Continental verklagt eigene Großkanzlei auf 130 Millionen

Continental verklagt eigene Großkanzlei auf 130 Millionen

Continental verklagt seine eigenen Anwälte

🇩🇪🏭4 Min.19.04.2026

Der Autozulieferer Continental (Xetra: CON) hat am Landgericht Frankfurt eine Schadensersatzklage gegen seine ehemalige Rechtsberaterin Noerr eingereicht. Der Streitwert liegt bei rund 130 Millionen Euro, wie eine Gerichtssprecherin gegenüber Handelsblatt und Legal Tribune Online bestätigte. Eingereicht wurde die Klage bereits Ende 2025, öffentlich bekannt wurde sie Anfang April 2026.

Conti wirft Noerr vor, den Konzern bei der internen Aufarbeitung des Dieselskandals zwischen 2015 und 2021 falsch beraten zu haben. Damit hätten die Anwälte aus Sicht des Dax-Konzerns Folgekosten in dreistelliger Millionenhöhe verursacht, die sich das Unternehmen nun zurückholen will. Dass ein Dax-Konzern seine eigene Großkanzlei verklagt, ist ein ungewöhnlicher Vorgang. In Deutschland gab es bislang keinen vergleichbaren Fall in dieser Größenordnung.

Wie Continental in den Dieselskandal geriet

Um den Vorwurf einzuordnen, lohnt ein Blick zurück. Continental hatte für Volkswagen und andere Autobauer Steuergeräte entwickelt, mit denen sich Abgaswerte während Prüfstandstests manipulieren ließen. Als der VW-Skandal 2015 aufflog, geriet Conti mit in den Fokus. Ab Herbst 2015 beauftragte der Konzern die Wirtschaftskanzlei Noerr mit einer internen Untersuchung, die die eigene Verantwortung klären und mögliche Haftungsrisiken begrenzen sollte.

Im Sommer 2020 durchsuchte die Staatsanwaltschaft Hannover erstmals Continentals Geschäftsräume. Bis November 2021 folgten fünf weitere Durchsuchungen bei Konzern und Tochtergesellschaften. Im April 2024 erließ die Staatsanwaltschaft dann einen Bußgeldbescheid über 100 Millionen Euro. Davon entfielen 95 Millionen auf die Abschöpfung wirtschaftlicher Vorteile. Continental verzichtete auf Rechtsmittel, um das Thema abzuschließen. Insgesamt hat die Aufarbeitung den Konzern nach eigenen Angaben rund 300 Millionen Euro gekostet.

Parallel zog der Conti-Aufsichtsrat Ende 2021 die interne Untersuchung an sich und wechselte den Rechtsberater. Die US-Kanzlei Skadden, Arps, Slate, Meagher & Flom übernahm die weitere Aufbereitung. Noerr war draußen.

Was Noerr falsch gemacht haben soll

Continental nennt in der Einladung zur Hauptversammlung am 30. April konkrete Punkte. Weder die damals verantwortlichen Vorstände noch Noerr hätten eine „unabhängige, ergebnisoffene und umfassende Untersuchung" sichergestellt. Anhaltspunkten für Fehlverhalten sei nicht ordnungsgemäß nachgegangen worden. Der erste interne Bericht von Noerr habe aus Sicht der heutigen Unternehmensführung vorwiegend der Abwehr möglicher Schadensersatzforderungen des VW-Konzerns gedient statt einer echten Aufklärung.

Auch mit der Risikoanalyse zu drohenden Bußgeldern war Conti nach Informationen der Legal Tribune Online nicht zufrieden. Der 100-Millionen-Bescheid aus Hannover fiel deutlich höher aus als prognostiziert. Hinzu kommt der Vorwurf zur Verteidigung in den Jahren 2020 und 2021. Bei einem Treffen soll die Staatsanwaltschaft laut Conti „harsche Kritik" an der Untersuchung und an der „unzureichenden Kooperation" geäußert haben. Daraufhin zog der Aufsichtsrat die Notbremse und wechselte zu Skadden.

Die Schadensersatzforderung setzt sich aus mehreren Posten zusammen. Das 100-Millionen-Bußgeld, die Kosten für die Nachfolge-Kanzlei Skadden und weitere externe Beratung dürften den Großteil ausmachen.

Noerr weist die Vorwürfe zurück

Die Kanzlei sieht die Sache anders. Man habe „ergebnisoffen, unabhängig und sachgerecht" gearbeitet, teilte Noerr gegenüber der Börsen-Zeitung mit. Die Ergebnisse basierten auf den damals verfügbaren Informationen und hätten nach Einschätzung der Kanzlei bis heute Bestand. Continental sei zudem darauf hingewiesen worden, dass die Behörden zu anderen Schlüssen kommen könnten als die interne Untersuchung. Noerr geht davon aus, dass sich die Vorwürfe als unbegründet erweisen werden.

