BaFin sieht wachsende Risiken hinter Rekordkursen

Frankfurter Bankenskyline mit Hochhaustürmen im Finanzdistrikt und Altstadt im Vordergrund als Bezug zum Finanzplatz und zur BaFin-Warnung vor Marktrisiken

Branson zeichnet ein widersprüchliches Bild

BaFin-Präsident Mark Branson hat bei der Jahrespressekonferenz der deutschen Finanzaufsicht am 12. Mai 2026 in Frankfurt ungewöhnlich deutlich vor Sorglosigkeit an den Kapitalmärkten gewarnt. Der Chef der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht sieht eine gefährliche Lücke zwischen der objektiven Lage und der Stimmung an den Börsen.

Die Zahlen, die Branson nannte, zeichnen ein widersprüchliches Bild. Der DAX notiert nach einer kurzen Schwächephase nur wenige Prozentpunkte unter seinem Allzeithoch vom Januar. Der S&P 500 hat seit Jahresbeginn rund acht Prozent zugelegt und steht auf Rekordniveau. Die Risikoaufschläge für Hochzinsanleihen, die sogenannten High-Yield-Credit-Spreads, sind so niedrig wie zu Anfang des Jahres.

Gleichzeitig flackert der Iran-Krieg jederzeit wieder auf. Die Straße von Hormus, eine Hauptschlagader des globalen Energiehandels, bleibt blockiert. Trotzdem feiern die Märkte weiter. Diese Kombination treibt den BaFin-Chef erkennbar um.

Wenn Risiken und Kurse auseinanderlaufen

Branson beschreibt die Märkte als binär. Nur zwei Modi seien aktuell zu beobachten, risk-on oder risk-off, dazwischen kaum Differenzierung. Die Marktteilnehmer schienen fest daran zu glauben, dass politische Turbulenzen immer reversibel seien. Aus Sicht der Finanzaufsicht ist das eine gefährliche Annahme.

Objektiv betrachtet hat sich die wirtschaftliche Lage seit Anfang 2026 nicht verbessert. Der Iran-Krieg drückt Energiepreise nach oben. Handelskonflikte bleiben ungelöst. Die Inflation zieht an und dürfte die Zinsen weiter befeuern. Steigende Verteidigungsausgaben belasten die Staatsfinanzen zusätzlich. In Deutschland trübt sich das Konsumklima ein, die Einzelhandelsumsätze sinken.

Das Potenzial für plötzliche Markt- und Preiskorrekturen sei deshalb hoch, so Branson. Banken und Versicherer arbeiteten zwar profitabel, viele sogar sehr profitabel. Großbanken mit starkem Handelsgeschäft profitieren von der Volatilität. Doch mittelfristig trüben sich die Aussichten ein. Eine schwächere Konjunktur dürfte für vermehrte Kreditausfälle sorgen. Auch der Gewerbeimmobilienmarkt könnte erneut unter Druck geraten.

Hinzu kommt eine Sorge, die die BaFin schon im Januar formuliert hatte. Die euphorischen Bewertungen rund um Künstliche Intelligenz müssen sich erst noch durch reale Geschäftszahlen rechtfertigen. Bei einem Nvidia-Kurs nahe der 200-Dollar-Marke und Branchenmultiples weit über dem historischen Schnitt ist die Fallhöhe beachtlich.

Die Private-Debt-Bombe aus den USA

Besonders deutlich wird Branson beim Thema Private Debt. Diese alternative Anlageklasse bezeichnet Kredite, die nicht von Banken, sondern von spezialisierten Fonds vergeben werden. In den USA haben mehrere dieser Fonds in den vergangenen Monaten Rückzahlungen begrenzt oder ausgesetzt. Im ersten Quartal 2026 konnten Anleger Auszahlungswünsche in Milliardenhöhe nicht bedient bekommen.

Der Grund liegt in der Natur dieser Investments. Private-Debt-Fonds halten illiquide Kredite, die sich nicht schnell zu fairen Preisen verkaufen lassen. Manche Fonds haben Softwareunternehmen finanziert, deren Geschäftsmodell durch den breiten KI-Einsatz wackelt. Andere haben Kredite an Schuldner mit zweifelhafter Qualität vergeben, teils mit Ratings von wenig bekannten Agenturen.

Für deutsche Anleger ist das nicht abstrakt. Versicherer haben in den vergangenen Jahren verstärkt in alternative Anlagen investiert, um in der Niedrigzinsphase auskömmliche Renditen zu erwirtschaften. Im Schnitt machen alternative Anlagen knapp 20 Prozent der Kapitalanlagen aus. Ein Viertel davon entfällt auf Private Debt. Bei rund 40 deutschen Versicherern liegt der Anteil alternativer Anlagen sogar über 35 Prozent. Einzelne Häuser halten mehr als ein Viertel ihrer Anlagen ausschließlich in Private Debt.

Auch große europäische Banken sind verflochten. Sie finanzieren die Private-Debt-Anbieter und geben Kapital, mit dem die Fonds ihre Investments hebeln. Risiken aus diesem Markt könnten daher über die Bilanzen klassischer Institute wandern. Branson hat das Financial Stability Board ausdrücklich für seine Arbeit an dem Thema gelobt. Das klingt nach Routine, signalisiert aber, dass die Aufseher international auf mehr Transparenz drängen.

