Aus 1,47 Dollar wurden 143 Dollar
Aus 1,47 Dollar wurden 143 Dollar. AXT Inc. (NASDAQ: AXTI) hat in den vergangenen 52 Wochen eine Kursentwicklung hingelegt, die in der Börsengeschichte selten ist. Wer auf dem Jahrestief einstieg und bis zum Allzeithoch am 26. Mai 2026 durchhielt, hat sein Kapital fast hundertfach vervielfacht. Nicht zehnmal. Fast hundertmal.
Am 3. Juni 2026 schloss die Aktie bei 106,70 Dollar, ein Minus von 3,74 Prozent. Nachbörslich gab sie auf 105,30 Dollar weiter nach. Nach einem solchen Lauf sind Rücksetzer normal und Teil des Spiels. Wer die Story hinter diesem Anstieg nicht kennt, versteht weder das Potenzial noch das Risikoprofil, das auch auf dem aktuellen Niveau noch immer besteht.
Was AXT Inc. wirklich macht
AXT ist kein KI-Unternehmen im klassischen Sinn. Kein Sprachmodell, kein Cloud-Dienst, keine GPU. Das Unternehmen aus Fremont, Kalifornien, macht etwas deutlich Unscheinbareres. Es stellt Wafer-Substrate aus zusammengesetzten Halbleitermaterialien her. 1986 gegründet und seit 1998 an der NASDAQ notiert, hat AXT jahrelang ein Nischendasein gefristet.
Ein Wafer-Substrat ist die Grundlage, auf der Halbleiterchips aufgebaut werden. Die meisten Chips der Welt entstehen auf Silizium-Wafern. AXT stellt Substrate aus anderen Materialien her, darunter Indiumphosphid (InP), Galliumarsenid (GaAs) und Germanium (Ge). Diese kommen zum Einsatz, wenn normales Silizium an seine physikalischen Grenzen stößt. Bei sehr hohen Frequenzen, extremer Lichteffizienz oder optischer Datenübertragung reicht Silizium schlicht nicht aus.
Das Produktions-Know-how liegt in China. AXT betreibt seine Fertigungsanlagen in drei Standorten in der Volksrepublik und unterhält dort über seine Tochtergesellschaft Tongmei die eigentliche Halbleiterproduktion. In Fremont sitzt die Verwaltung. Diese Struktur drückt die Kosten, bringt aber geopolitische Risiken, auf die später einzugehen ist.
Indiumphosphid als Engpassmaterial für KI-Rechenzentren
Der eigentliche Treiber hinter dem Kursanstieg ist ein Material, das außerhalb von Halbleiter-Fachkreisen kaum jemand kennt. Indiumphosphid, kurz InP. Und die Nachfrage danach kommt direkt aus dem KI-Boom.
Moderne KI-Modelle brauchen gewaltige Rechenkapazitäten. Dutzende, manchmal hunderte von GPUs müssen miteinander kommunizieren, und zwar blitzschnell und mit minimalem Energieverbrauch. Kupferkabel und klassische elektrische Verbindungen kommen dabei an ihre Grenzen. Die Lösung sind optische Verbindungen, also Datentransfer per Licht statt per Strom. Für die optischen Transceiver, die diese Verbindungen herstellen, braucht man InP-Substrate.
AXT ist nach eigenen Angaben der führende westliche Hersteller dieser Substrate mit einem globalen Marktanteil von rund 30 bis 35 Prozent. Die Lieferkette dahinter ist eingängig. Ohne AXT-Substrate gibt es keine InP-Chips. Ohne InP-Chips gibt es keine optischen Transceiver. Ohne optische Transceiver gibt es kein leistungsfähiges KI-Rechenzentrum. AXT sitzt also unmittelbar im Fundament dieser Infrastruktur.
AXT-Präsident Tim Bettles hat die Dimension in einer Investorenkonferenz Anfang 2026 benannt. Die Nachfrage nach 800G-Transceivern soll sich 2026 auf 63 Millionen Einheiten mehr als verdoppeln, verglichen mit 24 Millionen im Jahr 2025. Jeder dieser Transceiver benötigt InP-Wafer.
Der Wendepunkt in den Quartalszahlen
Noch vor einem Jahr war AXTI ein Penny Stock. Das änderte sich ab Mitte 2025 schrittweise, dann mit enormer Dynamik. Im dritten Quartal 2025 stiegen die InP-Umsätze um mehr als 250 Prozent gegenüber dem Vorquartal, als lang erwartete US-Exportgenehmigungen für größere Bestellungen eintrafen. Das war der erste echte Katalysator.
