Stripe legt 60,50 Dollar je Aktie hin
PayPal (NASDAQ: PYPL) hat am Mittwoch 17,20 Prozent auf 55,52 Dollar zugelegt. Ein Plus von 8,15 Dollar an einem einzigen Tag. Rund 84,1 Millionen Aktien wechselten den Besitzer, gut das Fünffache des Dreimonatsschnitts von 16,5 Millionen. Für einen Wert, der in zwölf Monaten nur acht Tagesbewegungen über fünf Prozent hatte, war das eine Ansage.
Ausgelöst hat den Sprung eine Meldung von Reuters. Der Zahlungsabwickler Stripe und der Finanzinvestor Advent International haben demnach ein gemeinsames Angebot für PayPal vorgelegt. 60,50 Dollar je Aktie, zusammen mehr als 53 Milliarden Dollar. Gegenüber dem Dienstagsschluss von 47,37 Dollar entspricht das einem Aufschlag von rund 28 Prozent.
Rund 50 Milliarden Dollar an Finanzierungszusagen von Banken liegen laut Reuters vor. Stripe und Advent wollen PayPal zu gleichen Teilen halten und den Konzern nicht zerlegen. Eingereicht wurde das Angebot Anfang Juli, ein erster Vorstoß erfolgte bereits im April. CNBC berichtete zusätzlich, dass auch Block zur Käufergruppe gehöre. Die Angaben zur Struktur gehen zwischen den Medienhäusern auseinander. PayPal, Stripe und Advent wollten sich nicht äußern.
Stripes eigentliches Ziel heißt Venmo
Stripe ist nicht börsennotiert und wurde nach einem Mitarbeiter-Verkaufsprogramm im Februar mit rund 159 Milliarden Dollar bewertet. Das Unternehmen dominiert die Schnittstellen, über die Online-Händler Zahlungen abwickeln. Entwickler bauen Stripe in wenigen Stunden in einen Shop ein. Was Stripe dagegen fehlt, ist der direkte Draht zur Brieftasche der Verbraucher.
Genau den hat PayPal. 439 Millionen aktive Konten, dazu Venmo als eine der bekanntesten Bezahl-Apps der USA. Venmo wickelt Überweisungen zwischen Privatpersonen ab, gibt Debit- und Kreditkarten aus und lässt sich an der Kasse einsetzen. Diese Reichweite lässt sich nicht aufbauen, jedenfalls nicht in vertretbarer Zeit. Man kann sie nur kaufen.
Auf der Händlerseite überschneiden sich beide dagegen direkt. PayPals Tochter Braintree konkurriert seit Jahren mit Stripe um dieselben Kunden. Eine Fusion würde zwei der größten Zahlungsabwickler der USA zusammenführen. Die Kartellbehörden dürften genau hinschauen. Käme der Deal zustande, wäre er einer der größten in der Geschichte der Zahlungsbranche.
Der Abstand zum Gebot verrät die Zweifel
Die interessanteste Zahl des Mittwochs war nicht die 17,20. Sie war die Differenz. PayPal schloss bei 55,52 Dollar und damit rund 8 Prozent unter dem Gebot von 60,50 Dollar. Vertraut der Markt einem Übernahmeangebot vollständig, schrumpft dieser Abstand auf ein paar Prozentpunkte. Hier blieb er stehen.
Der Grund liegt auf der Hand. PayPal hat nicht geantwortet. Der Verwaltungsrat soll frühestens am 20. Juli zusammenkommen, um das Angebot zu besprechen. Goldman Sachs und Evercore beraten das Unternehmen laut Bloomberg bei der Prüfung strategischer Optionen, wozu ausdrücklich auch der Verbleib an der Börse gehört. Eine verbindliche Vereinbarung existiert nicht.
Gleichzeitig zweifeln Analysten an der Höhe. Andrew Jeffrey von William Blair hält 60,50 Dollar für ein Tiefstgebot und sieht Raum bis 70 Dollar, falls das nur der Auftakt einer Verhandlung war. Investor Michael Burry taxierte den fairen Wert zuletzt zwischen 75 und 115 Dollar. Auf der Prognosebörse Polymarket liegt die Wahrscheinlichkeit einer Übernahme vor 2027 bei 82 Prozent.
Aus unserer Sicht beschreibt der Abschlag genau die zwei offenen Fragen. Ob PayPal überhaupt verkauft. Und ob zu diesem Preis.
Fünf Jahre Absturz als Vorgeschichte
2021 war PayPal an der Börse rund 360 Milliarden Dollar wert. Vor dem Gebot waren es 42 Milliarden. Vom Hoch fehlen 82 Prozent. Wer vor fünf Jahren 1.000 Dollar in die Aktie steckte, sitzt heute auf rund 185 Dollar.
