SpaceX wettet sein IPO auf eine KI-Division mit 322 Milliarden Dollar Zielumsatz

SpaceX Falcon-Rakete beim Abheben von der Startrampe inmitten dichter Rauch- und Flammenwolken als Bezug zum geplanten Börsengang und der KI-Wachstumsstrategie des Raumfahrtkonzerns

SpaceX wettet sein IPO auf eine KI-Division mit 322 Milliarden Dollar Zielumsatz

Wenn ein Unternehmen den größten Börsengang der Geschichte plant, braucht es eine überzeugende Geschichte. Bei SpaceX lautet die Geschichte nicht mehr primär Raketen oder Starlink, sondern Künstliche Intelligenz. Goldman Sachs, der Hauptunderwriter des Deals, prognostiziert, dass die KI-Sparte von SpaceX bis 2030 einen Umsatz von 322 Milliarden Euro (rund 354 Milliarden Dollar) erwirtschaftet. Der Ausgangspunkt: 2,9 Milliarden Euro (3,2 Milliarden Dollar) im Jahr 2025. Das wäre eine Verhundertfachung in fünf Jahren. Goldman legt damit eine Prognose vor, die selbst für Wall-Street-Verhältnisse außergewöhnlich kühn ist.

Der IPO-Roadshow startete am 4. Juni, die Preisfestsetzung ist für den 11. Juni geplant, das Nasdaq-Debüt unter dem Kürzel SPCX für den 12. Juni. SpaceX will damit 68 Milliarden Euro (75 Milliarden Dollar) einsammeln und wird bei einer Bewertung von rund 1,6 Billionen Euro (1,75 Billionen Dollar) gehandelt. Sofort bei Listung wäre SpaceX unter den zehn wertvollsten börsennotierten Unternehmen der USA.

Die xAI-Übernahme als Grundlage des KI-Spiels

Um zu verstehen, warum SpaceX überhaupt eine KI-Sparte hat, muss man zwei Schritte zurückgehen. Im März 2025 übernahm Musks KI-Unternehmen xAI das soziale Netzwerk X, früher Twitter, in einem reinen Aktientausch im Wert von 30 Milliarden Dollar. Damit kontrollierte xAI sowohl den KI-Chatbot Grok als auch eine Plattform mit 550 Millionen Nutzern als Datenbasis.

Im Februar 2026 schluckte dann SpaceX das gesamte xAI in einem weiteren Aktientausch, der xAI mit rund 228 Milliarden Euro (250 Milliarden Dollar) bewertete. Die kombinierte Gesellschaft kam auf eine Bewertung von rund 1,1 Billionen Euro (1,25 Billionen Dollar). Musk selbst schrieb dazu: "SpaceX und xAI vereinen sich zur ambitioniertesten, vertikal integrierten Innovationsmaschine auf und außerhalb der Erde." Das Ziel laut interner Kommunikation ist langfristig die Verlagerung von KI-Rechenkapazitäten in den Orbit, betrieben mit Solarenergie.

Offiziell wurde xAI am 6. Mai 2026 in die SpaceXAI-Division überführt. Die Produktpalette umfasst Grok, das X-Netzwerk sowie die Colossus-Supercomputer in Memphis, Tennessee.

Goldman und das Rechenmodell hinter der Billion-Dollar-Bewertung

Goldman Sachs legt in seinen Prognosen, die der Financial Times vorliegen, eine klare Struktur vor. Der Gesamtumsatz von SpaceX soll von 17,1 Milliarden Euro (18,7 Milliarden Dollar) im Jahr 2025 auf rund 432 Milliarden Euro (474 Milliarden Dollar) bis 2030 steigen. Den größten Anteil daran trägt die KI-Sparte mit 294 Milliarden Euro (322 Milliarden Dollar), gefolgt von Starlink mit 131 Milliarden Euro (144 Milliarden Dollar). Das klassische Raketengeschäft fällt mit 7,6 Milliarden Euro (8,3 Milliarden Dollar) fast ins Bedeutungslose.

Das erste Etappenziel: Für 2026 erwartet Goldman bereits einen Sprung der KI-Umsätze um 388 Prozent auf 14,2 Milliarden Euro (15,6 Milliarden Dollar). Ein erheblicher Teil davon kommt von einem einzigen Vertrag.

SpaceX vermietet Anthropic, dem KI-Unternehmen hinter dem Claude-Chatbot, Rechenkapazitäten in Form von rund 325.000 Nvidia-GPUs an den Colossus-Rechenzentren in Memphis. Anthropic zahlt dafür 1,14 Milliarden Euro (1,25 Milliarden Dollar) pro Monat. Der Vertrag läuft bis Mai 2029, was SpaceX über die gesamte Laufzeit potenziell mehr als 36 Milliarden Euro (40 Milliarden Dollar) einbringen würde. Das Modell nennt sich Neocloud: SpaceX baut Recheninfrastruktur, die es erstens selbst für Grok nutzt und zweitens an externe Kunden vermietet. Genau wie ein Immobilienbesitzer, der in den eigenen vier Wänden wohnt und den Rest vermietet.

Grok gegen Claude: Konkurrenten, die Geschäfte machen

Die Situation ist für alle Beteiligten ungewöhnlich, aber nicht selten im Tech-Sektor. Anthropic zahlt SpaceX für Rechenleistung, während SpaceX mit Grok einen direkten Konkurrenten zu Anthropics Claude betreibt. Das S-1-Prospekt, das SpaceX bei der SEC eingereicht hat, benennt Anthropic ausdrücklich als gleichzeitig bedeutenden Kunden und Wettbewerber.

