Electrovac-IPO: Nischenplayer mit Defense-Fantasie

Electrovac-IPO: Nischenplayer mit Defense-Fantasie

Electrovac wagt den Sprung an die Börse

Der bayerische Spezialist Electrovac geht am 30. April 2026 an den Prime Standard der Frankfurter Wertpapierbörse. Die Preisspanne für die Aktien liegt zwischen 7,80 und 10,20 Euro, das Bookbuilding läuft vom 17. bis 27. April. Platziert werden bis zu 4,76 Millionen Aktien. Davon stammen bis zu 3,84 Millionen aus einer Kapitalerhöhung, der Rest aus dem Bestand der Altaktionärin Electrovac Holding AG.

Zur Mitte der Preisspanne erzielt das Unternehmen aus Salzweg bei Passau einen Gesamterlös von rund 43 Millionen Euro, am oberen Ende der Spanne knapp 49 Millionen Euro. Der Nettoerlös aus der Kapitalerhöhung soll bei etwa 30 Millionen Euro liegen. Die Marktkapitalisierung zum Mittelkurs würde rund 144 Millionen Euro betragen. Privatanleger können über das DirectPlace-Portal der Frankfurter Börse oder über ihre Depotbank zeichnen. Begleitet wird der Börsengang von BankM und dem Bankhaus Metzler als Joint Global Coordinators.

Was der Spezialist aus Salzweg macht

Electrovac wurde 1947 gegründet und produziert hermetische Glas-Metall-Gehäuse. Das klingt sperrig, ist aber im Alltag überall. Sobald Elektronik vor Feuchtigkeit, Druck, Hitze oder chemischen Einflüssen geschützt werden muss, kommen solche Versiegelungen zum Einsatz. Die Technologie heißt im Fachjargon Glass-to-Metal-Sealing, kurz GTMS. Eine dünne Glasschicht verbindet dabei Metallteile absolut dicht, ohne dass Gase oder Flüssigkeiten durchdringen können.

Die Anwendungen reichen von Airbagzündern über Gurtstraffer bis hin zu Satellitenkomponenten und Zündern für Munition. Rund 250 Kunden beliefert das Unternehmen weltweit, darunter auch Zulieferer der Luft- und Raumfahrt sowie der Verteidigungsindustrie. Produziert wird an vier Standorten in Deutschland, Österreich und Thailand. Insgesamt arbeiten rund 550 Menschen für die Gruppe.

CEO Dieter Thumfart führt das Unternehmen, ein erfahrener Manager aus der Elektronik- und Automobilzulieferindustrie. Der globale Marktanteil im Kerngeschäft liegt nach Unternehmensangaben bei etwa 27 Prozent. Hohe regulatorische Anforderungen und langjährige Kundenqualifizierungen machen es Wettbewerbern schwer, in den Markt einzudringen. Ein neuer Anbieter muss Jahre in die Zertifizierung investieren, bevor er beispielsweise einen Airbagzünder liefern darf.

Die Zahlen hinter dem IPO

Für das Geschäftsjahr 2024/25 wies Electrovac ein EBIT von 9,1 Millionen Euro aus, die EBIT-Marge lag bei 9,3 Prozent. In den ersten neun Monaten des laufenden Geschäftsjahres 2025/26 setzte das Unternehmen bereits 85,9 Millionen Euro um, das EBIT stieg auf 10,5 Millionen Euro. Das entspricht einer EBIT-Marge von 12,2 Prozent und einem Umsatzplus von rund 21 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Auf das Gesamtjahr hochgerechnet, das am 31. März endet, wären das rund 115 Millionen Euro Umsatz und etwa 14 Millionen Euro EBIT.

Mittelfristig strebt das Management einen Jahresumsatz von 150 Millionen Euro bei einer EBIT-Marge von 12 Prozent an. Die Eigenkapitalquote liegt bei 51,1 Prozent, was für einen Industriebetrieb dieser Größe eine solide Bilanz bedeutet. Die Book-to-Bill-Ratio, also das Verhältnis aus neu eingehenden Aufträgen zu bereits abgerechneten Umsätzen, liegt nach Unternehmensangaben dauerhaft über eins. Der Auftragsbestand soll den geplanten Umsatz für 2026/27 bereits vollständig abdecken.

Interessant für Anleger ist die Dividendenpolitik. Electrovac will langfristig 20 Prozent des nach IFRS ermittelten Konzernergebnisses ausschütten. Eine erste Dividende wäre damit für das Geschäftsjahr ab April 2025 denkbar. Bei einem hochgerechneten Nettoergebnis im niedrigen zweistelligen Millionenbereich wären das grob geschätzt rund zwei bis drei Millionen Euro an Ausschüttungen pro Jahr.

Zwischen Airbag und Luftabwehr

Ein Teil der Kursfantasie von Electrovac hängt direkt am Verteidigungsthema. Produkte des Unternehmens stecken in Munitionszündern, Luftabwehrraketen und Satelliten. Europäische Regierungen erhöhen ihre Verteidigungsausgaben seit Jahren, die NATO-Staaten streben dauerhaft mindestens zwei Prozent des BIP an, viele sogar mehr. Das befeuert die Nachfrage nach Rüstungskomponenten. Electrovac wäre damit einer von wenigen deutschen Nebenwerten mit echtem Defense-Bezug an der Börse.

