Wetten auf OpenAI und Anthropic ohne eine einzige Aktie zu kaufen

OpenAI für alle, zumindest fast
OpenAI ist vermutlich das bekannteste Unternehmen der Welt, das du nicht kaufen kannst. Kein Depot der Welt gibt dir Zugang zu einer einzigen OpenAI-Aktie. Gleiches gilt für Anthropic, SpaceX und Stripe. Diese Firmen sind privat, ihre Anteile liegen bei Risikokapitalgebern und Insidern. Für normale Anleger war das bislang eine geschlossene Tür.
Seit dem 19. Mai 2026 hat Polymarket diese Tür einen Spalt geöffnet. Aber nicht so, wie man vielleicht denkt. Anteile kauft man dort immer noch keine. Stattdessen kann man auf konkrete Ereignisse wetten: Schafft OpenAI bis Ende 2026 einen Börsengang mit einer Bewertung von mindestens einer Billion Dollar? Erreicht Anthropic noch in diesem Jahr eine Bewertung von 500 Milliarden Dollar? Wer liegt am Ende höher, OpenAI oder Anthropic? Das sind keine Aktien. Das sind Wettverträge.

Was Polymarket überhaupt ist
Prediction Markets, auf Deutsch Vorhersagemärkte, funktionieren nach einem simplen Prinzip. Jemand stellt eine Frage mit eindeutigem Ja/Nein-Ausgang. Trader kaufen Anteile an einem der beiden Ausgänge. Je mehr Geld auf eine Seite fließt, desto höher steigt deren implizierte Wahrscheinlichkeit. Am Ende, wenn das Ereignis eingetreten oder ausgeblieben ist, werden die Gewinner ausgezahlt.
Polymarket ist die größte Plattform in diesem Bereich. Sie wurde 2020 in New York gegründet, läuft auf Blockchain-Basis und wickelt alle Zahlungen über Kryptowährungen ab. Bisher waren die bekanntesten Märkte Wahlergebnisse und Sportereignisse. Schon bei der US-Präsidentschaftswahl 2024 wurden über Polymarket mehr als eine Milliarde Dollar umgesetzt, deutlich mehr als viele klassische Wettanbieter damals bewegten. Im bisherigen Jahresverlauf 2026 hat die Plattform nach eigenen Angaben bereits knapp 39 Milliarden Dollar (rund 36 Milliarden Euro) Volumen in den USA verzeichnet.
Der Schritt in Richtung private Unternehmen ist neu. Und er kommt mit einem prominenten Partner.
Nasdaq liefert die Daten, Polymarket die Wetten
Damit ein Wettvertrag sauber aufgelöst werden kann, braucht man eine verlässliche Datenquelle. Wer hat eine Wahl gewonnen? Das meldet die Wahlbehörde. Ob ein privates Unternehmen eine bestimmte Bewertung erreicht hat, ist komplizierter. Private Firmen veröffentlichen keine Quartalsberichte.
Polymarket hat dieses Problem mit einer Partnerschaft gelöst. Nasdaq Private Market, kurz NPM, wird als exklusiver Datenprovider für alle neuen Verträge fungieren. NPM betreibt eine Infrastruktur für den Handel mit Anteilen privater Unternehmen zwischen akkreditierten Investoren. Die Plattform sammelt Transaktionsdaten, Bewertungsrunden und Marktpreise. Diese Daten entscheiden nun darüber, ob ein Polymarket-Vertrag mit Ja oder Nein aufgelöst wird.
Und noch etwas: NPM macht diese Bewertungsdaten erstmals kostenlos öffentlich zugänglich, ohne Abo. Wer wissen will, was Anthropic-Aktien im Sekundärmarkt zuletzt gehandelt wurden, kann das ab sofort nachlesen. Anfang Mai lag der von NPM berechnete Schätzkurs bei 477 Dollar pro Anteil, ein Plus von über 1.500 Prozent seit dem ersten Handelstag. Das ist kein offizieller Kurs. Aber es ist ein Anhaltspunkt, den es vorher nicht gab.
Für wen diese Märkte gedacht sind, und für wen nicht
Die erste Frage, die viele stellen werden: Kann ich damit tatsächlich an OpenAI verdienen? Die ehrliche Antwort ist nein, zumindest nicht auf die gewohnte Weise. Man kauft keinen Anteil an einem Unternehmen. Man wettet auf ein binäres Ereignis. Tritt das ein, bekommt man ausgezahlt. Tritt es nicht ein, verliert man den Einsatz. Der Kurs des Unternehmens selbst spielt nur insoweit eine Rolle, als er darüber entscheidet, ob das festgelegte Ereignis eintritt.
