Deep Sea Mining: Das Rennen am Meeresgrund

Deep Sea Mining: Das Rennen am Meeresgrund

Am Meeresgrund tut sich was

Tief unten im Pazifik, mehr als 4.000 Meter unter dem Meeresspiegel, liegen kartoffelgroße Klumpen aus Metall. Nickel, Kobalt, Kupfer und Mangan in konzentrierter Form. Genau diese Knollen sorgen aktuell für Streit zwischen Regierungen, Konzernen und Umweltschützern. Denn eine Branche, die lange als Science-Fiction galt, steht plötzlich vor dem kommerziellen Start.

Im März 2026 trafen sich die Mitgliedsstaaten der Internationalen Meeresbodenbehörde (ISA) in Jamaika. Das Ziel war ein Regelwerk für den Tiefseebergbau. Das Ergebnis war wieder mal keine Einigung. Rund 40 Staaten fordern ein Moratorium, die Industrie drängt auf den Start. Parallel dazu hat US-Präsident Trump im April 2025 per Executive Order einen nationalen Alleingang beschlossen. Die USA umgehen seitdem die ISA und vergeben eigene Lizenzen.

Hinter dem Streit stehen handfeste wirtschaftliche Interessen. Die US-Behörde NOAA hat im März 2026 bestätigt, dass der Antrag des kanadischen Unternehmens The Metals Company die Vorgaben erfüllt. Das Gebiet umfasst 65.000 Quadratkilometer. Laut Angaben des Unternehmens liegen dort 619 Millionen Tonnen feuchtes Knollenmaterial.

Was Manganknollen so wertvoll macht

Manganknollen entstehen über Millionen Jahre auf dem Meeresboden. Sie wachsen langsam, ein paar Millimeter pro Jahrtausend. Was in ihnen steckt, ist aber für die moderne Industrie hochinteressant. Nickel braucht die Batterieindustrie, Kupfer die Elektrifizierung, Kobalt die Stahl- und Akkuproduktion, Mangan die Legierungstechnik.

Der Hotspot liegt in der sogenannten Clarion-Clipperton-Zone, einem Gebiet im Ostpazifik zwischen Hawaii und Mexiko. Auf einer Fläche, die mehrfach so groß ist wie Deutschland, liegen dort Knollen in einer Dichte, die einen Abbau wirtschaftlich machen könnte. Deutschland hält übrigens selbst eine Explorationslizenz über rund 75.000 Quadratkilometer in dieser Zone, auch wenn die Bundesregierung offiziell für eine Pause beim Abbau eintritt.

Warum das alles gerade jetzt Fahrt aufnimmt, hat mit der Rohstoffabhängigkeit zu tun. China kontrolliert heute einen Großteil der weltweiten Raffinationskapazitäten für Batteriemetalle. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur werden etwa 65 Prozent des Kobalts und 35 Prozent des Nickels in China verarbeitet. Die USA und Europa suchen deshalb händeringend nach Alternativen. Die Tiefsee rückt in diesem Zusammenhang ins Visier.

Ob der Tiefseebergbau wirklich nötig ist, bleibt umstritten. Eine Studie des Öko-Instituts hielt schon vor Jahren fest, dass die Energiewende auch ohne ihn machbar wäre. Batterieforschung, Recycling und verändertes Nutzerverhalten könnten den Bedarf dämpfen. Die Rohstoffnachfrage wird trotzdem kräftig steigen. Laut Prognosen der IEA wird sich die Batterienachfrage bis 2030 verviereinhalbfachen und bis 2035 versiebenfachen.

Die USA gehen ihren eigenen Weg

Das Regelwerk für den Tiefseebergbau hängt seit Jahren fest. Die ISA, eine UN-nahe Organisation mit 169 Mitgliedstaaten, soll internationale Gewässer verwalten. Der Meeresboden gilt dort als gemeinsames Erbe der Menschheit. Ein Abbau ohne Regeln ist völkerrechtlich heikel. Seit 2023 verhandeln die Staaten ergebnislos. Im März 2026 scheiterte der nächste Anlauf an Meinungsverschiedenheiten zu Umweltstandards, Haftungsfragen und Gewinnbeteiligung.

In diese Lücke ist die Trump-Regierung gesprungen. Die USA haben das Seerechtsübereinkommen der UN nie ratifiziert und sind damit rechtlich nicht an ISA-Entscheidungen gebunden. Per Executive Order vom April 2025 hat Trump angewiesen, Anträge im Eiltempo zu bearbeiten. Die NOAA darf seitdem Explorations- und Abbaulizenzen in einem Schritt vergeben. Kritiker sehen darin einen Bruch mit internationalem Recht. Ein Unternehmen, das außerhalb der ISA agiert, betreibt laut Völkerrechtlern eine unzulässige Aneignung globaler Gemeingüter.

China hält derweil mehrere ISA-Lizenzen und fährt einen staatlich gestützten Kurs. Staatsnahe chinesische Bergbaukonzerne haben bereits Claims in mehreren Tiefseezonen abgesteckt. Damit ist der Meeresboden zu einem Schauplatz des geopolitischen Wettbewerbs zwischen Washington und Peking geworden.

