Ein Plus von 14 Prozent stoppt die Talfahrt
Die Aktie von AXT (NASDAQ: AXTI) hat am Dienstag um 14,09 Prozent auf 57,57 Dollar zugelegt. Der Hersteller von Halbleiter-Substraten aus dem kalifornischen Fremont zählte damit zu den stärksten Werten des Tages an den US-Börsen. Nach dem Schlusskurs von 50,46 Dollar am Montag arbeitete sich das Papier über weite Strecken der Sitzung nach oben, in der Spitze bis auf 58,58 Dollar.
Für die Aktionäre kam die Erholung nach schmerzhaften Wochen. Mitte Juni hatte die Aktie im Hoch noch bei 115,50 Dollar notiert, seitdem halbierte sich der Kurs nahezu. Der Dienstag brachte nun den ersten kräftigen Gegenschlag der Bullen. Die Marktkapitalisierung liegt wieder bei rund 3,8 Milliarden Dollar. Ob damit die Wende geschafft ist oder nur eine Zwischenerholung im Abwärtstrend läuft, dürfte sich in den kommenden zwei Wochen entscheiden.
Spezialist für das Nervensystem der KI-Rechenzentren
AXT stellt keine Chips her, sondern das Material, auf dem Chips entstehen. Das Unternehmen produziert sogenannte Substrate, also hauchdünne Kristallscheiben aus Verbindungshalbleitern wie Indiumphosphid und Galliumarsenid. Gefertigt wird über die chinesische Tochter Beijing Tongmei Xtal Technology. Das 1986 gegründete Unternehmen unter Führung von Morris Young beliefert damit seit Jahrzehnten die Elektronikindustrie, von Sensoren über LED-Anwendungen bis zu Laserchips für Glasfasernetze. Vor allem Indiumphosphid hat sich zuletzt zum Star des Portfolios entwickelt, denn aus diesem Material entstehen Laser und Empfänger für die optische Datenübertragung in KI-Rechenzentren.
Je mehr GPUs die Hyperscaler verbauen, desto mehr Glasfaserverbindungen brauchen sie zwischen den Servern. Und in fast jedem dieser optischen Bauteile steckt ein Indiumphosphid-Substrat. Diese Position hat AXT zu einer der verrücktesten Kursgeschichten des Jahres gemacht. Die Spanne der letzten zwölf Monate reicht von 1,85 Dollar bis 143,16 Dollar. Aus einem verstaubten Pennystock wurde binnen eines Jahres ein Milliardenwert, mit allen Übertreibungen, die dazugehören. Wer vor zwölf Monaten eingestiegen ist, sitzt selbst nach dem jüngsten Absturz noch auf einem Vielfachen seines Einsatzes. Wer dagegen im Juni auf dem Hoch kaufte, hat fast die Hälfte verloren.
Wedbush-Lob und Chip-Erholung als Auslöser
Der konkrete Anstoß für den Kurssprung kam von der Analystenseite. Wedbush Securities erklärte am Dienstag, die Nachfrage nach AXT-Produkten entwickle sich besser, als der Markt derzeit einpreise. Nach der Kurshalbierung wirkte diese Einschätzung wie ein Weckruf für Schnäppchenjäger. Bereits zuvor hatte Northland Capital sein Kursziel auf 125 Dollar angehoben und die jüngste Schwäche ausdrücklich als Kaufgelegenheit bezeichnet.
Rückenwind lieferte zudem der Gesamtmarkt. Die US-Inflationsdaten für Juni fielen niedriger aus als erwartet, der Nasdaq Composite stieg um 0,9 Prozent und Halbleiterwerte erholten sich breit von ihrem Ausverkauf der Vortage. Hochvolatile Namen wie AXT reagieren auf solche Stimmungswechsel traditionell mit doppelter Wucht. Noch am Freitag hatte das Papier fast 9 Prozent verloren, nachdem der Sektor über mehrere Tage unter Gewinnmitnahmen und Sorgen um die Nachhaltigkeit der KI-Rally gelitten hatte. Das Handelsvolumen von 5,8 Millionen Aktien blieb allerdings unter dem Durchschnitt von 8,4 Millionen, was zur Vorsicht mahnt. Von einer Rückkehr der großen Käuferscharen kann noch keine Rede sein.
