebtesten Werte an der polnischen Börse. Die Aktie des Warschauer Videospielentwicklers notiert aktuell bei 288,40 Złoty und damit nahe dem 52-Wochen-Hoch von 294 Złoty. Die Marktkapitalisierung liegt bei rund 28,8 Milliarden Złoty, das sind etwa 6,7 Milliarden Euro. Innerhalb von zwölf Monaten hat die Aktie rund 30 Prozent zugelegt.
Dahinter steht eine operative Wende, die vor vier Jahren noch niemand für möglich gehalten hätte. 2025 erzielte CD Projekt einen Umsatz von 867 Millionen Złoty, ein Plus von neun Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Nettogewinn sprang um 34 Prozent auf 595 Millionen Złoty. Die Nettomarge lag bei beachtlichen 60 Prozent. Das war laut Unternehmen das drittbeste Jahr der Firmengeschichte, und das obwohl CDPR keinen neuen AAA-Titel veröffentlicht hat. Getragen wurde das Ergebnis von den Long-Tail-Verkäufen der Cyberpunk-2077-Erweiterung Phantom Liberty und dem Back-Katalog rund um The Witcher 3.
Noch wichtiger als die Zahlen ist die Pipeline. CD Projekt arbeitet parallel an vier Großprojekten. Die Zeit der Einzeltitel, bei denen Jahre ohne Release-Erlös überbrückt werden müssen, soll damit beendet werden.
Vom Cyberpunk-Absturz zur Plattform-Strategie
Der Launch von Cyberpunk 2077 im Dezember 2020 ging als eines der größten Desaster der Spielebranche in die Geschichte ein. Das Spiel kam mit massiven Bugs auf den Konsolen, Sony nahm es kurzzeitig sogar aus dem PlayStation Store. Rückerstattungen, Sammelklagen und ein schwerer Kurseinbruch der Aktie folgten. Vom Allzeithoch bei über 460 Złoty fiel der Kurs zeitweise auf unter 100 Złoty.
Die Wende begann mit dem Edgerunners-Anime auf Netflix im September 2022, der überraschend viele Spieler zurück ins Spiel holte. Danach folgten das umfangreiche 2.0-Update und die Phantom-Liberty-Erweiterung im September 2023. Beide brachten technisches Feintuning und eine komplett überarbeitete Version des Spiels. Seither verkauft sich Cyberpunk 2077 stetig weiter und gilt inzwischen als Fallstudie für ein gelungenes Redemption-Szenario in der Gaming-Branche.
Strategisch hat CDPR aus dem Debakel eine grundsätzliche Lehre gezogen. Die Firma will nie wieder alles auf ein einziges Großprojekt setzen. Stattdessen baut das Management um die Co-CEOs Michał Nowakowski und Adam Badowski eine Pipeline auf, in der mehrere Spiele parallel entwickelt werden. Der Entwicklungsstamm ist laut Unternehmen von 707 Entwicklern im Februar 2025 auf 933 im Februar 2026 gewachsen. Alle größeren Projekte laufen jetzt auf Epics Unreal Engine 5, damit das Team nicht jedes Mal an der eigenen REDengine werkeln muss.
Die vier Projekte im Überblick
Das Herzstück der Pipeline ist Project Polaris, besser bekannt als The Witcher 4. Seit Ende 2024 läuft die volle Produktion, 499 Entwickler arbeiten daran. Protagonistin ist nicht mehr der Hexer Geralt, sondern seine Ziehtochter Ciri. CDPR hat bestätigt, dass das Spiel frühestens 2027 erscheint. Branchenkenner gehen eher von 2028 aus. Polaris ist der erste Teil einer neuen Witcher-Trilogie, die innerhalb von sechs Jahren komplett auf den Markt kommen soll. Das wäre ein deutlich schnellerer Rhythmus als bei den ersten drei Teilen.
Parallel läuft Project Orion, das intern bereits als Cyberpunk 2 gehandelt wird. Federführend ist das 2023 gegründete Studio CD Projekt Red North America in Boston. Aktuell arbeiten rund 149 Entwickler an dem Projekt, bis 2027 soll das Team auf 300 bis 400 Leute wachsen. Seit Mai 2025 befindet sich Orion in der Preproduction. Ein Release vor 2028 wurde vom Management ausgeschlossen, polnische Analysten rechnen eher mit 2030. Die Boston-Location soll für eine authentischere Darstellung der US-Szenerie sorgen, nachdem Cyberpunk 2077 an einigen Stellen als aus Polen heraus gebaut kritisiert wurde.
Project Sirius ist der kleinste Kandidat und gleichzeitig der mit der wechselhaftesten Geschichte. Das Boston-Studio The Molasses Flood, 2021 von CDPR übernommen, entwickelt einen Multiplayer-Titel im Witcher-Universum. Nach einem Neustart 2023 und mehreren Personalwechseln ist die Entwicklung laut aktuellen Angaben wieder im grünen Bereich. 71 Entwickler sind aktuell zugeordnet. Das Molasses-Flood-Studio wurde im April 2025 vollständig in CDPR integriert.