Das Misstrauen gegenüber dieser Konstruktion ist berechtigt. Nach einer anfänglichen Ramp-up-Phase von zwei Monaten kann der Vertrag von jeder Seite mit 90 Tagen Vorlaufzeit gekündigt werden. In der Praxis könnte der scheinbar langfristige Multimilliarden-Vertrag also nach insgesamt etwa sechs Monaten enden. Für SpaceX wäre das ein erheblicher Einbruch in einer Kennzahl, die Goldman Sachs als Fundament seiner KI-Umsatzprognose nutzt.

Auf der anderen Seite hat Anthropic am selben Tag, an dem SpaceX seinen IPO-Roadshow startete, ebenfalls vertraulich seine eigenen Börsengangsunterlagen bei der SEC eingereicht. Der Markt erwartet eine Bewertung von Anthropic über 820 Milliarden Euro (900 Milliarden Dollar). Zwei direkte KI-Konkurrenten, die gleichzeitig Geschäftspartner sind und gleichzeitig an der Börse debütieren wollen: Das ist eine Konstellation, wie sie die Finanzwelt noch nicht gesehen hat.

Was Anleger wirklich kaufen

Wer SpaceX-Aktien beim IPO kauft, kauft keine Raketengesellschaft mehr. Goldman Sachs modelliert SpaceX als KI-Infrastruktur-Unternehmen mit einem Raketen- und Satelliten-Anhang. Das Bewertungsmodell basiert auf einem noch verlustmachenden KI-Segment, das innerhalb von fünf Jahren zum größten Umsatzbringer werden soll.

Morningstar schätzt den fairen Wert von SpaceX auf rund 714 Milliarden Euro (780 Milliarden Dollar), also weniger als die Hälfte der angestrebten IPO-Bewertung. Die Lücke zwischen Morningstar-Schätzung und Goldman-Prognose ist kein Zufall, sie ist eine Frage der Annahmen über die KI-Division. Anleger müssen sich entscheiden, ob sie dem aggressiven Wachstumsszenario glauben oder dem vorsichtigeren Bewertungsansatz.

Hinzu kommt ein strukturelles Risiko, das im S-1 offen angesprochen wird. Alle elf ursprünglichen xAI-Mitgründer sind nach der SpaceX-Übernahme das Unternehmen verlassen. Mehrere Schlüsselentwickler wechselten zu Anthropic und OpenAI. Grok verlor damit die Forschungsmannschaft, die das Produkt gebaut hatte. Musk hat neue Führungskräfte eingesetzt, Michael Nicolls vom Starlink-Team leitet SpaceXAI, aber ein vollständiger Führungstausch drei Monate vor dem Börsengang ist keine übliche Ausgangslage.

Für diversifizierte Anleger: Der KI-Infrastruktur-Sektor lässt sich breiter spielen. Nvidia profitiert unabhängig davon, wer die GPUs kauft. ETFs wie der Global X Robotics & Artificial Intelligence ETF (BOTZ) oder der iShares Semiconductors ETF ermöglichen breitere Positionierung ohne Einzeltitelrisiko.

Unsere Einschätzung:

Goldman Sachs hat als Lead-Underwriter des SpaceX-IPO finanzielle Anreize, die Bewertung zu stützen. Die 322-Milliarden-Dollar-Prognose für die KI-Division ist im Kontext zu lesen: Der Urheber verdient am Gelingen des Deals. Das macht die Zahl nicht falsch, aber es macht sie nicht neutral. Wer die Prognose als unabhängige Analyse liest, missversteht ihre Funktion.

Das Anthropic-Modell ist der kritische Schwachpunkt der ganzen Geschichte. Ein Monatsvertrag mit 90-Tage-Kündigungsfrist, der gleichzeitig einen signifikanten Teil der 2026er KI-Umsatzprognose trägt, ist eine dünne Grundlage für eine 1,6-Billionen-Bewertung. Wenn Anthropic nach dem eigenen Börsengang in eigene Infrastruktur investiert, wäre die Kündigung des SpaceX-Vertrags ein logischer nächster Schritt.

Das ändert nichts daran, dass SpaceX als Unternehmen real und profitabel ist. Starlink wächst, die Raketen fliegen, und die Recheninfrastruktur ist physisch vorhanden. Die Frage ist nicht, ob SpaceX ein gutes Unternehmen ist. Die Frage ist, ob 1,6 Billionen Euro ein fairer Preis dafür sind.

Vor dem Börsengang noch zwei Wochen Zeit

Die Preisfestsetzung am 11. Juni und der Handelsstart am 12. Juni kommen schnell. Bis dahin erscheinen noch die monatlichen US-Inflationsdaten am 10. Juni und der EZB-Zinsentscheid am 11. Juni, beides Events, die die allgemeine Marktstimmung beeinflussen können.

Wer in den ersten Handelstagen mitspringen will, sollte die Erfahrung mit dem Cerebras-IPO im Mai im Kopf behalten. Das KI-Chip-Unternehmen legte am ersten Tag 68 Prozent zu, fiel am zweiten Tag 10 Prozent. SpaceX-Aktien werden bei Privatbanken und über amerikanische Broker wie Interactive Brokers handelbar sein. IPO-Zuteilungen für Kleinanleger werden begrenzt sein, SpaceX hat lediglich 5 Prozent der Aktien für ausgewählte Mitarbeiter und Einzelpersonen reserviert.

Der Rest geht an institutionelle Investoren. Für alle anderen beginnt die Möglichkeit am 12. Juni um 9:30 Uhr Ortszeit New York.