Procore Technologies IPO: Die Baustelle wird digital

Procore Technologies IPO: Die Baustelle wird digital
Ticker: PCOR🌐Gründung: 2002Technologie💾

Overview

Procore Technologies geht im Februar 2020 an die New York Stock Exchange und will damit ein Problem lösen, das die Baubranche seit Jahrzehnten kennt: Eine der größten Industrien der Welt arbeitet noch immer mit Papier, E-Mail und veralteten On-Premise-Systemen. Bauprojekte laufen im Schnitt 80 Prozent über Budget und 20 Monate hinter dem Zeitplan, laut McKinsey. Procore hat sich zum Ziel gesetzt, das zu ändern.

Das Unternehmen wurde 2002 ursprünglich als Butterfly Lane, Inc. in Kalifornien gegründet und 2002 in Procore Technologies umbenannt. Der Sitz ist in Carpinteria, Kalifornien. Die Idee dahinter ist simpel aber wirkungsvoll: eine einzige cloud-basierte Plattform, auf der alle Beteiligten eines Bauprojekts zusammenarbeiten können, egal ob vom Büro oder direkt von der Baustelle. Unter dem Ticker-Symbol PCOR soll Procore nun erstmals öffentlich handelbar werden.

Was den Zeitpunkt des IPOs erklärt: Das Wachstum ist beeindruckend und die Marktdurchdringung noch gering. Die Baubranche macht 13 Prozent des globalen BIP aus, gibt aber nur halb so viel für IT aus wie der Durchschnitt aller Industrien. Das Potenzial für ein SaaS-Unternehmen mit Branchenfokus ist enorm. Procore will den IPO-Erlös nutzen, um genau dieses Potenzial abzuschöpfen.

Management zum Zeitpunkt des IPOs

CEO und Gründer ist Craig "Tooey" Courtemanche, der das Unternehmen seit der Gründung führt. Er ist gleichzeitig President des Unternehmens und hat Procore durch alle Wachstumsphasen navigiert. Im S-1 hat er einen persönlichen Brief verfasst, in dem er die Vision einer vernetzten Baubranche beschreibt. Das ist das Zeichen eines Gründers, der noch mitten im Spiel steckt.

Die Stimmrechtsstruktur nach dem Börsengang ist vergleichsweise fair: Procore gibt nur eine Aktienklasse (Common Stock) aus, es gibt keine Dual-Class-Struktur mit unterschiedlichen Stimmrechten. Nach dem Börsengang werden Führungskräfte, Direktoren und Fünf-Prozent-Aktionäre in Summe einen erheblichen Stimmrechtsanteil halten, der genaue Prozentsatz wird im finalen Prospekt festgelegt. Für neue Aktionäre bedeutet das eine etwas direktere Mitsprache als bei vielen anderen Tech-IPOs üblich.

Branche

Die Baubranche ist eine der größten und am wenigsten digitalisierten Industrien der Welt. Der weltweite Bauwert lag 2017 bei rund 10 Billionen Dollar und soll laut McKinsey bis 2025 auf 14 Billionen Dollar wachsen. Gleichzeitig liegt die Baubranche im McKinsey Industry Digitization Index auf dem vorletzten Platz aller Branchen, nur noch vor Landwirtschaft.

Das adressierbare Marktvolumen für Construction-Management-Software schätzt Procore auf rund 9,4 Milliarden Dollar allein in seinen Kernmärkten USA, Kanada, Mexiko, UK, Irland, Australien und Neuseeland. Wichtigste Wettbewerber sind sogenannte Point-Solution-Anbieter, die jeweils nur einzelne Funktionen wie Orderabwicklung oder Risikomanagement abdecken, sowie über Akquisitionen zusammengewachsene Legacy-Systeme. Procore positioniert sich als einziger Anbieter mit einer wirklich integrierten, cloud-nativen End-to-End-Plattform.

Regulatorischer Druck und steigende Compliance-Anforderungen in der Baubranche spielen Procore in die Hände. Gleichzeitig gibt es zwei strukturelle Risiken: Die Baubranche ist stark konjunkturabhängig, und die Verbreitung von Mobilgeräten und Internetverbindungen direkt auf Baustellen ist in vielen Märkten noch lückenhaft.

