Ein Beat, der wie ein Miss aussieht
Manchmal genügt es nicht, die Erwartungen zu erfüllen. ServiceNow (NYSE: NOW) hat das am Mittwochabend nach US-Börsenschluss schmerzhaft erfahren müssen. Der auf Workflow-Automatisierung spezialisierte Software-Konzern aus Santa Clara meldete für das erste Quartal 2026 einen Umsatz von 3,77 Milliarden Dollar und damit ein Plus von 22 Prozent zum Vorjahr. Analysten hatten 3,74 bis 3,75 Milliarden erwartet. Beim bereinigten Gewinn pro Aktie kam ServiceNow auf 97 Cent, einen Cent über dem Konsens. Auf dem Papier ein klarer Beat.
Die Reaktion an der Wall Street war trotzdem brutal. Im Donnerstagshandel verlor die NOW-Aktie rund 18 Prozent und schloss bei 84,78 Dollar. Vor dem Bericht hatte das Papier noch bei 103,07 Dollar notiert. Damit ist die Aktie seit Jahresbeginn um etwa 45 Prozent eingebrochen. Die Marktkapitalisierung sank dadurch auf rund 88,85 Milliarden Dollar.
Was wie ein klassisches Beispiel für übertriebene Marktreaktionen aussieht, hat handfeste Gründe. ServiceNow handelt selbst nach dem Kursrutsch noch zu einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 50. Bei dieser Bewertung reicht ein knapper Beat nicht mehr aus. Investoren wollten Beschleunigung sehen, bekamen aber Stillstand. Drei Themen haben den Crash ausgelöst, und keines davon lässt sich in einem Quartal aus der Welt schaffen.
Iran-Konflikt bremst Großdeals im Mittleren Osten
Das erste Problem ist geopolitisch. ServiceNow hat in seinem Quartalsbericht offen eingeräumt, dass das Subscription-Wachstum unter einem Gegenwind von rund 75 Basispunkten gelitten hat. Der Grund sind verschobene Abschlüsse mehrerer großer On-Premise-Deals im Nahen Osten, die wegen des anhaltenden Konflikts in der Region nicht zustande kamen. Die Subscription-Umsätze landeten bei 3,67 Milliarden Dollar, knapp über dem FactSet-Konsens von 3,65 Milliarden. Ohne den Mittelost-Effekt wäre der Wert allerdings spürbar höher gewesen.
Solche Verzögerungen sind in der Software-Branche kein Weltuntergang, weil verschobene Deals oft in den Folgequartalen nachgeholt werden. Doch sie kommen zu einem schlechten Zeitpunkt. ServiceNow hatte 2025 hohe Erwartungen geweckt, mit 25 Prozent Wachstum bei den Current Remaining Performance Obligations, kurz cRPO, einem Frühindikator für künftige Umsätze. In Q1 2026 kletterten die cRPO auf 12,64 Milliarden Dollar, leicht über den erwarteten 12,56 Milliarden. Das ist solide, aber kein Feuerwerk. Genau das Feuerwerk hatte der Markt aber bei diesen Bewertungen eingepreist.
CFO Gina Mastantuono versuchte in Interviews gegenzusteuern. Sie betonte, das KI-Produktportfolio liefere weiterhin überdurchschnittlich und sei auf Kurs, das Ziel von einer Milliarde Dollar Umsatz für 2026 zu übertreffen. Die Jahresprognose für die Subscription-Umsätze hob ServiceNow leicht an, auf eine Spanne von 15,74 bis 15,78 Milliarden Dollar nach zuvor 15,53 bis 15,57 Milliarden. Der Markt nahm diese Anhebung kaum zur Kenntnis. Der Fokus lag auf den Margen.
Teure Übernahmen drücken die Profitabilität
Das zweite Problem ist hausgemacht. ServiceNow hat in den vergangenen zwölf Monaten eine Einkaufstour hingelegt, die ihresgleichen sucht. Im April 2026 wurde die Übernahme des Cybersecurity-Anbieters Armis für 7,75 Milliarden Dollar abgeschlossen, die größte Akquisition der Firmengeschichte. Davor hatte CEO Bill McDermott bereits den KI-Spezialisten Moveworks integriert, eine weitere Übernahme von Veza ist in Vorbereitung. Hinzu kommen mehrere kleinere Deals.
Diese Strategie hat einen Preis. Übernahmen drücken kurzfristig die Margen, weil integrierte Unternehmen oft niedrigere Profitabilität haben als das Kerngeschäft und weil hohe Goodwill-Abschreibungen anfallen. McDermott will mit den Akquisitionen das positionieren, was er einen "AI Control Tower" nennt, also eine zentrale Plattform, die KI-Agenten in allen Bereichen eines Unternehmens steuert und überwacht. Die Vision ist groß. Die Frage ist nur, ob die Investoren bereit sind, dafür Margenschwäche zu akzeptieren.
