Neue Eskalation am Golf treibt den Ölpreis auf über 83 Dollar

Fast zehn Prozent Plus an einem Handelstag
Am Wochenende sind die Kämpfe zwischen den USA und dem Iran rund um die Straße von Hormus neu aufgeflammt. Beide Seiten griffen Ziele der Gegenseite an, Teheran erklärte die Meerenge anschließend für gesperrt bis auf Weiteres. Das US-Zentralkommando widersprach umgehend. Die Ölmärkte reagierten trotzdem heftig. Die US-Sorte WTI verteuerte sich am Montag zeitweise um mehr als neun Prozent auf rund 78 Dollar je Barrel, umgerechnet etwa 68 Euro. Die Nordseesorte Brent sprang auf über 83 Dollar, also rund 73 Euro.
Der eigentliche Paukenschlag folgte danach. Das von der US-Marine geführte maritime Informationszentrum kündigte eine Seeblockade sämtlicher iranischer Häfen und Küstenabschnitte an. Sie beginnt am Dienstag um 20 Uhr Weltzeit, das entspricht 22 Uhr deutscher Zeit, und gilt für alle Schiffe unabhängig von ihrer Flagge. Neutrale Frachter dürfen die Straße von Hormus weiterhin durchqueren, solange sie keine iranischen Häfen ansteuern. Hilfslieferungen kommen nur nach einer Inspektion durch.
Damit kehrt der Konflikt an den Punkt zurück, an dem er im Frühjahr schon einmal stand. Von Mitte April bis Ende Mai hatten die USA iranische Häfen bereits blockiert. Die im Juni verhandelte Waffenruhe ist nach nicht einmal vier Wochen faktisch Geschichte.

Ein Nadelöhr entscheidet über den Weltölpreis
Durch die Straße von Hormus fließen in Friedenszeiten rund 20 Millionen Barrel Öl pro Tag. Das entspricht etwa einem Fünftel des weltweit auf dem Seeweg gehandelten Öls, dazu kommen rund 20 Prozent des global verschifften Flüssiggases. An ihrer schmalsten Stelle misst die Meerenge zwischen dem Iran und Oman gerade einmal 34 Kilometer. Wer diese Passage kontrolliert oder auch nur glaubhaft bedroht, bewegt den Weltmarktpreis für Energie.
Der Krieg zwischen den USA, Israel und dem Iran läuft seit Ende Februar. Die iranischen Revolutionsgarden beschossen seither Handelsschiffe, legten Seeminen und sperrten die Durchfahrt immer wieder. Im April saßen nach Angaben der Internationalen Seeschifffahrtsorganisation zeitweise rund 2.000 Schiffe mit etwa 20.000 Seeleuten im Persischen Golf fest. Ende März kletterte Brent in der Spitze auf rund 118 Dollar. Erst die Absichtserklärung zwischen US-Präsident Donald Trump und Irans Präsident Masoud Pezeshkian vom 17. Juni drückte den Preis zurück in Richtung 74 Dollar. Die Entspannung hielt keine drei Tage. Schon am 20. Juni erklärte Teheran die Meerenge erneut für geschlossen, in der vergangenen Woche griffen die USA nach eigenen Angaben mehr als 80 Ziele im Iran an. Der Schiffsverkehr durch die Straße kam zuletzt fast vollständig zum Erliegen.
Die Börsen reagieren gespalten
Am härtesten traf es Asien. Der südkoreanische Leitindex Kospi brach am Montag zeitweise um mehr als acht Prozent ein und fiel unter die Marke von 7.000 Punkten. Die Börse in Seoul setzte den Handel für 20 Minuten komplett aus, bereits zum siebten Mal in diesem Jahr. Die exportabhängigen Chipkonzerne Samsung und SK Hynix verloren in der Spitze 10 beziehungsweise 14 Prozent. Japans Nikkei gab knapp zwei Prozent nach.
Europa zeigte sich dagegen erstaunlich robust. Der DAX schloss trotz der Eskalation mit einem kleinen Plus oberhalb von 25.000 Punkten, während Chipwerte auch in Frankfurt zu den Verlierern zählten. Die US-Börsen gingen leichter aus dem Handel, der S&P 500 notierte zuletzt bei rund 7.540 Punkten. Bemerkenswert war vor allem der Anleihemarkt. Die Rendite zweijähriger US-Staatsanleihen stieg auf ein 52-Wochen-Hoch von knapp 4,27 Prozent, zehnjährige Papiere rentierten mit 4,60 Prozent. Der Markt fürchtet also weniger eine Rezession als vielmehr eine neue Inflationswelle. Selbst Gold, eigentlich der klassische Krisengewinner, verlor am Montag rund zwei Prozent.