Volle Auftragsbücher treffen auf eine lange Risikoliste
Operativ hat AXT in den letzten Wochen tatsächlich geliefert. Anfang Juli unterzeichnete das Unternehmen einen Dreijahresvertrag mit dem Photonik-Konzern Coherent über 6-Zoll-Indiumphosphid-Substrate, inklusive einer Vorauszahlung von rund 22,3 Millionen Dollar. Der Wechsel auf 6-Zoll-Scheiben gilt in der Branche als wichtiger Schritt, weil größere Wafer pro Fertigungsdurchlauf deutlich mehr Chips liefern und damit die Kosten je Bauteil senken. Schon Mitte Juni sicherte sich Tongmei einen Liefervertrag mit Nanjing Casela im Volumen von etwa 25,4 Millionen Dollar bis 2027. Der Kontrakt enthält eine Abnahmegarantie über 80 Prozent der vereinbarten Mengen, im Fachjargon take-or-pay genannt. Dazu kommen ein Auftragsbestand von rund 100 Millionen Dollar laut Northland und eine im April abgeschlossene Kapitalerhöhung über 632,5 Millionen Dollar, mit der AXT seine Indiumphosphid-Kapazität in diesem Jahr verdoppeln will.
Dem stehen erhebliche Risiken gegenüber. Die Fertigung sitzt in China, und Ausfuhren von Indiumphosphid benötigen Exportgenehmigungen des chinesischen Handelsministeriums. Genau daran scheiterte im vierten Quartal 2025 ein Teil der Auslieferungen, der Umsatz blieb damals bei mageren 22,5 bis 23,5 Millionen Dollar hängen. Im ersten Quartal 2026 erlöste AXT zwar 26,9 Millionen Dollar, ein Plus von 38 Prozent, schrieb unterm Strich aber weiter rote Zahlen. Und die Insider verkaufen kräftig. Allein in den letzten drei Monaten stießen Führungskräfte laut Gurufocus Aktien im Wert von 29,2 Millionen Dollar ab, Käufe gab es keine.
Eine Bewertung, die kaum Fehler verzeiht
Selbst nach der Kurshalbierung bleibt AXT sportlich bepreist. Das Kurs-Umsatz-Verhältnis liegt je nach Rechnung im hohen zweistelligen Bereich, während das Unternehmen operativ Verluste schreibt und hohe Investitionen stemmen muss. Der Markt bezahlt hier fast ausschließlich die Zukunft, nämlich die Wette, dass der optische Datenverkehr in KI-Rechenzentren über Jahre zweistellig wächst und AXT als einer von wenigen Substrat-Lieferanten davon profitiert. Zum Vergleich, etablierte Chipwerte wie Micron oder Tower Semiconductor werden trotz kräftigem KI-Rückenwind mit einem Bruchteil dieses Umsatzmultiplikators gehandelt.
Unsere Einschätzung fällt zwiespältig aus. Die strukturelle Story hinter Indiumphosphid halten wir für real, die Lieferverträge mit Coherent und Casela geben dem Umsatz erstmals ein Fundament. Gleichzeitig zeigt der Absturz von 115 auf 50 Dollar, wie schnell die Luft entweicht, wenn Momentum-Trader die Seiten wechseln. Wer hier investiert, kauft einen Hebel auf den KI-Ausbau mit chinesischem Regulierungsrisiko obendrauf. Positionsgrößen sollten das widerspiegeln.
Am 30. Juli folgt der nächste Härtetest
Der Kalender liefert kurzfristig gleich mehrere Prüfsteine. Schon am Donnerstag legt der Auftragsfertiger TSMC Zahlen vor, die als Fieberthermometer für die gesamte KI-Chipnachfrage gelten. Am 30. Juli folgt dann der eigene Quartalsbericht von AXT. Anleger achten dort vor allem auf drei Punkte, nämlich den Stand der Exportgenehmigungen, den Fortschritt bei der Kapazitätsverdopplung und erste Umsätze aus den neuen Lieferverträgen. Auch die Prognose für das zweite Halbjahr dürfte den weiteren Kursverlauf maßgeblich bestimmen, denn genau daran hatten sich zuletzt die Zweifel entzündet.
Daneben schwelen die Börsenpläne der Tochtergesellschaft weiter im Hintergrund. Tongmei hat seinen jahrelang verfolgten Antrag für ein Listing in Shanghai Ende Juni zurückgezogen und prüft stattdessen einen Börsengang in Hongkong. Gelingt der Schritt, könnte er zusätzliches Kapital für den Ausbau bringen und der Mutter eine Neubewertung bescheren. Bis dahin dürfte die Aktie bleiben, was sie seit Monaten ist, ein Spielball für starke Nerven.

