Wende bei der EZB — warum der Iran-Krieg die Zinsen antreibt

Euro-Skulptur vor den Hochhäusern der Europäischen Zentralbank in Frankfurt. Steigende Energiepreise infolge des Iran-Kriegs erhöhen die Inflationsrisiken und könnten die EZB zu einer restriktiveren Zinspolitik zwingen.

Der Iran-Krieg stellt die EZB vor eine harte Entscheidung

Seit fast einem Jahr hat die Europäische Zentralbank die Leitzinsen nicht angetastet. Der Einlagensatz liegt bei 2,00 Prozent, stabil seit Juli 2025. Doch am 11. Juni tagt der EZB-Rat erneut — und diesmal deutet fast alles auf eine Kehrtwende hin.

Der Auslöser ist kein klassischer Konjunkturüberschwang. Am 28. Februar 2026 begannen die USA und Israel Angriffe auf den Iran. Binnen Tagen schoss der Ölpreis um mehr als ein Drittel nach oben, Anfang April lag er gut 50 Prozent über Vorkriegsniveau. Die Folge: Die Inflation in der Eurozone, die im Februar noch bei 1,9 Prozent lag, kletterte im März auf 2,6 Prozent und im April auf 3,0 Prozent — angetrieben fast ausschließlich durch Energiepreise, die im Jahresvergleich um 10,8 Prozent zulegten.

Für die EZB ist das ein echtes Dilemma. Sie hat eigentlich fertig mit Zinserhöhungen. Und trotzdem steht sie jetzt vor einem Inflationsproblem, das sie selbst nicht verursacht hat.

Was die Märkte bereits einpreisen

Die Terminmärkte sind eindeutig. Eine Zinserhöhung um 25 Basispunkte auf 2,25 Prozent ist beim Juni-Termin vollständig eingepreist. Das Analyseportal ecb-watch.eu beziffert die Wahrscheinlichkeit auf 92 Prozent. Bis September rechnen Investoren mit zwei Anhebungen insgesamt, bis Jahresende sehen knapp zwei Drittel eine dritte Erhöhung auf dann 2,75 Prozent.

Das sind keine wilden Spekulationen. Sie spiegeln das wider, was die EZB-Vertreter selbst in den vergangenen Wochen gesagt haben. EZB-Direktorin Isabel Schnabel äußerte sich gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters: Aus heutiger Sicht halte sie eine Zinserhöhung im Juni für notwendig. Bundesbankpräsident Joachim Nagel brachte eine Anhebung öffentlich ins Spiel. Das April-Protokoll offenbarte zudem, dass mehrere Ratsmitglieder eine Erhöhung bereits beim letzten Termin nicht abgelehnt hätten, wäre sie zur Abstimmung gestellt worden.

EZB-Chefökonom Philip Lane bestätigte im Gespräch mit der Nikkei, dass die EZB beim Juni-Termin eine weitere Aufwärtskorrektur der Inflationsprognose vornehmen werde. Die bisherige Jahresprognose von 2,6 Prozent gilt als überholt.

Stagflation — das Wort, das niemand hören will

Was das Szenario so unangenehm macht: Die hohen Preise treffen auf eine schwache Wirtschaft. Der zusammengesetzte Einkaufsmanagerindex (PMI) für den Euroraum liegt seit Monaten im Schrumpfungsbereich. In Frankreich fiel der Dienstleistungs-PMI im Mai auf den niedrigsten Stand seit 66 Monaten. Deutschland meldet weiterhin sinkende Industrieaufträge. Das EZB-eigene Wachstumsziel für 2026 liegt inzwischen bei nur noch 0,9 Prozent.

Stagflation bezeichnet genau diesen Zustand: steigende Preise bei gleichzeitig stagnierender Wirtschaft. Das ist die schlimmste Ausgangslage für eine Notenbank, weil Zinserhöhungen gegen Inflation wirken, aber Wachstum weiter bremsen. Und Zinssenkungen würden die Konjunktur stützen, aber die Inflation anheizen.

Die EZB entscheidet sich offenbar für das kleinere Übel. Zweitrundeneffekte — höhere Energiekosten treiben Löhne und Dienstleistungspreise — bereiten den Notenbankern die größten Sorgen. Sobald sich Inflation verselbständigt, wird sie viel teurer zu bekämpfen. Das hat Europa in den Jahren 2022 und 2023 schmerzhaft gelernt.

Was eine Zinserhöhung konkret bedeutet

Eine Anhebung auf 2,25 Prozent klingt nach wenig. Die Auswirkungen sind trotzdem real. Bauzinsen liegen laut aktuellen Daten bereits bei 3,8 bis 4,3 Prozent je nach Laufzeit — seitwärts, aber hoch. Bei einer weiteren Leitzinserhöhung dürfte sich das kaum verbessern. Wer aktuell über einen Immobilienkredit nachdenkt, hat kein entspannteres Marktumfeld vor sich.

Für Sparer dreht sich das Bild. Mehrere Banken haben bereits reagiert und Festgeld-Angebote mit bis zu 3 Prozent sowie Tagesgeld-Aktionszinsen jenseits der 3,5 Prozent auf den Markt gebracht — in Erwartung steigender Leitzinsen. Diese Tendenz dürfte sich nach dem 11. Juni fortsetzen.

Für die Aktienmärkte ist das Bild differenzierter. Steigende Zinsen belasten grundsätzlich wachstumsorientierte Werte, deren künftige Gewinne stärker abgezinst werden. Banken und andere Finanzwerte profitieren dagegen von einer höheren Zinsmarge. Der Energiesektor hat ohnehin schon vom Ölpreisanstieg profitiert, doch geopolitische Risiken können diesen Sektor in beide Richtungen treiben.

EZB am 11. Juni — was auf dem Spiel steht

Der 11. Juni ist nicht nur wegen der Zinsentscheidung bedeutsam. Die EZB veröffentlicht dann auch neue Wachstums- und Inflationsprojektionen — zum ersten Mal seit Ausbruch des Iran-Konflikts vollständig aktualisiert. Diese Projektionen werden zeigen, wie lange die Notenbanker selbst mit erhöhtem Inflationsdruck rechnen.

Entscheidend ist auch, was Lagarde auf der Pressekonferenz um 14:45 Uhr sagen wird. Eine einzelne Erhöhung um 25 Basispunkte wäre für die Märkte kein Schock mehr. Was Anleger wirklich beschäftigt, ist der Ton: Signalisiert die EZB, dass damit zunächst Schluss ist? Oder bereitet sie den Markt auf weitere Schritte vor?

Letzteres ist realistisch. Solange der Konflikt anhält und die Straße von Hormus — eine der weltweit wichtigsten Energietransitrouten — gestört bleibt, fehlt der Ölpreise jede strukturelle Grundlage für einen Rückgang. Und eine Inflation, die dauerhaft über 2 Prozent liegt, kann die EZB geldpolitisch nicht ignorieren.

Unsere Einschätzung: Die Erwartung einer Zinserhöhung auf 2,25 Prozent am 11. Juni ist so fest eingepreist, dass eine Pause die Märkte mehr überraschen würde als ein Zinsschritt. Das eigentliche Signal wird der Ausblick sein. Drei Erhöhungen bis Jahresende, wie die Terminmärkte einpreisen, setzen voraus, dass sich der Energieschock verfestigt und die Kerninflation nicht wieder unter 2 Prozent fällt. Wer kurzfristig auf Zinssenkungen gesetzt hat, muss das Szenario komplett neu denken.