Die Gründe sind bekannt. Apple Pay und Google Pay eroberten die Kasse, Stripe die Händlerseite, Anbieter wie Klarna das Ratenzahlungsgeschäft. PayPals wichtigste Kennzahl, das sogenannte Branded Checkout, also Zahlungen über den eigenen gelben Button, wuchs immer langsamer. Im vierten Quartal 2025 brach das Wachstum dann ein. Der eigene Stablecoin PYUSD blieb ein Nischenprodukt und kam nie über einen Randmarktanteil hinaus.
Der Verwaltungsrat zog am 3. Februar 2026 die Reißleine und trennte sich von Alex Chriss nach gut zweieinhalb Jahren. Das Tempo der Veränderung habe nicht den Erwartungen entsprochen, hieß es in der Mitteilung. Am selben Tag kam eine schwache Prognose für 2026. Die Aktie verlor rund 17 Prozent an einem Tag.
Seit dem 1. März führt Enrique Lores das Unternehmen, der dritte Chef in drei Jahren. Der frühere HP-Lenker saß fünf Jahre im Verwaltungsrat und war zuletzt dessen Vorsitzender. Sein Programm setzt auf Kosten. 1,5 Milliarden Dollar sollen eingespart und ins Geschäft zurückgesteckt werden. Im Mai fielen rund 1.075 Stellen weg, am 1. Juni weitere 81. Im Juni wickelte PayPal seinen Wagniskapital-Arm ab. Lores will den Konzern zusammenhalten und die Zahlungs- und Krypto-Sparte als eigene Einheit führen.
Anleger kaufen jetzt den Deal, nicht das Geschäft
Bei 55,52 Dollar kauft man keine PayPal-Aktie mehr. Man kauft eine Wahrscheinlichkeitsrechnung. Geht der Deal zu 60,50 Dollar durch, liegen rund neun Prozent drin. Erhöhen Stripe und Advent auf 70 Dollar, sind es 26 Prozent. Platzt die Sache, geht es zurück Richtung 47 Dollar oder tiefer, weil dann die alte Geschichte wieder gilt.
Der Rest der Branche blieb am Mittwoch ruhig. Visa schloss 0,25 Prozent niedriger bei 355,14 Dollar. Die Bewegung war also kein Sektor-Thema, sondern eine reine PayPal-Geschichte. Wer über Visa oder Mastercard am Zahlungsverkehr beteiligt ist, spürt von dieser Konsolidierung vorerst nichts.
Für das Unternehmen selbst ändert das Gebot kurzfristig nichts. PayPal verdient weiterhin Geld und wird mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund zehn gehandelt. Das ist günstig für einen Zahlungsdienstleister mit 439 Millionen Konten und stabilem Mittelzufluss. Genau diese Bewertung ist der Grund, warum Stripe und Advent überhaupt anklopfen. Und genau sie ist das beste Argument des Verwaltungsrats, mehr zu verlangen.
Wir halten das Timing für den entscheidenden Punkt. Lores ist seit viereinhalb Monaten im Amt, sein Umbau hat gerade erst begonnen. Ein Verkauf jetzt hieße, dass der Verwaltungsrat die eigene Turnaround-Geschichte für weniger wert hält als 60,50 Dollar je Aktie. Diese Aussage lässt sich schwer zurücknehmen. Umgekehrt hat der Aufsichtsrat drei Jahre lang bewiesen, dass er wenig Geduld mit Zwischenständen hat.
Der 28. Juli liefert die nächsten Zahlen
Der nächste feste Termin ist der 20. Juli, an dem der Verwaltungsrat frühestens tagt. Eine öffentliche Antwort muss daraus nicht folgen, ein Signal an die Bieter aber vermutlich schon.
Acht Tage später kommen die Zahlen zum zweiten Quartal. PayPal hat dafür einen leichten Umsatzanstieg im niedrigen einstelligen Bereich in Aussicht gestellt, beim bereinigten Gewinn je Aktie dagegen einen Rückgang im hohen einstelligen Bereich. Fällt das Quartal besser aus, wächst die Verhandlungsmacht des Verwaltungsrats. Enttäuscht PayPal erneut, sehen 60,50 Dollar plötzlich großzügig aus.
Darüber hinaus lohnt der Blick auf drei Punkte. Ob Stripe und Advent nachlegen. Ob sich ein zweiter Bieter meldet. Und wie die Wettbewerbshüter auf eine Fusion der beiden größten US-Zahlungsabwickler reagieren. Bis dahin handelt PYPL zwischen zwei Preisen, dem unbeeinflussten Kurs von 47,37 Dollar und dem Gebot von 60,50 Dollar. Der Abstand dazwischen ist die eigentliche Nachricht.

