GameStop will eBay schlucken und sein Chef sorgt für Chaos

GameStop-Aktie in einer Finanz-App auf dem Smartphone mit einem Kurs von 227,75 Euro und einem Tagesplus von 14,68 Prozent

GameStop greift nach dem viermal größeren eBay

GameStop ist vielen ein Begriff. Die Videospiel-Kette wurde 2021 zum Symbol der Meme-Aktien, als Kleinanleger den Kurs in die Höhe trieben. Jetzt sorgt der Konzern wieder für Schlagzeilen, diesmal mit einem kühnen Plan. GameStop will eBay kaufen.

Am 3. Mai 2026 legte GameStop ein unverbindliches Angebot vor. Für jede eBay-Aktie sollen 125 Dollar fließen, also rund 108 Euro. Bezahlt wird zur Hälfte in bar und zur Hälfte in GameStop-Aktien. In Summe geht es um etwa 55,5 Milliarden Dollar, knapp 48 Milliarden Euro. Das ist ein Aufschlag von 46 Prozent auf den eBay-Kurs vom 4. Februar, dem Tag, an dem GameStop heimlich begann, Anteile einzusammeln. Inzwischen hält der Konzern einen wirtschaftlichen Anteil von 5 Prozent an eBay.

Der Haken ist die Größe. eBay ist fast viermal so viel wert wie GameStop selbst. Ein kleiner Spieler will einen großen schlucken. Daran entzündet sich die ganze Debatte.

Ein Zwerg will einen Riesen kaufen

Wie soll GameStop das stemmen? Auf dem Konto liegen rund 9,4 Milliarden Dollar, etwa 8,1 Milliarden Euro, an Bargeld und liquiden Anlagen. Dazu hat die Bank TD Securities einen sogenannten Highly-Confident-Letter über bis zu 20 Milliarden Dollar geschickt, knapp 17 Milliarden Euro. Das ist eine Absichtserklärung, dass die Bank die Finanzierung für sehr wahrscheinlich hält, aber noch keine feste Zusage.

Selbst damit bleibt eine Lücke. Die Hälfte des Kaufpreises soll ja in Aktien bezahlt werden. GameStop ist an der Börse nur rund 12 Milliarden Dollar wert, also etwa 10 Milliarden Euro. Um eBay-Aktionären Papiere im Wert von fast 28 Milliarden Dollar zu geben, müsste GameStop massiv neue Aktien drucken. So viele, dass die bisherigen Eigentümer kräftig verwässert würden. Cohen selbst räumte ein, dass die eBay-Aktionäre am Ende wohl die Mehrheit am neuen Konzern halten würden.

Eine Sache spricht für Cohens Glaubwürdigkeit. Er bezieht als Chef kein Gehalt, keinen Bonus, keine Abfindung. Seine Bezahlung hängt komplett am Erfolg. Erst wenn GameStop einen Börsenwert von 100 Milliarden Dollar, rund 86 Milliarden Euro, und 10 Milliarden Dollar an kumuliertem operativem Gewinn erreicht, kassiert er überhaupt etwas. Bis dahin sitzt er mit rund 9 Prozent Anteil im selben Boot wie die Aktionäre.

Das Interview, das alle ratlos zurückließ

Um den Deal zu erklären, ging Cohen am 4. Mai zu CNBC in die Sendung Squawk Box. Was dann folgte, lief als einer der seltsamsten Auftritte der jüngeren Börsengeschichte durch das Netz.

Sechzehn Minuten lang wirkte Cohen abwesend, vermied Blickkontakt und gab knappe, ausweichende Antworten. Auf die Frage, woher die fehlenden Milliarden kommen sollen, verwies er auf die Website und sagte sinngemäß, es sei eben halb Bargeld, halb Aktien. Als die Moderatoren nachhakten, antwortete er nur, man werde sehen, was passiert. Auf die Frage, ob es schon Gespräche mit eBay gebe, kam nach langer Pause ein knappes Nein, gefolgt von dem Satz, man stehe ja erst am Anfang. Als Moderatorin Becky Quick erneut nach dem Geld fragte, sagte Cohen schlicht, er verstehe die Frage nicht. Dann Stille.

