Overview
Agomab Therapeutics wurde 2017 in Gent gegründet. Die wissenschaftliche Basis stammte zunächst aus der Forschung von Paolo Michieli, einem italienischen Biochemiker an der Universität Turin, der über zwei Jahrzehnte den Hepatozyten-Wachstumsfaktor HGF untersucht hatte. Dieser Wachstumsfaktor spielt eine zentrale Rolle bei der Regeneration von Gewebe. Agomab sicherte sich die Rechte an einer Antikörperplattform des belgischen Nachbarunternehmens Argenx und entwickelte daraus HGF-nachahmende Antikörper, intern als agomAbs bezeichnet. Der Name des Unternehmens ist eine Verkürzung davon.
Im Februar 2019 stieg Tim Knotnerus als CEO ein. Im April des gleichen Jahres trat das Unternehmen mit einer Series A von 21 Millionen Euro an die Öffentlichkeit. Entscheidend für die heutige Pipeline war jedoch die Übernahme des spanischen Biotechs Origo Biopharma im Oktober 2021. Origo hatte zwei organ-selektive Small-Molecule-Inhibitoren entwickelt, die den TGF-β-Signalweg lokal im Darm beziehungsweise in der Lunge hemmen. Diese beiden Wirkstoffkandidaten wurden zu Ontunisertib (AGMB-129) und AGMB-447 und bilden heute das Fundament der Pipeline. Der ursprüngliche Antikörperansatz ist zur zweiten Entwicklungslinie geworden und läuft präklinisch weiter.
Nach der Übernahme folgten mehrere große Finanzierungsrunden. Eine Series B brachte bis 2022 insgesamt rund 114 Millionen Dollar. Im Oktober 2023 folgte eine Series C über 100 Millionen Dollar, im Oktober 2024 eine Series D über rund 82 Millionen Euro. Insgesamt flossen vor dem Börsengang rund 300 Millionen Euro in das Unternehmen. Besonders ist die Mischung aus europäischen und amerikanischen Venture-Capital-Firmen und drei Pharmakonzernen. Pfizer, Sanofi und Boehringer Ingelheim hatten sich bereits vor dem Börsengang beteiligt. Seinen Hauptsitz verlegte Agomab zwischenzeitlich von Gent nach Antwerpen.
Management
Tim Knotnerus führt Agomab Therapeutics seit Februar 2019 als CEO. Vor Agomab war er knapp acht Jahre lang bei der niederländischen Biotech-Firma AM-Pharma tätig, zuletzt als Vice President Corporate Development. Dort verantwortete er einen 600 Millionen Dollar schweren Optionsvertrag mit Pfizer sowie eine private Finanzierungsrunde über 133 Millionen Dollar. Seine Karriere begann er bei der niederländischen Biotech-VC-Firma Aescap Venture. Knotnerus hält einen Executive MBA der schweizerischen Business School IMD, wo er als Valedictorian abschloss.
Seit Juli 2024 verantwortet Pierre Kemula die Finanzen als CFO. Er bringt langjährige Erfahrung im Finanzbereich europäischer Life-Sciences-Unternehmen mit und war damit maßgeblich an der Vorbereitung des US-Börsengangs beteiligt. Die wissenschaftliche Kontinuität ist über die Gründer gewahrt, mehrere der Mitgründer aus dem Jahr 2017 sind weiterhin mit dem Unternehmen verbunden. Das Board wurde mit dem IPO erweitert und kombiniert Vertreter der wichtigsten Venture-Investoren mit unabhängigen Direktoren.
Finanzdaten
Branche
Agomab operiert im Markt für fibrotische Erkrankungen. Fibrose bezeichnet die krankhafte Vermehrung von Bindegewebe, die zur Vernarbung und zum Funktionsverlust von Organen führt. Besonders gravierend sind die Folgen an Lunge, Darm, Leber und Niere. Für die beiden Hauptindikationen von Agomab, idiopathische Lungenfibrose und fibrostenotischer Morbus Crohn, gibt es bislang nur begrenzte Behandlungsoptionen.
