LegalZoom IPO: Wenn Juristerei endlich erschwinglich wird

LegalZoom IPO: Wenn Juristerei endlich erschwinglich wird
Ticker: LZ🌐Gründung: 2000Technologie💾

Overview

Rechtsdienste in den USA sind ein riesiges, aber kaum digitalisiertes Geschäft. Während Banking, Steuern und Buchhaltung längst online erledigt werden, hat sich das Thema Recht jahrzehntelang kaum bewegt. Genau das ist die Lücke, die LegalZoom seit 2000 füllt. Das Unternehmen aus Glendale, Kalifornien, hat sich als die erste Anlaufstelle für Kleinunternehmer in den USA etabliert, die sich eine eigene Anwaltskanzlei schlicht nicht leisten können.

LegalZoom reichte den S-1 am 4. Juni 2021 bei der SEC ein und plant die Erstnotiz am Nasdaq Global Select Market unter dem Ticker LZ. Mit einem Umsatz von 470,6 Millionen US-Dollar im Jahr 2020 und 70% Markenbekanntheit ist das kein kleines Startup mehr, sondern ein schon länger profitables Unternehmen, das den Börsengang jetzt nutzt, um Schulden abzubauen und das nächste Wachstumskapitel zu finanzieren.

Der Zeitpunkt ist nicht zufällig. Die Pandemie hat Millionen Amerikaner dazu gebracht, sich selbstständig zu machen oder ein Nebenprojekt zu formalisieren. LegalZoom hat 2020 davon direkt profitiert und hilft mittlerweile bei rund einem Zehntel aller Unternehmensneugründungen in den USA mit.

Management zum Zeitpunkt des IPOs

CEO Dan Wernikoff übernahm das Steuer bei LegalZoom im Jahr 2019. Er bringt einen klaren Wachstumsfokus mit: Unter seiner Führung hat das Unternehmen im ersten Quartal 2021 ein Umsatzwachstum von 27% gegenüber dem Vorjahr erzielt. Wernikoff positioniert LegalZoom als mehr als nur ein Formular-Ausfüll-Tool, nämlich als dauerhaften Unternehmensberater für Kleinbetriebe.

CFO Noel Watson verantwortet die Finanzen. Mit einem Nettogewinn von 9,9 Millionen Dollar im Jahr 2020 und einem freien Cashflow von 82,5 Millionen Dollar hat das Führungsteam gezeigt, dass LegalZoom nicht nur wächst, sondern auch wirtschaftlich arbeitet.

Die Stimmrechtsstruktur nach dem Börsengang ist eine Besonderheit: Es gibt nur eine einzige Aktiengattung (Common Stock), kein Dual-Class-Konstrukt. Die Alt-Eigentümer behalten aber durch ihre Beteiligung weiterhin erheblichen Einfluss. Cornerstone-Investoren wie Kleiner Perkins und Francisco Partners sind seit Jahren an Bord.

Branche

Der Online-Rechtsdienstleistungsmarkt ist paradox: riesiges Potenzial, aber kaum ausgeschöpft. Laut einer Studie von IBISWorld wurden 2020 nur rund 8% der Rechtsdienstleistungen in den USA online abgewickelt. Im Vergleich: Bei Finanzdienstleistungen sind es 70%, bei Gesundheit 30 bis 45%.

LegalZoom schätzt sein adressierbares Marktvolumen (SAM) auf 48,7 Milliarden US-Dollar. Das umfasst Unternehmensgründungen, laufende Compliance, Marken- und Patentrecht sowie Estate Planning. Den Gesamtmarkt, den das Unternehmen langfristig bedienen will, sieht es deutlich größer.

Wettbewerber gibt es kaum auf Augenhöhe. Online-Alternativen wie Northwest Registered Agent oder ZenBusiness bedienen Teilsegmente, haben aber einen Bruchteil der Markenbekanntheit. Traditionelle Anwaltskanzleien sind die größte Alternative, aber strukturell nicht in der Lage, digital zu skalieren. Das liegt an regulatorischen Beschränkungen: Anwälte brauchen in jedem US-Bundesstaat eine eigene Zulassung und dürfen keine externen Kapitalgeber aufnehmen, was echte Tech-Investitionen in der Branche kaum möglich macht.

