Die Aktie von Leonardo (Borsa Italiana: LDO), Italiens größter Rüstungskonzern, notierte am Freitag bei 57,69 Euro. Das sind rund 13 Prozent unter dem Allzeithoch von 66,26 Euro, das die Aktie Mitte März erreicht hatte. Die Marktkapitalisierung liegt aktuell bei rund 33 Milliarden Euro. Damit gehört Leonardo weiter zu den Top-Werten im italienischen FTSE MIB und zählt zu den großen Profiteuren des europäischen Rüstungshypes der vergangenen drei Jahre.
Der Rückgang vom Allzeithoch hat zwei Ursachen. Zum einen hat Ministerpräsidentin Giorgia Meloni am 9. April überraschend den langjährigen CEO Roberto Cingolani abgesetzt. Die Aktie verlor daraufhin innerhalb weniger Tage rund sieben Prozent. Zum anderen drücken Berichte über eine mögliche Friedenslösung im Ukraine-Krieg auf die gesamte Branche. Trotzdem liegt Leonardo seit Jahresbeginn noch klar im Plus. Morningstar sieht den Wert mit einem Fair-Value von 62,20 Euro weiterhin als fair bewertet.
Der Kontext ist wichtig. Europa erlebt seit drei Jahren eine beispiellose Rüstungs-Rally. Der STOXX Europe Aerospace and Defense Index legte allein 2025 mehr als 65 Prozent zu. Leonardo ist einer der Namen im Zentrum dieses Booms. Unter Cingolani hat sich die Aktie in drei Jahren vervierfacht. Jetzt stellt sich die Frage, wie nachhaltig diese Bewertung ist.
Ein Mischkonzern mit langer Geschichte
Leonardo entstand 1948 als Finmeccanica und trägt den heutigen Namen seit 2017. Der Konzern hat seinen Hauptsitz in Rom und beschäftigt rund 62.000 Mitarbeiter weltweit. Die italienische Regierung hält über das Finanzministerium direkt 30,2 Prozent der Anteile. Dieser staatliche Einfluss ist für das Verständnis aller strategischen Entscheidungen beim Konzern entscheidend und wird noch wichtig werden.
Das Portfolio ist breiter aufgestellt als bei vielen europäischen Wettbewerbern. Im Kerngeschäft baut Leonardo Hubschrauber wie die AW149- und AW101-Reihen. Daneben laufen Defense Electronics mit Radarsystemen und Sensoren, eine Luftfahrtsparte mit Beteiligungen an Eurofighter und Tornado, ein Cyber- und Sicherheitsgeschäft und eine Raumfahrtsparte. Dazu kommen strategische Beteiligungen an MBDA für Raketensysteme, an Thales Alenia Space für Satelliten, an DRS Technologies in den USA und an Telespazio für Satellitendienste. Die Aerostructures-Sparte, die Bauteile für zivile und militärische Flugzeuge fertigt, schreibt dagegen seit Jahren Verluste.
Das britische Verteidigungsministerium bestellte kürzlich 23 AW149-Hubschrauber für 1,3 Milliarden Dollar, einer der größten Einzelaufträge für Leonardo in den letzten Jahren. Parallel läuft die Vorbereitung für den Michelangelo Dome, ein mehrstufiges Luftverteidigungssystem nach dem Vorbild des israelischen Iron Dome. Mit Rheinmetall baut Leonardo in Italien Panzer, mit der türkischen Baykar Drohnen.
Warum der Rüstungsboom Leonardo trägt
Die Zahlen für 2025 fielen besser aus als erwartet. Der Umsatz stieg um elf Prozent, der operative Gewinn um 18 Prozent, die Neuaufträge legten um 15 Prozent auf 23,8 Milliarden Euro zu. Für 2030 peilt Leonardo jährliche Auftragseingänge von 32 Milliarden Euro an. Das ist ambitioniert, angesichts der aktuellen Marktlage aber nicht unrealistisch.
Der strukturelle Rückenwind ist massiv. Die europäischen NATO-Mitglieder haben ihre Verteidigungsausgaben 2025 um rund 20 Prozent erhöht. Alle NATO-Staaten überschreiten inzwischen das alte Zwei-Prozent-Ziel des Bruttoinlandsprodukts. Für die kommende Dekade haben sich mehrere Länder auf das neue 3,5-Prozent-Ziel bis 2035 verpflichtet. Das bedeutet Jahr für Jahr wachsende Budgets für Unternehmen wie Leonardo.
Morningstar-Analystin Loredana Muharremi beschreibt Leonardos aktuelle Phase als "Inflection Point". Der Konzern habe sich unter Cingolani bewusst vom reinen Hardware-Anbieter zum integrierten Sicherheitstechnologie-Konzern umgebaut. Der Anteil von Software, Elektronik und Cyber-Services im Portfolio sei deutlich gewachsen. Das passt laut Muharremi zu den strukturellen Branchentrends mit mehr Vernetzung, Interoperabilität und Software statt reiner Metall-Ware.
