Claude frisst die Software-Branche: Eine Billion Dollar ist weg

Claude frisst die Software-Branche
Seit Anfang 2026 läuft an der Wall Street ein Prozess, den die Finanzpresse "SaaSpocalypse" getauft hat. Rund eine Billion Dollar Marktwert ist aus dem Software-Sektor verschwunden. Der iShares Expanded Tech-Software Sector ETF (IGV), der wichtigste Benchmark der Branche, hat seit Jahresbeginn mehr als 23 Prozent verloren und steckt im technischen Bärenmarkt. Auslöser war ein einziges Unternehmen, das vielen hier in Deutschland kein Begriff ist, nämlich Anthropic, der Hersteller des Chatbots Claude.
Am 3. Februar 2026 hat Anthropic ein Plugin für seinen neuen KI-Assistenten Claude Cowork angekündigt, das juristische Workflows automatisiert. An diesem einen Tag wurden 285 Milliarden Dollar Marktwert aus Software- und Legal-Tech-Aktien gelöscht. Thomson Reuters verlor 16 Prozent, RELX (die Mutter von LexisNexis) 14 Prozent, der niederländische Anbieter Wolters Kluwer 13 Prozent. Für RELX war es der steilste Tagesverlust seit 1988. Und das war erst der Anfang.

Claude Cowork ist das Skalpell
Der Hebel, der die Branche aufschneidet, heißt Claude Cowork. Anthropic hat die Plattform am 12. Januar 2026 gelauncht, am 9. April ging sie aus der Research Preview in die allgemeine Verfügbarkeit. Anders als ein klassischer Chatbot arbeitet Cowork autonom. Die Software liest Dateien auf dem Rechner, plant Arbeitsschritte, führt sie aus und iteriert selbstständig. Sie hangelt sich durch komplexe Workflows, die bisher ganze Abteilungen beschäftigten.
Dazu kommen elf vertikale Plugins, jeweils zugeschnitten auf eine Branche. Das Legal-Plugin übernimmt Vertragsprüfung, NDA-Triage, Compliance-Checks und juristische Briefings. Ein Healthcare-Plugin für Pharma- und Medizintechnik-Workflows folgte im Januar. Claude for Excel kam schon im Oktober 2025, Claude for PowerPoint im Februar 2026, Claude for Word im April, ausgestattet direkt mit Vertragsprüfung und 25 Dollar pro Nutzer und Monat. Das alles verbindet sich über das Model Context Protocol (MCP), einen offenen Standard, den Anthropic selbst entwickelt hat, um Claude an Unternehmenssysteme anzudocken.
Die Claude Managed Agents, seit dem 8. April in der Public Beta, gehen noch einen Schritt weiter. Sie laufen als eigenständige Prozesse in der Cloud, handhaben State Management und Credential Handling und können Tage oder Wochen an einem Projekt arbeiten. Anthropic positioniert sich damit nicht mehr als Forschungslabor, sondern als direkter Angreifer auf die Enterprise-Workflow-Schicht, die Salesforce, Workday und Snowflake jahrelang aufgebaut haben.
Die Opfer-Liste wird länger
Die Liste der Verlierer ist lang und prominent. Das deutsche Aushängeschild SAP notiert rund 41 Prozent unter seinem 2025er-Hoch, allein an einem Tag wurden dort 40 Milliarden Dollar Marktwert ausgelöscht. Workday hat 40 Prozent seines Jahres-Höchststands verloren und musste 8,5 Prozent der eigenen Belegschaft entlassen, ausgerechnet ein Anbieter von HR-Software. Adobe steht bei minus 36 Prozent, Atlassian bei minus 35, Salesforce bei minus 33.
Besonders schmerzhaft für Salesforce und Workday war der 9. April, als die beiden Aktien auf Sechs- beziehungsweise Drei-Jahres-Tiefs fielen. Snowflake brach an einem Tag um 9,12 Prozent ein und markierte ein 52-Wochen-Tief. Auch kleinere Werte trifft es hart. Gartner verlor an einem Tag 21 Prozent, S&P Global 11 Prozent, Intuit über 10 Prozent, LegalZoom rund 20 Prozent. Barclays hat Snowflake heruntergestuft, Morgan Stanley hat vor der sich verschlechternden Kreditlage der Software-Industrie gewarnt.
Atlassian hat Anfang 2026 zum ersten Mal in der Firmengeschichte einen systematischen Rückgang der Enterprise Seat Counts gemeldet. Für eine Firma, deren gesamtes Geschäftsmodell auf Seat-Expansion basiert, war das ein Schock. Das US-Beratungsunternehmen Publicis Sapient hat laut eigener Aussage die eigenen SaaS-Lizenzen bereits um rund die Hälfte reduziert, inklusive Adobe. Die Begründung fiel deutlich aus. Die KI-Tools seien "zehnmal schneller und hundertmal smarter als Juniorstellen".
Warum das Geschäftsmodell bricht
Der Kern der Disruption liegt im Preismodell. Software-as-a-Service verkauft Lizenzen pro Nutzer. Mehr Mitarbeiter, mehr Umsätze. Dieses Rad drehte zwei Jahrzehnte lang zuverlässig. Dann kamen KI-Agenten, die Aufgaben übernehmen, für die bisher Menschen vor dem Bildschirm saßen. Wenn zehn Agenten die Arbeit von hundert Vertrieblern erledigen, braucht das Unternehmen keine hundert Salesforce-Lizenzen mehr. Es braucht zehn.