Für die Verteidigung hat Noerr die Münchner Kanzlei Advant Beiten mit Partner Florian Weichselgärtner engagiert. Continental wird von Glade Michel Wirtz aus Düsseldorf vertreten, federführend durch Marco Sustmann und Alexander Retsch. Die Klageerwiderung liegt dem Gericht noch nicht vor. Ob die Parteien doch noch einen außergerichtlichen Vergleich versuchen, ist offen. Beide Seiten haben wenig Interesse daran, in einem öffentlichen Prozess interne Details auszubreiten.

Wirtschaftlich relevant ist der Fall für Noerr durchaus. Die Kanzlei gehört mit über 330 Millionen Euro Umsatz und mehr als 400 Anwälten zu den fünf größten Sozietäten in Deutschland. Eine Zahlungsverpflichtung in dreistelliger Millionenhöhe wäre ein harter Schlag, vor allem für die Reputation bei anderen Dax-Mandanten.

Was das für Conti-Anleger bedeutet

Für Continental selbst ist die Klage gegen Noerr nur ein Teilaspekt der Diesel-Aufarbeitung. Am 30. April steht die Hauptversammlung in Hannover an. Dort soll über einen Vergleich mit den D&O-Versicherern abgestimmt werden, der Conti 43,7 Millionen Euro aus der Managerhaftpflichtversicherung einbringt. Das sind gerade einmal 15 Prozent der bisherigen 300 Millionen Euro Diesel-Schaden. Die Klage gegen Noerr zielt darauf ab, einen weiteren großen Teil zurückzuholen.

An der Börse hat die Klage bislang kaum Spuren hinterlassen. Die Conti-Aktie schloss am Freitag bei 67,26 Euro und notiert damit rund 12 Prozent über dem Stand von Anfang April. Die Dividendenrendite liegt bei etwa 4 Prozent, der Vorstand schlägt für das Geschäftsjahr 2025 eine Ausschüttung von 2,70 Euro je Aktie vor. Das durchschnittliche Kursziel der Analysten liegt bei 71,36 Euro. 57 Prozent empfehlen Kauf, 39 Prozent Halten, 4 Prozent Verkaufen.

Unsere Einschätzung. Die Klage gegen Noerr ist für den Kursverlauf aktuell eher ein Nebenschauplatz. Entscheidender ist der Konzernumbau. Continental hat mit Aumovio die Automotive-Sparte abgespalten und will sich bis Ende 2026 komplett auf das Reifengeschäft konzentrieren. Für 2026 rechnet der Konzern mit einem Umsatz von 17,3 bis 18,9 Milliarden Euro und einer bereinigten EBIT-Marge von 11 bis 12,5 Prozent. Die Tires-Sparte soll eine Marge von 13 bis 14,5 Prozent liefern. Diese Zahlen entscheiden über den Kurs, nicht eine einzelne Schadensersatzklage. Selbst wenn Conti die volle Summe von 130 Millionen Euro zugesprochen bekäme, wäre das gemessen an der Marktkapitalisierung von rund 13 Milliarden Euro eine einstellige Promillegröße.

Die Hauptversammlung am 30. April wird zur Zäsur

Die Hauptversammlung am 30. April steht im Mittelpunkt der nächsten Wochen. Conti-Aktionäre stimmen dort über den D&O-Vergleich, den Dividendenvorschlag und die Aufsichtsratswahlen nach der Aumovio-Abspaltung ab. Kurz darauf, voraussichtlich Anfang Mai, folgen die Zahlen zum ersten Quartal 2026. Es ist das erste Quartal vollständig ohne das alte Automotive-Geschäft und damit ein erster Realitätscheck für die neue, schlankere Conti.

Noch in diesem Jahr soll zudem der Strafprozess in Hannover gegen vier ehemalige Conti-Führungskräfte wegen Beihilfe zum Betrug beginnen. Unter den Angeklagten ist der frühere Vorstandschef Karl-Thomas Neumann. Die Klage gegen Noerr selbst wird sich dagegen wahrscheinlich über Jahre ziehen. Ein Verhandlungstermin steht noch nicht fest. Für Conti-Anleger ist die spannendere Frage ohnehin nicht, wieviel von den 130 Millionen Euro am Ende wirklich zurückfließen. Sondern ob Continental den Umbau zum reinen Reifenhersteller sauber über die Bühne bringt und die Dieselkosten Stück für Stück in den Rückspiegel wandern.