Kone übernimmt TK Elevator für 29,4 Milliarden Euro

Kone (KNEBV) kauft TK Elevator für 29,4 Milliarden Euro. IG Metall läuft Sturm, und Schindler signalisiert Widerstand. Welche Folgen der Mega-Deal für Anleger hat.

Ein Mega-Deal verändert die Aufzugsbranche

Europa🎧5 Min.02.05.2026

Der finnische Aufzughersteller Kone (HEL: KNEBV) übernimmt den deutschen Konkurrenten TK Elevator für 29,4 Milliarden Euro inklusive Schulden. Damit entsteht der weltgrößte Anbieter von Aufzügen und Rolltreppen, der die bisherigen Marktführer Otis und Schindler hinter sich lässt. Die Eigentümer von TK Elevator, die Finanzinvestoren Advent und Cinven, erhalten 5 Milliarden Euro in bar und 270 Millionen neue Kone-Aktien im Wert von rund 15,2 Milliarden Euro.

Das Konsortium um Advent und Cinven kommt damit auf 33,8 Prozent der Anteile am fusionierten Konzern, hält aber nur 18,3 Prozent der Stimmrechte. Der Deal wurde am 29. April angekündigt und liegt am oberen Ende der zuvor diskutierten Bewertungsspanne von 25 bis 29 Milliarden Euro. Mit einem Vollzug rechnen die Beteiligten frühestens im zweiten Quartal 2027. Vorher müssen die Kartellbehörden zustimmen.

IG Metall spricht von einem Angriff auf die Mitbestimmung

In Deutschland sorgt der Deal für Aufruhr. Die IG Metall reagierte scharf, weil die Mitbestimmungsgremien vor der öffentlichen Bekanntgabe nicht informiert wurden. Knut Giesler, Bezirksleiter der IG Metall NRW und stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender bei TK Elevator, nannte das Vorgehen "ungeheuerlich". Die Gewerkschaft sieht in der Ankündigung einen Angriff auf die Mitbestimmung der Beschäftigten in Deutschland, Europa und weltweit. Konkrete Reaktionen wurden bereits angekündigt.

TK Elevator beschäftigt weltweit über 50.000 Menschen und betreibt allein in Deutschland mehr als 60 Standorte. Die Konzernzentrale sitzt in Düsseldorf, das Unternehmen entstand 2020 aus der Aufzugsparte von Thyssenkrupp. Welche deutschen Standorte vom Deal betroffen sein könnten, ist offen. Bei Fusionen dieser Größenordnung wird typischerweise zusammengelegt, wo sich Strukturen überschneiden. Der ikonische Testturm in Rottweil mit seiner 232 Meter hohen Besucherplattform ist Teil des deutschen Standortnetzes und genießt einen besonderen Status in der Branche.

TK Elevator hat versucht zu beruhigen. Die bestehenden Vereinbarungen zur Mitbestimmung und die Tarifverträge gälten unverändert weiter, hieß es in einer offiziellen Stellungnahme. Die Gesellschafter befänden sich im Austausch mit der IG Metall. Für die Beschäftigten in NRW bleibt die Lage trotzdem ungewiss, zumal das geplante Synergieprogramm von 700 Millionen Euro pro Jahr ohne Stellenabbau kaum vorstellbar erscheint. Auch zahlreiche kleinere Zulieferer und Handwerksbetriebe in der Region hängen am Auftragsvolumen von TK Elevator.

Wer ist Kone überhaupt?

Kone ist in Deutschland deutlich weniger bekannt als TK Elevator, obwohl die Finnen weltweit zur Spitzengruppe gehören. Das Familienunternehmen mit Sitz in Espoo wurde 1910 gegründet und ist seit Jahrzehnten in finnischer Hand. Die Familie Herlin hält über eine Konstruktion mit Aktien unterschiedlicher Stimmrechte die Kontrolle. Aufsichtsratschef Antti Herlin behält auch nach dem Deal mehr als 50 Prozent der Stimmrechte und kauft den Finanzinvestoren nach Abschluss zusätzliche Aktien für eine Milliarde Euro ab.

Der CEO Philippe Delorme, ein Franzose, der erst 2024 das Ruder übernommen hat, soll auch das fusionierte Unternehmen führen. Kone ist vor allem in Europa und Asien stark, während TK Elevator eine prominente Position auf dem amerikanischen Markt hält. Genau diese geografische Ergänzung war eines der Hauptargumente für die Transaktion. Zusammen werden die beiden Unternehmen 3,2 Millionen Aufzüge und Rolltreppen warten, was etwa zwei Drittel der kombinierten Umsätze ausmacht. Das Service- und Modernisierungsgeschäft gilt in der Branche als der profitabelste Teil.

Otis und Schindler verlieren ihre Spitzenpositionen

Bisher war der Markt klar aufgeteilt. Otis (NYSE: OTIS) führte mit umgerechnet rund 12,3 Milliarden Euro Umsatz im vergangenen Geschäftsjahr, dicht gefolgt vom Schweizer Konzern Schindler (SIX: SCHN) mit 11,9 Milliarden Euro. Kone erzielte 11,2 Milliarden Euro, TK Elevator kam auf 9,2 Milliarden Euro. Nach dem Zusammenschluss käme der neue Konzern rechnerisch auf rund 20,5 Milliarden Euro Jahresumsatz und damit auf fast das Doppelte von Otis. Hinzu kommen rund 100.000 Mitarbeiter und ein bereinigter operativer Gewinn von 2,7 Milliarden Euro.

