Allbirds wird zu NewBird AI und die Aktie explodiert

Allbirds wird zu NewBird AI und die Aktie explodiert

Allbirds verwandelt sich über Nacht in ein AI-Unternehmen

🇺🇸🏭4 Min.19.04.2026

Wenige Wochen nach dem Verkauf des Schuhgeschäfts hat Allbirds (NASDAQ: BIRD) am 15. April 2026 die nächste Überraschung geliefert. Aus dem angeschlagenen Sneaker-Hersteller wird NewBird AI, ein Anbieter von Rechenleistung für Künstliche Intelligenz. Die Reaktion an der Börse war heftig. Die Aktie schoss um 582 Prozent in die Höhe und schloss bei 14,50 Dollar.

Einen Tag zuvor war das Papier für unter drei Dollar gehandelt worden. Die Marktkapitalisierung lag am Dienstagabend noch bei rund 21 Millionen Dollar. Nach dem Handelsende am Mittwoch waren es fast 150 Millionen. Das eigentliche Schuhgeschäft des Unternehmens existiert zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr.

Vom Silicon-Valley-Liebling zum Pennystock

Gegründet wurde Allbirds 2015 von Tim Brown, einem früheren neuseeländischen Profifußballer, und dem Nachhaltigkeitsexperten Joey Zwillinger. Ihre Idee war simpel. Sneaker aus Merinowolle statt aus Plastik und Erdölprodukten. 2016 kam der erste Schuh auf den Markt und traf genau den Zeitgeist. In San Francisco und New York trugen Programmierer, Gründer und Venture-Capital-Manager die neutral gefärbten Slip-Ons mit einer Art stillem Stolz. Nachhaltig, bequem, unauffällig.

Der Börsengang an der Nasdaq im November 2021 war der Höhepunkt. Vier Milliarden Dollar Bewertung und ein Kurs von über 28 Dollar. Was danach kam, war ein langsamer Abstieg. Zwischen 2022 und 2025 halbierte sich der Umsatz von 298 Millionen auf 152 Millionen Dollar. Konkurrenten wie On und Hoka besetzten den Trend-Sneaker-Markt aggressiver. Die Ladeneröffnungen in europäischen Großstädten rechneten sich nicht. Im Januar 2026 begann Allbirds mit der Schließung seiner Filialen. Ende März verkaufte das Unternehmen sein komplettes Schuhgeschäft samt Markenrechten für 39 Millionen Dollar an die American Exchange Group.

Damit war die Firma praktisch erledigt. Was übrig blieb, war eine börsennotierte Hülle mit etwas Bargeld, ein paar Mitarbeitern und dem Ticker BIRD.

Eine Handelswoche wie aus dem Spekulations-Bilderbuch

Dann kam der 15. April. Innerhalb weniger Stunden verwandelte sich BIRD in einen der am heftigsten gehandelten Titel an der Nasdaq. Das Papier stieg zwischenzeitlich um mehr als 800 Prozent und markierte bei 24,31 Dollar sein Tageshoch. Kleinanleger kauften laut Vanda Research Aktien für netto 5,2 Millionen Dollar an einem einzigen Tag. Das ist mehr als beim Börsengang 2021. Gleichzeitig sprangen Shortseller wie noch nie in diesen Titel. Das geliehene und leerverkaufte Volumen explodierte laut Moomoo auf das 57-Fache des Vortages.

Am Donnerstag kam die Ernüchterung. Der Kurs fiel um rund 25 Prozent auf 10,91 Dollar. Am Freitag schloss BIRD bei 10,80 Dollar. Die 52-Wochen-Spanne steht jetzt bei 2,15 bis 24,31 Dollar. Wer am Montag vor der Ankündigung eingestiegen ist, hat sein Geld binnen vier Handelstagen mehr als verfünffacht. Wer am Mittwoch auf dem Höhepunkt kaufte, sitzt bereits auf einem Verlust von mehr als 50 Prozent gegenüber dem Tageshoch.

William Blair, eine der wenigen Investmentbanken, die Allbirds überhaupt noch beobachtet hatte, stellte die Coverage komplett ein. Ein klareres Misstrauensvotum gibt es an der Wall Street kaum.

