Japans Börse hängt den Rest der Welt ab

Tokio im Rekordmodus
Der Nikkei 225, Japans wichtigster Aktienindex, hat am 3. Juni 2026 ein neues Allzeithoch bei 68.786 Punkten markiert. Das ist kein flüchtiger Ausreißer. Seit Jahresbeginn hat der Index knapp 33 Prozent zugelegt und damit sowohl den amerikanischen S&P 500 als auch den deutschen DAX deutlich überholt. Wer Japan aus dem Portfolio verbannt hatte, weil das Land seit den 1990ern als ewiger Underperformer galt, hat in diesem Jahr viel Rendite liegen gelassen.
Dabei klingt Japan als Börsenstar für viele zunächst seltsam. Jahrzehntelang stand das Land für Stillstand: niedrige Zinsen, alternde Gesellschaft, Deflation, Konzerne ohne Aktionärsorientierung. Genau das hat sich geändert, und zwar auf mehreren Ebenen gleichzeitig.

SoftBank als Barometer für die KI-Welt
Den stärksten Einzelimpuls liefert SoftBank. Die Tokioter Investmentholding von Masayoshi Son ist seit Mitte Mai das wertvollste Unternehmen Japans, mit einer Marktkapitalisierung von umgerechnet rund 296 Milliarden Dollar (rund 274 Milliarden Euro), vor Toyota. Die Aktie hat allein am 7. Mai 2026 über 18 Prozent zugelegt, ihren besten Handelstag seit 2020.
Warum SoftBank so eng mit dem KI-Thema verknüpft ist, lässt sich einfach erklären. Das Unternehmen hält bedeutende Beteiligungen an Arm Holdings, dessen Chip-Architektur in nahezu jedem modernen KI-Prozessor steckt, sowie an OpenAI, dem Entwickler von ChatGPT. Außerdem hat SoftBank im Mai 2026 zugesagt, über fünf Jahre rund 75 Milliarden Euro in den Aufbau von KI-Infrastruktur in Frankreich zu investieren. Investmentstratege Eddie Leung von der Bank of America brachte es gegenüber CNBC auf den Punkt: SoftBank sei "der börsennotierte Proxy für OpenAI und Arm". Wer auf die KI-Welle setzen will, ohne direkt in US-Tech zu gehen, landet schnell bei SoftBank.
Der Halbleiterboom rollt durch Japan
SoftBank ist die Spitze des Eisbergs. Darunter liegt eine ganze Industrie, die vom globalen KI-Investitionszyklus profitiert, stärker als fast jede andere Volkswirtschaft.
Advantest baut Testsysteme für Hochleistungschips. Ohne diese Geräte kommt kein KI-Prozessor auf den Markt. Die Aktie legte seit Jahresanfang zweistellig zu und gilt laut Analysten als einer der liquidesten japanischen Zugänge zum KI-Halbleiter-Trade. Ähnlich Tokyo Electron, ein Lieferant von Produktionsanlagen für Chipfabriken, der von jedem Ausbau neuer Fertigungskapazitäten profitiert. Nvidia baut mehr Chips, also braucht TSMC mehr Maschinen von Tokyo Electron, der Aktie geht es besser.
Dazu kommen Zulieferer wie Murata, Fujikura, Ibiden und Sumitomo Electric, Unternehmen die Kondensatoren, Leiterplatten, Glasfaserkabel und Verbindungskomponenten liefern. Der KI-Boom zieht sich durch die gesamte Lieferkette, und Japan sitzt mittendrin. Goldman Sachs erwartet für Technologieunternehmen aus dem asiatisch-pazifischen Raum im Jahr 2026 ein Gewinnwachstum je Aktie von rund 60 Prozent. Das ist der Treibstoff für diese Rally.
Was die deutschen Medien übersehen
Neben dem KI-Thema gibt es einen zweiten Strang, der in der europäischen Berichterstattung kaum vorkommt: Japan hat seinen Kapitalmarkt in den vergangenen Jahren von Grund auf reformiert.
Jahrzehntelang hielten japanische Konzerne gegenseitig große Aktienpakete voneinander, sogenannte Cross-Shareholdings. Das band Kapital und schützte Vorstände vor aktivistischen Aktionären. Die Tokioter Börse hat dieses System seit 2023 systematisch aufgebrochen. Unternehmen müssen seither offenlegen, wie sie mit ihren Kapitalkosten umgehen und warum ihre Aktie handelt, wie sie handelt. Wer keine überzeugenden Antworten liefert, riskiert den Ausschluss aus wichtigen Indizes.
