Mittwoch nach US-Börsenschluss wird ernst
Nvidia (NASDAQ: NVDA) legt am Mittwoch nach dem US-Handelsschluss die Quartalszahlen für das erste Quartal des Geschäftsjahres 2027 vor. Damit beginnt für die gesamte KI-Branche der wichtigste Bericht des Quartals. Der Konzern ist mittlerweile rund 5,7 Billionen Dollar wert. Jede stärkere Bewegung in der Aktie zieht den Rest des Halbleitersektors mit nach oben oder unten.
Die Wall Street rechnet im Schnitt mit rund 78 Milliarden Dollar Umsatz und einem bereinigten Gewinn von 1,77 Dollar je Aktie. Davon sollen etwa 73 Milliarden auf das Datacenter-Geschäft entfallen. Im Vergleich zum Vorjahresquartal wäre das ein Umsatzplus von rund 78 Prozent. Der Optionsmarkt preist eine Kursbewegung von 8 bis 10 Prozent in eine der beiden Richtungen ein.
Die Aktie schloss am Freitag bei 225,32 Dollar, nach einem Allzeithoch von 236,54 Dollar nur einen Tag zuvor. Drei Monate lang lief der Kurs seitwärts zwischen 190 und 220 Dollar, bevor er kurz vor dem Bericht nach oben ausbrach. Damit ist das Setup heikel. Die Messlatte liegt hoch und der Markt hat schon einiges eingepreist.
Wie Nvidia sein Geld verdient
Nvidia baut keine Smartphones, keine Autos und keine Server. Der Konzern verkauft die Chips, ohne die heute kein großes KI-Modell mehr trainiert wird. Im Kern stehen die sogenannten Grafikprozessoren, kurz GPUs. Diese Chips wurden ursprünglich für 3D-Grafik in Computerspielen entwickelt. Sie können extrem viele einfache Rechenoperationen gleichzeitig ausführen. Genau das brauchen KI-Modelle wie ChatGPT oder Gemini.
Über 90 Prozent des Konzernumsatzes kommen inzwischen aus dem Datacenter-Segment. Hier kaufen Cloud-Riesen wie Microsoft, Amazon, Google und Meta die teuersten KI-Beschleuniger der Welt. Ein einzelner High-End-Chip kostet zwischen 30.000 und 40.000 Dollar. Nvidia liefert dazu noch Netzwerktechnik, Speicherlösungen und vor allem CUDA. Das ist eine Software-Plattform, auf der praktisch alle KI-Entwickler weltweit arbeiten. Wer einmal auf CUDA programmiert hat, wechselt nur ungern zu einem anderen Anbieter.
Diese Kombination aus schneller Hardware und tief verankerter Software ist Nvidias größter Vorteil. Im abgelaufenen Geschäftsjahr 2026 erwirtschaftete der Konzern rund 130 Milliarden Dollar Umsatz. Die operative Marge lag jenseits der 60 Prozent. Solche Zahlen erreichen sonst eher Luxusgüter-Konzerne als Halbleiterhersteller.
Konsens, Whisper-Number und Q2-Guidance
Auf dem Papier sieht der Konsens überschaubar aus. 78 Milliarden Dollar Umsatz, 1,77 Dollar Gewinn je Aktie. Doch in den vergangenen Quartalen reichte ein Beat von 3 bis 4 Prozent nicht mehr, um die Aktie nach oben zu treiben. In vier der letzten fünf Quartale fiel der Kurs am Tag nach den Zahlen, obwohl Nvidia jedes Mal die Erwartungen übertraf. Im Februar 2026 lag der Umsatz mit 68,1 Milliarden Dollar 3,4 Prozent über den Schätzungen. Die Aktie verlor am Folgetag trotzdem 5,5 Prozent.
Der Grund liegt in den sogenannten Whisper-Numbers, also den inoffiziellen höheren Erwartungen großer Investoren. Goldman Sachs etwa modelliert 80 Milliarden Dollar Umsatz und 1,86 Dollar Gewinn je Aktie für Q1. Damit liegt die Investmentbank rund 2 Milliarden über dem offiziellen Konsens. Wenn die Realität näher an den 78 Milliarden bleibt, dürfte das einige Anleger enttäuschen.
Noch wichtiger als das Q1-Ergebnis wird die Prognose für das zweite Quartal. Der Konsens liegt hier bei rund 86 Milliarden Dollar Umsatz und 1,93 Dollar Gewinn je Aktie. Goldman traut Nvidia sogar 87,7 Milliarden zu. Wer eine Guidance unterhalb von 85 Milliarden ausgibt, riskiert eine harte Marktreaktion. CFO Colette Kress wird jedes Wort abwägen müssen.
Drei Stellen, an denen es eng werden könnte
Die Bruttomarge steht im Mittelpunkt. Nvidia hat im vergangenen Quartal 75,2 Prozent erreicht und für das laufende Jahr eine Marge im mittleren 70er-Bereich in Aussicht gestellt. Mit dem Hochlauf der neuen Blackwell-Generation steigen die Materialkosten. Speicherchips sind teurer geworden, fortschrittliche Packaging-Verfahren bei TSMC bleiben knapp. Fällt die Marge unter 73 Prozent, werden die Bären laut. Hält sie sich bei 75 Prozent oder darüber, ist die Story intakt.
