Squarespace IPO: Der Website-Baukasten geht an die Börse

Squarespace ist eine der bekanntesten All-in-One-Plattformen für Websites, Domains und Online-Shops mit über 3,7 Millionen aktiven Abonnements weltweit. Das Unternehmen aus New York erzielte 2020 einen Umsatz von 621 Millionen US-Dollar bei einem Umsatzwachstum von 28 Prozent. Besonders stark: Das Commerce-Segment wuchs im gleichen Jahr um 78 Prozent und wickelte 4 Milliarden US-Dollar Handelsvolumen ab.
Overview
Squarespace ist 2004 aus einer echten Frustration heraus entstanden. Gründer Anthony Casalena wollte als Student eine eigene Website bauen und verzweifelte an der Komplexität damaliger Tools. Er entwickelte sein eigenes System, aus dem heute eine der weltweit führenden Plattformen für Websites, Domains und Online-Commerce geworden ist. Am 16. April 2021 reichte Squarespace seinen S-1 bei der SEC ein und bereitete damit den Börsengang an der New York Stock Exchange unter dem Ticker-Symbol SQSP vor.
Spannend dabei: Squarespace wählte kein klassisches IPO mit Investmentbanken als Underwriter, sondern einen sogenannten Direct Listing. Das bedeutet, bestehende Aktionäre verkaufen ihre Aktien direkt am Markt, ohne dass neue Aktien ausgegeben werden. Squarespace selbst nimmt also kein frisches Kapital auf. Das spart Gebühren und gibt dem Markt die Kontrolle über den Eröffnungspreis.
Das Unternehmen hat sich über 17 Jahre vom reinen Website-Baukasten zur All-in-One-Plattform entwickelt. Neben Websites und Domains bietet Squarespace heute E-Commerce, E-Mail-Marketing, Terminbuchung und Social-Media-Tools. 2020 lag der Umsatz bei 621 Millionen US-Dollar. 28 Prozent Wachstum in einem Jahr, das auch ohne Corona-Boost für viele Digital-Unternehmen stark gewesen wäre.
Management zum Zeitpunkt des IPOs
Anthony Casalena ist Gründer, CEO und Hauptaktionär in einer Person. Er hat Squarespace von seinem Studentenzimmer in Maryland aus aufgebaut, ohne externe Investoren, bis das Unternehmen schon profitabel war. Erst 2010 holte er mit Accel und Index Ventures die ersten institutionellen Investoren an Bord. Casalena hält über Class-B-Aktien (10 Stimmrechte pro Aktie) die Stimmrechtsmehrheit und bleibt damit nach dem Börsengang unangefochten der Kontrolleur des Unternehmens.
Diese Dual-Class-Struktur (zwei Aktienklassen mit unterschiedlichen Stimmrechten) ist bei Tech-Gründern beliebt, weil sie die Kontrolle sichert, auch wenn externe Investoren einsteigen. Für Aktionäre bedeutet das: Casalena entscheidet. Wer das nicht will, sollte das einkalkulieren.
Das restliche Führungsteam ist im S-1 weniger prominent. Squarespace ist bis heute stark auf seinen Gründer zugeschnitten. Das ist Stärke und Risiko zugleich.
Branche
Der Markt für Website-Baukästen und Digital-Presence-Plattformen ist riesig. Squarespace beziffert das adressierbare Marktvolumen auf über 150 Milliarden US-Dollar, basierend auf 800 Millionen kleinen Unternehmen und Selbstständigen weltweit. Laut dem Kauffman Index entstehen allein in den USA monatlich rund 540.000 neue Unternehmen. Und laut dem Marktforschungsinstitut Clutch haben 46 Prozent der kleinen und mittleren Unternehmen noch keine eigene Website.
Die Wettbewerber sind stark. Wix und Shopify bedienen ähnliche Zielgruppen, WordPress dominiert als Open-Source-Lösung, und große Tech-Konzerne wie Google und Meta bieten eigene Presence-Tools. Squarespace differenziert sich über Design: Die Plattform gilt als das ästhetisch anspruchsvollste Produkt in der Kategorie, was eine bestimmte Zielgruppe sehr loyal macht.
Regulatorisch ist das Umfeld vergleichsweise unkompliziert. Datenschutz (DSGVO, CCPA) ist das größte Thema, aber kein Dealbreaker für das Geschäftsmodell.
Produkte
Squarespace hat sich von einem Website-Baukasten zu einer integrierten Plattform entwickelt. Das aktuelle Produktportfolio umfasst:
- •Websites & Domains: Der Kern des Geschäfts. Templates, Drag-and-Drop-Editor, Hosting und Domain-Registrierung aus einer Hand. Zielgruppe: Einzelpersonen, Kreative, kleine Unternehmen.
