Diese Deep Sea Aktien gibt es an der Börse

Der Machtkampf um den Meeresboden spitzt sich zu
Seit Montag verhandeln die Mitgliedsstaaten der Internationalen Meeresbodenbehörde (ISA) wieder in Kingston auf Jamaika. Im Zentrum steht der Mining Code, das seit Jahren überfällige Regelwerk für kommerziellen Bergbau in der Tiefsee. Mehr als 40 Regierungen fordern inzwischen ein Moratorium, darunter Deutschland, Brasilien und Großbritannien. Die Industrie drängt dagegen auf einen schnellen Start.
Die USA warten nicht auf Jamaika. Washington hat das UN-Seerechtsabkommen nie ratifiziert und vergibt auf Basis eines Gesetzes von 1980 eigene Lizenzen, gestützt auf ein Dekret von Präsident Trump aus dem April 2025. Bei der zuständigen US-Behörde NOAA stapeln sich inzwischen die Anträge, fünf davon betreffen allein die Clarion-Clipperton-Zone im Pazifik. Den wichtigsten hat The Metals Company gestellt. Die Behörde stufte ihn Anfang Mai als vollständig regelkonform ein, die finale Genehmigung erwartet der Konzern bis Ende März 2027.
Gleichzeitig fließt frisches Kapital in die junge Branche. Die Fusion von Odyssey Marine Exploration mit American Ocean Minerals bewertet den neuen Konzern mit rund einer Milliarde Dollar, umgerechnet etwa 880 Millionen Euro. Für Anleger entsteht damit erstmals eine kleine, handelbare Auswahl an Deep Sea Aktien.

Warum die Knollen so begehrt sind
Das Objekt der Begierde liegt in über 4.000 Metern Tiefe. Manganknollen wachsen dort über Jahrmillionen heran und enthalten Nickel, Kupfer, Kobalt und Mangan in ungewöhnlich hoher Konzentration. Schätzungen gehen allein für die Clarion-Clipperton-Zone zwischen Hawaii und Mexiko von 25 bis 40 Milliarden Tonnen Knollenmaterial aus. Genau diese Metalle stecken in Batterien, Stromnetzen und Rüstungsgütern, also überall dort, wo der Westen seine Abhängigkeit von China verringern will.
Bislang hat weltweit noch kein Unternehmen kommerziell in der Tiefsee abgebaut. Rund 30 Erkundungslizenzen hat die ISA vergeben, zwei davon hält Deutschland über die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe. Das deutsche Pazifik-Gebiet misst etwa 75.000 Quadratkilometer und ist damit etwas größer als Bayern. Kommerziell nutzen darf es niemand, solange der Mining Code fehlt.
Diese fünf Unternehmen sind an der Börse
Wer den Sektor ins Depot holen will, findet bislang nur eine Handvoll börsennotierter Werte. Die meisten sind klein, jung und hochriskant. Diese fünf Deep Sea Aktien lassen sich derzeit handeln.
- •The Metals Company gilt als Pionier und lautester Antreiber der Branche. Die Kanadier halten über Tochterfirmen zwei ISA-Erkundungslizenzen in der Clarion-Clipperton-Zone und beantragen parallel die US-Genehmigung für ein 65.000 Quadratkilometer großes Gebiet, in dem nach Firmenangaben 619 Millionen Tonnen nasses Knollenmaterial lagern. Zusammen mit dem Schweizer Offshore-Spezialisten Allseas entsteht ein Fördersystem für bis zu drei Millionen Tonnen pro Jahr. Die Aktie notiert an der Nasdaq, nennenswerte Umsätze macht das Unternehmen bislang nicht.
- •Odyssey Marine Exploration begann einst als Schatzsucher und barg Ladungen aus historischen Schiffswracks. Jetzt fusioniert die Firma mit American Ocean Minerals zu einem Tiefsee-Konzern, der nach Abschluss unter neuem Namen an der Nasdaq gehandelt werden soll. Die neue Gesellschaft sichert sich Beteiligungen an zwei der drei Erkundungslizenzen in der Wirtschaftszone der Cookinseln, wo Ressourcenberichte 417 Millionen Tonnen angezeigte und über zwei Milliarden Tonnen vermutete Vorkommen ausweisen. Den Verwaltungsrat führt der frühere Rio-Tinto-Chef Tom Albanese, in der Kasse sollen zum Start rund 175 Millionen Dollar liegen, etwa 154 Millionen Euro.
- •The Metals Royalty Company ist eine Abspaltung von The Metals Company und notiert seit April 2026 ebenfalls an der Nasdaq. Statt selbst zu baggern, soll die Gesellschaft über Lizenzabgaben an einer künftigen Produktion mitverdienen. Goldanleger kennen dieses Royalty-Modell seit Jahrzehnten.
- •Deep Sea Minerals aus Vancouver ist der kleinste Wert der Runde. Der Micro Cap entwickelt Projekte in nationalen Gewässern und im internationalen Seegebiet und kündigte Anfang 2026 an, ebenfalls eine Lizenz über das US-Verfahren anzustreben. Gehandelt wird das Papier in Kanada und auch an der Börse Frankfurt.
