Warum Gold trotz Kriegsangst gerade an Glanz verliert

Der sichere Hafen schwächelt am Krisentag
Eigentlich war dieser Montag wie gemacht für Gold. Die USA und der Iran eskalieren am Persischen Golf, der Ölpreis springt um mehr als neun Prozent, in Seoul stoppt ein Kurssturz zeitweise den gesamten Aktienhandel. Gold fällt trotzdem. Der Spotpreis rutschte um mehr als zwei Prozent auf rund 4.012 Dollar je Feinunze, umgerechnet etwa 3.520 Euro. Der zweite Verlusttag in Folge und zugleich der tiefste Stand des laufenden Jahres.
Vom Rekordhoch ist das Edelmetall damit ein gutes Stück entfernt. Am 29. Januar kostete die Unze in der Spitze 5.597 Dollar, seither hat Gold rund 28 Prozent verloren. Wer nahe dem Hoch eingestiegen ist, sitzt auf einem herben Minus. Wer seit Jahren dabei ist, liegt weiter üppig vorn. Der Widerspruch zwischen Krisenlage und Kursverlust ist dabei kein Zufall. Er verrät ziemlich genau, wovor die Märkte gerade wirklich Angst haben.

Vom Rekordhoch zur Korrektur in sechs Monaten
Der Lauf davor war außergewöhnlich. Im August 2020, mitten in der Pandemie, übersprang Gold erstmals die Marke von 2.000 Dollar. Im April 2025 folgten nach der Ankündigung der US-Zölle die 3.000 Dollar, während des wochenlangen Regierungsstillstands in Washington Ende 2025 dann die 4.000. Nach Berechnungen der Weltbank legte der Preis 2025 um rund 42 Prozent zu, der stärkste Jahresgewinn seit Ende der 1970er Jahre. Binnen weniger als zwei Jahren hatte sich das Metall im Wert verdoppelt. Neben den Notenbanken griffen auch Fonds beherzt zu. Allein im dritten Quartal 2025 flossen 222 Tonnen in börsengehandelte Goldprodukte, so viel wie in keinem Quartal zuvor.
Den Schlusspunkt setzte der Rekord vom 29. Januar 2026. Auf Jahressicht stand zu diesem Zeitpunkt ein Plus von 95,6 Prozent. Seitdem läuft die Gegenbewegung. Erst bröckelte der Preis im Frühjahr, dann pendelte er monatelang seitwärts, nun hat er auch die Zone um 4.100 Dollar nach unten verlassen. Charttechniker sehen die nächste größere Unterstützung erst bei rund 3.920 Dollar.
Zinsangst schlägt Kriegsangst
Der Grund für die Schwäche klingt zunächst paradox. Ausgerechnet der Krieg, der Gold eigentlich stützen müsste, belastet den Preis. Die Kette dahinter geht so. Der Öl-Schock treibt die Inflationserwartungen, also rechnen die Märkte mit strafferen Notenbanken. Die Rendite zweijähriger US-Staatsanleihen kletterte am Montag auf ein 52-Wochen-Hoch von knapp 4,27 Prozent, zehnjährige Papiere werfen 4,60 Prozent ab. Gold dagegen zahlt weder Zinsen noch Dividende. Je mehr sichere Anleihen abwerfen, desto teurer wird es, stattdessen Barren zu halten.
Dazu kommt die neue Tonlage der Fed. Die US-Notenbank hält den Leitzins seit Monaten bei 3,50 bis 3,75 Prozent, doch im Protokoll der Juni-Sitzung plädierten einzelne Mitglieder bereits für eine Anhebung. Laut dem FedWatch-Tool der Terminbörse CME preisen die Märkte inzwischen eine Wahrscheinlichkeit von rund 60 Prozent für eine Zinserhöhung im September ein. Ein festerer Dollar verteuert Gold zusätzlich für Käufer außerhalb der USA, der Euro kostete zum Wochenstart rund 1,14 Dollar. Das Muster kennen Anleger aus dem Sommer 2022. Damals lag die US-Inflation bei 9,1 Prozent, trotzdem fiel Gold in Richtung 1.700 Dollar, weil die Fed die Zinsen aggressiv anhob. Gold schützt vor Inflation, die Notenbanken laufen lassen. Gegen entschlossene Zinserhöhungen ist es kurzfristig machtlos.