- •Commerce: Vollständig integrierter Online-Shop. Verkauf von physischen Produkten, Abonnements und digitalen Inhalten. 2020 wurde ein Handelsvolumen (GMV) von 4 Milliarden US-Dollar abgewickelt, ein Wachstum von 91 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
- •Scheduling (via Acuity): Terminbuchungs-Tool für Dienstleister, Coaches und andere Services. 2019 übernommen.
- •Member Areas: Exklusive Bereiche für zahlende Mitglieder. Ermöglicht Content-Monetarisierung ohne externe Plattform.
- •Email Campaigns: Integriertes E-Mail-Marketing direkt aus dem Squarespace-Backend.
- •Social (via Unfold Mobile App): Content-Erstellung für Instagram und andere Social-Media-Plattformen. 2019 übernommen.
- •SEO & Analytics: Integrierte SEO-Tools und Auswertungen für Traffic und Conversion.
- •Enterprise: Angebote für größere Unternehmen und Agenturen.
- •Hospitality (via Tock): Im März 2021, unmittelbar vor dem IPO, übernahm Squarespace Tock für 415 Millionen US-Dollar. Tock ist eine Reservierungs- und Event-Plattform für Restaurants und Gastgewerbe.
Outlook
Squarespace hat eine klare Stärke: Das Unternehmen ist bereits profitabel. 2016 erreichte es erstmals positive Nettomarge, 2020 lag der Nettogewinn bei 30,6 Millionen US-Dollar bei 621 Millionen US-Dollar Umsatz. Das Free Cashflow lag bei 152 Millionen US-Dollar. Das ist selten für einen Tech-Wachstumswert, der noch kein Jahrzehnt an der Börse war.
Die strategischen Wachstumshebel sind klar: Internationalisierung (bisher stark US-lastig), Ausbau des Commerce-Segments und Vertiefung der Kundenbeziehungen durch mehr Produkte pro Nutzer. Die Übernahme von Tock zeigt, dass Squarespace auch anorganisch wachsen will.
Das Risiko liegt weniger im Geschäftsmodell als in der Bewertung. Ein Direct Listing ohne Preisfindung durch Banken kann volatil starten. Dazu kommt die starke Konkurrenz von Wix, Shopify und zunehmend auch von KI-gestützten Website-Tools.
Details zum IPO
Squarespace hat kein klassisches IPO durchgeführt, sondern ein Direct Listing an der NYSE. Das bedeutet: Keine neuen Aktien werden ausgegeben, und kein Investmentbank-Konsortium garantiert einen Preis. Bestehende Aktionäre, darunter Accel, Index Ventures und Casalena selbst, können ihre Aktien ab dem ersten Handelstag frei verkaufen.
Der Emissionspreis wurde nicht im Vorfeld festgelegt, der Markt bestimmt den Eröffnungspreis anhand von Kauf- und Verkaufsorders. Als finanzielle Berater waren Goldman Sachs und Morgan Stanley beteiligt, allerdings nicht als Underwriter. Der Börsengang fand im Mai 2021 statt.
Die Dual-Class-Aktienstruktur sieht vor, dass Gründer Anthony Casalena mit Class-B-Aktien (10 Stimmen pro Aktie) die Stimmkontrolle behält. Class-A-Aktien (1 Stimme pro Aktie) werden am Markt gehandelt. Class-C-Aktien ohne Stimmrecht wurden intern und im Rahmen der Tock-Akquisition ausgegeben.
Bewertungskriterien
Profitables Unternehmen: Positives Nettoergebnis und starker Free Cashflow bereits 2020
Starkes Commerce-Wachstum: 91 Prozent GMV-Wachstum und 78 Prozent Umsatzwachstum im E-Commerce-Segment
Gründergeführt mit langfristiger Vision: Casalena seit Gründung 2004 an der Spitze, keine externe Fremdsteuerung
Stabile Subscription-Basis: 94 Prozent des Umsatzes aus wiederkehrenden Abonnements mit 3,7 Millionen aktiven Abonnements
Direct Listing ohne klassische Preisfindung: Erster Handelstag kann sehr volatil werden
Starke Abhängigkeit vom CEO: Casalena hält die Stimmrechtsmehrheit, kein klassisches Board-Gleichgewicht
Intensiver Wettbewerb: Wix, Shopify, WordPress und zunehmend KI-Tools setzen das Marktumfeld unter Druck
Tock-Akquisition kurz vor IPO: 415 Millionen US-Dollar Kaufpreis noch nicht in den historischen Zahlen reflektiert