Flywire IPO: Die unsichtbare Payments-Plattform strebt an die Nasdaq

Flywire IPO: Die unsichtbare Payments-Plattform strebt an die Nasdaq
Ticker: FLYW🌐Gründung: 2009Finanzen💰

Overview

Flywire ist kein klassischer Payment-Anbieter wie Stripe oder Adyen. Das Unternehmen aus Boston hat sich auf Zahlungen spezialisiert, die groß, kompliziert und international sind: Studiengebühren, Krankenhausrechnungen, Reisezahlungen und B2B-Transaktionen. Das S-1 Filing wurde am 3. Mai 2021 bei der SEC eingereicht, die Erstnotiz ist am Nasdaq Global Market unter dem Ticker FLYW geplant.

Das Unternehmen wurde 2009 als peerTransfer Corporation gegründet und fokussierte sich zunächst auf Studiengebühren internationaler Studenten. 2016 folgte die Umbenennung in Flywire und der Einstieg in weitere Branchen. Heute serviciert die Plattform über 2.250 Kunden, darunter mehr als 1.900 Bildungseinrichtungen und 80 Krankenhausnetzwerke. Im Jahr 2020 wickelte Flywire über 7,5 Milliarden Dollar Zahlungsvolumen in mehr als 240 Ländern und 130 Währungen ab.

Der IPO kommt zu einem Zeitpunkt, an dem sich die COVID-Auswirkungen auf das internationale Bildungs- und Reisegeschäft langsam abschwächen und Flywire den Übergang von Growth-at-all-cost zu kontrolliertem Wachstum zeigt. Der Verlust sank 2020 von 20,1 auf 11,1 Millionen Dollar, obwohl das Umsatzwachstum durch die Pandemie gedämpft war.

Management zum Zeitpunkt des IPOs

CEO ist Michael Massaro, der Flywire bereits seit mehreren Jahren führt und den Aufbau des globalen Bankennetzwerks maßgeblich geprägt hat. Peter Butterfield fungiert als General Counsel und Chief Compliance Officer und ist damit für das regulatorische Gerüst zuständig. Das vollständige Management-Team und Board of Directors sind im Prospekt-Kern des S-1 dokumentiert.

Die Aktienstruktur ist eine Besonderheit: Flywire geht nicht mit einer klassischen Dual-Class-Struktur an die Börse, bei der Gründer überhöhte Stimmrechte behalten. Stattdessen gibt es zwei Klassen, Voting Common Stock und Non-Voting Common Stock, mit ansonsten identischen Rechten. Nur die stimmberechtigten Aktien wählen das Board. Unter bestimmten Bedingungen werden Non-Voting-Aktien bei Übertragung automatisch in stimmberechtigte Aktien umgewandelt. Das ist anlegerfreundlicher als viele Tech-IPOs der vergangenen Jahre.

Branche

Flywire schätzt das adressierbare Marktvolumen auf 11,7 Billionen Dollar jährlich. Davon entfallen rund 660 Milliarden Dollar auf Bildungszahlungen, 500 Milliarden auf Gesundheitszahlungen, 530 Milliarden auf Reisezahlungen und über 10 Billionen auf B2B-Transaktionen. Das sind Segmente, in denen Zahlungen heute noch oft per Scheck, Überweisung oder über veraltete Systeme laufen.

Der Wettbewerb teilt sich in zwei Lager: Auf der einen Seite generalistische Payment-Anbieter wie Stripe, Adyen oder Nuvei, die breit aufgestellt sind, aber keine vertikale Tiefe haben. Auf der anderen Seite Nischenanbieter, die in einer Branche stark sind, aber keine globale Zahlungsabwicklung bieten. Flywire positioniert sich dazwischen mit einer Kombination aus eigenem Bankennetzwerk und branchenspezifischer Software.

Wichtige Partnerschaften untermauern diese Positionierung: Bank of America, Adyen und China UnionPay im Payments-Bereich sowie Ellucian (Bildung), Cerner und Epic Systems (Gesundheit) sowie Oracle (B2B) bei den Kernsystemen. Regulatorisch bewegt sich Flywire in einem anspruchsvollen Umfeld mit KYC-, AML- und DSGVO-Anforderungen, was hohe Eintrittsbarrieren für Neueinsteiger bedeutet.

