Die ersten Kernfusion Aktien sind da

Die Börse bekommt ihre erste Fusionsfirma
Gestern war Premiere. Seit dem 13. Juli notiert mit General Fusion aus Vancouver erstmals eine reine Fusionsfirma an der Nasdaq, den Weg ebnete der Zusammenschluss mit einer bereits gelisteten Übernahmehülle. Das Unternehmen startet mit rund 150 Millionen Dollar in der Kasse, etwa 132 Millionen Euro, und einer Bewertung von rund einer Milliarde Dollar.
Fast zeitgleich biegt der nächste Deal auf die Zielgerade. Trump Media, der Mutterkonzern von Truth Social, fusioniert per Aktientausch im Wert von mehr als sechs Milliarden Dollar, rund 5,3 Milliarden Euro, mit dem kalifornischen Fusionspionier TAE Technologies. Der Abschluss ist für Mitte 2026 geplant, also für genau jetzt. Und Helion, das dritte große Startup der Branche, erhielt im Juni als weltweit erste Firma die Betriebslizenzen für ein Fusionskraftwerk.
Nach Jahrzehnten im Labor erreicht die Kernfusion damit den Kurszettel, lange bevor sie das Stromnetz erreicht. Genau in dieser Reihenfolge liegt die ganze Geschichte für Anleger.

Was die Fusion kann und was fehlt
Kernfusion kopiert die Sonne. Verschmelzen leichte Wasserstoffkerne zu Helium, wird enorm viel Energie frei, ohne CO2, ohne langlebigen Atommüll und ohne das Risiko einer Kernschmelze. Der Brennstoff ließe sich aus Wasser gewinnen und wäre praktisch unerschöpflich. Den wissenschaftlichen Beweis lieferte 2022 die US-Laseranlage NIF, deren Reaktion erstmals mehr Energie freisetzte, als die Laser hineinschossen. Der Haken dabei, das Ganze dauerte Sekundenbruchteile, und die Gesamtanlage verbrauchte ein Vielfaches.
Bis heute speist kein Fusionsreaktor auch nur eine Kilowattstunde ins Netz. Trotzdem sind nach Branchenschätzungen inzwischen über 15 Milliarden Dollar privates Kapital in das Feld geflossen, umgerechnet gut 13 Milliarden Euro. Weltweit arbeiten rund 50 Firmen an der Technik, 29 davon in den USA, vier in Deutschland. Der neue Treiber heißt künstliche Intelligenz, deren Rechenzentren einen schier endlosen Stromhunger entwickeln. Microsoft und Google haben deshalb schon Fusionsstrom bestellt, den noch niemand produzieren kann.
Fünf Aktien zwischen Wagnis und Weltkonzern
Wer investieren will, findet seit dieser Woche erstmals echte Fusionswerte neben den bekannten Umweg-Aktien. Diese fünf Titel decken die Bandbreite ab.
- •General Fusion ist seit Montag die erste börsennotierte reine Fusionsfirma der Welt. Die Kanadier komprimieren Plasma mechanisch mit flüssigem Metall, ein Ansatz mit Dampfmaschinen-Charme, den früh auch Jeff Bezos finanzierte. Die Testanlage LM26 heizte Plasma zuletzt auf 8,4 Millionen Grad, die entscheidenden Etappenziele sind für 2028 angesetzt. Bis dahin muss das frische Geld reichen.
- •Trump Media & Technology verwandelt sich gerade vom Social-Media-Betreiber in ein Fusionsvehikel. Nach dem Zusammenschluss mit TAE Technologies, geführt von zwei Co-Chefs und mit Donald Trump Jr. im Verwaltungsrat, soll noch 2026 der Bau eines ersten Kraftwerks mit 50 Megawatt beginnen, Betrieb ab 2031. TAE forscht seit 1998 und sammelte gut 1,3 Milliarden Dollar ein, umgerechnet 1,1 Milliarden Euro, unter anderem von Google, Chevron und Goldman Sachs.
- •Microsoft hat als erster Konzern der Welt Fusionsstrom fest bestellt. Ab 2028 soll das Startup Helion aus dem Kraftwerk Orion im US-Bundesstaat Washington liefern, einen Termin, den selbst Wohlgesinnte für extrem sportlich halten. Für den Softwareriesen ist der Vertrag eine günstige Option auf billige Energie für seine Rechenzentren.
- •Eni aus Italien ist der größte Industriegeldgeber von Commonwealth Fusion, dem am besten finanzierten Startup der Branche. Mehr als eine Milliarde Dollar, rund 880 Millionen Euro, hat der Ölkonzern zugesagt und sichert sich damit einen Platz in der ersten Reihe, falls die Technik zündet. Notiert ist die Aktie in Mailand.