Diese simple Rechnung erklärt, warum der Markt gerade neu bewertet. Die Kurs-Umsatz-Verhältnisse im Software-Sektor sind von 9 auf 6 gefallen und liegen damit auf Niveaus, die es zuletzt Mitte der 2010er gab. JPMorgan und Goldman Sachs halten den Ausverkauf zwar für übertrieben, aber kein Haus glaubt mehr an die Rückkehr alter Wachstumsraten. Monday.com hat öffentlich verkündet, 100 Sales Development Reps durch KI-Agenten zu ersetzen. Monday ist eine Projektmanagement-Plattform, die ihre eigenen Nutzer rationalisiert. Die Ironie spricht für sich.
Hinzu kommt der Budget-Effekt. Die Hyperscaler Microsoft, Amazon, Meta und Google wollen 2026 zwischen 660 und 690 Milliarden Dollar in KI-Infrastruktur investieren. Meta allein plant bis zu 135 Milliarden Dollar. Jeder dieser Dollar konkurriert mit Budgets, die Unternehmen sonst in SaaS stecken würden. Die Jones-Trading-Analysten sprechen von Zweitrunden-Effekten. Weniger SaaS-Wachstum bedeutet auch weniger Cloud-Nachfrage, und damit ein Risiko für die Hyperscaler selbst.
Was als Nächstes dran ist
Anthropic wird die Plugin-Pipeline nicht bei elf Branchen stoppen. In der aktuellen Cowork-Dokumentation werden bereits Felder wie Finance, Marketing, HR, Cybersecurity und Sales genannt. Damit geraten weitere Schwergewichte in den Fokus. HubSpot und Marketo im Marketing-Automation-Bereich. ServiceNow im IT-Service-Management. DocuSign bei digitalen Signaturen. Intuit bei Buchhaltungssoftware, Palo Alto Networks in der Cybersicherheit.
Besonders exponiert sind sogenannte Point-Product-SaaS-Firmen ohne proprietäre Datenbasis. Diese Unternehmen verkaufen im Kern nur eine Bedienoberfläche über eine Datenbank. Sobald eine allgemeine KI diese Schicht selbst bauen kann, verschwindet der Mehrwert. Anders liegt der Fall bei Firmen mit exklusiven Datenschätzen. Thomson Reuters und RELX verfügen über Jahrzehnte kuratierter Rechtsprechung. Das ist ein echter Moat, den ein Plugin nicht einfach kopiert. Morningstar weist darauf hin, dass Thomson zwar 45 Prozent des operativen Gewinns aus dem Legal-Bereich bezieht, RELX und Wolters Kluwer aber nur 10 bis 13 Prozent.
Für Anleger ergeben sich daraus drei Handlungsfelder. Klassische SaaS-Aktien ohne proprietäre Daten oder ohne eigene KI-Strategie sind langfristig gefährdet. Wer dort investiert ist, sollte Positionen prüfen. Unternehmen mit eigenem KI-Moat oder echten Datenschätzen können hingegen profitieren. IBM arbeitet bereits mit Claude Code an der Modernisierung von Legacy-Systemen und positioniert sich als Agent-Integrator. Anthropic selbst ist über Amazon- und Google-Aktien indirekt investierbar, ein direkter Einstieg wird erst mit dem geplanten IPO im Oktober 2026 möglich. Unsere Einschätzung: Die Welle ist real, aber der Sektor differenziert sich. Wer blind auf Software-ETFs setzt, erwischt auch die strukturellen Verlierer. Stockpicking wird wieder wichtiger.
Der Schock hat gerade erst begonnen
Die Analysten von SaaStr nennen die aktuelle Phase das "Ende des einfachen SaaS". Keine Firma wird über Nacht ersetzt. Die Werkzeugkästen der Unternehmen bestehen aus tausenden Verbindungen, Compliance-Anforderungen und eingeübten Prozessen. Was sich aber ändert, ist die Preisgewalt. CIOs konsolidieren, reduzieren Lizenzzahlen, verhandeln härter. Atlassians Seat-Count-Einbruch zeigt, dass der Effekt schon in den Zahlen angekommen ist.
Die große Frage für 2026 und 2027 lautet, welche Software-Anbieter die Transformation schaffen, ohne ihre Margen zu opfern. Salesforce versucht es mit Agentforce, ServiceNow mit dem AI Control Tower. Beide kämpfen damit, autonome Agenten in ihre existierenden Preismodelle einzubauen, ohne den Seat-Umsatz zu kannibalisieren. Der Spagat ist nicht einfach. Snowflake-CTO Fawad Qureshi versucht Anlegern Mut zu machen mit dem Begriff des "Return on Hassle". Ein Premium-Service spart Ärger und bleibt wertvoll, auch wenn die Technik von KI gebaut werden könnte.
Anthropic selbst sitzt auf einem Umsatzlauf von 30 Milliarden Dollar jährlich und plant den Börsengang noch 2026. Das Unternehmen ist der größte Nutznießer der Welle, die es selbst ausgelöst hat. Ob der IPO zum Triumph oder zum Überschwang wird, hängt auch davon ab, wie schnell die Konkurrenz aus dem Schock erwacht. Im Moment sieht es so aus, als ob Claude der Software-Branche gerade beibringt, dass das, was zwei Jahrzehnte lang galt, kein Naturgesetz war.