Das Pikante daran ist Cohens Vorgeschichte. Er ist kein Neuling. Cohen baute den Online-Tierbedarf Chewy auf und verkaufte ihn 2017 für 3,35 Milliarden Dollar, rund 2,9 Milliarden Euro, an PetSmart. 2021 stieg er bei GameStop ein, mitten im legendären Short Squeeze, als die Aktie binnen zwei Wochen um 1.500 Prozent explodierte. Seitdem führt er das Unternehmen aus den roten Zahlen. Aus einem Verlust von 381 Millionen Dollar im Geschäftsjahr 2021 wurde zuletzt ein Gewinn von 418 Millionen Dollar. Jemand mit dieser Bilanz blamiert sich nicht versehentlich im Fernsehen. Manche Beobachter fragten sich deshalb, ob das Chaos kalkuliert war.

Burry zieht die Reißleine

Die Reaktion an der Börse war eindeutig. Die GameStop-Aktie fiel am Tag der Ankündigung um rund 10 Prozent, ehe sie sich tags darauf leicht erholte. Investoren zweifelten offen an der Rechnung hinter dem Deal.

Der prominenteste Zweifler war Michael Burry, bekannt aus dem Film The Big Short. Burry hatte zuvor auf GameStop gesetzt, weil er in Cohen einen disziplinierten Käufer sah, der mit vorhandenem Geld günstig zukauft. Der eBay-Deal mit seinem Schuldenberg passte nicht mehr zu dieser Idee. Burry verkaufte seinen kompletten Anteil und schrieb, man dürfe Schulden niemals mit Kreativität verwechseln. Nach seiner Rechnung würde die Verschuldung auf das Fünf- bis Siebenfache des operativen Gewinns klettern, ein Niveau am Rande der Zahlungsunfähigkeit.

Dann wurde es kurios. Cohen versuchte, GameStop-Fanartikel wie Tassen und Socken ausgerechnet auf eBay für mehrere tausend Dollar zu verkaufen. eBay sperrte daraufhin sein Konto mit dem Hinweis, er gefährde die Gemeinschaft. Cohen postete den Sperrhinweis auf X. Burry kommentierte trocken, damit sei die Übernahme nun feindlich. Die Episode zwischen Provokation und Slapstick zeigte vor allem, wie ungewöhnlich dieser Bieter auftritt.

Am 12. Mai zog eBay einen Schlussstrich. Der Konzern wies das Angebot zurück und nannte es weder glaubwürdig noch attraktiv. Auch Branchenanalysten gaben dem Deal von Anfang an wenig Chancen.

Was Anleger aus dem Fall mitnehmen

Der Fall führt zwei Risiken vor Augen, die junge Anleger gern unterschätzen. Verwässerung und Verschuldung.

Verwässerung heißt, dass ein Unternehmen neue Aktien ausgibt und der Anteil bestehender Eigentümer dadurch schrumpft. Wer eine GameStop-Aktie hält, hätte nach so einem Deal ein kleineres Stück vom Kuchen, selbst wenn der Kuchen am Ende größer wäre. Verschuldung wiederum wirkt wie ein Hebel. Läuft alles gut, verstärkt sie die Gewinne. Läuft es schlecht, kann sie ein Unternehmen erdrücken. An genau diesem Punkt setzte Burrys Kritik an.

Für eBay-Aktionäre bedeutete das Angebot kurzfristig einen schönen Aufschlag auf den Kurs. Die Hälfte der Bezahlung wären allerdings Aktien eines deutlich kleineren, hoch verschuldeten Konzerns gewesen. Solche Papiere sind schwerer einzuschätzen als schlichtes Bargeld. Und bei GameStop gilt die alte Meme-Aktien-Lektion weiter. Der Kurs kann sich von der Nachrichtenlage lösen und heftig schwanken, in beide Richtungen.

Wie es jetzt weitergeht

Mit dem Nein von eBay ist der Deal vorerst gestoppt. Cohen hat aber durchblicken lassen, dass er nicht so schnell aufgibt. Lehnt der Vorstand ab, könnte er sein Angebot direkt an die eBay-Aktionäre richten und einen Machtkampf um deren Stimmen führen, einen sogenannten Proxy Fight.

Ob daraus etwas wird, hängt vor allem am Geld und an der Stimmung der Aktionäre. Ohne breite Unterstützung großer Investoren fehlt die Basis für einen so teuren Zukauf. Für junge Anleger taugt der Fall ohnehin weniger als Spekulationsobjekt, sondern als Anschauungsmaterial. Selten lässt sich so gut beobachten, wie Ehrgeiz, Finanzierung und ein einziges Fernsehinterview den Wert eines Unternehmens in Bewegung bringen.