Produkte

LegalZoom bietet eine vollständig integrierte Plattform entlang des gesamten Lebenszyklus eines Kleinunternehmens:

  • Business Formation: Gründung von LLCs, Corporations und Non-Profits. Startpreis ab 79 Dollar, ohne staatliche Gebühren. 2020 wurden 378.000 Unternehmen über die Plattform gegründet.
  • Registered Agent Services: LegalZoom fungiert als gesetzlich vorgeschriebener Zustellungsbevollmächtigter. Einer der größten Anbieter in den USA mit über einer Million Abo-Kunden.
  • Intellectual Property: Markenanmeldungen, Patente, Urheberrecht. 2020 liefen 6% aller US-Markenanmeldungen über LegalZoom.
  • Estate Planning: Testamente, Vorsorgevollmachten, Nachlassverwaltung für Privatpersonen. 250.000 Estate-Plan-Dokumente wurden 2020 erstellt.
  • Tax Advisory: Steuerberatungs-Abo mit Zugang zu CPAs und Enrolled Agents. Seit Ende 2020 verfügbar.
  • Attorney Plans: Abo-Modell mit Zugang zu einem Netzwerk aus über 1.300 unabhängigen Anwälten, die in allen 50 Bundesstaaten zugelassen sind. NPS von 77, dreimal höher als der Durchschnitt traditioneller Kanzleien.
  • Partner Ecosystem: LegalZoom vermittelt Drittanbieter für Banking, Buchhaltung, Gehaltsabrechnung, Versicherungen und mehr. 2020 kaufte mehr als die Hälfte aller Neukunden mindestens eine Drittlösung über die Plattform.

Outlook

LegalZoom ist in einer interessanten Position: Das Unternehmen wächst, ist profitabel und hat trotzdem noch einen enormen Markt vor sich. Nur 8% der US-Rechtsdienstleistungen werden online abgewickelt. Jeder Prozentpunkt, den LegalZoom hier gewinnt, ist signifikanter Umsatz.

Die Strategie ist klar: Erstens die Kundenbasis oben im Trichter mit mehr Markenbekanntheit ausbauen. Zweitens bestehende Kunden tiefer in das Abo-Ökosystem holen und die Lifetime Value steigern. Drittens neue Produkte in angrenzenden Bereichen wie Banking, Payroll und Business Insurance einführen. Das Segment der "assisted" Produkte, bei denen ein Anwalt direkt eingebunden wird, sieht das Unternehmen als deutlich größer als den bisherigen Selfservice-Markt.

Das größte Risiko ist das Wachstumstempo: Der Q1 2021-Boom durch Pandemie-Gründungen wird nicht dauerhaft so stark bleiben. Zudem haben Regulierungsbehörden in verschiedenen Bundesstaaten immer wieder den Service auf mögliche Verstöße gegen das Anwaltsmonopol geprüft. Das bleibt ein strukturelles Risiko. Dazu kommen Schulden von gut 500 Millionen Dollar, die mit dem IPO-Erlös zunächst reduziert werden sollen.

Details zum IPO

Der genaue Emissionspreis und die Aktienanzahl wurden im ursprünglichen S-1 noch nicht festgelegt. Als Konsortialführer wurden J.P. Morgan, Morgan Stanley und Barclays mandatiert, ergänzt durch BofA Securities, Citigroup und Credit Suisse.

Das Unternehmen plant, die Erlöse primär zur Tilgung von Schulden aus einem 2018er Kreditvertrag zu nutzen, sowie für allgemeine Unternehmenszwecke. Es gibt nur eine einzige Aktienklasse (Common Stock), also kein Dual-Class-Konstrukt wie bei vielen anderen Tech-IPOs. Bestehende Investoren können ebenfalls Anteile im Rahmen des Angebots verkaufen.

Bewertungskriterien

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Marktführer mit 70% Markenbekanntheit und 8-fach höherem Awareness-Vorsprung gegenüber dem nächsten Online-Wettbewerber

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Bereits profitabel: 9,9 Millionen Dollar Nettogewinn und 82,5 Millionen Dollar Free Cashflow in 2020

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Starkes Abo-Modell mit über einer Million aktiver Abo-Kunden und schneller Marketing-Amortisation unter 90 Tagen

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Strukturelle Schutzbarriere durch 20 Jahre regulatorisches Know-how in allen 50 US-Bundesstaaten, das kaum zu replizieren ist

Schuldenlast von rund 511 Millionen Dollar zum IPO-Zeitpunkt, Börsenerlös fließt primär in Schuldenabbau statt in Wachstum

Dauerhaftes regulatorisches Risiko durch staatliche Überprüfungen wegen möglicher Verstöße gegen das Anwaltsmonopol

Wachstumsraten wurden 2020 durch den Pandemie-Gründungsboom begünstigt und könnten sich normalisieren

Q1 2021 bereits mit Nettoverlust von 9,8 Millionen Dollar und stark gesunkenem Adj. EBITDA von nur noch 3,6 Millionen Dollar