Den entscheidenden Schub brachten die Q1-Zahlen für 2026, veröffentlicht am 30. April. AXT meldete einen Umsatz von 26,9 Millionen Dollar, 39 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Die Bruttomarge auf Non-GAAP-Basis sprang auf 29,9 Prozent, nachdem sie ein Jahr zuvor noch negativ gewesen war. Der Nettoverlust schrumpfte von 8,8 Millionen auf 1,6 Millionen Dollar. Und der InP-Auftragsbestand überschritt erstmals die Marke von 100 Millionen Dollar.
Die Aktie reagierte mit einem Plus von 40 Prozent allein zwischen dem 28. April und dem 1. Mai 2026. Wedbush erhöhte das Kursziel zunächst von 28 auf 80 Dollar und kurz darauf weiter auf 93 Dollar.
Im April 2026 schloss AXT zudem eine Kapitalerhöhung über 632,5 Millionen Dollar ab. Das Geld fließt in den massiven Ausbau der Tongmei-Kapazitäten. Ziel ist eine Verdoppelung der InP-Produktionskapazität in 2026 und eine weitere vollständige Verdoppelung im Jahr 2027. Bettles betonte den Wettbewerbsvorteil offen. AXT sei in einer Position, die kein anderer InP-Hersteller der Welt gerade innehabe, nämlich die Fähigkeit, die Kapazität so schnell und ohne externe Abhängigkeiten zu skalieren. Möglich macht das unter anderem, dass AXT seine Kristallzucht-Öfen vollständig selbst entwickelt und produziert. Das Unternehmen ist damit nicht von Maschinenlieferanten abhängig und kann seine Expansion im eigenen Tempo vorantreiben.
Bewertung, Risiken und was Anleger abwägen müssen
Die Story klingt überzeugend. Dennoch erfordern mehrere Faktoren ein nüchternes Urteil.
Bei einem Kurs von rund 107 Dollar und einem Jahresumsatz zuletzt unter 90 Millionen Dollar ist die Aktie hoch bewertet. Zwölf Analysten sehen das durchschnittliche Kursziel bei rund 88 bis 90 Dollar, also deutlich unter dem aktuellen Kurs. Das Unternehmen schreibt noch Verluste, wenn auch deutlich geringere als zuvor. Wer heute kauft, zahlt einen enormen Aufschlag auf die laufenden Fundamentaldaten und wettet darauf, dass das Wachstum der nächsten Jahre die aktuelle Bewertung rechtfertigt. Hinzu kommt eine erhöhte Volatilität. Die Aktie hat ein Beta von über 2, was bedeutet, dass sie bei allgemeiner Marktschwäche deutlich stärker fällt als der Durchschnitt. Das sieht man bereits am aktuellen Rücksetzer vom Allzeithoch.
Daneben bleibt die Geopolitik ein strukturelles Risiko. AXT produziert in China. Chinesische Exportkontrollen auf InP und GaAs können jederzeit Auswirkungen auf die Lieferkette haben. Exportgenehmigungen aus den USA in die Gegenrichtung sind ebenfalls ein Unsicherheitsfaktor. Dieser Aspekt verschwindet nicht einfach.
Wer allerdings die Langfrist-Logik teilt, dass optische Verbindungen in KI-Rechenzentren ein strukturelles Wachstumsthema auf Jahre darstellen, und AXT als seltenen Engpass-Lieferanten in dieser Kette versteht, hat inhaltlich gut begründete Gründe, die Aktie weiter im Blick zu behalten.
Q2 wird der nächste Gradmesser
Der Q2-Bericht wird voraussichtlich Mitte August 2026 erscheinen. Das Management hat angekündigt, dass Q2 das stärkste InP-Quartal in der gesamten Unternehmensgeschichte werden soll. China-interne InP-Umsätze sollen sich gegenüber Q1 nochmals verdoppeln, da für inländische Lieferungen innerhalb Chinas keine US-Exportgenehmigungen erforderlich sind. Das liefert ein relativ gut kalkulierbares Umsatzsegment.
Parallel wartet der Markt auf Neuigkeiten zur möglichen Börsennotierung der Tongmei-Tochtergesellschaft am chinesischen STAR-Markt, dem Pendant zum US-amerikanischen NASDAQ für Technologieunternehmen. Diese Transaktion könnte zusätzliches Kapital bringen und die operative Substanz des Konzerns transparenter machen. Ob und wann der Börsengang kommt, ist aktuell noch offen.

