Altersvorsorgedepot: So funktioniert der Riester-Nachfolger ab 2027

Altersvorsorgedepot: So funktioniert der Riester-Nachfolger ab 2027

Der Bundestag macht ETF-Sparen zur geförderten Altersvorsorge

Am 27. März 2026 hat der Bundestag die größte Reform der privaten Altersvorsorge seit über zwanzig Jahren beschlossen. Das sogenannte Altersvorsorgedepot, kurz AV-Depot, löst die Riester-Rente ab. Start ist der 1. Januar 2027. Die Abstimmung im Bundesrat ist für den 24. April 2026 angesetzt, ein Veto gilt laut Bundesregierung als unwahrscheinlich. Ab Januar können dann Banken, Neobroker und Versicherungen die neuen Produkte anbieten.

Im Kern handelt es sich um ein staatlich gefördertes Wertpapierdepot. Sparer zahlen monatlich Geld ein, das in ETFs, Fonds oder europäische Staatsanleihen fließt. Der Staat legt Zulagen obendrauf, in der Ansparphase fallen weder Abgeltungsteuer noch Vorabpauschale an. Damit geht Deutschland endlich weg von den teuren Versicherungskonstrukten der Riester-Ära hin zum kapitalmarktnahen Sparen, wie es Schweden und Frankreich seit Jahren praktizieren. Bestehende Riester-Verträge genießen Bestandsschutz und laufen unverändert weiter.

So läuft die Förderung im neuen System

Die Grundzulage wurde im Vergleich zu Riester deutlich aufgestockt. Auf die ersten 360 Euro Eigenbeitrag pro Jahr zahlt der Staat 50 Cent je Euro dazu. Wer mehr einzahlt, bekommt auf die nächsten 1.440 Euro immerhin noch 25 Cent je Euro. Maximal sind so 540 Euro Grundzulage drin, eine Verdreifachung gegenüber den 175 Euro der alten Riester-Rente. Förderfähig sind Eigenbeiträge bis 1.800 Euro jährlich, also 150 Euro im Monat. Der Mindestbeitrag liegt bei 120 Euro pro Jahr.

Familien profitieren zusätzlich von der Kinderzulage. Für jedes kindergeldberechtigte Kind zahlt der Staat 100 Cent je eingezahltem Euro bis zu einer Obergrenze von 300 Euro pro Kind und Jahr. Bei zwei Kindern und 100 Euro monatlichem Eigenbeitrag landen so rund 2.190 Euro jährlich im Depot. Eigene Einzahlung 1.200 Euro, der Rest kommt vom Staat. Eine Familie mit mittlerem Einkommen fährt hier die höchste Förderquote aller bisherigen Riester-Modelle.

Neu ist die Öffnung für Selbstständige, die bislang vom Riester-System ausgeschlossen waren. Auch Freiberufler können ab 2027 das Altersvorsorgedepot nutzen, inklusive Förderung. Berufseinsteiger unter 25 erhalten einen zusätzlichen Bonus von 200 Euro. Besonders stark wirkt die Förderung, wenn das Finanzamt im Rahmen der sogenannten Günstigerprüfung automatisch entscheidet, ob die direkte Zulage oder der Sonderausgabenabzug günstiger ist. Bei einem Grenzsteuersatz von 42 Prozent kann der Steuervorteil die direkte Zulage deutlich übersteigen.

Drei Produktvarianten, viele Anbieter

Das Gesetz sieht drei Varianten vor. Wer sich zutraut, selbst ETFs auszuwählen, kann ein freies Altersvorsorgedepot eröffnen. Aus einer Positivliste mit zugelassenen UCITS-ETFs, Aktien-, Renten- und Mischfonds sucht sich der Sparer seine Bausteine selbst aus. Einzelaktien, Kryptowährungen und gehebelte Produkte sind ausgeschlossen, eine Aktienquote von 100 Prozent ist hingegen erlaubt.

Wer sich mit ETFs nicht auskennt, greift zum Standarddepot. Hier stecken zwei Fonds drin, ein Rendite-Baustein wie ein MSCI-World-ETF und ein Sicherheits-Baustein wie ein Staatsanleihen-ETF. Die Aufteilung übernimmt der Anbieter, mit steigendem Alter wird die Aktienquote automatisch reduziert. Daneben bleiben klassische Garantieprodukte zugelassen für alle, die auf Sicherheit setzen.

Anbieten dürfen das AV-Depot Banken, Sparkassen, Versicherungen, Fondsgesellschaften und Neobroker. Jeder Anbieter muss mindestens ein Standardprodukt mit maximal 1,0 Prozent jährlichen Effektivkosten im Sortiment haben. Zusätzlich soll die Bundesregierung ein öffentliches Standardprodukt auflegen lassen, das als Preis-Benchmark dienen wird. Erste konkrete Angebote werden laut Stiftung Warentest voraussichtlich ab Herbst 2026 verfügbar sein. Neobroker wie Trade Republic und Scalable Capital sowie klassische Direktbanken dürften zu den aggressivsten Anbietern gehören, weil ihre Kostenbasis niedriger ist als die von Versicherungen mit klassischem Vertriebsnetz.

