Aehr meldet den stärksten Auftragseingang seiner Geschichte
Aehr Test Systems (NASDAQ: AEHR) hat am Dienstag nach US-Börsenschluss die Zahlen zum vierten Quartal des Geschäftsjahres 2026 vorgelegt. Am Mittwoch legte die Aktie 21,91 Prozent auf 87,79 Dollar zu. Rund 12,5 Millionen Anteile wechselten den Besitzer, fast das Fünffache des Dreimonatsschnitts von 2,7 Millionen.
Der Umsatz im Quartal, das am 29. Mai endete, stieg um 33 Prozent auf 18,84 Millionen Dollar. Erwartet hatte die Wall Street 18,69 Millionen. Beim bereinigten Ergebnis je Aktie lieferte Aehr 0,11 Dollar, während Analysten mit einem Verlust von 0,01 Dollar gerechnet hatten. Nach US-Bilanzregeln stand ein Gewinn von 1,4 Millionen Dollar, nach einem Verlust von 2,9 Millionen im Vorjahresquartal.
Die Zahl, die den Kurs bewegte, stand allerdings weiter unten in der Mitteilung. Der Auftragseingang erreichte 60,7 Millionen Dollar in einem einzigen Quartal. Ein Jahr zuvor waren es 11,1 Millionen. Der Auftragsbestand lag zum Stichtag bei 80,6 Millionen Dollar. Rechnet man die Bestellungen aus den Wochen danach hinzu, kommt Aehr auf rund 100,6 Millionen.
Die Prognose sprengt den Analystenkonsens
Für das Geschäftsjahr 2027 stellt Aehr einen Umsatz von 130 bis 150 Millionen Dollar in Aussicht. Der Analystenkonsens lag bei 85,13 Millionen. Die Spanne entspricht dem 2,6- bis 3-Fachen des abgelaufenen Jahres. Als bereinigte Vorsteuermarge peilt das Management 18 bis 22 Prozent an.
Lücken dieser Größe zwischen Unternehmensprognose und Konsens sieht man selten. Entweder hat die Wall Street das Geschäft komplett falsch modelliert, oder das Management verspricht zu viel. Die Analysten entschieden sich sofort für die erste Lesart. Craig-Hallum hob das Kursziel von 68 auf 125 Dollar, Lake Street von 56 auf 110 Dollar.
Ein Blick zurück macht die Wucht der Ansage deutlich. Im Geschäftsjahr 2026 setzte Aehr 50 Millionen Dollar um, nach 59 Millionen im Vorjahr. Unter dem Strich stand ein Verlust von 7,1 Millionen Dollar oder 0,23 Dollar je Aktie. Der Umsatz ist also geschrumpft, und trotzdem soll er sich nun verdreifachen. Die gesamte Aktienstory hängt an diesem einen Satz aus der Prognose.
Firmenchef Gayn Erickson sagte auf der Analystenkonferenz, die Nachfrage aus KI-Anwendungen habe sich weiter beschleunigt. Kapazitätsengpässe erwartet Aehr selbst am oberen Ende der Spanne nicht. Kommen weitere Aufträge herein, könnte die Prognose sogar steigen.
Vom Autozulieferer zum Zulieferer der KI-Rechenzentren
Aehr baut Maschinen für den sogenannten Burn-in. Chips werden dabei vor der Auslieferung bei hoher Temperatur und Spannung gestresst, damit Frühausfälle im Werk auffallen und nicht später im Auto oder im Serverrack. Aehr macht das auf Wafer-Ebene, also bevor die einzelnen Chips aus der Siliziumscheibe geschnitten werden. Das spart Geld, weil Ausschuss früher auffliegt.
Jahrelang hing das Geschäft an einem einzigen Markt. Über 95 Prozent des Umsatzes kamen aus Siliziumkarbid-Chips für Elektroautos. Als der EV-Markt abkühlte, kippte Aehr mit. Im abgelaufenen Geschäftsjahr stammten dann fast 95 Prozent der Erlöse aus anderen Bereichen. Ein bemerkenswerter Umbau in kurzer Zeit.
Der neue Treiber sitzt im Rechenzentrum. Aehrs Sonoma-Systeme testen kundenspezifische KI-Prozessoren auf Gehäuseebene. Ein großer Hyperscaler bestellte im Frühjahr für 41 Millionen Dollar nach. Dazu kommt Silizium-Photonik, also die optischen Verbindungen zwischen KI-Servern. Der Leitkunde in diesem Bereich orderte Anfang Juli erneut ein FOX-XP-System.
