KNDS vor dem Sommer-IPO: Deutschlands Rüstungs-Hoffnung

KNDS peilt IPO im Sommer an
Der deutsch-französische Panzerhersteller KNDS bereitet einen der größten europäischen Börsengänge des Jahres vor. Nach Informationen der Nachrichtenagentur Bloomberg peilt das in Amsterdam ansässige Unternehmen eine Bewertung von 20 bis 25 Milliarden Euro an. Geplant ist eine Doppelnotierung an der Börse Frankfurt und an der Euronext Paris. Rund 25 Prozent der Aktien sollen platziert werden, das Emissionsvolumen könnte bis zu fünf Milliarden Euro erreichen.
Der Zeitplan ist ambitioniert. Finanzkreise rechnen mit dem Angebotsfenster zwischen Juni und Juli 2026, sofern die Marktbedingungen stabil bleiben. Lazard begleitet die Transaktion als Berater, erste Investorentreffen haben bereits begonnen. Verwaltungsratschef Tom Enders, der ehemalige Airbus-Chef, erklärte zur Bestätigung, die Zeit sei richtig und das Unternehmen bereit. Eine offizielle Anmeldung bei den Börsenaufsichten steht noch aus.

Leopard, Leclerc und die Firma dahinter
KNDS entstand 2015 aus der Fusion der deutschen Krauss-Maffei Wegmann (KMW) und der französischen Nexter. Der Konzern beliefert über zwanzig europäische Armeen mit Landsystemen. Zum Produktportfolio gehören die Kampfpanzer Leopard 2 A8 und Leclerc, das Artilleriesystem CAESAR, gepanzerte Radfahrzeuge wie der Boxer und zunehmend auch Anti-Drohnen-Systeme. Auf der Rüstungsmesse DSA in Kuala Lumpur präsentiert KNDS seit dieser Woche neue Militärrobotik.
Die Geschäftszahlen passen zum Rüstungs-Boom. Der Umsatz stieg 2024 um 15 Prozent auf 3,8 Milliarden Euro. Der Auftragseingang erreichte mit 11,2 Milliarden Euro einen Rekordwert. Der Auftragsbestand wird je nach Quelle zwischen 16 und 23,5 Milliarden Euro angegeben, die Spanne zeigt schon, dass die öffentliche Zahlenbasis noch nicht IPO-reif kommuniziert ist. Anders als der Wettbewerber Rheinmetall ist KNDS bislang nicht an der Börse. Anleger haben folglich auch noch keinen direkten Zugang zur Panzer-Marke.
Der Streit um die Staatsbeteiligung
Rund um den Börsengang tobt ein politischer Machtkampf. Aktuell hält der französische Staat 50 Prozent der Anteile, die andere Hälfte liegt bei der deutschen Unternehmerfamilie Bode-Wegmann. Die Familie erwägt den Rückzug und will Anteile über den IPO abgeben. Berlin will diese Lücke nutzen und sich als Ankerinvestor einkaufen.
Innerhalb der Koalition ist umstritten, wie stark der Einstieg sein soll. Die SPD, die das Finanz- und Verteidigungsministerium führt, plädiert laut Bloomberg für rund 40 Prozent. Die Union unter Bundeskanzler Friedrich Merz will eine kleinere Beteiligung von rund 30 Prozent, vor allem aus Kostengründen. Der wahrscheinliche Kompromiss liegt bei 25,1 Prozent, also genau an der Schwelle zur Sperrminorität. Die staatliche Förderbank KfW prüft aktuell die Umsetzung. Vor dem IPO ist zudem eine Sonderausschüttung von bis zu zwei Milliarden Euro an die Altgesellschafter geplant. Das entnimmt Substanz und könnte Investoren zunächst irritieren.
Parallel stockt das deutsch-französische Prestigeprojekt MGCS für den neuen Kampfpanzer. Die Fertigstellung wurde zuletzt auf 2045 verschoben. KNDS-Chef Jean-Paul Alary hat deshalb klargestellt, dass die Equity Story nicht vom MGCS abhängt. Wer in den IPO investiert, setzt also auf das aktuelle Portfolio, nicht auf Zukunftsprojekte.
Die Ethik-Debatte hat sich verschoben
Für viele Privatanleger unter 35 ist die Frage nicht primär finanziell, sondern moralisch. Rüstung galt lange als Tabu in nachhaltigen Portfolios. Diese Grenze ist seit Februar 2022 und besonders seit dem Ukraine-Krieg verschoben worden. Die europäische Wertpapieraufsicht ESMA hat im Mai 2024 klargestellt, dass Fonds mit dem Zusatz "nachhaltig" oder "ESG" im Namen bis zu 20 Prozent ihres Kapitals ohne Nachhaltigkeitsbeschränkungen anlegen dürfen, also auch in Verteidigungswerte. Ausgeschlossen bleiben nur völkerrechtlich geächtete Waffen wie Streubomben, biologische und chemische Kampfstoffe.
