Die Eutelsat-Aktie (Euronext Paris/LSE: ETL) hat seit Jahresbeginn mehr als 50 Prozent zugelegt und kratzt aktuell wieder an der Marke von 2,65 Euro. Vor wenigen Monaten lag der Kurs noch bei 1,15 Euro, dem 52-Wochen-Tief. Wer das Papier des französischen Satellitenbetreibers nach einem mehrjährigen Abwärtstrend bereits abgeschrieben hatte, dürfte sich gerade verwundert die Augen reiben. Die Marktkapitalisierung liegt jetzt bei rund 3 Milliarden Euro.
Hinter der Rallye steckt mehr als nur Spekulation. Eutelsat hat in den vergangenen Wochen eine ganze Serie von Deals an Land gezogen, eine Kapitalerhöhung über 1,5 Milliarden Euro gestemmt und 440 neue Satelliten bei Airbus bestellt. Der LEO-Umsatz wuchs im jüngsten Halbjahr um rund 60 Prozent. Am 12. Mai legt das Unternehmen die nächsten Quartalszahlen vor. Genau dann wird sich zeigen, ob das Comeback Substanz hat oder nur eine kurzlebige Erholung in einem schwierigen Markt war.
Was Eutelsat eigentlich ist und warum OneWeb so wichtig wurde
Eutelsat wurde 1977 als europäisches Konsortium gegründet und ist heute einer der größten Satellitenbetreiber der Welt. Das klassische Geschäft besteht aus 35 geostationären Satelliten in 36.000 Kilometern Höhe, über die mehr als 6.500 TV-Kanäle ausgestrahlt werden. Dazu kommen Konnektivitätsdienste für Schiffe, Flugzeuge und Regierungen. Sitz ist Paris, das Unternehmen beschäftigt rund 1.600 Mitarbeiter in über 75 Ländern. CEO ist seit 2024 Jean-François Fallacher.
Der entscheidende Schritt der jüngeren Firmengeschichte war die Fusion mit OneWeb im September 2023. OneWeb wurde 2012 vom Amerikaner Greg Wyler unter dem Namen WorldVu gegründet und sollte ein globales Breitband-Internet aus dem niedrigen Erdorbit liefern. Im März 2020 ging das Unternehmen pleite, wurde aber von der britischen Regierung und dem indischen Konzern Bharti Global gerettet. Drei Jahre später schluckte Eutelsat OneWeb für 3,4 Milliarden Dollar und wurde damit zum weltweit einzigen Betreiber, der sowohl GEO- als auch LEO-Satelliten in einer integrierten Architektur bündelt.
Die OneWeb-Konstellation umfasst aktuell mehr als 600 aktive Satelliten in 1.200 Kilometern Höhe, verteilt auf 12 Orbitalebenen. Damit liefert das Netzwerk niedrige Latenzzeiten, vergleichbar mit Glasfaser. Die Briten behielten bei der Fusion goldene Aktien mit Sonderrechten, der französische Staat ist heute mit knapp 30 Prozent größter Aktionär. Bharti Global hält rund 19 Prozent, Softbank hat sich Ende 2025 weitgehend zurückgezogen.
Verträge in Mexiko, Westafrika und Karibik treiben den Kurs
Die Nachrichtenlage der vergangenen Wochen liest sich wie eine PR-Kampagne nach Plan. Am 21. April unterzeichnete Eutelsat eine Vereinbarung mit Co-op Cable in Barbados, um TV- und Internetdienste in der Karibik zu bündeln. Einen Tag später folgte die Vertragsverlängerung mit PCTV, einer Tochter des mexikanischen Kabelriesen Megacable. Das mexikanische Pay-TV-Geschäft läuft auch weiterhin über den Satelliten EUTELSAT 117 West A. Kurz darauf kam Cadena Tres dazu, das drittgrößte nationale TV-Netzwerk Mexikos.
