Tomra stürzt nach Q1-Zahlen zweistellig ab

Tomra stürzt nach Q1-Zahlen zweistellig ab

Ein Freitag zum Vergessen für Tomra-Aktionäre

Europa🏭5 Min.24.04.2026

Die Aktie von Tomra Systems (OSE: TOM) verliert am heutigen Freitag zweistellig. Rund 11 Prozent standen am Nachmittag im Minus, zeitweise fiel das Papier des norwegischen Recycling-Spezialisten sogar deutlich tiefer. Damit kratzt der Kurs am 52-Wochen-Tief von 9,48 Euro, das erst im März dieses Jahres markiert wurde.

Auslöser sind die Zahlen für das erste Quartal 2026, die das Unternehmen am Morgen vorgelegt hat. Auf den ersten Blick wirken sie nicht katastrophal. Der Umsatz stieg im Vergleich zum Vorjahresquartal um 9 Prozent auf 334 Millionen Euro. Das bereinigte EBITA blieb mit 26 Millionen Euro stabil. Doch der Teufel steckt im Detail. Das Ergebnis liegt laut Analyse von Investing.com rund 35 Prozent unter dem Konsens der Analysten. Die Bruttomarge sank von 42,6 auf 40,2 Prozent. Und der Ausblick liefert wenig Grund zur Entwarnung.

Tomra ist vielen Anlegern als Hersteller der Leergut-Automaten in deutschen Supermärkten bekannt. Das Geschäft ist allerdings deutlich breiter. Der Konzern betreibt drei große Sparten. Collection verkauft die Rücknahmesysteme für Pfandflaschen. Recycling baut Sortieranlagen für Entsorger und Metallverwerter. Food liefert Sortiermaschinen für die Lebensmittelindustrie. Alle drei Bereiche gelten als Profiteure der Kreislaufwirtschaft. Genau deshalb galt die Aktie lange als ESG-Liebling mit Premium-Bewertung.

Das Recycling-Segment bricht weg

Hauptproblem im ersten Quartal war erneut die Recycling-Sparte. Der Umsatz fiel hier um 19 Prozent auf 37 Millionen Euro. Wichtiger noch, das Segment rutschte mit 5 Millionen Euro Verlust in die roten Zahlen. Die EBITA-Marge liegt damit bei minus 14 Prozent. Im Vorjahresquartal stand hier noch eine schwarze Null.

Der Grund ist strukturell. Die Nachfrage nach Sortieranlagen für Kunststoff und Metall bleibt schwach. In Nordamerika und Europa halten sich die Entsorger mit Investitionen zurück. Dazu kommt Konkurrenz aus Asien, die mit günstigeren Maschinen in den Markt drängt. Tomra hatte bereits im Februar ein Sparprogramm mit Einsparzielen von 16 Millionen Euro pro Jahr angekündigt. Die zugehörigen Sonderkosten von 13 Millionen Euro belasteten das erste Quartal zusätzlich.

CEO Tove Andersen sprach von einem herausfordernden Marktumfeld. Die niedrigen Auftragseingänge der letzten Quartale schlagen jetzt voll auf den Umsatz durch. Wer hofft, dass sich die Lage im zweiten Quartal entspannt, findet im Ausblick wenig Trost. Tomra erwartet zwar eine Verbesserung des Produktmix, ein schnelles Durchstarten ist aber nicht in Sicht.

Collection und Food liefern, aber nicht genug

Die beiden anderen Sparten laufen deutlich besser. Die Collection-Sparte mit den Pfandautomaten wuchs im ersten Quartal um 12 Prozent auf 208 Millionen Euro. Treiber waren die neuen Pfandsysteme in Polen und Portugal, die beide Ende 2025 live gingen. Dazu kam am 1. April 2026 der Start des staatlichen Pfandsystems in Singapur, bei dem Tomra als Netzwerkbetreiber agiert. Das liefert wiederkehrende Umsätze und passt perfekt ins Geschäftsmodell.

Auch die Food-Sparte zeigt Momentum. Der Umsatz kletterte um 13 Prozent auf 79 Millionen Euro. Das Sparprogramm aus dem Jahr 2024 zahlt sich aus, die Profitabilität liegt über den ursprünglichen Zielen. Das kleine Horizon-Segment, in dem Tomra neue Geschäftsfelder rund um Recycling-Rohstoffe testet, verdoppelte den Umsatz auf 10 Millionen Euro, bleibt aber defizitär.

Das Problem ist die Gewichtung. Collection und Food liefern solide, aber das Plus reicht nicht aus, um die Schwäche im Recycling zu kompensieren. Dazu kommen höhere Betriebskosten durch Inflation und den Markthochlauf in Großbritannien und Polen. Die operativen Aufwendungen legten auf 108 Millionen Euro zu. Unterm Strich blieb operativ kein zusätzlicher Gewinn hängen, obwohl der Konzern 28 Millionen Euro mehr Umsatz gemacht hat.