Produkte

Flywire verkauft drei eng verzahnte Komponenten, die zusammen die sogenannte Flywire Advantage bilden:

  • Next-Gen Payments Plattform: End-to-End-Abwicklung von der Rechnung über die Zahlung bis zur Abstimmung. Enthält maßgeschneiderte Rechnungsstellung, Ratenzahlungspläne, Single Sign-On Checkout und Analytics für Kundenzahlungsverhalten.
  • Globales Payment Network: In über zwölf Jahren aufgebautes Bankennetzwerk mit Reichweite in mehr als 240 Länder und 130 Währungen. Rund 2.900 geografische Zahlungskorridore sind bedienbar. Unterstützt werden Alipay, Boleto, PayPal, Venmo, Trustly sowie lokale Banküberweisungen und Kartenzahlungen.
  • Vertikale Software: Über 6.000 individuell zugeschnittene Kundenportale, integriert in die Kernsysteme der Zielbranchen. Mit eigenen Dashboards, Reporting-Tools und Kommunikationskanälen.

Die Kundenstruktur zeigt die Reife der Plattform: 1.900 Bildungseinrichtungen mit insgesamt 1,6 Millionen Studenten, über 80 Gesundheitssysteme inklusive vier der zehn größten Krankenhausnetzwerke der USA und mehr als 200 Kunden in den jüngeren Segmenten Travel und B2B. Der Net Promoter Score lag 2020 bei 64, deutlich über dem Durchschnitt traditioneller Finanzinstitute. Die Kundenbindung betrug 97 Prozent trotz Pandemie.

Outlook

Die Wachstumsstrategie stützt sich auf vier Säulen. Erstens tiefere Monetarisierung bestehender Kunden, indem zusätzliche Module wie Zahlungspläne oder eStore-Marktplätze verkauft werden. Zweitens Neukundengewinnung über Direktvertrieb und Channel-Partnerschaften. Drittens Expansion in neue Vertikalen, genannt werden explizit Immobilien und Regierungssteuern. Viertens strategische Übernahmen nach dem Vorbild der Simplee-Akquisition von 2020, die Flywire schnell in den US-Gesundheitsmarkt gebracht hat.

Finanziell steht Flywire an einem interessanten Punkt. Der Umsatz wuchs 2020 trotz COVID von 94,9 auf 131,8 Millionen Dollar. Der Verlust schrumpfte von 20,1 auf 11,1 Millionen Dollar. Im ersten Quartal 2021 lag der Umsatz bei 45,0 Millionen Dollar, was auf eine Erholung hindeutet. Die Dollar-basierte Net Retention fiel allerdings von 128 Prozent (2019) auf 100 Prozent (2020), was die Verwundbarkeit gegenüber Reisebeschränkungen und Bildungsausfällen zeigt.

Der Weg zur Profitabilität ist absehbar, aber nicht kurzfristig. Flywire plant weitere Investitionen in Sales, Marketing und Technologie. Der akkumulierte Verlust seit Gründung beträgt 106,4 Millionen Dollar. Ein großer Hebel wäre eine Normalisierung der Reise- und internationalen Bildungsströme nach COVID, in beiden Bereichen war Flywire besonders stark positioniert.

Details zum IPO

Flywire plant die Erstnotiz am Nasdaq Global Market unter dem Ticker FLYW. Emissionspreis und Emissionsvolumen wurden im S-1 noch nicht festgelegt. Als Konsortialführer wurden Goldman Sachs, J.P. Morgan, Citigroup und BofA Securities mandatiert.

Vor dem IPO sind rund 30,4 Millionen Stammaktien ausstehend, nach Umwandlung aller Vorzugsaktien. Zum 31. März 2021 verfügte Flywire über 146,3 Millionen Dollar Cash und 24,4 Millionen Dollar langfristige Schulden. Der IPO-Erlös soll für Working Capital, Technologie-Investitionen, Vertriebs- und Marketingausgaben sowie potenzielle Akquisitionen verwendet werden. Flywire ist ein Emerging Growth Company gemäß JOBS Act, kann also bestimmte Offenlegungspflichten zunächst reduziert erfüllen.

Bewertungskriterien

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Globales Bankennetzwerk mit zwölf Jahren Aufbau, schwer replizierbar und mit hohen regulatorischen Eintrittsbarrieren

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Über 7,5 Milliarden Dollar Zahlungsvolumen 2020 und 2,9 Milliarden im ersten Quartal 2021 über 240 Länder und 130 Währungen

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Hohe Kundenbindung von 97 Prozent und ein Net Promoter Score von 64, deutlich über klassischen Finanzdienstleistern

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Keine klassische Dual-Class-Struktur mit überhöhten Gründerstimmen, anlegerfreundlicher als viele vergleichbare Tech-IPOs

Seit Gründung 2009 durchgehend defizitär, akkumulierter Verlust von 106,4 Millionen Dollar

Stark abhängig von der internationalen Studenten- und Reisemobilität, Net Retention fiel 2020 von 128 auf 100 Prozent

Kritische Abhängigkeit vom globalen Banken- und Technologiepartner-Netzwerk, einzelne Ausfälle können Geschäftsprozesse stoppen

Saisonale Umsatzschwankungen durch Bildungszyklen erschweren quartalsweise Prognosen für Investoren