Heikler wird es beim Thema China. Im April 2025 hat die US-Regierung den Export der speziell für China angepassten H20-Chips faktisch verboten. Nvidia verbuchte daraufhin eine Wertberichtigung von 4,5 Milliarden Dollar und verlor schätzungsweise weitere 8 Milliarden Dollar an entgangenem Umsatz. Inzwischen darf Nvidia den stärkeren H200-Chip an ausgewählte chinesische Kunden wie Alibaba, ByteDance und Tencent verkaufen. Allerdings nur unter der Bedingung, dass das Unternehmen 15 Prozent des dort erzielten Umsatzes an die US-Regierung abführt. Jensen Huang wird auf der Telefonkonferenz konkrete Zahlen liefern müssen, sonst preist der Markt China weiterhin mit null ein.
Bleibt der Blackwell-Hochlauf. Die GB300-Ultra-Variante soll im Laufe des Jahres in die Massenproduktion gehen. Jede Verzögerung würde die Schätzungen für 2027 verschieben und nicht nur Nvidia treffen, sondern auch Zulieferer wie TSMC und Broadcom. Anleger erwarten klare Aussagen zum Ramp und ein Update zur nächsten Architektur namens Rubin, die in der zweiten Jahreshälfte starten soll.
AMD und Broadcom holen auf
Nvidia ist nicht mehr allein im Rennen. AMD (NASDAQ: AMD) meldete im ersten Quartal 2026 einen Datacenter-Umsatz von 5,8 Milliarden Dollar, ein Plus von 57 Prozent zum Vorjahr. Für das Gesamtjahr 2026 rechnen Analysten mit 15 Milliarden Dollar Datacenter-GPU-Umsatz bei AMD, mehr als doppelt so viel wie 2025. Treiber ist die neue MI400-Serie, von der allein rund 258.000 Stück verkauft werden sollen. OpenAI hat sich frühzeitig große Mengen gesichert.
Noch interessanter sieht es bei Broadcom (NASDAQ: AVGO) aus. Der Konzern liefert keine fertigen GPUs, sondern entwickelt zusammen mit Hyperscalern maßgeschneiderte KI-Chips, sogenannte ASICs. Im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2026 setzte Broadcom 8,4 Milliarden Dollar mit KI-Chips um, ein Plus von 106 Prozent zum Vorjahr. Google nutzt Broadcom-Technik für seine TPU-Prozessoren, Meta für die hauseigenen MTIA-Beschleuniger. Anthropic hat einen Auftrag über rund 11 Milliarden Dollar erteilt. Der gesamte KI-Auftragsbestand des Konzerns liegt bei über 70 Milliarden Dollar.
Die Hyperscaler haben ein klares Interesse daran, sich von Nvidia unabhängiger zu machen. Microsoft, Amazon, Google und Meta wollen 2026 zusammen mehr als 700 Milliarden Dollar in ihre Rechenzentren investieren. Ein Teil dieses Budgets fließt absichtlich an andere Anbieter. Trotzdem dominiert Nvidia das Geschäft mit Standard-GPUs für KI weiterhin mit rund 90 Prozent Marktanteil. Die Frage ist, ob dieser Anteil 2027 noch genauso groß sein wird.
Was Anleger jetzt im Blick haben sollten
Wer Nvidia hält, muss sich auf eine volatile Woche einstellen. Selbst ein solider Bericht garantiert keinen Kursanstieg. Die Bewertung mit einem Kurs-Umsatz-Verhältnis von rund 25 lässt wenig Raum für Enttäuschungen. Gleichzeitig wäre eine starke Guidance der Treibstoff für die nächste Etappe Richtung 250 Dollar und darüber. Der Durchschnitt der Analystenkursziele liegt aktuell bei 272 Dollar.
Für Neueinsteiger lohnt sich vor allem ein Blick auf die Q2-Umsatzprognose. Liegt sie über 87 Milliarden Dollar, ist die Wachstumsstory intakt. Genauso wichtig sind Aussagen zu China und dem 15-Prozent-Abkommen. Und dann die Bruttomarge. Bleibt sie bei 75 Prozent, hat Nvidia trotz steigender Kosten weiter Preismacht. Fällt sie unter 73 Prozent, würde der Markt nervös reagieren.
Wir glauben, dass die Zahlen selbst weniger entscheidend sind als die Tonlage von Jensen Huang. Er ist seit Jahren der wichtigste Erklärer der KI-Wirtschaft. Wenn er auf der Konferenz von einer Verlangsamung spricht, reicht das, um eine Korrektur im gesamten Halbleitersektor auszulösen. Hält er das Tempo seiner letzten Auftritte, dürfte die Aktie zumindest stabil bleiben.
Der nächste große Termin nach den Zahlen ist die GTC-Konferenz in Washington im Oktober, auf der erste Details zur Rubin-Architektur erwartet werden. Die Folge-Quartalszahlen kommen Ende August. Parallel laufen die politischen Verhandlungen weiter. Sollte die US-Regierung das 15-Prozent-Abkommen ausweiten oder neue Restriktionen verhängen, würde das die gesamte Branche treffen. Solange die Hyperscaler ihre Capex-Pläne weiter nach oben anpassen, hat Nvidia Rückenwind. Mittwoch zeigt, wie viel davon schon im Kurs steckt.