Deutschland positioniert sich vorsichtig. Im Koalitionsvertrag der schwarz-roten Regierung ist eine vorsorgliche Pause festgeschrieben. Parallel fördert der Bund aber das Forschungsprojekt Deep Sea Sampling 2, an dem das Bauunternehmen Bauer beteiligt ist. Bei Bedarf könnte Deutschland also schnell vom Beobachter zum Teilnehmer werden.

Eine junge Branche mit wenigen Spielern

Wer über Deep Sea Mining als Investmentthema nachdenkt, hat aktuell eine überschaubare Auswahl. Der bekannteste Name ist The Metals Company mit Sitz in Vancouver, börsennotiert an der Nasdaq unter dem Kürzel TMC. Das Unternehmen hat 2025 einen Kursanstieg von über 450 Prozent hingelegt und gilt als Leitwert der Branche. TMC arbeitet mit den Pazifikstaaten Nauru und Tonga zusammen und hat als erste Firma weltweit einen kommerziellen Abbauantrag bei der NOAA eingereicht. Der südkoreanische Metallriese Korea Zinc hat 85 Millionen Dollar in das Unternehmen investiert und hält rund fünf Prozent der Anteile.

Ein zweiter Player ist Odyssey Marine Exploration, bisher eher als Schatzsucher für Schiffswracks bekannt. Im April 2026 wurde eine Fusion mit dem US-Start-up American Ocean Minerals Corporation angekündigt. Das kombinierte Unternehmen soll künftig unter dem Namen AOMC an der Nasdaq gehandelt werden und wird mit rund einer Milliarde Dollar bewertet. Die Aktie von Odyssey schoss nach Bekanntgabe um 94 Prozent nach oben.

Auch alte Bekannte kehren zurück. Rüstungsriese Lockheed Martin hält seit den 1980er-Jahren zwei Lizenzen in der Clarion-Clipperton-Zone und führt laut Branchenberichten wieder Gespräche mit Bergbau-Partnern. Die kalifornische Firma Impossible Metals und das an der kanadischen Börse notierte Unternehmen Deep Sea Minerals Corp haben beide NOAA-Anträge laufen. Indirekt sind auch Zulieferer wie das Schweizer Unternehmen Allseas involviert, das TMC mit Schiffen und Technik unterstützt.

Chance und Risiko halten sich die Waage

Für Investoren ist der Sektor ein klassischer Fall von hoher Chance bei hohem Risiko. Auf der Chancenseite stehen die enormen theoretischen Rohstoffmengen und die politische Rückendeckung in den USA. TMC selbst hat den Netto-Barwert seiner zwei Hauptprojekte auf 23,6 Milliarden Dollar beziffert, umgerechnet rund 22 Milliarden Euro. Die erste kommerzielle Produktion ist bei TMC für das vierte Quartal 2027 angepeilt.

Auf der Risikoseite steht praktisch alles andere. Keines der Unternehmen produziert heute Umsatz aus dem Tiefseebergbau. TMC hat in den ersten neun Monaten 2025 einen Nettoverlust von 279 Millionen Dollar ausgewiesen. Die Kassenlage reicht nur für wenige Quartale. Rechtliche Risiken kommen dazu. Sollte die ISA Maßnahmen gegen Firmen einleiten, die außerhalb ihres Regelwerks operieren, könnten bestehende Explorationsverträge gekündigt werden.

Die Umweltfrage ist der dritte große Unsicherheitsfaktor. Der tiefe Ozean ist das am wenigsten erforschte Ökosystem der Erde. Über 800 Meeresbiologen haben einen Stopp gefordert. Wirbelt der Abbau Sedimente auf, kann das Lebensräume über Tausende Kilometer hinweg schädigen. Versicherer und ESG-orientierte Großinvestoren meiden den Sektor bisher. Große Automobilkonzerne wie BMW, Volvo oder Volkswagen haben öffentlich erklärt, keine Metalle aus Tiefseebergbau beziehen zu wollen. Diese Abnehmerblockade ist ein strukturelles Problem für die Branche.

Wer in den Sektor einsteigen will, bewegt sich also in einem Umfeld zwischen Goldrausch-Stimmung und regulatorischem Hochseilakt. Der Kursverlauf von TMC zeigt das deutlich. Allein im Januar 2026 rutschte die Aktie an einem einzigen Tag um fast 18 Prozent ab. Volatilität ist in diesem Sektor die Norm.

Die nächsten Monate werden richtungsweisend

Die zweite ISA-Verhandlungsrunde des Jahres steht im Juli 2026 auf dem Programm. Dort soll die Untersuchung zum möglichen Vertragsbruch der TMC-Tochter NORI ein Ergebnis liefern. Parallel wird die NOAA ihre erste offizielle Abbaulizenz vergeben oder eben auch nicht. Beide Entscheidungen werden die Aktien der Branche kräftig bewegen.

Auf längere Sicht entscheiden drei Faktoren über Erfolg oder Scheitern des Tiefseebergbaus. Die technische Umsetzbarkeit im kommerziellen Maßstab, die Haltung großer Abnehmer aus der Batterie- und Autoindustrie und die Frage, ob sich ein international akzeptierter Mining Code noch durchsetzen lässt. Unsere Einschätzung: Die Branche wird kommen, aber langsamer und kleiner als ihre Fürsprecher versprechen. Für Anleger heißt das, den Sektor auf dem Schirm zu behalten, ohne sich von kurzfristigen Kurssprüngen blenden zu lassen.