Wer bei Rechenzentren im All mitverdient

Totale Sonnenfinsternis mit hellem Diamantring-Effekt vor dunklem Himmel als Bezug zu Rechenzentren im Erdorbit

Eine Million Satelliten stehen im Antrag

Der günstigste Ort für KI-Rechenleistung werde das All sein, sagte Elon Musk im Januar beim Weltwirtschaftsforum in Davos, und zwar binnen zwei, spätestens drei Jahren. Wenige Tage später reichte SpaceX bei der US-Aufsicht FCC den Antrag für eine Konstellation von bis zu einer Million Rechenzentrums-Satelliten ein, geplant in 500 bis 2.000 Kilometern Höhe. Kurz vor dem Börsengang skizzierte Musk bereits ein erstes Design namens AI-1, die ersten Exemplare sollen schon 2027 starten.

Die Konkurrenz rechnet längst mit. Seit November kreist mit Starcloud-1 ein Satellit des gleichnamigen Startups um die Erde, an Bord ein Nvidia-Chip vom Typ H100, der dort ein KI-Modell von Google trainiert. Nur Tage nach dem SpaceX-Antrag beantragte Starcloud eine eigene Konstellation mit 88.000 Satelliten, Jeff Bezos legte mit Blue Origin und 51.600 beantragten Exemplaren nach.

Hinter dem Wettlauf steckt ein irdisches Problem. Rechenzentren für künstliche Intelligenz verschlingen Strom, Wasser und Fläche, und immer öfter wehren sich Anwohner gegen neue Anlagen. Das All verspricht einen Ausweg, und erstmals hängen daran auch handelbare Aktien.

Strom ohne Ende trifft Kühlung ohne Luft

Der Reiz der Idee liegt in der Physik. In der richtigen Umlaufbahn scheint die Sonne praktisch rund um die Uhr, Befürworter rechnen mit Solarstromkosten von umgerechnet unter einem halben Cent je Kilowattstunde. Grundstücke, Kühlwasser und Bürgerproteste entfallen komplett. Und die Großrakete Starship soll die Startkosten perspektivisch auf 90 bis 175 Euro pro Kilogramm drücken.

Dieselbe Physik liefert allerdings auch die Gegenargumente. Im Vakuum fehlt die Luft, überschüssige Wärme lässt sich nur über riesige Radiatorflächen abstrahlen. Kaputte Chips kann niemand austauschen, kosmische Strahlung nagt an der Elektronik, und jeder zusätzliche Satellit erhöht das Trümmerrisiko im Orbit. Einen ersten echten Fortschritt gab es im Juni. Google veröffentlichte Testergebnisse, wonach die hauseigenen TPU-Chips eine simulierte Strahlendosis von fünf Jahren im niedrigen Erdorbit ohne bleibende Ausfälle überstehen.

Fünf Aktien für das Rechnen im All

Reine Orbital-Rechenzentrums-Aktien fehlen bislang, die Startups der Szene sind privat finanziert. Handelbar sind aber fünf Unternehmen, die das Feld bereits konkret besetzen.

  • SpaceX verfolgt den radikalsten Plan der Branche und hat das Thema prominent in seinen Börsenprospekt geschrieben. Der FCC-Antrag über bis zu eine Million Satelliten ist der größte der Geschichte, als Abnehmer der Rechenleistung steht die eigene KI-Tochter xAI bereit. Mit Starship kontrolliert der Konzern zudem den entscheidenden Kostenhebel, die Transportpreise ins All. Notiert ist die Aktie seit Juni an der Nasdaq.
  • Alphabet geht das Thema mit dem Forschungsprojekt Suncatcher methodischer an. Die Google-Mutter testet eigene KI-Chips auf Weltraumtauglichkeit, hat im Labor Laserverbindungen mit 1,6 Terabit pro Sekunde demonstriert und plant Formationen aus bis zu 81 Satelliten. Anfang 2027 sollen zwei Prototypen fliegen, über die Starts verhandelt Google ausgerechnet mit SpaceX.
  • Nvidia liefert die Rechenwerke, egal wessen Konstellation am Ende gewinnt. Der erste H100-Chip des Konzerns arbeitet seit November im Orbit, an Starcloud ist Nvidia über seinen Wagniskapitalarm beteiligt. Für den Chipriesen ist das All schlicht ein weiterer Absatzmarkt für ohnehin knappe Ware.
  • Planet Labs ist der kleinste und direkteste Wert der Runde. Der Erdbeobachtungsspezialist aus San Francisco baut die beiden Suncatcher-Prototypen für Google und fliegt auf seinen eigenen Pelican-Satelliten bereits Nvidia-Grafikchips für die Bildauswertung im Orbit. Gehandelt wird das Papier an der New Yorker Börse.
  • Hon Hai, besser bekannt als iPhone-Fertiger Foxconn, will das Blech liefern. Die Tochter Ingrasys hat sich mit dem Weltraum-Chipspezialisten Ramon.Space verbündet, um Orbital-Rechenzentren in Serie zu fertigen. Die Aktie des taiwanischen Konzerns ist in Taipeh notiert und auch an deutschen Börsen handelbar.