Das klassische Automotive-Geschäft bleibt weiterhin eine wichtige Säule. Airbagzünder und Gurtstraffer werden in Milliardenstückzahlen verbaut. Dieser Markt wächst zwar langsamer als der Verteidigungssektor, ist aber stabil. Hinzu kommt eine wachsende Rolle in der Raumfahrt. Jede Satellitenmission braucht hermetische Versiegelungen, die im Vakuum und bei extremen Temperaturunterschieden dicht bleiben müssen.

Im internationalen Wettbewerb steht Electrovac einer Handvoll spezialisierter Anbieter gegenüber. Der Marktführer SCHOTT aus Mainz ist nicht börsennotiert und damit für Anleger nicht direkt investierbar. Der US-Konzern AMETEK ist zwar an der NYSE gelistet, aber ein breit aufgestellter Industriekonzern mit Dutzenden Geschäftsbereichen. Reine Pure-Play-Vergleichswerte sind rar. Der französische Anbieter Egide notiert an der Euronext Paris, ist aber deutlich kleiner und weniger profitabel als Electrovac. Diese Ausgangslage gibt dem Bayern eine gewisse Exklusivität an der deutschen Börse.

Bewertung und Risiken für Anleger

Zur Mitte der Preisspanne kommt Electrovac auf eine Marktkapitalisierung von rund 144 Millionen Euro. Bezogen auf das hochgerechnete EBIT für 2025/26 von etwa 14 Millionen Euro ergibt sich ein EV/EBIT-Multiple von rund 10. Für einen wachsenden Nebenwert mit zweistelliger Marge und starkem Auftragsbuch ist das kein Schnäppchen, aber auch keine aggressive Bewertung. An der NYSE wird der Industriekonzern AMETEK beispielsweise mit einem EV/EBIT um die 20 gehandelt, allerdings bei einer ganz anderen Größenordnung.

Auf der Risikoseite fällt vor allem die geringe Größe ins Gewicht. Als Small Cap mit einer Marktkapitalisierung deutlich unter 200 Millionen Euro dürfte die Aktie nach dem IPO eher dünn gehandelt werden. Für Privatanleger kann das bedeuten, dass Kauf- und Verkaufskurse weiter auseinanderliegen und größere Orders den Preis merklich bewegen. Auch die Kundenkonzentration ist ein Thema. Zwar verteilen sich die Umsätze auf 250 Kunden, doch in einer so spezialisierten Nische stehen meist wenige Großabnehmer für einen erheblichen Teil der Erlöse. Der Verlust eines Schlüsselkunden würde spürbar weh tun.

Dazu kommt die Abhängigkeit vom Produktionsstandort Thailand. Ein signifikanter Teil der Fertigung findet dort statt, und geopolitische Spannungen oder neue Zölle könnten die Kostenstruktur belasten. Offen bleibt außerdem die Frage, ob die Defense-Fantasie nicht bereits eingepreist ist. Rüstungswerte laufen seit dem Einmarsch Russlands in der Ukraine deutlich besser als der Gesamtmarkt. Wer zum IPO-Preis kauft, zahlt eine Bewertung, die den aktuellen Boom widerspiegelt.

Unsere Einschätzung: Electrovac bringt viele Qualitätsmerkmale eines klassischen Nebenwertes mit. Eine etablierte Marktposition, steigende Margen, solide Bilanz und eine nachvollziehbare Wachstumsstory. Zum Mittelkurs wirkt die Bewertung fair, nicht billig. Für Anleger mit Interesse an deutschen Industrienebenwerten mit Defense-Bezug ist das Unternehmen zumindest eine Beobachtung wert. Wer lieber auf die großen Rüstungsaktien setzt, sollte den Sommer abwarten. Dann kommt voraussichtlich das Mega-IPO von KNDS mit einer Bewertung im zweistelligen Milliardenbereich.

Ein Test für den deutschen IPO-Markt

Nach dem schwachen Jahr 2025 hat sich der Frankfurter IPO-Markt zu Jahresbeginn langsam zurückgemeldet. Drei Börsengänge im ersten Quartal, zwei davon aus dem Rüstungssektor, spielten laut PwC zusammen 678 Millionen Euro ein. Electrovac wäre der vierte IPO des Jahres und der erste im zweiten Quartal. PwC-Experten rechnen für 2026 insgesamt mit fünf bis zehn Börsengängen am Prime Standard.

Mit seiner vergleichsweise kleinen Dimension ist Electrovac kein Test für das obere Preissegment. Die Erstnotiz wird aber zeigen, ob auch Nebenwerte mit Nischenprofil am aktuellen Markt Abnehmer finden. Bei einer gelungenen Platzierung könnten sich weitere Mittelständler ermutigt fühlen, den Schritt aufs Parkett zu wagen. Fällt die Zeichnung schwächer aus, bleibt Deutschland ein schwieriger IPO-Standort. Der 30. April liefert die erste Antwort.