- •Green Minerals aus Norwegen setzt nicht auf Pazifik-Knollen, sondern auf Sulfidvorkommen am norwegischen Kontinentalschelf. Die Firma wartet auf die erste Lizenzrunde, die Oslo nach einer politischen Vollbremsung Ende 2024 nun für 2026 plant. Notiert ist der Nebenwert am Osloer Wachstumssegment Euronext Growth.
Konzerne und Investoren mischen im Hintergrund mit
Hinter den kleinen Börsenwerten stehen erstaunlich große Namen. Der Rohstoffhändler Glencore hat sich früh Abnahmerechte für Nickel und Kupfer aus dem Projekt von The Metals Company gesichert. Der südkoreanische Metallkonzern Korea Zinc stieg im Sommer 2025 mit 85 Millionen Dollar ein, umgerechnet knapp 75 Millionen Euro. Und der Schweizer Offshore-Riese Allseas liefert nicht nur die Fördertechnik samt Produktionsschiff Hidden Gem, sondern unterstützt seinen Partner laut Greenpeace auch finanziell.
Auch etablierte Konzerne tasten sich heran. Der Bohrspezialist Transocean stellt der Branche Ausrüstung und Know-how. Der belgische Wasserbaukonzern DEME hat über seine Tochter Global Sea Mineral Resources bereits Sammelroboter am Meeresgrund getestet. Start-ups wie Impossible Metals arbeiten dagegen bislang mit privatem Kapital.
Den größten Schatten wirft allerdings China. Peking hält fünf ISA-Erkundungslizenzen, mehr als jedes andere Land, und ist 2026 größter Beitragszahler der Behörde. Der Wettlauf um die Tiefsee ist damit längst auch ein geopolitisches Rennen zwischen Washington und Peking.
Chancen und Risiken für Anleger
Alle reinen Deep Sea Aktien teilen ein Grundproblem. Sie verdienen noch kein Geld. Selbst Branchenprimus The Metals Company setzt bislang weniger als eine Million Dollar um, umgerechnet unter 880.000 Euro. Die Entwicklung verschlingt dagegen dreistellige Millionenbeträge, die sich die Firmen über Kapitalerhöhungen besorgen. Bestehende Aktionäre werden dadurch regelmäßig verwässert.
Dazu kommt ein binäres Regulierungsrisiko. Eine erteilte Genehmigung kann den Kurs vervielfachen, eine Ablehnung oder Verzögerung ihn abstürzen lassen. Die Rechtslage bleibt zudem umstritten. Die ISA prüft gerade, ob Firmen mit ISA-Lizenzen gegen ihre Pflichten verstoßen, wenn sie parallel US-Genehmigungen anstreben. Ausgerechnet jetzt steht in Kingston die Verlängerung der auslaufenden Lizenz der TMC-Tochter NORI an. Eine Kündigung wäre ein herber Schlag.
Auch der Gegenwind aus Wirtschaft und Gesellschaft ist real. Rund 70 Unternehmen unterstützen ein Moratorium, darunter BMW und Google. Einige Großbanken schließen die Finanzierung von Tiefseeprojekten aus. Deutschland fährt derweil einen Doppelkurs. Die Bundesregierung fordert offiziell eine vorsorgliche Pause, ließ über die BGR nach Greenpeace-Berechnungen aber bereits rund 175 Millionen Euro in die Erkundung fließen. Eine deutsche Deep Sea Aktie existiert nicht. Wer investieren will, muss an Auslandsbörsen handeln und trägt Währungsrisiken in Dollar oder Kronen. Und selbst mit Genehmigung entscheidet am Ende der Nickelpreis darüber, ob sich das Einsammeln in 4.000 Metern Tiefe überhaupt rechnet.
Der Fahrplan bis zur ersten Genehmigung
Die nächsten Wegmarken stehen fest. In Kingston verhandelt der ISA-Rat bis in die zweite Julihälfte, ab dem 20. Juli tagt zusätzlich die Vollversammlung. Die Generalsekretärin peilt einen fertigen Entwurf des Mining Code bis Jahresende an. In den USA erarbeitet die NOAA als Nächstes eine Umweltverträglichkeitsprüfung für das TMC-Projekt, die finale Entscheidung soll bis Ende März 2027 fallen. Partner Allseas will bis zum Herbst Aufträge an Zulieferer vergeben, damit das Fördersystem 2027 einsatzbereit ist. Die Fusion zu American Ocean Minerals soll noch in diesem Sommer über die Bühne gehen, und Norwegen plant seine verschobene Lizenzrunde ebenfalls für dieses Jahr.
Unsere Einschätzung: Der Tiefseebergbau ist keine Science-Fiction mehr, sondern ein Verwaltungsvorgang mit Datum. Trotzdem bleibt die gesamte Branche vorerst ein Versprechen, denn die Kurse hängen an Behördenpost statt an Bilanzen. Deep Sea Aktien können sich vervielfachen oder nahezu wertlos verfallen, dazwischen liegt erstaunlich wenig. Wer hier einsteigt, spekuliert auf Politik mindestens so sehr wie auf Geologie.