Der deutsche Fondsverband BVI hat Ende 2024 seinen pauschalen Rüstungsausschluss in den ESG-Kriterien gestrichen. Laut Morningstar stieg der Anteil von Aerospace- und Defence-Werten in aktiv verwalteten Artikel-8-Fonds von 0,8 Prozent Ende 2024 auf 1,3 Prozent im Juni 2025. Bei Fonds mit Deutschland-Fokus liegt der Anteil mittlerweile bei 4,6 Prozent. Die Börse Euronext hat den Begriff ESG in einem Nebenzweig sogar neu codiert zu "Energie, Sicherheit und Geostrategie".
Die Akzeptanz hat also zugenommen, die Skepsis aber nicht verschwunden. Eine Studie aus Dezember 2025 zeigt, dass 40 Prozent der befragten Privatanleger Rüstung in ESG-Fonds weiter kategorisch ablehnen. Unsere Einschätzung: Wer Waffenhersteller moralisch ausschließt, sollte bei der Linie bleiben, egal wie hoch die Renditen aussehen. Wer pragmatisch investiert, kann Verteidigung als Teil einer stabileren Sicherheitsarchitektur sehen. Die Argumente lassen sich nicht auflösen, jeder muss das für sich entscheiden.
Rheinmetall zeigt, was möglich ist
Wer abschätzen will, was ein KNDS-IPO finanziell bedeuten könnte, schaut auf den deutschen Peer. Rheinmetall hat 2025 einen Umsatz von 9,9 Milliarden Euro erzielt, ein Plus von 29 Prozent. Der Auftragsbestand kletterte auf 63,8 Milliarden Euro, die EBIT-Marge lag bei 18,5 Prozent. Der Aktienkurs hat sich seit Februar 2022 mehr als verzehnfacht. Die Dividende für 2025 beträgt 11,50 Euro je Aktie, eine Steigerung um 42 Prozent.
Aktuell notiert die Rheinmetall-Aktie bei rund 1.500 Euro, die Marktkapitalisierung liegt bei rund 72 Milliarden Euro. Das Forward-KGV für 2026 steht bei 40,9, nach klassischer Lesart also teuer. Analystenkursziele reichen von 1.740 Euro (Warburg) bis 2.500 Euro (UBS), der Konsens liegt bei etwa 2.130 Euro. Nach dem enttäuschenden Investorenupdate Anfang Februar haben mehrere Häuser ihre Kursziele reduziert. Umsatz und Marge für 2026 könnten unter den ambitionierten Erwartungen liegen. Das zeigt ein Muster, das auch beim KNDS-IPO drohen könnte, nämlich dass selbst gute Zahlen zur Enttäuschung werden, wenn die Erwartungen zu hoch sind.
Spannend ist, dass Rheinmetall und KNDS zugleich Wettbewerber und Partner sind. Das Bundeskartellamt hat ein Gemeinschaftsprojekt beider Konzerne für einen neuen Bundeswehr-Kampfpanzer genehmigt. Bereits 2018 hatte Rheinmetall Gespräche mit der Wegmann-Holding über einen Einstieg bei KNDS geführt, der Vorstoß scheiterte damals an politischen und personellen Fragen. Eine erneute Konsolidierung des europäischen Rüstungsmarktes gilt als möglich.
Rechnet man die geplante KNDS-Bewertung von 20 bis 25 Milliarden Euro gegen den 2024er-Umsatz von 3,8 Milliarden, ergibt sich ein Kurs-Umsatz-Verhältnis zwischen 5 und 7. Rheinmetall handelt aktuell bei etwa 5. Das lässt wenig Raum für positive Überraschungen. Retail-Investoren bekommen bei solchen Transaktionen zudem meist nur kleine Zuteilungen, die fetten Stücke gehen an Institutionelle. Ein Einstieg nach den ersten Handelstagen ist oft realistischer.
Der Sommer wird zum Stresstest
Drei Faktoren entscheiden über den Erfolg des Börsengangs. Die geopolitische Lage spielt die größte Rolle. Ein rascher Waffenstillstand in der Ukraine oder im Iran-Krieg würde die Rüstungs-Rallye dämpfen. Die NATO hat sich auf zwei Prozent des BIP für Verteidigung verpflichtet, eine Debatte über drei Prozent läuft. Dazu kommt das allgemeine Börsenumfeld. Parallel steht im Juni der SpaceX-IPO an, im Herbst folgen möglicherweise Anthropic und OpenAI. Das konkurriert um dieselben institutionellen Budgets. Nicht zuletzt muss Berlin sich einigen. Ohne Klarheit über die deutsche Staatsbeteiligung verzögert sich der Zeitplan.
Wer früh einsteigen möchte, kann die Zeichnung über Broker wie Trade Republic, Scalable Capital oder Interactive Brokers vorbereiten. Ob die Zuteilungsquote reicht, zeigt sich erst am Pricing-Tag. Rheinmetall hat gezeigt, was in diesem Sektor möglich ist. KNDS muss beim IPO erst noch liefern, dass die eigene Equity Story mehr ist als nur der Windschatten des großen Bruders aus Düsseldorf.