Anthropic vor dem IPO: Was hinter der 380-Milliarden-Bewertung steckt

Anthropic vor dem IPO: Was hinter der 380-Milliarden-Bewertung steckt

Anthropic peilt Börsengang im Herbst an

Der KI-Entwickler Anthropic bereitet den Sprung an die US-Börse vor. Als Zielfenster gilt das vierte Quartal 2026, wahrscheinlich der Oktober. Die angepeilte Bewertung liegt bei 380 Milliarden US-Dollar, rund 355 Milliarden Euro. Das Emissionsvolumen könnte 60 Milliarden Dollar übersteigen. Als beratende Kanzlei wurde Wilson Sonsini Goodrich & Rosati verpflichtet, die bereits die Börsengänge von Google (2004) und LinkedIn (2011) begleitet hat. Die Investmentbanken Goldman Sachs, JPMorgan und Morgan Stanley stehen laut Insidern als Konsortialführer bereit.

Anthropic wurde 2021 von den Geschwistern Dario und Daniela Amodei gegründet, beide kamen zuvor von OpenAI. Das Unternehmen ist Entwickler des KI-Assistenten Claude. Eine offizielle Anmeldung bei der US-Börsenaufsicht SEC steht noch aus. Kritiker halten den Zeitplan für ambitioniert und verweisen auf 2027 als realistischeres Fenster.

Vom Nischen-Labor zum Umsatzprimus

Das Wachstum von Anthropic ist in der jüngeren Tech-Geschichte ungewöhnlich. Im Januar 2025 lag der annualisierte Umsatz (Run-Rate) bei rund einer Milliarde Dollar. Ende 2025 waren es neun Milliarden. Im April 2026 meldete das Unternehmen 30 Milliarden. Damit hat Anthropic den Rivalen OpenAI beim Umsatz erstmals überholt, dessen Run-Rate aktuell bei 24 bis 25 Milliarden Dollar liegt.

Treiber des Wachstums ist der Enterprise-Bereich. Rund 80 Prozent des Umsatzes stammen laut Unternehmensangaben von Geschäftskunden. Über 1.000 Firmen geben jeweils mehr als eine Million Dollar pro Jahr für Claude aus, die Zahl hat sich seit der Series-G-Finanzierung im Februar 2026 verdoppelt. Insgesamt nutzen mehr als 300.000 Unternehmen die Plattform. Acht der zehn größten Konzerne im Fortune-10-Ranking sind Kunden. Im Markt für Enterprise-LLM-APIs hält Anthropic laut Branchenschätzungen 32 Prozent Marktanteil, OpenAI kommt auf 25 Prozent. Besonders stark läuft Claude Code, das Coding-Tool für Entwickler, das laut Firmenangaben 2,5 Milliarden Dollar Jahresumsatz beisteuert und 54 Prozent Marktanteil in seinem Segment hat.

OpenAI zweifelt die 30-Milliarden-Zahl an

Die Zahlen sind eindrucksvoll, aber umstritten. Die neue OpenAI-Vertriebschefin Denise Dresser schrieb in einem internen Memo, das diesen Monat an die Öffentlichkeit gelangte, Anthropic blase seine Umsatzzahlen mit Brutto-Werten auf. Gemeint sind Anteile, die eigentlich an Cloud-Partner wie Amazon oder Google weitergereicht werden. Diese weist Anthropic wohl zum Teil als eigenen Umsatz aus. Das ist nach US-GAAP nicht verboten, muss aber gekennzeichnet werden.

Die Börsen-Zeitung berichtete unter Berufung auf Experten, bei bereinigter Betrachtung liege OpenAI weiterhin vorn. Zusätzlich könnte die SEC vor dem IPO verlangen, dass Anthropic die Erfassung von Cloud-Guthaben neu darstellt. Das würde die Headline-Zahlen verändern. Unsere Einschätzung: Ein Teil des Wachstums ist real, ein Teil aber auch das Ergebnis einer offensiveren Verbuchungspraxis. Wer einsteigen will, sollte den Emissionsprospekt gründlich lesen, bevor der Hype die Entscheidung trifft.

Der Weg zur Profitabilität bleibt steinig

Beeindruckender Umsatz bedeutet nicht automatisch Gewinn. Anthropic peilt positive Cashflows erst für 2027 an. Bis dahin verbrennt das Unternehmen Milliarden für Rechenkapazität. Mit Google und Broadcom wurde kürzlich ein Vertrag über 3,5 Gigawatt Rechenleistung abgeschlossen, die neuen TPU-Kapazitäten sollen ab 2027 schrittweise in Betrieb gehen. Insgesamt hat Anthropic 50 Milliarden Dollar Infrastruktur-Investitionen in den USA zugesagt.