Produkte

Procore bietet eine vollständig integrierte Plattform mit vier Produktkategorien, einer offenen API und einem App Marketplace:

  • Preconstruction: Tools für die Planungs- und Ausschreibungsphase, inklusive Prequalification und Bid Management für Generalunternehmer und Eigentümer
  • Project Management: Das Herzstück der Plattform. Zentrales Dokumentenmanagement, Qualitätssicherung, Sicherheitsdokumentation, Design-Koordination und BIM-Integration (Building Information Modeling)
  • Resource Management: Tracking der Arbeitsproduktivität auf der Baustelle und Steuerung der Rentabilität einzelner Projekte
  • Financial Management: Echtzeit-Finanzdaten für einzelne Projekte und ganze Portfolios, inklusive Invoice Management, Capital Planning und direkter Integration in Buchhaltungssysteme
  • Procore App Marketplace: Über 180 Drittanbieter-Integrationen für Buchhaltung, Dokumentenmanagement, Terminplanung und weitere Bereiche

Das Preismodell ist bewusst auf Wachstum ausgelegt: Procore verlangt keine Gebühren pro Nutzer, sondern berechnet nach Anzahl der gebuchten Produkte und dem jährlichen Bauvolumen auf der Plattform. Das schafft Anreize für Kunden, alle Projektbeteiligten einzuladen, was wiederum neue potenzielle Kunden auf die Plattform bringt. 2019 hat jeder Kunde im Schnitt über 170 Projektbeteiligte eingeladen, von denen mehr als 60 Prozent als sogenannte Collaborators ohne eigenes Abonnement auf der Plattform aktiv waren.

Outlook

Die Zahlen sprechen für sich: 289 Millionen Dollar Umsatz in 2019, 55 Prozent Wachstum gegenüber dem Vorjahr, 82 Prozent Bruttomarge. Das ist für ein SaaS-Unternehmen mit dieser Größe stark. Die Kundenbasis ist von 4.310 Ende 2017 auf 8.506 Ende 2019 gewachsen, mit stabilen Wachstumsraten von rund 40 Prozent pro Jahr. Über 650 Kunden zahlen mehr als 100.000 Dollar ARR (Annual Recurring Revenue).

Das strategische Ziel ist klar: mehr Produkte pro Kunde, mehr Kunden in bestehenden Märkten und internationale Expansion. Procore hat das Produktangebot von vier Produkten in 2017 auf 13 Produkte bis zum IPO ausgebaut. 59 Prozent der Kunden nutzen bereits drei oder mehr Produkte. Das Potenzial nach oben ist groß.

Das zentrale Risiko ist die anhaltende Unprofitabilität: Procore hat 83 Millionen Dollar Nettoverlust in 2019 gemacht. Das Unternehmen investiert aggressiv in Wachstum, vor allem in Vertrieb und Marketing sowie Forschung und Entwicklung. Ein konkretes Datum für den Break-Even nennt das S-1 nicht.

Details zum IPO

Das S-1 wurde am 28. Februar 2020 eingereicht. Emissionspreis und genaue Aktienanzahl wurden in diesem vorläufigen Prospekt noch nicht festgelegt. Die Erlöse sollen laut S-1 für allgemeine Unternehmenszwecke, Working Capital und mögliche Akquisitionen verwendet werden. Schuldenrückzahlung ist kein explizites Ziel.

Als Konsortialführer wurden Goldman Sachs, J.P. Morgan, Barclays und Jefferies mandatiert, ergänzt durch Canaccord Genuity, KeyBanc Capital Markets, Oppenheimer, Piper Sandler, Stifel und William Blair. Procore gibt nur eine Aktiengattung aus, es gibt keine Dual-Class-Struktur.

Bewertungskriterien

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55% Umsatzwachstum auf 289 Millionen Dollar bei einer Bruttomarge von 82%, beides für ein SaaS-Unternehmen dieser Größe bemerkenswert stark

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Einziger Anbieter mit einer integrierten cloud-nativen End-to-End-Plattform für die Baubranche, mit über 180 Drittanbieter-Integrationen und einem App Marketplace

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Virales Wachstumsmodell durch das Collaborator-Konzept: Jeder eingeladene Projektbeteiligte ist ein potenzieller Neukunde

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Adressierbarer Markt von 9,4 Milliarden Dollar in den Kernmärkten, mit internationalem Potenzial ein Vielfaches davon

Anhaltende Verluste: 83 Millionen Dollar Nettoverlust in 2019, kein Profitabilitätsdatum in Sicht

Stark konjunkturabhängig: Ein Abschwung in der Baubranche trifft Procore direkt und ohne Puffer

Internationale Expansion noch in einem frühen Stadium, bisher klar auf Nordamerika konzentriert

Wettbewerb durch große Softwarekonzerne, die ihrerseits in Bausoftware investieren, ist nicht ausgeschlossen