Startups überbieten sich mit Konstellationen

Abseits der Börse herrscht Goldgräberstimmung. Starcloud aus dem US-Bundesstaat Washington wird nach Medienberichten inzwischen mit über einer Milliarde Dollar bewertet, umgerechnet knapp 900 Millionen Euro, und hat bei SpaceX bereits Laserterminals bestellt, um Starlink als Datenrelais zu nutzen. Axiom Space betreibt seit Januar die ersten frei fliegenden Rechenknoten im Orbit, der kanadische Anbieter Kepler schickte zeitgleich zehn optische Relais-Satelliten mit Grafikchips an Bord nach oben.

Dazu kommt eine Welle junger Firmen mit gewaltigen Ansagen. Das erst fünf Monate alte Startup Orbital aus Los Angeles beantragte mit gerade einmal fünf Millionen Dollar Startkapital, gut vier Millionen Euro, eine Konstellation von 100.000 Satelliten. Cowboy Space sammelte rund 275 Millionen Dollar ein, etwa 240 Millionen Euro, und will Raketen-Oberstufen direkt als Rechenplattformen nutzen. Auch Robinhood-Mitgründer Baiju Bhatt mischt mit seiner Firma Aetherflux mit.

Der Staat rechnet ebenfalls mit. China hat im Mai 2025 die ersten zwölf von geplanten 2.800 Satelliten einer eigenen Rechen-Konstellation gestartet und baut gerade einen industriepolitischen Rahmen für das Feld auf. In Europa ließ die EU-Kommission die Machbarkeit bereits von einem Konsortium um den französischen Konzern Thales durchrechnen.

Die Rechnung geht vorerst nicht auf

Zwischen Vision und Bilanz klafft eine messbare Lücke. Die Analysten von SemiAnalysis kalkulierten im Juni, dass eine GPU-Stunde im Orbit heute umgerechnet rund 7,60 Euro kostet, am Boden dagegen etwa 2,10 Euro. Schuld sind die Startkosten und die kürzere Lebensdauer, fünf Jahre statt fünfzehn. Kostengleichheit erwarten die Analysten im Basisszenario erst um das Jahr 2040. Skeptiker aus der Raumfahrtbranche rechnen mit dem dreifachen Preis je Watt.

Auch die Logistik bremst. Starship hat von zwölf Testflügen bislang sieben erfolgreich absolviert, für jede 100 Megawatt Rechenleistung im Orbit wären aber mehr als 50 dedizierte Starts nötig. Astronomen warnen zudem vor Störungen ihrer Beobachtungen, und Regulierer haben für Rechenzentren im All schlicht noch keine Regeln. Musks Terminversprechen verdienen ohnehin Skepsis, von der Mars-Mission bis zum Robotaxi kam bisher fast alles später.

Für Anleger bleibt das Dilemma der Verwässerung. Bei SpaceX, Alphabet und Nvidia ist das Orbital-Geschäft ein winziger Posten neben Starlink, Suchmaschine und KI-Chips, die Kurse bewegt es kaum. Den direktesten Hebel bietet ausgerechnet der kleinste Wert Planet Labs, mit entsprechend höherem Risiko. Dazu kommt bei allen Titeln das Währungsrisiko in Dollar oder Taiwan-Dollar.

Bis 2027 fallen die ersten Beweise

Das Beweisjahr steht schon im Kalender. Anfang 2027 sollen Googles zwei Suncatcher-Prototypen starten, SpaceX will im selben Jahr die ersten eigenen Rechenzentrums-Satelliten ins All bringen, und auch die Demo-Missionen der kleinen Herausforderer sind für 2027 angesetzt. Marktforscher von BIS Research trauen dem Sektor bis 2035 ein Volumen von 39 Milliarden Dollar zu, rund 34 Milliarden Euro. Ob davon etwas ankommt, entscheidet sich an Radiatoren, Laserlinks und Startpreisen.

Unsere Einschätzung: Rechenzentren im All sind die seltene Zukunftswette, bei der Physik, Kapital und Nachfrage bereits zusammenpassen, nur die Kostenrechnung noch nicht. Solange eine GPU-Stunde im Orbit ein Vielfaches des Bodenpreises kostet, bleibt das Thema für die großen Konzerne ein Forschungsposten und für Anleger eine Geduldsprobe. Wer dabei sein will, kauft heute vor allem Erwartung. Die Beweise folgen frühestens 2027, und bis dahin gilt bei jedem neuen Konstellations-Antrag ein einfacher Maßstab, Papier fliegt nicht.