Das Ergebnis zeigt sich in den Zahlen. Aktienrückkäufe, die in Japan vor 30 Jahren kaum existierten, erreichten im Geschäftsjahr bis März 2024 ein Volumen von mehr als 10 Billionen Yen, also rund 62 Milliarden Euro. Die Dividenden stiegen im gleichen Zeitraum auf 16 Billionen Yen. Inzwischen befinden sich 32 Prozent aller japanischen Aktien im Besitz ausländischer Investoren, ein historisch hoher Wert. Konzerne wie Warren Buffetts Berkshire Hathaway sind schon seit Jahren massiv in japanische Handelshäuser investiert und haben damit früh signalisiert, was heute viele erkennen.
Was Anleger wissen müssen
Für deutsche Privatanleger gibt es bei dieser Rallye ein wichtiges Detail zu verstehen: den Währungseffekt. Der japanische Yen ist seit Jahren schwach. Ein Euro kauft aktuell deutlich mehr Yen als noch vor fünf Jahren. Das bedeutet, wer europäisches Kapital in japanische Aktien steckt, hat beim Einstieg einen Nachteil durch den Wechselkurs. Gleichzeitig profitieren japanische Exportkonzerne genau deshalb: Ihre Produkte werden im Ausland günstiger, ihre Auslandsgewinne steigen beim Rückfluss nach Japan.
Die Rallye hängt zudem stark an einer relativ kleinen Gruppe von Schwergewichten. SoftBank, Tokyo Electron, Advantest und einige andere Tech-Werte haben den Nikkei seit Jahresbeginn überproportional nach oben gezogen. Der breiter gefasste Topix-Index zeigt zwar ebenfalls Rekordniveaus, aber er ist spürbar weniger dynamisch als der Nikkei 225. Das deutet darauf hin, dass viele kleinere Unternehmen von der Euphorie noch nicht mitgerissen wurden. Marktexperten warnen zudem vor einer möglichen Überbewertung einzelner Werte und einer Überhitzung im Technologiesegment.
Ein weiteres Risiko sitzt bei der Bank of Japan. Die Zentralbank hebt die Zinsen langsam an, erstmals seit Jahrzehnten. Das verteuert Kredite, belastet wachstumsstarke Aktien und stärkt tendenziell den Yen, was wiederum den Exportbonus abschwächt. Bisher haben die Märkte diese Signale weitgehend ignoriert, weil die KI-Euphorie stärker wiegt. Ob das dauerhaft gilt, bleibt offen.
Unsere Einschätzung: Japan hat sich in den letzten drei Jahren von einem verschlafenen Kapitalmarkt in einen ernstzunehmenden Börsenfavoriten verwandelt. Die Reformen sind real, die Unternehmensgewinne steigen, und die Stellung im globalen Halbleiter-Liefernetz ist kaum kopierbar. Gleichzeitig hängt ein großer Teil der aktuellen Rally an der Überzeugung, dass KI-Investitionen noch jahrelang auf diesem Niveau weiterlaufen. Das ist eine Wette, keine Gewissheit. Wer Japan im Depot hat, sitzt gut. Wer jetzt erst einsteigt, sollte sich der Risiken bewusst sein.
Wie es weitergeht
Der nächste wichtige Termin für Japan-Anleger ist die Entscheidung des japanischen Parlaments über den geplanten Nachtragshaushalt von 19,5 Milliarden Dollar. Premierministerin Sanae Takaichi erwägt zusätzlich eine Senkung der Verbrauchssteuer, um die Binnenwirtschaft zu entlasten. Beides würde die Konsumnachfrage stützen und dem Nikkei weiteren Rückenwind geben.
Auf globaler Ebene bleibt die entscheidende Variable, wie sich die KI-Investitionen der großen US-Technologiekonzerne entwickeln. Microsoft, Google und Amazon haben für 2026 Rekordsummen für Rechenzentrumsinfrastruktur angekündigt. So lange das gilt, braucht die Welt mehr Chips, mehr Testgeräte, mehr Halbleitermaschinen. Und Japan ist gut positioniert, diesen Bedarf zu liefern.