Das alte Geschäft meldet sich parallel zurück. In den vergangenen Wochen sammelte Aehr rund acht Millionen Dollar an neuen Siliziumkarbid-Aufträgen ein, getrieben von Elektroauto-Programmen in China und einem großen globalen Autobauer. Den ersten Siliziumkarbid-Kunden in Taiwan hat das Unternehmen ebenfalls gewonnen.
Der Kurssprung hielt nicht bis zum Schluss
Der Mittwoch war für AEHR kein gerader Aufstieg. Kurz nach Handelsstart schoss die Aktie auf 110,20 Dollar. Am Ende blieben 87,79 Dollar übrig. Mehr als die Hälfte des Tagesgewinns gab der Markt wieder ab, obwohl an den Zahlen niemand etwas geändert hatte.
Das passt zum Muster dieser Aktie. Am 7. Juli notierte AEHR noch bei 66,94 Dollar. Anfang Juni markierte sie ein Schlussrekordhoch von 116,58 Dollar. Das 52-Wochen-Tief liegt bei 8,02 Dollar. Wer hier investiert, kauft Bewegung.
Ein Teil davon kommt von den Leerverkäufern. Zuletzt waren 4,16 Millionen Aktien leerverkauft, rund 14 Prozent des frei handelbaren Bestands. Bei einer Prognose wie dieser müssen Shorts eindecken, was den Sprung nach oben verstärkt und ihn genauso schnell wieder auflöst, sobald die Eindeckung durch ist. Am Mittwochvormittag wechselten bereits 26.000 Optionskontrakte den Besitzer, das Vierzehnfache des üblichen Volumens.
Die Bewertung lebt komplett von der Prognose
Aehr bringt rund 2,9 Milliarden Dollar auf die Waage. Dem stehen 50 Millionen Dollar Jahresumsatz gegenüber. Auf die zurückliegenden Zahlen gerechnet ergibt das ein Kurs-Umsatz-Verhältnis von etwa 58. Legt man die Mitte der neuen Prognose von 140 Millionen zugrunde, sinkt es auf rund 21. Selbst das bleibt sportlich für einen Maschinenbauer.
Der Blick auf die Nachbarn hilft bei der Einordnung. Teradyne kommt auf rund 55 Milliarden Dollar Börsenwert, Onto Innovation auf 15,9 Milliarden, FormFactor auf gut neun Milliarden. Alle drei verdienen seit Jahren Geld. Aehr beschäftigt 136 Menschen, wurde 1977 gegründet und schrieb im abgelaufenen Jahr rote Zahlen.
Wir halten die Kundenkonzentration für das größere Thema als die Bewertung. Ein einzelner Hyperscaler und ein einzelner Photonik-Kunde tragen einen erheblichen Teil des Auftragsbestands. Verschiebt einer von beiden seinen Produktionsstart um zwei Quartale, kippt die Prognose. Bei 136 Mitarbeitern gibt es keinen zweiten Geschäftsbereich, der das auffangen könnte.
Die Kapitalseite ist dagegen solide. Nach einer Kapitalerhöhung über den Markt lagen zum Jahresende 116,5 Millionen Dollar in der Kasse, nach 37,1 Millionen ein Quartal zuvor. Der freie Cashflow war im vierten Quartal mit minus 3,8 Millionen Dollar nur leicht negativ. Schulden hat Aehr praktisch keine. Ein Detail sollte man trotzdem kennen. Insider haben in den vergangenen drei Monaten Aktien für rund 20,2 Millionen Dollar verkauft. Bei einem Kurs, der sich binnen eines Jahres etwa verzehnfacht hat, ist das nachvollziehbar. Ein Vertrauensbeweis sieht anders aus.
Aus Aufträgen muss jetzt Umsatz werden
Der Auftragsbestand von rund 100,6 Millionen Dollar deckt gut drei Viertel des unteren Prognoseendes. Den Rest muss Aehr im laufenden Jahr einsammeln. Das erste Quartal des neuen Geschäftsjahres endet Ende August, den Bericht dazu erwarten wir im Herbst. Dann zeigt sich zum ersten Mal, ob die Auslieferung mit dem Auftragseingang mithalten kann.
Zwei konkrete Katalysatoren stehen im Raum. Der Hyperscaler-Kunde plant laut Aehr eine deutliche Ausweitung seiner Sonoma-Bestellungen ab dem zweiten Halbjahr 2026 bis ins Jahr 2027 hinein. Und Aehr arbeitet daran, seine FOX-Systeme auf Speicherchips auszuweiten, konkret auf High-Bandwidth-Memory. Dieser Speicher steckt in jedem großen KI-Beschleuniger, und die Kapazität pro Chip steigt mit jeder Generation. Ein Entwicklungsvertrag mit einem Speicherhersteller wäre der nächste große Schritt für die Aktie.