Tanken wird wieder spürbar teurer
Für deutsche Verbraucher kommt die Eskalation zur Unzeit. Zum 1. Juli ist der Tankrabatt ausgelaufen, der die Energiesteuer zwei Monate lang um rund 17 Cent je Liter gesenkt hatte. Die Zapfsäulenpreise sprangen daraufhin binnen eines Tages um etwa 15 Cent nach oben. Nach Zahlen des Statistischen Bundesamts kostete ein Liter Super E5 am 6. Juli im Schnitt 2,06 Euro, 8,4 Prozent mehr als in der Vorwoche. Diesel lag laut ADAC zuletzt bei gut 1,95 Euro je Liter. Auf dem Höhepunkt der ersten Kriegswelle im April hatte Diesel mit 2,447 Euro ein Allzeithoch markiert.
Der neue Ölpreissprung dürfte binnen weniger Tage an den Tankstellen ankommen. Er trifft eine Inflation, die sich gerade erst beruhigt hatte. Im Juni sank die Teuerung im Euroraum laut Eurostat von 3,2 auf 2,8 Prozent, in Deutschland von 2,6 auf 2,3 Prozent. Die Energiepreise lagen trotzdem noch 8,7 Prozent über dem Vorjahresniveau. Die EZB hat auf den Energieschock längst reagiert. Am 11. Juni hob sie die Leitzinsen erstmals seit September 2023 an, der Einlagensatz liegt seither bei 2,25 Prozent. Für 2026 erwartet die Notenbank im Schnitt 3,0 Prozent Inflation bei mageren 0,8 Prozent Wachstum. Fachleute nennen diese Mischung Stagflation, also stagnierende Wirtschaft bei gleichzeitig steigenden Preisen.
Was der Öl-Schock für Anleger bedeutet
Ein teures Barrel sortiert die Branchen neu. Öl- und Gaskonzerne verdienen an jedem Dollar Preisanstieg mit, Versorger mit eigener Förderung ebenfalls. Auf der Verliererseite stehen Fluggesellschaften, Logistiker und die Chemieindustrie, deren Kostenbasis direkt am Ölpreis hängt. Zinssensible Wachstumswerte leiden gleich doppelt, denn steigende Anleiherenditen drücken zusätzlich auf ihre Bewertungen. Der Ausverkauf bei asiatischen Chipwerten am Montag zeigt, wie schnell diese Rechnung aufgehen kann.
Für die Geldpolitik verschiebt der Öl-Schock die Gewichte. Laut dem FedWatch-Tool der Terminbörse CME preisen die Märkte inzwischen eine Wahrscheinlichkeit von rund 60 Prozent für eine Zinserhöhung der Fed im September ein. Noch zu Jahresbeginn galten Zinssenkungen als ausgemacht. Auch bei der EZB dürften die Rufe nach einem weiteren Schritt lauter werden, sollten die Energiepreise auf diesem Niveau verharren. Der Euro notierte zum Wochenstart mit rund 1,14 Dollar stabil, was Euro-Anlegern mit US-Positionen zumindest keine zusätzlichen Währungsverluste beschert. Unsere Einschätzung fällt nüchtern aus. Wer breit gestreut investiert, muss wegen eines einzelnen Eskalationsschubs nichts überstürzen. Die Erfahrung aus dem Frühjahr lehrt allerdings, dass Energiepreise in diesem Konflikt schneller steigen als sie fallen.
Der Dienstag wird zum Stresstest
Die kommenden 48 Stunden bündeln gleich drei Risikotermine. Um 22 Uhr deutscher Zeit tritt am Dienstag die Seeblockade in Kraft, und niemand weiß, wie Teheran darauf antwortet. Bereits um 14.30 Uhr veröffentlicht Washington die US-Verbraucherpreise für Juni. Der Konsens rechnet laut FactSet mit einem Rückgang von 4,2 auf rund 3,8 Prozent. Fällt der Wert höher aus, dürften die Zinswetten weiter anziehen. Zeitgleich sagt der neue Fed-Chef Kevin Warsh erstmals vor dem US-Kongress aus.
Danach richtet sich der Blick nach Frankfurt und Peking. Am Mittwoch legt China seine Wachstumszahlen für das zweite Quartal vor, am 23. Juli entscheidet die EZB über die Zinsen, Ende Juli folgt die Fed. Bleibt die Straße von Hormus dicht, wird billiges Öl auf absehbare Zeit ein frommer Wunsch bleiben. Öffnet sich dagegen ein diplomatisches Fenster, kann der Preis ebenso schnell wieder fallen wie im Juni. Anleger sollten sich auf ein Wechselbad einstellen.
