Anthropic reicht IPO-Unterlagen bei der SEC ein

Claude-Macher klopft an die Börse
Am Montag, dem 1. Juni 2026, hat Anthropic offiziell den ersten formalen Schritt Richtung Börsengang gemacht. Das Unternehmen hinter dem KI-Assistenten Claude reichte beim US-amerikanischen Wertpapierregulator SEC einen sogenannten vertraulichen S-1-Antrag ein. Das ist das Startschussformular für jeden Börsengang in den USA. Vier Tage zuvor hatte Anthropic noch eine Series-H-Finanzierungsrunde über 65 Milliarden Dollar abgeschlossen und dabei eine Bewertung von 965 Milliarden Dollar (rund 890 Milliarden Euro) erreicht.
"This gives us the option to go public after the SEC completes its review", schrieb das Unternehmen in einer knappen Stellungnahme. Preis, Anzahl der Aktien und konkreter Zeitplan: alles noch offen. Aber die Richtung ist klar.

Was ein S-1 eigentlich ist
Wer in den USA an die Börse will, muss vorab einen Registrierungsantrag bei der SEC einreichen. Dieses Dokument heißt S-1 und enthält alles, was Investoren vor dem Kauf einer Aktie wissen müssen: Umsätze, Verluste, Schulden, Risikofaktoren, Unternehmensstruktur, Hauptinvestoren. Der S-1 ist faktisch das Pflichthandbuch für den Börsengang.
Anthropic nutzte dabei einen speziellen Weg: das vertrauliche Filing. Große Wachstumsunternehmen mit mehr als einer Milliarde Dollar Jahresumsatz dürfen in den USA die Unterlagen zunächst nur der SEC zeigen — nicht der Öffentlichkeit. Das gibt dem Unternehmen Zeit, in Ruhe mit den Prüfern zu kommunizieren, Zahlen zu finalisieren und Rückfragen zu beantworten, bevor alles veröffentlicht wird. Erst kurz vor dem eigentlichen Börsengang, wenn die Roadshow beginnt und Investoren angeworben werden, geht der vollständige S-1 an die Öffentlichkeit.
Für Anthropic bedeutet das: Noch weiß niemand außerhalb des Unternehmens und der SEC, wie die echten GAAP-Gewinne und -Verluste aussehen, wie hoch die tatsächliche Bruttomarge ist oder wie viel Geld monatlich verbrannt wird.
Die Zahlen, die bisher bekannt sind
Was Anthropic bislang selbst kommuniziert hat, ist beeindruckend. Der annualisierte Umsatz lag im Mai 2026 bei rund 47 Milliarden Dollar, gegenüber 10 Milliarden Dollar am Ende des Jahres 2025. Das entspricht einem Wachstum von fast 370 Prozent innerhalb von fünf Monaten. Haupttreiber ist Claude Code, der KI-Coding-Assistent, der bei Entwicklern und Unternehmen stark nachgefragt wird.
Die Series-H-Runde wurde von Altimeter Capital, Dragoneer, Greenoaks und Sequoia Capital angeführt. Auch Samsung, SK Hynix, Micron und institutionelle Investoren wie Blackstone, Fidelity und Temasek beteiligten sich. Von den 65 Milliarden Dollar entfallen 15 Milliarden auf bereits früher zugesagte Gelder von Hyperscalern, darunter 5 Milliarden von Amazon.
Bis wann das Unternehmen profitabel werden will, hat es selbst kommuniziert: Positiver Cashflow soll bis 2028 erreicht werden. Das ist ein Ziel, das im Vergleich zu früheren Ankündigungen bereits nach hinten verschoben wurde.
Warum die Bewertung Kopfzerbrechen macht
965 Milliarden Dollar für ein Unternehmen, das noch kein Geld verdient, klingt nach viel. Und das ist es auch. Zum Vergleich: Nvidia, der derzeit profitabelste Chip-Konzern der Welt, wird an der Börse mit etwa dem 21-Fachen seines Jahresumsatzes bewertet. Anthropic käme beim IPO auf eine ähnliche oder höhere Kennzahl — bei deutlich niedrigerer Profitabilität.
Der Hauptgrund für diese Diskrepanz ist das Kapitalmodell. Anthropic betreibt seine Modelle auf massiver fremdbeschaffter Rechenleistung. Das Unternehmen hat Verträge über bis zu 5 Gigawatt Kapazität bei Amazon, mehrere Gigawatt bei Google und Broadcom, 30 Milliarden Dollar Azure-Kapazität bei Microsoft und zahlt SpaceX monatlich 1,25 Milliarden Dollar für GPU-Zugang bis 2029. Diese Fixkosten laufen unabhängig davon, ob die Nutzerzahlen wachsen oder stagnieren.