Melonis überraschender Schachzug
Und genau hier entstand die Reibung, die Anleger in den vergangenen zwei Wochen zu spüren bekamen. Am 9. April gab das italienische Finanzministerium bekannt, dass Cingolani nicht für eine zweite Amtszeit nominiert wird. Neuer CEO soll Lorenzo Mariani werden, aktuell Geschäftsführer der italienischen MBDA-Tochter und ein alter Leonardo-Bekannter. Die formelle Bestätigung steht auf der Aktionärsversammlung Anfang Mai an.
Meloni hat sich nicht zur Begründung geäußert. Hinter vorgehaltener Hand wird aber klar, worum es ging. Cingolani hatte den Konzern in Richtung Cyber, Digital und integrierte Systeme ausgerichtet. Verteidigungsminister Guido Crosetto soll das schon länger als falsche Prioritätensetzung gesehen haben. In Kriegszeiten wolle die Regierung konkrete Waffen, schnelle Produktion von Raketen und klassische harte Rüstung. Mariani passt in dieses Profil, weil er aus der Raketen-Welt von MBDA kommt.
Oppositionspolitiker Carlo Calenda kritisierte den Vorgang scharf und nannte die Entlassung in einem Post auf X "absurd". Tatsächlich hatte Cingolani den Aktienwert in drei Jahren vervierfacht und erst im März einen bullishen Fünf-Jahres-Plan bis 2030 präsentiert. Der Markt hat also nicht wegen schlechter Zahlen verkauft, sondern weil politisches Eingreifen bei einem halbstaatlichen Konzern immer Unsicherheit schafft. Unsere Einschätzung: Solange Mariani an den großen Zielen festhält, dürfte sich der Schaden in Grenzen halten. Anleger sollten aber im Auge behalten, dass die italienische Politik direkten Einfluss auf strategische Entscheidungen nimmt.
Die Balance aus Chance und Risiko
Fundamental bleibt Leonardo ein solides Investment im europäischen Rüstungssektor. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt bei rund 27, was angesichts der Wachstumsraten vertretbar ist. Die Dividendenrendite von rund 1,1 Prozent ist moderat, dafür bringt die Aktie mit einem Beta von 0,44 eine ungewöhnlich niedrige Schwankungsbreite gegenüber dem Gesamtmarkt mit. Elf Wall-Street-Analysten empfehlen die Aktie zum Kauf, keiner rät zum Verkauf. Das durchschnittliche Kursziel liegt bei 68,81 Euro und damit rund 19 Prozent über dem aktuellen Kurs. Citi hat die Aktie Ende März von Neutral auf Buy hochgestuft, Barclays bestätigte Anfang April sein Buy-Rating.
Die Risiken liegen auf einer anderen Ebene. Im Dezember und wieder im April sind europäische Rüstungswerte eingebrochen, sobald Berichte über eine mögliche Ukraine-Friedenslösung auftauchten. Investoren spekulieren über eine sogenannte Friedensdividende. Die Unternehmen selbst halten dagegen. Ein Renk-Sprecher verwies im Gespräch mit CNBC darauf, dass die Bedrohungslage in Europa unverändert sei und NATO-Mitglieder sich bis 2035 auf 3,5 Prozent verpflichtet hätten. Ein plötzlicher Friedensschluss dürfte die Auftragsbücher kurzfristig nicht leeren, könnte aber die Wachstumserwartungen der nächsten Jahre dämpfen.
Das zweite Risiko ist spezifisch für Leonardo. Die Meloni-Regierung hat gerade gezeigt, wie schnell sie in die strategische Ausrichtung eingreifen kann. Wer Leonardo kauft, kauft immer auch ein Stück italienische Politik mit ein. Das macht den Wert weniger berechenbar als rein privatwirtschaftliche Konkurrenten wie Rheinmetall oder BAE Systems.
Die nächsten Wochen bringen Klarheit
Der wichtigste Termin ist die Aktionärsversammlung Anfang Mai. Dort wird Mariani als neuer CEO bestätigt. Anleger werden seine ersten strategischen Aussagen genau verfolgen. Ob er an Cingolanis Fünf-Jahres-Plan festhält oder Akzente anders setzt, dürfte den Kurs kurzfristig deutlich bewegen. Am 5. Mai folgen die Zahlen zum ersten Quartal 2026. Das wird der erste Realitätscheck, ob die starken 2025er-Zahlen auch unter der neuen Führung anhalten.
Weiter voraus steht der NATO-Gipfel im Juli in Ankara. Dort könnten weitere Ausgaben-Verpflichtungen oder konkrete Beschaffungsprogramme beschlossen werden, die Leonardo direkt zugutekommen. Auch das Michelangelo-Dome-Projekt wird in den nächsten Monaten konkreter. Sollten die Ukraine-Friedensgespräche konkrete Formen annehmen, ist mit weiteren Turbulenzen beim gesamten Sektor zu rechnen. Für Leonardo-Aktionäre bleibt die Zeit bis zum Sommer eine Gemengelage aus strukturellem Rückenwind, politischem Geräuschpegel und einem neuen CEO, der sich erst beweisen muss.