Aktuell offenbar nicht. ServiceNow hat in Q1 alleine rund 20 Millionen eigene Aktien zurückgekauft, mehr als doppelt so viele wie im gesamten Jahr 2025. Im Januar hatte der Vorstand zusätzliche 5 Milliarden Dollar für Rückkäufe genehmigt. Das ist ein klares Signal, dass das Management den Kurs für unterbewertet hält. Die Wall Street sieht das jedoch zweischneidig. Aggressive Buybacks bei gleichzeitig teuren Übernahmen verbrauchen Cash und reduzieren den finanziellen Spielraum für weitere Investitionen.
Goldman, Jefferies und Piper kassieren ihre Kursziele ein
Die dritte Welle kam von der Sell-Side. Innerhalb weniger Stunden nach den Zahlen senkten gleich mehrere große Investmentbanken ihre Kursziele teilweise drastisch. Goldman Sachs reduzierte das Ziel von 188 auf 163 Dollar. Jefferies ging noch weiter, von 175 auf 135 Dollar. Piper Sandler kappte sein Ziel von 200 auf 140 Dollar. KeyBanc, ohnehin mit einer "Underweight"-Empfehlung, drückte den Wert von 115 auf 85 Dollar.
Auffällig ist, dass die meisten dieser Häuser ihre Kaufempfehlungen trotz der Kürzungen aufrechterhalten haben. Das deutet auf eine Sondersituation hin. Die Analysten glauben grundsätzlich an die Story, sehen aber die nächsten Monate als schwierig an. Konkret werden drei Punkte genannt. Die Mittelost-Verzögerungen, die schwächeren cRPO-Aussichten für Q2 und die Margenkompression aus den Übernahmen.
Der Konsens der Analysten liegt mit 39 Buy-Ratings, 4 Hold und 3 Sell weiterhin klar im positiven Bereich. Morningstar bestätigte einen Fair-Value-Schätzwert von 165,52 Dollar, also fast doppelt so hoch wie der aktuelle Kurs. Wer den Analysten glaubt, sieht hier ein Schnäppchen. Wer sich an die jüngsten Kurszielsenkungen hält, bleibt vorsichtig. Beide Lager haben ein Argument, das nicht von der Hand zu weisen ist.
Anleger sollten die Bewertungsdebatte ernst nehmen
ServiceNow ist seit Jahren eine der teuersten Aktien im Software-Sektor und hat diese Bewertung lange durch konstante 20-Prozent-plus-Wachstumsraten gerechtfertigt. Genau dieses Modell gerät jetzt unter Druck. Die KI-Welle hat die Spielregeln verändert. Konkurrenten wie Salesforce, Microsoft und neue Anbieter pushen eigene KI-Agenten in den Markt, die direkt mit ServiceNows Workflow-Lösungen konkurrieren. Salesforce-CEO Marc Benioff sagte erst im vergangenen Quartal öffentlich, dass KI bei Salesforce bereits bis zu 50 Prozent der Arbeit erledige.
Unsere Einschätzung: Der Crash ist eine Mischung aus echten Sorgen und Bewertungsangst. Die operativen Zahlen sind weiterhin solide, das KI-Geschäft wächst nach Unternehmensangaben schneller als geplant. Was fehlt, ist der Beweis, dass die Übernahmen schnell zu echten Margengewinnen führen. Die Armis-Integration wird zwölf bis 18 Monate dauern, bis sie sich in den Zahlen positiv niederschlägt. So lange müssen Anleger die niedrigeren Margen aushalten.
Wer ServiceNow im Depot hat, steht jetzt vor einer typischen Quality-Falle. Der Konzern ist operativ stark, die Aktie aber im Abwärtstrend. Wer neu einsteigt, bekommt zwar einen massiven Bewertungsabschlag gegenüber dem Sommer-Hoch, aber auch echte Risiken. Sollte der nächste Quartalsbericht ähnlich verlaufen, könnten weitere 15 bis 20 Prozent nach unten drin sein. Bei 84 Dollar liegt die Aktie in einem Bereich, in dem KeyBanc inzwischen sein Kursziel sieht. Ein Test der Marke 75 oder 80 Dollar in den nächsten Wochen wäre nicht überraschend, vor allem wenn der breite Software-Sektor weiter unter Druck bleibt.
Der 4. Mai wird zum entscheidenden Termin
Der nächste Katalysator kommt nicht erst zu den Q2-Zahlen am 22. Juli, sondern schon deutlich früher. Am 4. Mai veranstaltet ServiceNow seinen Analyst Day. Dort wird CEO Bill McDermott die Gelegenheit haben, seine Vision für die KI-Monetarisierung im Detail zu erklären und konkrete Margen-Pfadwerte für die nächsten Jahre zu nennen. Genau das ist es, was die Analysten in den vergangenen 24 Stunden vermisst haben.
Spannend wird vor allem, wie McDermott die Armis-Integration einordnet und wie konkret er den Now-Assist-Pfad zur 1,5-Milliarden-Dollar-ACV-Marke beschreibt. Sollte er auf dem Analyst Day überzeugen, könnte die Aktie schnell wieder Boden gutmachen. Sollte er dagegen vage bleiben, droht eine längere Konsolidierungsphase im Bereich um 80 Dollar. Bis dahin gilt für ServiceNow das, was bei vielen Premium-Software-Werten in dieser Korrekturphase gilt. Die Geduld der Investoren wird stärker getestet als je zuvor.