Dazu kommt eine strukturelle Besonderheit, die Wall-Street-Analysten als "circular revenue" bezeichnen. Teile des Umsatzes fließen direkt an Unternehmen, die gleichzeitig Investoren sind, etwa Amazon oder Google. Das macht den Nettoumsatz schwerer zu beurteilen als bei klassischen Technologieunternehmen.
Drei Börsengänge, ein Markt — das Rennen läuft
Anthropic ist nicht allein. Im Herbst 2026 zeichnet sich der wohl konzentrierteste Tech-IPO-Zyklus der Geschichte ab. SpaceX ist am weitesten: Das Unternehmen plant seine Roadshow ab dem 4. Juni, Preisfestsetzung um den 11. Juni und Handelsstart unter dem Ticker SPCX etwa am 12. Juni. Angestrebte Bewertung: zwischen 1,75 und 2 Billionen Dollar. Kapitalbedarf: bis zu 75 Milliarden Dollar.
OpenAI reichte laut übereinstimmenden Medienberichten ebenfalls vertraulich seinen S-1 ein, plant einen Börsengang im September 2026 und wird mit über einer Billion Dollar bewertet. Anthropic selbst peilt laut Branchenkreisen Oktober an.
Goldman Sachs schätzt, dass das US-IPO-Volumen in 2026 auf 160 Milliarden Dollar steigen könnte, das Vierfache des Jahres 2025. Diese drei Unternehmen alleine würden dem Markt rechnerisch fast 3 Billionen Dollar an Marktkapitalisierung auf einen Schlag präsentieren. Zum Vergleich: Der gesamte US-IPO-Markt 2025 brachte knapp 45 Milliarden Dollar.
Ob die öffentlichen Märkte diese Volumina gleichzeitig aufnehmen können, ist eine der zentralen offenen Fragen des Jahres.
Was Privatanleger konkret wissen müssen
Für junge Anleger ist das Anthropic-Filing eine Erinnerung an einige Grundregeln. Vertrauliche S-1-Anträge bedeuten: keine öffentlichen Zahlen, keine geprüften Bilanzen, kein Ausgabepreis. Wer heute kaufen will, kann das nur über inoffizielle Pre-IPO-Plattformen, synthetische Token oder SPVs (Special Purpose Vehicles). All das ist riskant.
Anthropic selbst hat im Mai öffentlich acht Plattformen gewarnt, die ohne Genehmigung Anteile oder tokenisierte Produkte verkauften. Solche Token verloren nach der Warnung zwischen 34 und 40 Prozent ihres Wertes innerhalb weniger Tage. Das ist kein Zufall: Pre-IPO-Token spiegeln keine echten Unternehmensanteile wider und bieten keinerlei rechtliche Sicherheit.
Der legitime Weg für die meisten Privatanleger führt über den eigentlichen Börsengang, sobald Anthropic seinen S-1 öffentlich macht und die Aktien gehandelt werden. Auch dann gilt die klassische Vorsicht, die bei tech-intensiven IPOs immer greift: Die ersten Handelstage sind oft volatil, Lock-up-Perioden (typischerweise 180 Tage) für frühe Investoren können nach deren Ablauf massiven Verkaufsdruck auslösen.
Unsere Einschätzung: Das Filing selbst ist noch kein Börsengang. Anthropic hat sich eine Option eröffnet, keine Verpflichtung eingegangen. Das Wachstum ist real und beeindruckend — von 10 auf 47 Milliarden Dollar Umsatzrate in fünf Monaten ist schwer zu ignorieren. Aber die Zahlen, die wirklich zählen — Bruttomarge, operativer Cashflow, Kundenzusammensetzung, tatsächliche GAAP-Verluste — liegen noch unter Verschluss. Wer jetzt in Hochrisikovehikel einsteigt, wettet auf eine Zahl, die noch niemand geprüft hat.
Der nächste Schritt ist der S-1 in voller Länge
Sobald die SEC ihr Review abgeschlossen hat, muss Anthropic den vollständigen S-1 öffentlich machen. Das ist der Moment, auf den es ankommt. Dann werden zum ersten Mal unabhängig geprüfte Finanzzahlen, Risikofaktoren und die genaue Kapitalstruktur offengelegt.
Branchenkreise rechnen mit diesem Schritt frühestens im August oder September, abhängig davon wie komplex der Prüfprozess verläuft und wie stabil die Marktbedingungen bleiben. Besonders der SpaceX-Börsengang am 12. Juni wird als Stimmungstest für den gesamten Tech-IPO-Zyklus gelten. Bricht der Kurs nach dem ersten Handelstag ein, könnte das die Zeitpläne von Anthropic und OpenAI nach hinten drücken. Läuft er stark, könnte der Herbst 2026 tatsächlich zum größten IPO-Fenster seit Jahrzehnten werden.