Im April folgte zudem eine Partnerschaft mit MTN Côte d’Ivoire, der Tochter des großen afrikanischen Telekomkonzerns MTN Group. Über den Hochdurchsatzsatelliten EUTELSAT KONNECT bei 7° Ost soll Breitband in den ländlichen Regionen der Elfenbeinküste verfügbar werden, mit WLAN-Hotspots in Gemeinden, die bisher kaum erschlossen sind. Das passt zum Digitalisierungsprogramm der ivorischen Regierung. Eutelsat positioniert sich dabei als Infrastrukturpartner, der dort Breitband liefert, wo Glasfaser und 5G keinen Sinn ergeben.
Ein weiterer Treiber war die Großbestellung bei Airbus. Im Januar orderte Eutelsat 340 zusätzliche LEO-Satelliten der zweiten Generation, zusammen mit den bereits 100 georderten Satelliten kommt das Unternehmen damit auf bis zu 440 neue Einheiten. Gefertigt werden sie auf einer neuen Produktionslinie in Toulouse, die ersten Auslieferungen sind für Ende 2026 geplant. Die Investition von rund 4 Milliarden Euro im Zeitraum 2026 bis 2029 wird durch ein 5-Milliarden-Euro-Finanzierungspaket abgesichert. Dazu gehören die bereits abgeschlossene Kapitalerhöhung über 1,5 Milliarden Euro, eine staatlich besicherte Exportkreditlinie über 990 Millionen Euro und eine neue Anleihe über 1,5 Milliarden Euro.
Der Wettbewerb spielt in einer eigenen Liga
Die unangefochtene Nummer eins im LEO-Markt ist Starlink von SpaceX. Das US-Unternehmen betreibt mehr als 9.300 Satelliten und hat die LEO-Konstellation kommerziell groß gemacht. Starlink ist nicht börsennotiert, wird aber auf intern auf rund 350 Milliarden Dollar bewertet. Der angekündigte SpaceX-Börsengang sorgt aktuell für viel Aufmerksamkeit und schiebt die Bewertung der gesamten Satellitenbranche an. Starlink hat über 5 Millionen Endkunden und plant mit Direct-to-Cell, normale Smartphones direkt mit Satelliten zu verbinden.
Amazon ist mit Project Kuiper, neuerdings nur noch Amazon LEO genannt, der aggressivste Herausforderer. Das Unternehmen hat bisher 212 Satelliten gestartet, geplant sind 3.236. Bis Juli 2026 muss laut FCC-Lizenz die Hälfte der Konstellation im Orbit sein. Die Investitionssumme liegt bei über 10 Milliarden Dollar. Der größte Trumpf ist die Integration mit AWS, der weltgrößten Cloud-Plattform. Wenn Amazon das Modell kommerziell zündet, könnte Kuiper Eutelsat im Geschäftskunden- und Government-Bereich direkt angreifen.
Im klassischen GEO-Geschäft sind vor allem zwei Wettbewerber relevant. Viasat (NASDAQ: VSAT) aus den USA hat sich nach dem Kauf von Inmarsat zu einem hybriden Anbieter entwickelt und ist mit rund 7,7 Milliarden Dollar Marktkapitalisierung deutlich höher bewertet als Eutelsat. Die Aktie ist in den vergangenen 12 Monaten um über 600 Prozent gestiegen, ein noch heftigeres Comeback als bei Eutelsat. Der Schweizer Konkurrent SES (Euronext: SESG) bringt es auf rund 2,3 Milliarden Euro Marktkapitalisierung und liegt damit unter Eutelsat. SES setzt mit der mPOWER-Konstellation auf den mittleren Erdorbit und ist klassisch für Government und Broadcast aufgestellt.
Iridium Communications (NASDAQ: IRDM) bedient mit 66 Satelliten im L-Band ein Nischensegment, vor allem für Schiffe, Flugzeuge und militärische Anwendungen, und kommt auf rund 3 Milliarden Dollar Bewertung. Im LEO-Massenmarkt für Breitband spielt Iridium aber keine Rolle. Eutelsat positioniert sich zwischen den Welten, mit Geo-Stärke im Broadcast und LEO-Wachstum durch OneWeb. Die Bewertung des Konzerns liegt mit einem Kurs-Umsatz-Verhältnis von rund 1,7 immer noch deutlich unter dem Branchenschnitt, was die Comeback-Story zusätzlich befeuert.
