Minus 25 Prozent an einem einzigen Tag
IBM (NYSE: IBM) hat am Dienstag den heftigsten Kurssturz seiner Geschichte erlebt. Die Aktie verlor 25,2 Prozent und schloss bei 217,07 Dollar. Rund 67 Milliarden Dollar Börsenwert lösten sich an einem einzigen Handelstag auf. Selbst am schwarzen Montag im Oktober 1987 fiel das Papier mit 23,7 Prozent weniger tief. Das Handelsvolumen schoss auf 64 Millionen Aktien und lag damit mehr als sechsmal über dem Durchschnitt der vergangenen drei Monate. Der Kurs brach direkt zur Eröffnung ein und erholte sich den ganzen Tag über nicht mehr.
Auslöser war eine überraschende Warnung zum zweiten Quartal. Der Traditionskonzern aus Armonk, an der Wall Street seit jeher "Big Blue" genannt, verkauft Großrechner, Software und IT-Beratung an Firmenkunden weltweit. IBM meldete vorläufige Erlöse von 17,2 Milliarden Dollar, die Analysten hatten mit knapp 17,9 Milliarden gerechnet. Der operative Gewinn je Aktie verfehlte die Erwartungen mit 2,93 Dollar um acht Cent. Für einen Konzern, der lange als verlässlicher Dauerläufer galt, kommt das einem Erdbeben gleich.
Eine Warnung eine Woche vor den Zahlen
Bemerkenswert ist schon der Zeitpunkt der Meldung. Den vollständigen Quartalsbericht legt IBM erst am 22. Juli vor. Wenn ein Unternehmen dieser Größe vorab eine Warnung veröffentlicht, brennt es intern gewaltig. Solche Gewinnwarnungen, also vorgezogene Mitteilungen über verfehlte Ziele, gelten als letztes Mittel der Börsenkommunikation. Konzernchef Arvind Krishna wandte sich mit einem offenen Brief an die Aktionäre und übernahm persönlich die Verantwortung. Sein Team habe sich nicht schnell genug angepasst, zahlreiche Großaufträge seien nicht im erwarteten Zeitrahmen zustande gekommen.
Die Details haben es in sich. Der Umsatz wuchs im Jahresvergleich nur noch um rund 1 Prozent. Das Infrastrukturgeschäft rund um die Großrechner schrumpfte um etwa 7 Prozent. Auch Software und Beratung blieben hinter den internen Planungen zurück. Ausgerechnet diese Sparten hatte das Management jahrelang als Wachstumsmotoren aufgebaut und den Anlegern als Kern der eigenen KI-Erzählung präsentiert. Nun wackelt genau dieses Fundament, und zwar zu einem denkbar ungünstigen Moment.
Speicherchips bringen den Plan durcheinander
Hinter der Warnung steckt eine Kettenreaktion aus dem Chipmarkt. Der Bauboom bei Rechenzentren für künstliche Intelligenz hat Speicherchips weltweit knapp und teuer gemacht. Nach Krishnas Darstellung schichteten viele Firmenkunden in den letzten Juniwochen ihre Budgets kurzfristig um. Statt neue Software zu lizenzieren oder Beratungsprojekte zu starten, kauften sie Server, Speichersysteme und Arbeitsspeicher. Sie wollten sich Kapazitäten sichern, bevor die Preise weiter steigen. Die Profiteure dieser Verschiebung sitzen vor allem in Asien, wo die großen Speicherhersteller ihre Preise Quartal für Quartal anheben.
IBM hatte mit einem gewissen Effekt gerechnet, das Ausmaß aber deutlich unterschätzt. "Diese Bedingungen verlangen von unseren Teams perfekte Ausführung, und in diesem Quartal haben wir gepatzt", schrieb Krishna an die Anteilseigner. Für einen Manager, der sonst jede Bühne für Zuversicht nutzt, sind das ungewöhnlich schonungslose Worte. Erste US-Kanzleien prüfen bereits Sammelklagen. Der Vorwurf lautet, die bisherige Prognose könnte Anleger in falscher Sicherheit gewiegt haben. Solche Verfahren enden zwar oft im Vergleich, sie kosten aber Zeit, Geld und Nerven.