Die Abhängigkeiten sind beträchtlich. Amazon hat bisher bis zu acht Milliarden Dollar in Anthropic gesteckt, Microsoft und Nvidia gemeinsam bis zu 15 Milliarden. Gleichzeitig ging Anthropic ein Cloud-Commitment von 30 Milliarden Dollar bei Microsoft ein. Der Markt für generative KI ist hart umkämpft. Google hat im Frühjahr Gemini 3 nachgeschoben, Meta arbeitet an Llama 4, das chinesische Start-up DeepSeek zeigte bereits 2025, dass sich KI-Modelle deutlich günstiger trainieren lassen als bisher angenommen. Hinzu kommen Rechtsrisiken rund um die US-Regulierung, etwa beim Streit um das Illinois-Gesetz SB 3261 zur KI-Haftung. Anthropic hat vergangenen Monat zudem sein Abo-Modell für Claude Pro und Max verschärft, weil einzelne Nutzer über externe Tools bis zu 5.000 Dollar Rechenkosten pro Tag verursachten, bei Monatsgebühren von nur 20 Dollar.

Was Privatanleger zum IPO wissen müssen

Für deutsche Retail-Anleger ist die Sachlage zwiespältig. Ein Anthropic-IPO in den USA wäre grundsätzlich zeichenbar, etwa über Broker wie Trade Republic, Scalable Capital oder Interactive Brokers. Doch die Erfahrung zeigt, dass Privatanleger bei Mega-IPOs meistens nur homöopathische Zuteilungen bekommen. Die fetten Stücke gehen an Institutionelle. Der Zeichnungspreis selbst könnte ambitioniert werden, denn auf dem Sekundärmarkt wurden zuletzt Angebote mit Bewertungen von bis zu 800 Milliarden Dollar notiert.

Dazu kommt der Kapitalmarkt-Druck. SpaceX will im Juni 2026 mit einer Bewertung von 1,75 Billionen Dollar an die Börse. OpenAI plant Ende 2026 oder Anfang 2027 ein Listing mit bis zu einer Billion Dollar Bewertung. Kommen alle drei Mega-IPOs wie angekündigt, reden wir über rund drei Billionen Dollar Marktkapitalisierung in wenigen Monaten. Analyst Tomasz Tunguz hat vorgerechnet, dass allein die Streubesitzanteile zwischen 432 und 576 Milliarden Dollar Kapital binden würden. Der gesamte US-IPO-Markt von 2016 bis 2025 kam zum Vergleich auf nur 469 Milliarden Dollar.

Kritiker sehen in der Welle vor allem eine Liquiditätsaktion der frühen Investoren. VC-Fonds wie Coatue, GIC, Lightspeed oder ICONIQ wollen ihre Anteile monetarisieren, bevor das Fenster wieder schließt. Für Privatanleger gibt es einen Umweg. Wer Anthropic-Exposure haben will, kann aktuell ohne IPO über Amazon- oder Alphabet-Aktien indirekt investieren, beide halten bedeutende Anteile. Ein direkter Kauf nach dem Börsengang ist außerdem möglich, wenn die Kursdynamik abgeflaut ist. Die ersten Handelstage bei Tech-IPOs sind oft extrem volatil.

Der Herbst 2026 wird zum Testlauf

Entscheidend wird, wie der SpaceX-IPO im Juni läuft. Ein starker Start öffnet das Fenster für OpenAI und Anthropic. Ein schwacher Start könnte den gesamten Zyklus ausbremsen. Parallel muss Anthropic beim SEC-Prospekt seine Umsatzzahlen so aufbereiten, dass sie den Vorwürfen standhalten. Die endgültige Bewertung hängt von beidem ab.

Wer früh einsteigen will, sollte sich nicht von den Headline-Zahlen blenden lassen. 30 Milliarden Dollar Umsatz sind beeindruckend, 380 Milliarden Dollar Bewertung bedeuten aber ein Kurs-Umsatz-Verhältnis von knapp 13. Selbst mit einer weiteren Verdopplung des Umsatzes bleibt die Aktie teuer. Der Oktober 2026 könnte zum Wendepunkt für die KI-Branche werden. Oder zu dem Punkt, an dem der Markt merkt, dass der Hype die Realität überholt hat.