Overview
Seaport Therapeutics geht auf eine Initiative von PureTech Health zurück, einem in Boston ansässigen Biotherapeutika-Unternehmen, das seit Jahren neuropsychiatrische Wirkstoffe intern entwickelt. Daphne Zohar, Gründerin und langjährige CEO von PureTech, hatte zuvor maßgeblich an der Entwicklung von Karuna Therapeutics mitgewirkt. Karuna wurde im März 2024 für 14 Milliarden Dollar von Bristol Myers Squibb übernommen. Kurz danach verließ Zohar ihre Führungsrolle bei PureTech, um Seaport als eigenständiges Unternehmen aufzubauen. Im April 2024 startete Seaport mit einer überzeichneten Series-A-Finanzierung von 100 Millionen Dollar. Steven M. Paul, ehemaliger CEO von Karuna und früherer Präsident der Lilly Research Laboratories, stieß als Co-Gründer und Chairman dazu.
Seaport übernahm aus dem PureTech-Portfolio eine klinisch-stagige Pipeline rund um die hauseigene Glyph-Technologie. Glyph ist eine sogenannte Prodrug-Plattform (ein Prodrug ist eine inaktive Vorläuferform eines Wirkstoffs, die erst im Körper in die aktive Form umgewandelt wird), die das lymphatische System nutzt, um den First-Pass-Metabolismus der Leber zu umgehen. Dieses Verfahren soll oral eingenommenen Wirkstoffen zu wesentlich besserer Aufnahme im Blut verhelfen und gleichzeitig Leberbelastungen reduzieren. Ende 2024 folgte eine Series B über 225 Millionen Dollar, sodass sich das eingeworbene Kapital bis zum Börsengang auf 325 Millionen Dollar summierte.
Der Hauptsitz liegt in Boston, Massachusetts. Seaport beschäftigt rund 60 Mitarbeiter und versteht sich als fokussiertes klinisches Biotechunternehmen ohne eigene Produktionskapazitäten.
Management
Daphne Zohar führt Seaport Therapeutics seit der Gründung im Frühjahr 2024 als CEO. Zohar ist israelisch-amerikanische Unternehmerin mit mehr als zwei Jahrzehnten Erfahrung im Aufbau von Biotech-Unternehmen. Unter ihrer Führung bei PureTech entstanden zahlreiche Spin-outs, darunter Karuna Therapeutics mit seinem Cobenfy-Wirkstoff, der 2024 als erste neue Wirkstoffklasse gegen Schizophrenie seit über 70 Jahren von der FDA zugelassen wurde. Steven M. Paul fungiert seit Gründung als Chairman of the Board. Paul leitete zuvor Karuna als CEO und war davor Präsident der Lilly Research Laboratories, wo er an der Entwicklung von CNS-Medikamenten wie Zyprexa und Cymbalta beteiligt war.
Seit 2024 ist Lauren A. White als CFO tätig. White war zuvor CFO von ImmunoGen bis zur Übernahme durch AbbVie und bekleidete Führungspositionen bei C4 Therapeutics und Novartis. Als Chief Scientific Officer und Co-Gründer verantwortet Michael Chen die Weiterentwicklung der Glyph-Plattform.
Finanzdaten
Branche
Seaport ist im Markt für neuropsychiatrische Medikamente tätig, einem Bereich mit erheblichem ungedeckten Behandlungsbedarf. Nach Angaben des Marktforschungsunternehmens Grand View Research belief sich der globale Markt für Depressions- und Angststörungsbehandlungen 2024 auf rund 15 Milliarden Dollar. Hinzu kommt der breitere Neuropsychiatriemarkt, den verschiedene Analysten für 2024 zwischen 75 und 145 Milliarden Dollar einordnen, abhängig davon, welche Indikationen einbezogen werden. Das Wachstum wird durch steigende Diagnoseraten, zunehmende gesellschaftliche Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen und den Mangel an wirklich neuartigen Wirkstoffen nach Jahrzehnten ausschließlich auf dem Serotonin-Norepinephrin-Dopamin-System basierender Therapien getrieben.
Der Wettbewerb in der Neuropsychiatrie ist fragmentiert, aber intensiv. Im Bereich der Depressionsbehandlung konkurriert Seaport mit etablierten Pharmaunternehmen wie Eli Lilly, AstraZeneca und Johnson & Johnson sowie mit klinisch aktiven Biotech-Unternehmen wie Sage Therapeutics, Intra-Cellular Therapies und Neurocrine Biosciences. Was Seaport von vielen Wettbewerbern unterscheidet, ist der plattformbasierte Ansatz: Statt einen einzigen Wirkstoff zu entwickeln, will das Unternehmen die Glyph-Technologie auf mehrere klinisch validierte Moleküle anwenden und so eine breitere Pipeline aufbauen.
Die Branche hat in den vergangenen Jahren sowohl Erfolge als auch Rückschläge erlebt. Die FDA-Zulassung von Cobenfy (aus dem PureTech-Karuna-Umfeld) als erster neuer Mechanismus gegen Schizophrenie seit Jahrzehnten zeigt, dass neuartige Ansätze in der Neuropsychiatrie regulatorisch erfolgreich sein können. Gleichzeitig scheiterten zuletzt mehrere Phase-3-Programme anderer Unternehmen, was die Entwicklungsrisiken in diesem Bereich unterstreicht.
Produkte und Services
Das Kernelement des Seaport-Portfolios ist die Glyph-Plattform, eine Prodrug-Technologie, die dem Lymphsystem ermöglicht, Wirkstoffe am Leberstoffwechsel vorbeizuleiten. Bestimmte Moleküle hatten bisher keine zufriedenstellende orale Verabreichung, weil die Leber sie bei der ersten Passage größtenteils abbaut, bevor sie den Blutkreislauf erreichen. Glyph verändert die chemische Struktur dieser Wirkstoffe so, dass sie wie Triglyzeride (Fettmoleküle) aussehen und über das Lymphsystem transportiert werden, wodurch deutlich höhere Bioverfügbarkeit entsteht und gleichzeitig neue Patentschutz-Möglichkeiten geschaffen werden.
Das Leitprogramm GlyphAllo (SPT-300) ist ein orales Prodrug von Allopregnanolon, einem körpereigenen Molekül mit nachgewiesener antidepressiver und angstlösender Wirkung. Allopregnanolon war bisher nur intravenös verabreichbar (als Brexanolone zur Behandlung postpartaler Depression). In der Phase-1-Studie zeigte GlyphAllo eine rund neunfach höhere Allopregnanolon-Exposition im Blut verglichen mit bisher bekannten oralen Gaben. Seit Juli 2025 läuft die Phase-2b-Studie BUOY-1, in der bis zu 360 Patienten mit schwerer depressiver Störung über sechs Wochen behandelt werden. Ergebnisse werden für die erste Hälfte 2027 erwartet.
Das zweite Programm GlyphAgo (SPT-320) ist ein orales Prodrug von Agomelatin, einem in Europa bereits zugelassenen Antidepressivum, dessen Marktzulassung in den USA an Lebertoxizität scheiterte. Glyph soll die Leberbelastung auf ein akzeptables Maß senken. Im April 2026 meldete Seaport positive Phase-1-Daten für GlyphAgo bei generalisierten Angststörungen. Ein drittes Programm, Glyph2BLSD (SPT-348), basiert auf einer nicht halluzinogenen LSD-Variante und befindet sich in der Entwicklung für therapieresistente Depressionen, PTSD und bestimmte Kopfschmerzstörungen.