ELTIFs als Renditeversprechen mit Tücken

Brisanter wird die Lage, weil diese alternativen Anlagen zunehmend an Privatkunden vertrieben werden. Vor allem über sogenannte ELTIFs, European Long Term Investment Funds. Diese europäischen langfristigen Investmentfonds sollen Privatanlegern Zugang zu Private Equity, Private Debt und Infrastruktur ermöglichen. Die EU hat die Spielregeln in den vergangenen Jahren spürbar gelockert.

Die Renditeversprechen sind verlockend. Branson nennt Produkte mit zwölf Prozent jährlicher Aussicht oder mehr. In der Realität sieht das anders aus. Kleinanleger können erhebliche Verluste erleiden, vor allem bei kurzem Anlagehorizont. Die laufenden Kosten liegen meist bei drei bis vier Prozent pro Jahr, in manchen Fällen sogar bei fünf bis sechs Prozent. Das frisst einen Großteil der erwartbaren Rendite auf.

Ein weiteres Problem sind die Risikoindikatoren. Viele ELTIFs geben ihre Risiken im mittleren Bereich an, also drei oder vier auf einer siebenstufigen Skala. Aus dem Beispiel offener Immobilienfonds weiß die BaFin, dass diese Indikatoren nicht alle relevanten Informationen einpreisen. Branson fordert deshalb die europäischen Institutionen auf, hier Ordnung zu schaffen. Die Produkte stammen oft nicht aus Deutschland, doch der deutsche Markt ist für Asset Manager besonders attraktiv.

Eine bemerkenswerte Beobachtung am Rande. In den USA wollen viele Privatanleger derzeit aus ähnlichen Strukturen aussteigen. Genau in dem Moment, in dem europäische Anbieter ihre Produkte hierzulande aggressiver vermarkten.

Was das für Anleger bedeutet

Für junge Investoren ergeben sich aus dieser Gemengelage handfeste Konsequenzen. Die hohe Bewertung vieler Aktienmärkte spiegelt die Realwirtschaft nicht mehr ausreichend. Wer aktuell zu vollen Preisen kauft, übernimmt ein Risiko, das im Kurs nicht ausreichend eingepreist ist. Bransons Warnung deutet darauf hin, dass eine Korrektur auch ohne offensichtlichen Auslöser kommen kann.

Private-Debt-Produkte eignen sich kaum für Anleger mit kurzem Anlagehorizont oder schwankenden Einkommen. Wer sein Kapital in zwei Jahren für die Wohnung oder die Selbständigkeit braucht, sollte die Finger davon lassen. Auch ELTIFs gehören in dieser Lebensphase eher selten ins Depot. Die Kombination aus Illiquidität, hohen Gebühren und intransparenter Bewertung passt nicht zu Anlegern, die schnell an ihr Kapital müssen.

Ein Blick auf die eigene Bank und den eigenen Versicherer lohnt ebenfalls. Versicherer mit hohem Private-Debt-Anteil sind nicht automatisch instabil, doch die BaFin schaut bei Häusern mit mehr als 35 Prozent alternativer Anlagen besonders genau hin. Bei Banken wirken steigende Kreditausfälle und schwächere Konjunktur direkt auf die Quartalszahlen. Aktien aus dem Bankensektor mit hohem Handelsanteil können kurzfristig von der Volatilität profitieren, mittelfristig dagegen Reibung spüren.

Wer in den DAX investiert ist, sollte sich klarmachen, dass der Index sehr nahe an seinem Allzeithoch notiert. Gleichzeitig stagniert die deutsche Wirtschaft mit einer Prognose von nur 0,5 Prozent Wachstum für 2026. Diese Spanne lässt sich nicht beliebig lang aufrechterhalten.

Ausblick auf einen unruhigen Sommer

Bransons Botschaft ist klar formuliert. Die Finanzaufsicht hält die aktuelle Marktstimmung für zu sorglos. Sie fordert mehr Transparenz bei Private Debt, schärfere Standards bei ELTIFs und einen genauen Blick auf den deutschen Wohnimmobilienmarkt. Eine neue Erhebung der BaFin zeigt, dass im vierten Quartal 2025 bei 14 Prozent der neuen Wohnkredite das Darlehensvolumen den Wert der finanzierten Immobilie überstieg. Bei jedem siebten Kredit wurde also mehr Geld aufgenommen, als die Wohnung wert war.

Unsere Einschätzung: Wer jetzt anlegt, sollte besonders kritisch auf Liquidität, Kosten und tatsächliche Risikoindikatoren achten. Glanzversprechen von zwölf Prozent Rendite stehen oft Kosten von vier Prozent gegenüber, plus erhebliche Bewertungsunsicherheit. Ob die Märkte ihre Sorglosigkeit korrigieren oder ob die Realwirtschaft erst spürbar einbrechen muss, bevor die Kurse reagieren, entscheidet sich in den kommenden Monaten. Die BaFin hat ihre Position jedenfalls bezogen.