Was Anleger im Hinterkopf behalten sollten
Die Eutelsat-Story ist eine echte Turnaround-Wette. Wer Anfang 2025 noch zu 11,50 Euro im Hoch gekauft hat, sitzt trotz der jüngsten Rallye auf einem heftigen Verlust. Die Verwässerung durch die Kapitalerhöhungen war massiv, allein in der Bezugsrechtsemission im Dezember 2025 wurden 496 Millionen neue Aktien zu nur 1,35 Euro ausgegeben. Wer damals zugriff, hat bis heute fast eine Verdoppelung gemacht.
Das aktuelle Niveau spiegelt eine Mischung aus Hoffnung und Risiko. Der LEO-Umsatz wuchs im ersten Halbjahr 2025/26 währungsbereinigt um 60 Prozent auf 110 Millionen Euro. Das Management peilt für das Gesamtjahr 50 Prozent LEO-Wachstum an. Bis 2028/29 will Eutelsat einen Umsatz von 1,5 bis 1,7 Milliarden Euro erreichen, mit einer EBITDA-Marge von mindestens 60 Prozent. Wenn das gelingt, wäre die Aktie auf dem aktuellen Niveau billig. Ob es gelingt, ist die offene Frage. Die Nettoverschuldung liegt beim 2,7-fachen EBITDA, das Video-Geschäft schrumpft, und der Wettbewerb mit Starlink und Amazon Kuiper wird härter, nicht leichter.
Für junge Anleger ist die Aktie aus mehreren Gründen interessant. Der Sektor profitiert vom SpaceX-IPO-Hype und von der politischen Diskussion um europäische Souveränität in der Raumfahrt. Eutelsat ist Teil des EU-Programms IRIS², das 290 Milliarden Euro für sichere Regierungskommunikation vorsieht. Der französische Staat als größter Aktionär sorgt für Rückenwind, kann aber auch Renditeziele bremsen. Analysten bleiben überwiegend skeptisch, das durchschnittliche Kursziel liegt bei nur 2,40 Euro und damit unter dem aktuellen Kurs. JP Morgan stufte zuletzt auf Neutral hoch, Kepler Cheuvreux bleibt bei Hold, Deutsche Bank wurde positiver. Niemand empfiehlt aktuell einen klaren Kauf.
Quartalszahlen am 12. Mai werden zur Nagelprobe
Der nächste große Termin steht am 12. Mai an, wenn Eutelsat die Q3-Zahlen für das laufende Geschäftsjahr 2025/26 vorlegt. Im Fokus steht zunächst die LEO-Wachstumsdynamik. Spannend wird vor allem, ob die jüngsten Verträge in Lateinamerika und Westafrika bereits sichtbare Umsätze beigesteuert haben. Daneben werden Anleger genau auf die Nettoverschuldung schauen, die laut Plan zum Jahresende auf das 2,7-fache EBITDA sinken soll. Auch die Auslastung der GEO-Flotte zählt zu den kritischen Punkten. Ob die Sanktionen gegen russische Sender weiter auf das Video-Segment drücken, dürfte für die Stimmung am Markt mitentscheidend sein.
Mittelfristig wird die Eutelsat-Story von zwei externen Faktoren mitbestimmt. Ein erfolgreicher SpaceX-Börsengang würde die gesamte Branche bewerten und vermutlich auch europäische Spieler nach oben ziehen. Gleichzeitig könnten neue Direct-to-Cell-Initiativen von Starlink und AST SpaceMobile den klassischen Mobilfunkmarkt aufmischen, in dem Eutelsat bisher nur eine kleine Rolle spielt. Charttechnisch wäre der Durchbruch über die 200-Tage-Linie das nächste wichtige Signal. Erst dann wäre der Aufwärtstrend technisch wirklich gefestigt. Bis dahin bleibt Eutelsat das, was die Aktie schon seit Monaten ist, ein hochvolatiles Spielfeld für mutige Investoren mit langem Atem.