Otis ist mit einer Marktkapitalisierung von rund 38 Milliarden Dollar der börsennotierte Schwergewicht der Branche. Die Aktie reagierte verhalten negativ auf die Deal-Ankündigung und gab am Folgetag rund ein Prozent nach. Investoren befürchten, dass Otis langfristig Marktanteile verlieren könnte, wenn der neue Marktführer aggressiv investiert. Schindler reagierte direkt mit einer scharfen Stellungnahme. Eine globale Übernahme würde zwei der größten Marktteilnehmer vereinen. Angesichts der weitreichenden Überschneidungen sei mit erheblichem Widerstand und langwierigen behördlichen Prüfungen zu rechnen. Die Schweizer kündigen damit indirekt an, in den Kartellverfahren mitzukämpfen.

Der vierte große Player ist Mitsubishi Electric, der vor allem im asiatischen Raum stark ist und global etwa 8 Milliarden Euro Aufzugsumsatz erwirtschaftet. Auch dort dürfte die Konsolidierung an der Spitze für Unruhe sorgen. Der globale Aufzugsmarkt wird auf rund 80 Milliarden Euro geschätzt. Nach dem Deal würden die kombinierten Kone-TKE etwa ein Viertel davon kontrollieren, in einigen europäischen Ländern dürften die Marktanteile noch deutlich höher liegen. Genau hier setzen die Kartellbedenken an.

Was Anleger jetzt beobachten sollten

Die Reaktionen an der Börse zeigen ein gespaltenes Bild. Die Kone-Aktie verlor am Tag der Ankündigung in Helsinki rund 3,3 Prozent und schloss bei 54,46 Euro. Investoren stören sich an der hohen Bewertung und der starken Verwässerung durch die neuen Aktien. JP Morgan sieht die Sache anders und stufte Kone direkt nach der Bekanntgabe von Neutral auf Overweight hoch. Das Kursziel hoben die Analysten auf 70 Euro an, was ein Aufwärtspotenzial von rund 28 Prozent gegenüber dem aktuellen Kurs bedeutet.

Der eigentliche Gewinner an der Börse war Thyssenkrupp. Die Aktie sprang um knapp 10 Prozent auf 9,61 Euro, weil der Essener Industriekonzern noch indirekt rund 16 Prozent an TK Elevator hält. Beim Verkauf 2020 hatte Thyssenkrupp den Großteil für 17,2 Milliarden Euro abgegeben, der jetzt verkaufte Anteil ist nun deutlich mehr wert. Für Advent und Cinven ist der Deal ein Lehrbuch-Exit. Innerhalb von rund sechs Jahren haben die Finanzinvestoren ihren Einsatz weitgehend zurückbekommen und sitzen jetzt zusätzlich auf einem Drittel eines börsennotierten Marktführers. Im vergangenen Jahr war auch der saudische Staatsfonds PIF über die Tochter Alat mit 15 Prozent bei TK Elevator eingestiegen, damals zu einer Bewertung von 23 Milliarden Euro. Auch dieser Anteil dürfte jetzt deutlich aufgewertet werden.

Für junge Anleger ist die Geschichte aus mehreren Gründen interessant. Der Aufzugsmarkt gilt als defensiv und stabil, weil der Großteil der Erlöse aus Wartung und Modernisierung kommt. Wer einmal einen Service-Vertrag abschließt, bleibt oft Jahrzehnte Kunde. Gleichzeitig ist die Bewertung des Sektors hoch. Otis wird mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 27 gehandelt, Schindler liegt bei 28. Kone notiert nach dem Deal-Bekanntwerden bei einem KGV von etwa 30. Das ist nicht günstig, spiegelt aber die Qualität der wiederkehrenden Erlöse wider.

Kartellbehörden werden zur Schlüsselhürde

Die nächsten Monate werden von der kartellrechtlichen Prüfung dominiert. Zuständig sind die EU-Kommission, das US-Justizministerium und die chinesischen Behörden. Schindler hat bereits angekündigt, sich aktiv einzubringen, was die Prüfung verlangsamen wird. Auflagen wie der Verkauf einzelner Geschäftsbereiche oder regionaler Aktivitäten sind ein realistisches Szenario. In welchem Umfang das den Deal verändert, wird sich erst in den kommenden Quartalen zeigen.

Spannend wird auch, wie sich die deutsche Mitbestimmung positioniert. Die IG Metall hat angekündigt, Reaktionen folgen zu lassen. Im Aufsichtsrat von TK Elevator stellen die Arbeitnehmervertreter die Hälfte der Sitze. Über diesen Hebel könnten Auflagen für deutsche Standorte erzwungen werden. Für die Kone-Aktie und für Thyssenkrupp werden zudem die nächsten Quartalszahlen wichtig, weil sie zeigen, wie die Märkte beider Unternehmen unabhängig vom Deal laufen. Ein Stolperstein sind nicht zuletzt die globalen Kartellverfahren beim Aufzugsmarkt selbst, der EU-Kommission ist die Branche seit der Rekordstrafe von 992 Millionen Euro im Jahr 2007 ohnehin gut bekannt.