Schon der zweite Schock in diesem Jahr
Der Absturz trifft eine Aktie, die 2026 ohnehin angeschlagen ist. Ende Februar verlor das Papier an einem einzigen Tag über 13 Prozent, nachdem das KI-Unternehmen Anthropic ein Werkzeug präsentiert hatte, das jahrzehntealten COBOL-Code automatisch modernisiert. Diese betagte Programmiersprache läuft auf unzähligen IBM-Großrechnern bei Banken, Versicherern und Behörden. Seitdem geistert die Frage durch den Markt, ob künstliche Intelligenz das lukrative Bestandsgeschäft des Konzerns schneller aushöhlt als lange angenommen.
Die Bilanz der vergangenen Monate fällt entsprechend bitter aus. Auf Sicht von sechs Monaten steht ein Minus von rund 25 Prozent. Vom 52-Wochen-Hoch bei 332,46 Dollar hat die Aktie etwa ein Drittel verloren. Noch Anfang Juli notierte das Papier über 300 Dollar, ehe die Warnung sämtliche Erholungsgewinne auslöschte. Im Tief kostete die Aktie diese Woche nur noch 204,44 Dollar, so wenig wie nie in den vergangenen zwölf Monaten. Am Donnerstag schloss der Titel bei 219,05 Dollar, nachbörslich ging es auf gut 216 Dollar weiter abwärts. Die Marktkapitalisierung beträgt noch rund 206 Milliarden Dollar, vor wenigen Wochen lag sie zeitweise über 300 Milliarden. Der Chart des laufenden Jahres gleicht einer Achterbahn, auf jede Erholung folgte bislang der nächste Dämpfer.
Was der Absturz für Anleger bedeutet
Nach dem Ausverkauf wirkt die Aktie optisch günstig. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis, also der Aktienkurs geteilt durch den Gewinn je Aktie, liegt bei rund 19. Große Softwarekonzerne wie Microsoft werden mit deutlich höheren Multiplikatoren gehandelt. Die Dividendenrendite beträgt etwa 3,1 Prozent, und IBM zahlt seit Jahrzehnten zuverlässig aus. Für Einkommensinvestoren bleibt der Titel damit grundsätzlich interessant. Das Vertrauen in die Prognosen des Managements hat allerdings schweren Schaden genommen, und Vertrauen ist an der Börse die härteste Währung. Wer als Aktionär binnen weniger Monate zwei solcher Schocktage erlebt hat, hinterfragt künftig jede Prognose.
Die entscheidende Frage lautet, ob die Warnung ein Ausrutscher bleibt oder ein Muster begründet. Verschieben Kunden ihre Software- und Beratungsprojekte nur, holen sie die Ausgaben in den kommenden Quartalen nach. Dann wäre der Kurssturz eine Überreaktion und das aktuelle Niveau für risikobereite Anleger ein spannender Einstiegsbereich. Fällt die Nachfrage dagegen dauerhaft weg, weil KI-Werkzeuge klassische IT-Dienstleistungen ersetzen, steht IBM vor einem langen und teuren Umbau.
Wir halten beide Lesarten für plausibel, und genau das macht die Lage so ungemütlich. Der Speicherengpass ist real und dürfte sich mittelfristig auflösen. Die Zweifel am Geschäftsmodell verschwinden dadurch nicht. Dazu kommen die drohenden Anlegerklagen, die sich über Monate hinziehen und immer wieder für Schlagzeilen sorgen können. Wer jetzt kauft, bekommt eine niedrige Bewertung und ein ordentliches Paket Unsicherheit gleich dazu.
Der 22. Juli wird zum Stresstest
Am kommenden Mittwoch legt IBM den kompletten Quartalsbericht vor. Im Mittelpunkt steht dann das Wachstum der Softwaresparte, denn daran hängt die gesamte Investmentstory. Forbes-Kolumnist Peter Cohan traut der Aktie eine schnelle Erholung zu, falls der Konzern hier überzeugt und einen belastbaren Ausblick liefert. Enttäuscht der Bericht ein zweites Mal, droht der nächste Abverkauf.
Darüber hinaus muss Krishna erklären, wie lange der Chip-Engpass die Kundenbudgets noch verzerrt und welche der geplatzten Großaufträge sich in die zweite Jahreshälfte retten lassen. Danach richtet sich der Blick auf den Herbst, wenn die Zahlen zum dritten Quartal zeigen müssen, ob die verschobenen Ausgaben tatsächlich nachgeholt werden. Von diesen Antworten hängt ab, ob der 14. Juli als teurer Betriebsunfall in die Firmengeschichte eingeht oder als Auftakt einer längeren Krise.