Die Bewertung hat wenig Puffer nach unten

Die Tomra-Aktie hat in den letzten Jahren einen langen Leidensweg hinter sich. Vom Hoch im Januar 2022 bei knapp 35 Euro ist das Papier inzwischen mehr als 70 Prozent entfernt. Auch auf 52-Wochen-Sicht steht ein Minus von rund 25 Prozent. Seit dem 22. September 2025 befindet sich die Aktie laut Analyse von boerse.de im Abwärtstrend. Auf Fünfjahressicht hat Tomra jährlich im Schnitt über 22 Prozent verloren.

Trotzdem ist die Aktie kein Schnäppchen. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt laut Eulerpool bei 31, das Kurs-Umsatz-Verhältnis noch bei rund 2. Für ein Industrieunternehmen mit stagnierendem Umsatz und einer EBITA-Marge von 7,7 Prozent ist das ambitioniert. Der Markt preist weiterhin ein, dass Tomra die strategischen Ziele aus dem Kapitalmarkttag 2023 zumindest teilweise erreicht. Vorgesehen sind bis 2030 ein Umsatzwachstum von 15 Prozent pro Jahr und eine EBITA-Marge von 18 Prozent. Nach den aktuellen Zahlen wirken beide Ziele ambitioniert.

Jefferies hatte zuletzt ein Kursziel von 135 norwegischen Kronen ausgegeben. Das entspricht etwa 11,50 Euro und liegt damit in der Nähe des Vorgestern-Schlusskurses. Viel Fantasie nach oben bauen die Analysten also nicht ein. Gleichzeitig sind die Analysten überwiegend konstruktiv, Stand heute liegt der Konsens bei einer Kauf-Empfehlung. Die Schere zwischen Analysten-Optimismus und Marktreaktion ist damit groß.

Was Anleger aus dem Quartal mitnehmen sollten

Die Investmentstory von Tomra klingt auf dem Papier weiter attraktiv. Kreislaufwirtschaft ist ein struktureller Wachstumstrend. Die EU drängt mit der neuen Verpackungsverordnung auf mehr Rücknahmesysteme, auch Länder wie Polen, Portugal, Griechenland und Singapur ziehen nach. Tomra hat hier eine führende Marktposition und ein etabliertes Servicegeschäft.

Die Frage ist, ob das reicht. Das Problem im Recycling-Segment ist nicht mit ein paar Quartalen Geduld gelöst. Die asiatische Konkurrenz wird nicht weniger. Die Preise für recycelte Kunststoffe bleiben niedrig, solange Öl günstig ist. Dazu kommt, dass das Wachstum in Collection stark von wenigen Länder-Rollouts abhängt. Wenn neue Pfandsysteme sich verzögern, fehlt schnell die Umsatzbasis für Tomra.

Unsere Einschätzung: Die heutige Reaktion zeigt, wie wenig Vertrauen der Markt aktuell in die Story hat. Jede Enttäuschung wird hart abgestraft, weil die Bewertung eben doch auf Wachstum aufbaut. Wer die Aktie hält, sitzt auf Verlusten seit Jahren und muss entscheiden, ob er an den Turnaround glaubt oder aussteigt. Wer neu einsteigen will, bekommt die Aktie heute günstiger als seit langem. Dafür steht die Frage im Raum, wann aus günstig ein Einstieg wird und wann aus dem Schnäppchen eine Value-Trap.

Spannend ist auch der Blick auf Wettbewerber wie das US-Unternehmen Envipco oder die deutsche Sesotec, die in Teilmärkten direkt mit Tomra konkurrieren. Der Druck kommt nicht aus dem Nichts, er ist strukturell. Langfristig wird sich zeigen, ob Tomras Skalenvorteile und die enge Kundenbindung durch Serviceverträge ausreichen, um die Margen zu verteidigen.

Der Blick nach vorne bleibt schwierig

Die nächsten Quartalszahlen legt Tomra am 17. Juli 2026 vor. Der Markt wird vor allem auf zwei Dinge schauen. Erstens, ob die Recycling-Sparte ihre Talsohle erreicht hat und das Sparprogramm messbar greift. Zweitens, wie schnell die neuen Pfandsysteme in Polen, Portugal und Singapur Volumen generieren. Tomra selbst geht davon aus, dass diese drei Märkte 2026 rund 100 Millionen Euro zum Umsatz beisteuern. Die Hochlaufkosten belaufen sich allerdings auf etwa 20 Millionen Euro pro Jahr.

Potenzielle Katalysatoren gibt es durchaus. Die EU-Verpackungsverordnung tritt ab 2029 schrittweise in Kraft und zwingt weitere Länder zu Pfandsystemen. Tschechien, Rumänien und Italien sind bereits in der Planungsphase. Wer diese Aufträge holt, sichert sich Umsatz für die nächsten Jahre. Kurzfristig bleibt der Weg aber steinig. Das heutige Minus dürfte nicht die letzte harte Kursbewegung in diesem Jahr sein.