Figma legt an einem Tag zweistellig zu
Figma (NYSE: FIG) hat am Montag einen kräftigen Satz nach oben gemacht. Die Aktie des Design-Software-Anbieters schloss am 13. Juli rund 12 Prozent höher bei etwa 23,65 Dollar. Eine große Neuigkeit gab es dafür nicht. Stattdessen trieb eine Mischung aus Leerverkäufern in der Klemme, einem prominenten Neueinstieg und frischen Kaufempfehlungen den Kurs.
Der Sprung wirkt größer, als er im Zusammenhang ist. Trotz des Plus notiert Figma laut Motley Fool noch immer rund 84 Prozent unter dem Rekordhoch, das die Aktie am ersten Handelstag im Sommer 2025 erreicht hatte. Wer die Bewegung einordnen will, muss den tiefen Absturz davor kennen.
Vom gefeierten Börsengang zum Totalschaden
Figma betreibt eine Plattform, auf der Design-Teams direkt im Browser gemeinsam an digitalen Produkten arbeiten. Zum Angebot gehören das zentrale Werkzeug Figma Design, die Entwicklerbrücke Dev Mode und das KI-Tool Figma Make, das aus einer Eingabe einen funktionierenden Prototypen baut. Gegründet 2012 in San Francisco, galt die Firma lange als heimlicher Star der Kreativbranche.
Bekannt wurde Figma einem breiten Publikum durch eine geplatzte Übernahme. Adobe wollte das Unternehmen für rund 20 Milliarden Dollar kaufen, scheiterte Ende 2023 aber am Widerstand der Wettbewerbshüter. Danach ging Figma eigene Wege und wagte am 31. Juli 2025 den Börsengang. Der Ausgabepreis lag laut Top1 Markets bei 33 Dollar, oberhalb der geplanten Spanne. Die Firma nahm 1,2 Milliarden Dollar ein und startete mit einer Bewertung von 19,3 Milliarden Dollar.
Dann drehte der Markt durch. Getrieben von Momentum-Händlern schoss die Aktie über 115 Dollar, der Börsenwert lag zeitweise über 60 Milliarden Dollar. Die 52-Wochen-Spanne reicht von 16,60 bis fast 143 Dollar und zeigt das ganze Ausmaß der Achterbahn. Als sich die Stimmung drehte, folgte ein brutaler Ausverkauf. Allein im ersten Halbjahr 2026 verlor die Aktie mehr als die Hälfte ihres Werts. Am 25. Juni markierte sie mit 16,60 Dollar ihren tiefsten Stand seit dem Börsengang.
Was den Sprung am Montag wirklich auslöste
Der Kern der Bewegung ist ein Short Squeeze. Leerverkäufer wetten auf fallende Kurse, indem sie geliehene Aktien verkaufen und später billiger zurückkaufen wollen. Bei Figma war diese Wette extrem verbreitet. Rund 42 Prozent der frei handelbaren Aktien waren zuletzt leerverkauft, einer der höchsten Werte im gesamten Technologiesektor, wie Motley Fool berichtet. Als der Kurs nach dem Tief stieg, gerieten diese Wetten unter Druck. Wer auf fallende Kurse gesetzt hatte, musste zurückkaufen, was den Anstieg zusätzlich befeuerte.
Den Funken lieferte eine Pflichtmitteilung an die Börsenaufsicht. Daraus ging hervor, dass die Citizens Financial Group frisch über 162.000 Figma-Aktien gekauft hatte. Steigt eine große Adresse bei einem abgestraften Wert ein, verunsichert das die Skeptiker. Rückenwind kam zusätzlich von der Wall Street. Citigroup startete Anfang Juli mit einer Kaufempfehlung und einem Kursziel von 36 Dollar, die Bank of America und Goldman Sachs folgten mit jeweils 30 Dollar. Auch die Aufnahme in mehrere Russell-Indizes im Juni sorgte für mechanische Käufe passiver Fonds.
All das eint eine unbequeme Wahrheit. Die Käufer dieser Tage waren regelbasierte Fonds, Leerverkäufer auf dem Rückzug und kurzfristige Trader. Ein plötzlicher Sinneswandel über den langfristigen Wert des Geschäfts steckt nicht dahinter.
Der eigentliche Streit dreht sich um die KI
Warum die Aktie überhaupt so tief fiel, hat einen klaren Grund. Der Aufstieg generativer KI hat Werkzeuge hervorgebracht, die aus einem Textbefehl fertige Benutzeroberflächen erzeugen. Pessimisten fürchten, dass solche Programme das Design so weit vereinfachen, dass Figmas Vorsprung und seine Preismacht schmelzen. Diese Sorge lastet auf der gesamten Software-Branche.
Figma-Chef Dylan Field weicht dem Thema nicht aus. Auf die Frage nach Konkurrenz durch KI-Anbieter nannte er ausdrücklich Anthropic, den Entwickler des Chatbots Claude, den man nicht ignorieren könne. Sein Gegenargument lautet, dass Figmas gemeinsam nutzbare Arbeitsfläche, an der viele Menschen in Echtzeit zugleich arbeiten, nur schwer zu kopieren sei.
Die Optimisten verweisen dagegen auf harte Zahlen. Seit Mitte März zieht Figma feste Obergrenzen für die KI-Nutzung ein. Finanzchef Praveer Melwani berichtete, dass über 75 Prozent der großen Geschäftskunden, die ihr Limit gesprengt hatten, auch im neuen Bezahlmodell weiter zahlten. Mehr als 95 Prozent blieben aktiv. Die KI-Nutzung schlage sich damit erstmals in Umsatz nieder. Das operative Geschäft wächst kräftig. Im ersten Quartal 2026 legte der Umsatz um 46 Prozent zu, die Zahl der Großkunden mit mehr als 100.000 Dollar Jahresumsatz stieg um 48 Prozent. Die Netto-Umsatzbindung, also wie viel Bestandskunden Jahr für Jahr zusätzlich ausgeben, liegt bei starken 139 Prozent.
Zwischen Wachstum, Verlusten und einer Aktienschwemme
So gut das Wachstum aussieht, die Bilanz hat Schattenseiten. Unter dem Strich schreibt Figma weiter Verluste. Im jüngsten Quartal stand ein Minus von rund 142 Millionen Dollar, wie StocksToTrade berichtet. Immerhin verfügt die Firma über mehr als 1,6 Milliarden Dollar an liquiden Mitteln, was ihr für den Umbau viel Luft verschafft.
Ein Streitpunkt sind die Aktien, die Figma an Mitarbeiter ausgibt. Der aktivistische Investor Findell Capital rechnete vor, dass diese aktienbasierte Vergütung 2026 rund 375 Millionen Dollar erreichen dürfte, etwa 27 Prozent des Umsatzes. Bei Adobe liegt der Wert bei rund 8 Prozent. Für ein Unternehmen mit roten Zahlen belastet das den Wert je Aktie spürbar. