Kevin Warsh übernimmt die Fed unter Trumps Schatten

Historisches Gebäude mit hohen Säulen und US-Flagge an einer ruhigen Straßenecke in der Innenstadt.

Warsh wird 17. Fed-Chef der modernen Ära

Der US-Senat hat Kevin Warsh am 13. Mai 2026 zum neuen Vorsitzenden der Federal Reserve bestätigt. Das Ergebnis fiel mit 54 zu 45 Stimmen denkbar knapp aus. Nur Pennsylvania-Demokrat John Fetterman stimmte für den Republikaner. Damit ist es die knappste Bestätigung eines Fed-Chefs in der modernen Geschichte. Warsh übernimmt das Amt am Freitag, dem 15. Mai, von Jerome Powell.

Powell hatte die US-Notenbank seit 2018 geführt. Ungewöhnlich ist, dass er das Federal Reserve Board nicht verlässt. Seine Amtszeit als Gouverneur läuft noch bis 2028, und er hat angekündigt, diese Zeit auszuschöpfen. Zuletzt blieb ein ehemaliger Fed-Vorsitzender vor fast 80 Jahren im Board sitzen. Das ist mehr als eine Randnotiz. Powell behält damit eine Stimme im Offenmarktausschuss FOMC, dem zwölfköpfigen Gremium, das die Leitzinsen festlegt.

Warsh, 56 Jahre alt, kennt das Haus. Bereits von 2006 bis 2011 saß er im Board, damals als jüngstes Mitglied mit 35 Jahren. Seine erste Sitzung als Chairman ist für den 16. und 17. Juni 2026 angesetzt. Bis dahin bleiben gut vier Wochen, in denen die Märkte versuchen, ihn einzuschätzen.

Wie Trump die Notenbank unter Druck setzte

Trumps Verhältnis zur Fed ist seit Jahren angespannt. Er hatte Powell 2017 selbst zum Vorsitzenden ernannt und das später öffentlich als Fehler bezeichnet. Über Monate forderte er aggressivere Zinssenkungen. Powell verweigerte sich, mit Verweis auf die hartnäckige Inflation.

Im Sommer 2025 eskalierte der Streit. Das US-Justizministerium leitete eine Untersuchung gegen Powell ein. Vorwand war ein 2,5 Milliarden Dollar teures Sanierungsprojekt der Fed-Zentrale in Washington (rund 2,1 Milliarden Euro) und Powells Aussagen dazu vor dem Senat. Powell nannte die Ermittlung in einer Videobotschaft einen "beispiellosen Versuch, die Fed unter Druck zu setzen". Die Politik wollte erzwingen, was die Geldpolitik nicht freiwillig liefern wollte.

Die Eskalation hatte einen Nebeneffekt. Der republikanische Senator Thom Tillis aus North Carolina blockierte Warshs Bestätigung. Er wollte verhindern, dass die Untersuchung als politisches Druckmittel benutzt wird. Am 24. April 2026 kassierte die zuständige US-Staatsanwältin Jeanine Pirro die Strafanzeige. Erst danach lief die Bestätigung durch. Trump hat aus seinem Ziel nie ein Geheimnis gemacht. Im Dezember 2025 schrieb er auf seiner Plattform Truth Social über seine roten Linien. Wer ihm in der Zinsfrage widerspreche, werde niemals Fed-Chef. Zwei Tage vor der Senatsabstimmung sagte er bei CNBC, er werde "enttäuscht sein", wenn Warsh nicht sofort die Zinsen senke.

Powell bleibt und das ist ungewöhnlich

Powells Entscheidung, im Board zu bleiben, sendet ein politisches Signal. Sie sichert die Unabhängigkeit des Hauses für die kommenden Jahre. Ein Fed-Chef, der nach seiner Amtszeit komplett gegangen wäre, hätte Trump eine zusätzliche Personalentscheidung beschert. So bleibt Powell als Stimme im FOMC erhalten.

Trump hat öffentlich angekündigt, Powell zu entlassen, falls dieser den Vorsitz nur kommissarisch weiterführt. Powell sieht das anders. Eine erzwungene Entlassung würde fast sicher in einer Klage enden. Beide Seiten umkreisen einander vorsichtig. Pirro hat zudem angedroht, die Strafverfolgung wieder aufzunehmen, falls Powell den Sitz nicht freiwillig räumt. Powell hat erklärt, das werde er nicht tun.

Die ganze Konstellation ist neu für die Fed. Sie zeigt, wie viel rauer der Umgang mit der Notenbank geworden ist. Im FOMC sitzen jetzt mit Stephen Miran und bald Warsh zwei dezidiert Trump-nahe Stimmen. Gegen die anderen zehn Mitglieder bleiben sie aber in der Minderheit. Bei der April-Sitzung deuteten drei Mitglieder sogar an, der nächste Schritt könne ebenso gut eine Zinserhöhung sein. Powell hatte zuvor gewarnt, der Iran-Krieg und der gestiegene Ölpreis machten Zinssenkungen schwieriger.

Was Warsh an der Fed umkrempeln will

Warsh hat eine umfangreiche Reform-Agenda mitgebracht. Er will die Fed-Bilanz schneller verkleinern. Diese Bilanz war nach der Finanzkrise 2008 von rund 900 Milliarden auf zuletzt 6,71 Billionen Dollar angeschwollen, umgerechnet rund 5,75 Billionen Euro. Die Notenbank hatte über Jahre Anleihen aufgekauft und so Liquidität in den Markt gepumpt. Warsh hält das für eine Verzerrung, die zur Vermögensungleichheit beigetragen hat.

Sein Ansatz ist ungewöhnlich. Er will gleichzeitig die Zinsen senken und die Bilanz reduzieren. Beides wirkt in entgegengesetzte Richtungen. Niedrigere Zinsen verbilligen Kredite. Eine kleinere Bilanz verteuert sie tendenziell wieder. Manche Beobachter halten das für widersprüchlich. Andere sehen darin den Versuch, kurzfristig die Konjunktur zu beleben und langfristig die Inflations-Risiken einzudämmen.

Darüber hinaus will Warsh die Zahl der FOMC-Sitzungen von acht auf bis zu vier pro Jahr reduzieren. Auch Pressekonferenzen und die sogenannte Forward Guidance, also die geldpolitischen Signale für die Zukunft, sollen seltener werden. Der bekannte Dot-Plot, in dem jedes FOMC-Mitglied seine Zinsprognose markiert, könnte verschwinden. Außerdem strebt Warsh ein striktes Zwei-Prozent-Inflationsziel an und will das 2020 eingeführte flexible Modell wieder kippen. Ob diese Pläne umsetzbar sind, hängt von den anderen FOMC-Mitgliedern ab. Der Chairman entscheidet nicht allein.

Warum Fed-Unabhängigkeit für Anleger zählt

Eine Frage drängt sich auf. Warum sollten Privatanleger sich überhaupt für die Unabhängigkeit einer fremden Notenbank interessieren? Die Antwort ist simpel. Die Fed setzt den Takt für die Weltzinsen. Ihre Entscheidungen beeinflussen Dollar-Kurs, Anleihen-Renditen, Aktienbewertungen und damit auch europäische Depots.

Wenn eine Notenbank Zinsen aus politischen Gründen senkt, statt nach ökonomischer Lage, drohen zwei Probleme. Die Inflation kann langfristig außer Kontrolle geraten. Außerdem verlieren Anleger das Vertrauen in die Stabilität des Geldes. Beides hat historisch Folgen für Anleihen-Märkte und Wechselkurse. Wer in den 1970er-Jahren auf eine politisch gesteuerte US-Notenbank gewettet hat, kennt die Stagflations-Welle, die folgte.

Aktuell zeigen die Märkte gemischte Signale. Der Spread zwischen 30-jährigen und 2-jährigen US-Staatsanleihen ist nach Warshs Nominierung auf 1,35 Prozentpunkte gestiegen. Das ist der höchste Wert seit fast drei Jahren. Anleger verlangen für lange Laufzeiten höhere Risiko-Aufschläge. Sie befürchten höhere Inflation auf Sicht. Gleichzeitig preisen die Märkte für die Juni-Sitzung eine Wahrscheinlichkeit von 97 Prozent ein, dass die Zinsen unverändert bleiben. Trumps öffentlicher Druck führt also nicht automatisch zu Zinssenkungen. Das ist beruhigend für alle, die auf eine berechenbare Geldpolitik setzen.

Für europäische Anleger heißt das vor allem eines. Eine politisch beeinflusste Fed würde den Dollar tendenziell schwächen, US-Anleihen für Euro-Investoren attraktiver machen und Goldpreise stützen. Eine standhafte Fed dagegen würde den Dollar fester halten und Risiko-Anlagen wie US-Tech-Werte beruhigen. Die Beobachtung des Verhältnisses Trump-Warsh wird damit zu einem indirekten Marktfaktor.

Unsere Einschätzung: Warsh ist trotz seiner Nähe zu Trump kein willenloser Pudel. Sein Werdegang zeigt einen Inflations-Falken mit eigener Meinung. Die Reform-Pläne sind ambitioniert, aber die FOMC-Kollegen werden ihn bremsen. Eine sofortige Zinssenkung im Juni gilt als sehr unwahrscheinlich.

Erste echte Bewährungsprobe am 17. Juni

Am 16. und 17. Juni 2026 leitet Warsh seine erste FOMC-Sitzung. Sie ist die erste echte Prüfung. Senkt er die Zinsen wie von Trump gefordert? Veröffentlicht er einen neuen Dot-Plot mit weniger geplanten Senkungen? Oder hält er an der bisherigen Linie fest?

Bis dahin kommen wichtige Daten. Der April-CPI lag bereits bei 3,8 Prozent und damit auf dem höchsten Stand seit Mai 2023. Der Ölpreis bleibt durch den Iran-Krieg hoch. Die Wahrscheinlichkeit einer Zinssenkung ist nach diesen Werten gering. Trump wird das laut kritisieren. Warsh wird sich entscheiden müssen, ob er die Linie der Datenabhängigkeit hält oder dem politischen Druck nachgibt. Die Antwort am 17. Juni setzt die Tonart für das gesamte Jahr.