- •Siemens Energy liefert den deutschen Zugang zum Thema. Der Kraftwerks- und Netzkonzern ist am Münchner Laser-Startup Marvel Fusion beteiligt und tritt in der Szene als Technologiepartner und Zulieferer auf. Verdient wird das Geld bis auf Weiteres mit Turbinen und Stromnetzen, die Fusion ist eine Beimischung mit langem Hebel.
Die Schwergewichte sammeln privat weiter Milliarden
Die beiden wichtigsten Firmen der Branche bleiben vorerst unerreichbar für Anleger. Commonwealth Fusion aus dem Umfeld des MIT hat knapp drei Milliarden Dollar eingesammelt, rund 2,6 Milliarden Euro, etwa ein Drittel des gesamten privaten Fusionskapitals. Der Testreaktor SPARC bei Boston soll 2027 sein erstes Plasma zünden, das kommerzielle Kraftwerk ARC ist für Anfang der 2030er Jahre in Virginia geplant, Google hat dort bereits 200 Megawatt reserviert. Helion wiederum erhitzte sein Plasma im Februar auf 150 Millionen Grad und wird nach der jüngsten Runde mit 15,5 Milliarden Dollar bewertet, rund 13,6 Milliarden Euro. Als Verwaltungsratschef schiebt OpenAI-Chef Sam Altman an.
Und Deutschland reklamiert eine Hauptrolle. Im Koalitionsvertrag steht der Satz "Der erste Fusionsreaktor der Welt soll in Deutschland stehen", bis 2029 verspricht der Bund über zwei Milliarden Euro Förderung, im Haushalt 2026 stehen davon allerdings erst 333 Millionen. Vier Startups arbeiten an dem Ziel. Proxima Fusion aus München setzt auf den Stellarator-Ansatz des Max-Planck-Instituts, Marvel Fusion und Focused Energy auf Laser, Gauss Fusion aus Hanau plant direkt ein kommerzielles Kraftwerk. Bei Marvel sind neben Siemens Energy übrigens auch die Deutsche Telekom und 350 Millionen Euro Kapital an Bord.
Noch liefert kein Reaktor eine Kilowattstunde
Die Risikoliste ist so lang wie die Geschichte der Technologie. Sämtliche Zeitpläne der Branche sind bereits gerutscht, SPARC etwa war ursprünglich für 2025 versprochen. General Fusion stand vor gut einem Jahr nach Entlassungen und einem öffentlichen Kapital-Appell des Chefs fast vor dem Aus. Und die Trump-Media-Konstruktion wirft eigene Fragen auf, die Aktie hatte vor dem Deal binnen zwölf Monaten über 70 Prozent verloren, Beobachter erwarten Prüfungen wegen möglicher Interessenkonflikte, schließlich reguliert die US-Regierung eine Branche, an der die Präsidentenfamilie nun beteiligt ist.
Auch das deutsche Versprechen hat prominente Zweifler. Die DIW-Energieökonomin Claudia Kemfert nennt das Kraftwerksziel "ein sehr stark politisch motiviertes Versprechen", eine Studie ihres Instituts mit der TU Berlin hält kommerzielle Fusion in den kommenden Jahrzehnten für unwahrscheinlich. Dazu kommt der übliche Beifang eines heißen Themas, am US-Freiverkehr tauchen bereits obskure Fusionsvehikel aus Hinterhof-Fusionen auf. Bei Microsoft, Eni und Siemens Energy wiederum bewegt das Thema den Kurs kaum, dort kauft man Weltkonzerne mit Fusions-Fußnote.
Die Terminliste reicht bis 2031
Kurzfristig zählt vor allem ein Datum. 2027 soll SPARC als erste private Anlage beweisen, dass ein Reaktor mehr Energie erzeugt als er verbraucht, der Magnetring der Maschine wird in diesem Sommer fertig. Noch dieses Jahr sollen außerdem der Trump-TAE-Deal abgeschlossen und der Bau des 50-Megawatt-Kraftwerks Copernicus begonnen werden, Betrieb ab 2031. Helion baut an der Anlage für die Microsoft-Lieferung ab 2028, General Fusion arbeitet seine Etappenziele bis 2028 ab, und in Deutschland entscheidet sich, ob aus zwei versprochenen Milliarden echte Haushaltsposten werden.
Unsere Einschätzung: Die Börse war schneller als die Physik. Kaufen lässt sich die Kernfusion seit dieser Woche, geliefert hat sie noch keine einzige Kilowattstunde. Jede dieser Aktien ist deshalb eine Wette auf Etappenziele, nicht auf Gewinne, mit Totalverlust als realistischem Ausgang und Jahrzehnten als Zeithorizont. Der ehrlichste Gradmesser kommt 2027, wenn SPARC zeigen muss, ob sich die Sonne tatsächlich in einen Stahltank sperren lässt. Bis dahin verdient in dieser Branche vor allem einer zuverlässig Geld, der Stromversorger, der die Labore beliefert.