So viel wächst bei 150 Euro im Monat

Ein Rechenbeispiel zeigt die Dimension. Eine 25-Jährige zahlt 42 Jahre lang monatlich 150 Euro ein und reizt damit den Förderhöchstbetrag aus. Die jährliche Grundzulage beträgt 540 Euro. Bei 7,5 Prozent Marktrendite und 1,0 Prozent Kosten erwartet sie laut Modellrechnung des Vergleichsportals Verivox zum Rentenbeginn mit 67 Jahren ein Depotvermögen von rund 480.000 Euro. Ohne jede Förderung, aber mit einem kostenfreien ETF-Depot wären es 496.000 Euro.

Die Rechnung klingt zunächst ernüchternd. Sie berücksichtigt aber keine Steuern, und genau hier liegt der größte Hebel des AV-Depots. In der Ansparphase kann das Depot vier Jahrzehnte lang brutto verzinst werden, während ein normales ETF-Depot Jahr für Jahr Abgeltungsteuer und Vorabpauschale abführt. Das Portal justETF hat vorgerechnet, dass 30 Jahre Sparen mit 150 Euro monatlich bei 6 Prozent Bruttorendite dank Steuerstundung rund 151.000 Euro ergeben. Im normalen Depot drücken laufende Steuern die Nettorendite auf etwa 4,9 Prozent, das Endergebnis auf 122.000 Euro.

Für Gutverdiener mit einem Grenzsteuersatz von 42 Prozent addiert sich der Sonderausgabenabzug. Bei voller Ausschöpfung können so neben der Zulage jährlich mehrere hundert Euro zusätzlich vom Finanzamt zurückkommen. Im Ruhestand wird der gesamte Auszahlungsbetrag dann mit dem persönlichen Steuersatz versteuert, der typischerweise niedriger liegt als während des Erwerbslebens. Diese Steuerstundung ist der eigentliche Grund, warum sich das Modell auch bei scheinbar mageren Zulagen lohnt.

Warum Verbraucherschützer trotzdem warnen

So sehr Stiftung Warentest und Verbraucherzentralen die Reform grundsätzlich begrüßen, so laut ist ihre Kritik im Detail. Der Hauptkritikpunkt ist der Kostendeckel von 1,0 Prozent für das Standardprodukt. Ursprünglich waren 1,5 Prozent geplant, nach massivem Druck von Verbraucherschützern wurde er gesenkt. Professor Hartmut Walz und die Initiative Finanzwende haben vorgerechnet, dass in Schweden der teuerste zugelassene Anbieter bei nur 0,19 Prozent liegt. Über 40 Jahre Anlagedauer macht der Unterschied zwischen 0,2 und 1,0 Prozent Kosten rund 65.000 Euro aus.

Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg warnte in der Anhörung zum Gesetz, dass die Fehlanreize im Vertrieb bestehen bleiben. Vermittler verdienen mit teureren Produkten schlicht mehr. Wer das Standardprodukt eines Anbieters wählt, der den Kostendeckel voll ausreizt, steht am Ende womöglich schlechter da als mit einem schlichten MSCI-World-ETF im normalen Depot. Die Verbraucherzentralen raten daher, bei den ersten Angeboten ab 2027 sehr genau hinzuschauen und im Zweifel auf das staatliche Standardprodukt zu warten.

Ein zweiter Kritikpunkt betrifft die Besteuerung. Im normalen Aktien-ETF werden Kursgewinne nur zu 70 Prozent versteuert, die sogenannte Teilfreistellung. Im AV-Depot gilt diese Regel nicht. Die komplette Auszahlung läuft als Einkommen und wird mit dem vollen Grenzsteuersatz erfasst. Wer als Rentner eine hohe gesetzliche Rente oder Nebeneinkünfte hat, könnte hier weniger netto übrig behalten als erhofft.

Was jetzt zu tun ist

Vor 2027 passiert erst einmal nichts. Neue Verträge lassen sich ab dem 1. Januar abschließen, bestehende Riester-Verträge laufen unverändert weiter und können bei Bedarf später in ein AV-Depot übertragen werden. Wer noch keinen Riester-Vertrag hat, sollte sich bis Herbst 2026 Zeit lassen und die Angebote der verschiedenen Anbieter vergleichen. Wichtig wird der Blick auf die Effektivkosten und auf die Breite der zugelassenen Fonds. Geringverdiener mit mehreren Kindern sollten ausrechnen lassen, ob das alte Riester-System womöglich lukrativer ist, denn neue Riester-Verträge sind nur noch bis Ende 2026 möglich.

Wer sich nicht zwischen Altersvorsorgedepot und ungebundenem ETF-Sparplan entscheiden mag, kann beides kombinieren. Bis zur Fördergrenze von 1.800 Euro pro Jahr ins AV-Depot, alles darüber hinaus in ein klassisches Depot mit voller Flexibilität. So landen die Zulagen zuverlässig im Topf, und die persönliche Liquidität bleibt erhalten. Für junge Berufstätige, die vierzig Jahre bis zur Rente haben, dürfte die Kombination aus Zinseszins, Steuerstundung und Zulage am Ende deutlich mehr bringen als reines Sparen ohne Förderung.