Zentralbanken kaufen weiter, nur leiser
Die wichtigste Stütze des Marktes bleibt trotzdem intakt. Notenbanken kauften 2025 nach Angaben des World Gold Council netto 863 Tonnen Gold, seit 2022 läuft der Zukauf etwa doppelt so schnell wie im Durchschnitt der Jahre davor. Zu Jahresbeginn ließ das Tempo allerdings nach. Die Türkei verkaufte allein im März 60 Tonnen, um ihre Währung zu stützen, andere Käufer hielten sich zurück.
China hält dagegen. Nach Daten von J.P. Morgan importierte das Land im ersten Quartal netto 317 Tonnen Gold, fast dreimal so viel wie im Quartal davor. Die chinesische Notenbank beschleunigte ihre offiziellen Käufe von rund einer Tonne pro Monat auf fünf Tonnen im März und acht im April, im Juni meldete sie den größten Monatszuwachs seit über zweieinhalb Jahren. Dahinter steckt Strategie. Seit dem Einfrieren der russischen Währungsreserven 2022 gilt Gold vielen Schwellenländern als sanktionssicherer Ersatz für Dollar-Anlagen. Erstmals seit 1996 machen Goldbestände in den Reserven ausländischer Notenbanken einen größeren Anteil aus als US-Staatsanleihen, hat Morgan Stanley errechnet. In einer Umfrage des World Gold Council gaben zudem 95 Prozent der Notenbanken an, ihre Bestände in den kommenden zwölf Monaten weiter aufstocken zu wollen. Auch Polen, Kasachstan und Brasilien zählten zuletzt zu den größeren Käufern. Für 2026 rechnet der Branchenverband mit Käufen zwischen 700 und 900 Tonnen.
Was Anleger aus der Korrektur lesen können
Der fallende Goldpreis an einem Kriegstag sendet eine klare Botschaft. Die Märkte fürchten steigende Zinsen im Moment mehr als eine militärische Eskalation. Solange diese Sorge dominiert, dürfte Gold eher Gegenwind als Rückenwind spüren, ganz gleich, was am Persischen Golf passiert. Für Euro-Anleger dämpft der feste Dollar die Verluste bei der Umrechnung immerhin etwas ab.
An der langfristigen Bilanz ändert die Korrektur wenig. Über die vergangenen fünf Jahre hat Gold nach Daten von Forbes gut 120 Prozent zugelegt, der S&P 500 kam auf rund 73 Prozent. Wer das Metall als Beimischung und Versicherung gegen extreme Szenarien hält, ob als Münze im Schließfach oder über physisch hinterlegte Wertpapiere, bekam dafür zuletzt einen ordentlichen Ausgleich. Minenaktien schwanken erfahrungsgemäß deutlich stärker als der Goldpreis selbst und eignen sich eher für risikofreudige Anleger. Unsere Einschätzung dazu bleibt unaufgeregt. Gold ist eine Versicherung, kein Geldautomat. Kurzfristig regieren Zinsen und Dollar den Preis, langfristig zählt die Frage, ob Staaten und Notenbanken das Vertrauen in Papierwährungen erhalten können.
Die Inflationsdaten stellen die Weichen
Die nächste Richtungsentscheidung fällt schon am Dienstag. Um 14.30 Uhr deutscher Zeit veröffentlichen die USA die Verbraucherpreise für Juni, der Konsens erwartet laut FactSet einen Rückgang von 4,2 auf rund 3,8 Prozent. Zeitgleich sagt Fed-Chef Kevin Warsh erstmals vor dem Kongress aus, Ende Juli folgt die Zinssitzung der Notenbank. Fällt die Inflation höher aus als gedacht, steigen die Zinswetten weiter und der Druck auf Gold nimmt zu. Überrascht der Wert positiv, könnte die Korrektur schnell wieder Käufer anlocken.
Bei den Prognosen gehen die großen Häuser weit auseinander. J.P. Morgan hält an einem Kursziel von 6.000 Dollar bis zum Jahresende fest, die niederländische Bank ING kalkuliert für 2026 dagegen nur mit einem Durchschnittspreis von 4.325 Dollar. Zwischen diesen beiden Marken liegt ein Viertel Kursunterschied und die ganze Unsicherheit dieses Marktes.