Das vierte Projekt, Hadar, ist die große unbekannte Karte. Dabei handelt es sich um eine komplett neue Marke außerhalb von Witcher und Cyberpunk, also ein seltenes Ereignis bei CDPR. Seit 2021 in der Konzeptphase, ist Hadar laut letztem Earnings-Call gerade in die aktive Entwicklung übergegangen. Das Team ist mit 26 Entwicklern klein. Details zum Genre oder zur Welt gibt es noch nicht. Für Anleger ist Hadar die langfristigste Wette im Portfolio.
Was den Gaming-Sektor gerade bewegt
Der Kontext für CD Projekt ist insgesamt positiv. AAA-Spiele werden immer größer, die Entwicklungszyklen länger. Fünf bis sieben Jahre sind heute Standard, teilweise deutlich mehr. Das macht Single-Title-Studios anfällig für lange Durststrecken. Wer mehrere Projekte parallel laufen hat, kann diese Lücken überbrücken. CDPR folgt hier einem Muster, das Rockstar mit Red Dead und Grand Theft Auto oder Ubisoft mit Assassin's Creed und Far Cry vorgemacht haben.
Der Engine-Wechsel auf Unreal Engine 5 ist ein zweiter Branchentrend. Immer mehr Studios geben eigene Engines auf, weil die Entwicklung zu teuer wird und Epic Games mit UE5 ein sehr konkurrenzfähiges Produkt liefert. Für CDPR bedeutet das weniger eigenständige Tool-Entwicklung, kürzere Einarbeitungszeiten für neue Mitarbeiter und bessere Skalierbarkeit. Gleichzeitig entsteht eine neue Abhängigkeit von Epic, die im Budget durchschlägt. Beim Witcher 4 hat Epic zuletzt eine gemeinsame Tech-Demo auf dem Unreal Fest präsentiert, was die strategische Partnerschaft unterstreicht.
Die Bewertung der Aktie ist durchaus sportlich. Mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis im Bereich von 50 und einer Marktkapitalisierung von 6,7 Milliarden Euro handelt CDPR als einer der teuersten europäischen Gaming-Werte. Das preist viel Erfolg bei den vier neuen Projekten ein. Scheitert nur einer der großen Titel, dürfte der Kurs heftig reagieren.
Was für die Aktie spricht und was dagegen
Unsere Einschätzung: CD Projekt ist operativ in einer besseren Verfassung als je zuvor seit dem Cyberpunk-Absturz. Die Diversifizierung über vier Projekte reduziert das einmal-alle-sieben-Jahre-Risiko deutlich. Die Nettomarge von 60 Prozent in einem Jahr ohne großen Release zeigt, wie profitabel die Franchise-Maschine läuft. The Witcher 3 verkauft sich weiterhin, Cyberpunk 2077 läuft langsam, aber stetig. GOG.com liefert einen kleinen, aber stabilen Ergänzungsbeitrag.
Die Risiken sind vielfältig. Der Zeitraum bis zum nächsten Release ist lang. Von heute bis zum Witcher 4 im Jahr 2027 oder 2028 muss die Story rein auf Long-Tail-Umsätzen und Ankündigungen getragen werden. Dazu kommt der Qualitätsdruck. Nach dem Cyberpunk-Debakel darf CDPR beim nächsten großen Titel nicht erneut technisch straucheln. Ein weiterer Fehlstart wäre für den Ruf kaum zu reparieren. Und schließlich das hohe Kurs-Gewinn-Verhältnis. Die Aktie ist eine Wette darauf, dass die Pipeline hält, was sie verspricht. Wer einsteigt, zahlt Premium für das Vertrauen in ein Team, das Cyberpunk einmal verbockt hat.
Die nächsten Meilensteine
Der nächste konkrete Termin ist der 28. Mai 2026, wenn CD Projekt die Zahlen für das erste Quartal präsentiert. Erwartet werden dort detaillierte Updates zum Stand der vier Projekte und zur Entwicklungs-Effizienz nach dem starken Personalaufbau. Im Sommer dürfte die Gamescom in Köln und dann die Game Awards im Dezember als Bühnen für neue Witcher-4-Materialien dienen. Ein Gameplay-Trailer steht noch aus und würde vermutlich für einen Kurssprung sorgen.
Mittelfristig wird der Ton bei Cyberpunk 2 wichtiger werden. Das Management hat bereits klargestellt, dass Orion deutlich sichtbarer als früher in der Preproduction kommuniziert werden soll. Für die Aktie könnte 2026 so zum Jahr der Lore-Drops und Tech-Demos werden, bevor 2027 dann die Witcher-4-Maschine voll anspringt. Ob CDPR die Vier-Projekt-Strategie tatsächlich operativ stemmen kann, wird allerdings erst zwischen 2027 und 2030 klar. Bis dahin bleibt die Aktie ein Kandidat für Anleger, die auf geduldige Premium-Spielekultur setzen.