Der globale Markt für Medikamente gegen idiopathische Lungenfibrose hatte 2025 ein Volumen von rund 4,4 Milliarden Dollar. Die Umsätze teilen sich im Wesentlichen zwischen zwei Wirkstoffen auf, die seit 2014 zugelassen sind. Marktführer ist Boehringer Ingelheim mit Nintedanib unter dem Markennamen Ofev, das allein 2023 einen Umsatz von rund 3,8 Milliarden Dollar erzielte. Daneben steht Roche mit Pirfenidon unter dem Markennamen Esbriet, dessen Umsatz durch Generika-Konkurrenz stark unter Druck geraten ist. In der Pipeline stehen mit Boehringer Ingelheims Nerandomilast, Bristol Myers Squibbs LPA1-Antagonist BMS-986278 und United Therapeutics' Tyvaso weitere Phase-3-Kandidaten kurz vor der Zulassung.
Bei fibrostenotischem Morbus Crohn, der Zielindikation von Ontunisertib, ist die Wettbewerbssituation anders gelagert. Für diese Komplikation der chronischen Darmerkrankung gibt es bislang keine zugelassene medikamentöse Therapie, Patienten benötigen in der Regel chirurgische Eingriffe. Agomab positioniert sich hier als potenzieller First Mover. Die gewebeselektive Wirkweise sowohl von Ontunisertib als auch von AGMB-447 soll das historische Problem der TGF-β-Inhibitoren umgehen, nämlich deren schwere systemische Nebenwirkungen bei nicht-selektiver Anwendung.
Produkte und Services
Kern der Agomab-Plattform sind organ-selektive Wirkstoffe gegen den TGF-β-Signalweg, der bei der Entstehung von Fibrose eine zentrale Rolle spielt. Die Kunst besteht darin, den Signalweg lokal im betroffenen Organ zu hemmen, ohne den gesamten Körper zu belasten. Frühere systemisch wirkende TGF-β-Inhibitoren scheiterten in klinischen Studien regelmäßig an schweren Nebenwirkungen wie Herzklappenschäden oder immunologischen Reaktionen.
Das am weitesten fortgeschrittene Programm ist Ontunisertib (AGMB-129). Der oral verabreichte Inhibitor des ALK5-Rezeptors bleibt nach der Einnahme weitgehend im Magen-Darm-Trakt und entfaltet seine Wirkung genau dort, wo er gebraucht wird. Zielgruppe sind Patienten mit fibrostenotischem Morbus Crohn, einer Komplikation der chronischen Darmerkrankung, bei der Narbengewebe den Darm verengt. In der STENOVA-Phase-2a-Studie erreichte der Wirkstoff im März 2025 seine primären Endpunkte zur Sicherheit und Verträglichkeit sowie mehrere sekundäre Endpunkte. 2023 erhielt Ontunisertib eine Fast Track Designation der FDA. Die globale Phase-2b-Studie soll in der zweiten Jahreshälfte 2026 starten.
AGMB-447 nutzt das gleiche Prinzip für die Lunge. Der inhalierbare ALK5-Inhibitor wird über die Atemwege direkt ins Lungengewebe gebracht und soll bei idiopathischer Lungenfibrose eingesetzt werden. Die Phase 1 bei gesunden Probanden fiel positiv aus, die Phase-2-Studie bei Patienten ist für die zweite Jahreshälfte 2026 geplant. Im März 2026 erteilte das US-Patentamt ein Patent auf die Zusammensetzung des Wirkstoffs, das den Schutz bis mindestens 2041 absichert. Eine dritte Entwicklungslinie bilden präklinische Antikörperprogramme wie AGMB-101, ein HGF-mimetischer Antikörper, der den MET-Rezeptor aktiviert und regenerative Prozesse in geschädigtem Gewebe anstoßen soll.