Wer heute auf den Markt setzt, der fragt ob OpenAI bis 2027 mit mindestens einer Billion Dollar an die Börse geht, der spekuliert auf eine sehr spezifische Kombination: IPO ja, und Bewertung oberhalb dieser Schwelle. Läuft das IPO mit 800 Milliarden Dollar Bewertung, verliert man trotzdem. Die Kontrakte sind präziser als eine normale Aktienspekulation, aber auch rigider.
Für erfahrene Trader, die einen konkreten Informationsvorsprung zu haben glauben, ob ein IPO kommt und zu welcher Bewertung, können diese Märkte interessant sein. Für jemanden, der einfach glaubt, dass OpenAI groß werden wird, sind herkömmliche Tech-ETFs oder Aktien der Investoren von OpenAI, also Microsoft etwa, nach wie vor der direktere Weg.
Regulierung, die graue Zone und das Kleingedruckte
Polymarket ist keine einfache Geschichte, wenn man etwas tiefer schaut. Die Plattform hat eine bewegte regulatorische Vergangenheit. Die US-Aufsichtsbehörde CFTC verhängte 2022 eine Strafe von 1,4 Millionen Dollar (rund 1,3 Millionen Euro), weil die Plattform damals unregistrierte Verträge anbot und amerikanische Nutzer nicht ordnungsgemäß ausschloss. Seit 2025 ist Polymarket in den USA unter CFTC-Aufsicht legal tätig, aber nur über regulierte Zwischenhändler mit vollständiger Identitätsprüfung. Der internationale Ableger der Plattform unterliegt keiner US-Regulierung.
In mehreren Staaten läuft der Kampf weiter. Nevada beantragte Ende Januar 2026 eine einstweilige Verfügung, Tennessee verschickte Unterlassungsschreiben. Das Kernproblem bleibt ungelöst: Sind Prediction Markets Finanzderivate oder Glücksspiel? Bundesbehörden sagen ersteres, viele US-Bundesstaaten sagen letzteres.
Für deutsche Nutzer gilt ein ähnliches Graubild. In Deutschland und einem Großteil der EU ist Polymarket in der aktuellen Form nicht legal zugänglich. Frankreich und Portugal haben die Plattform bereits als unregistrierten Glücksspielanbieter eingestuft und geoblocked. Wer über VPN trotzdem zugreift, bewegt sich in einer rechtlichen Grauzone, das sollte jeder selbst einschätzen.
Unsere Einschätzung
Die Idee hinter Polymarks neuem Angebot ist interessant. Prediction Markets können bei ausreichender Liquidität tatsächlich nützliche Informationen liefern, weil echtes Geld hinter den Wahrscheinlichkeiten steckt. Die Frage, wann OpenAI an die Börse geht, beschäftigt Hunderttausende Anleger. Ein gut funktionierender Markt dafür wäre wertvoller als die meisten Analysten-Prognosen.
Ob Polymarket diesen Markt aufbauen kann, bleibt abzuwägen. Das Volumen ist noch gering, die Spreads zwischen Kauf- und Verkaufspreis sind breit. Und die regulatorische Lage in Europa schließt die meisten hiesigen Anleger schlicht aus.
Was bleibt, ist ein Signal. Die Nachfrage nach Zugängen zu den größten privaten Technologieunternehmen ist riesig. Polymarket versucht, einen Bruchteil davon über Wettverträge abzudecken. Das ist besser als nichts, aber kein Ersatz für ein echtes Investment. Wer auf OpenAI setzen will, kann das aktuell am ehesten indirekt über Microsoft-Aktien tun, das Unternehmen hält einen bedeutenden Anteil. Oder über den nächsten möglichen Termin warten.
Wann kommt der OpenAI-IPO wirklich
Laut aktuellen Berichten bereitet OpenAI gemeinsam mit Goldman Sachs und Morgan Stanley vertrauliche Börsenunterlagen vor. Das Ziel: eine Marktreife bereits ab September 2026. Die Wettquoten auf Polymarket spiegeln das wider. Aktuell preist der Markt eine Wahrscheinlichkeit von rund 75,5 Prozent ein, dass OpenAI noch vor Anthropic an die Börse geht.
Anthropic selbst wird nach aktuellen Kapitalrunden auf ungefähr 900 Milliarden Dollar (rund 830 Milliarden Euro) geschätzt, ein IPO im vierten Quartal 2026 gilt als plausibel. Falls einer der beiden tatsächlich an den Markt kommt, dürfte das die lauteste Börsenglocke seit Jahren sein. Bis dahin bleiben Prediction Markets das nächste, was normale Anleger an diese Unternehmen heranführt.