NewBird AI und das Dejà-vu von 2017

Der neue Unternehmensplan klingt ambitioniert. NewBird AI will hochperformante GPUs kaufen und sie als Dienstleistung an KI-Entwickler, Forschungseinrichtungen und Unternehmen vermieten, die bei den großen Cloud-Anbietern keine Kapazitäten mehr bekommen. In der Pressemitteilung verweist das Unternehmen auf ein reales Problem. Die Lieferzeiten für High-End-GPUs steigen, Rechenzentren in Nordamerika sind voll, und die bis Mitte 2026 geplanten Kapazitäten sind bereits vergeben. Finanziert werden soll der Aufbau über eine Wandelanleihe von bis zu 50 Millionen Dollar, die im zweiten Quartal 2026 geschlossen werden soll.

Wer länger am Markt dabei ist, kennt das Muster trotzdem. 2017 kündigte der Getränkehersteller Long Island Iced Tea an, sich in Long Blockchain Corp umzubenennen und in die Kryptotechnologie einzusteigen. Der Kurs stieg zeitweise um 380 Prozent. Vier Jahre später war die Firma von der Börse genommen, die SEC warf drei Beteiligten Insiderhandel vor, und eine echte Blockchain-Aktivität hatte es nie gegeben. Mark Malek, Anlagechef von Siebert Financial, bringt den Vergleich auf den Punkt. Der Markt bepreise gerade kein Risiko, sondern ein Narrativ. Das Wort AI werde genauso gehandelt wie einst das Wort Blockchain oder die Endung .com. Jim Cramer, Moderator von CNBCs Mad Money, fasste seine Reaktion auf die Allbirds-Meldung weniger diplomatisch zusammen. "This is ridiculous."

Der Unterschied zu echten GPU-Anbietern ist groß. Ein einzelner Nvidia-H100-Server kostet je nach Konfiguration zwischen 300.000 und 400.000 Dollar. CoreWeave, einer der etablierten Spieler in diesem Segment, hat allein 2025 Kreditlinien über mehr als zehn Milliarden Dollar aufgenommen. Die 50 Millionen Dollar von NewBird AI sind in diesem Maßstab nicht mehr als ein Startschuss.

Was das für Anleger bedeutet

Für Anleger stellt sich eine einfache Frage. Beteiligt man sich an einem spekulativen Narrativ, oder investiert man in ein Unternehmen? BIRD ist aktuell Ersteres. Das Papier reagiert auf Schlagzeilen, nicht auf Fundamentaldaten. Die Volatilität ist extrem, das Handelsvolumen künstlich aufgebläht, die Short-Quote auf Rekordniveau. Solche Konstellationen führen regelmäßig zu Short-Squeezes, aber auch zu abrupten Einbrüchen, wenn die Erzählung kippt.

Wir glauben, dass der faire Wert von BIRD an zwei Dingen hängt. Das eine ist der verbliebene Cash nach dem Verkauf des Schuhgeschäfts und die Frage, wieviel davon tatsächlich bei den Aktionären landet. William Blair hatte vor der Wandlung einen impliziten Wert von 5,70 Dollar pro Aktie errechnet. Das andere ist, ob NewBird AI aus den 50 Millionen Dollar Finanzierung eine operative Substanz baut und binnen zwölf bis achtzehn Monaten vorzeigbare Umsätze erzielt.

Wichtig für kurzfristig orientierte Anleger ist zudem die für den 20. Mai geplante Sonderdividende. Aktionäre, die bis zum Stichtag im Bestand sind, sollen einen Teil des Erlöses aus dem Markenverkauf ausgezahlt bekommen. Das erklärt einen Teil der Kursstärke in den vergangenen Tagen. Nach dem Stichtag dürfte der Kurs um die Dividende nach unten angepasst werden.

Der Mai wird richtungsweisend

Für den 7. Mai sind die nächsten Quartalszahlen angesetzt. Das wird der letzte Blick auf das alte Allbirds. Der Markt erwartet rund 47,7 Millionen Dollar Umsatz und einen Nettoverlust um 20 Millionen. Interessanter wird der 20. Mai, wenn die Hauptversammlung über die Satzungsänderung und die Umfirmierung in NewBird AI abstimmt. Dann soll auch der Passus gestrichen werden, dass Allbirds als zertifizierte B Corp für ökologische Ziele arbeitet. Rechenzentren sind extrem energieintensiv, mit den ursprünglichen Nachhaltigkeitsprinzipien wäre der neue Kurs nicht vereinbar.

Ab Sommer wird sichtbar, ob NewBird AI Hardware-Verträge abschließt, erste Kunden gewinnt und die angekündigte GPU-Cloud-Plattform technisch und kommerziell umsetzt. Wer jetzt einsteigt, wettet im Wesentlichen auf den Erfolg genau dieses Schritts. Und darauf, dass der Aktienmarkt in der Zwischenzeit die Geduld behält.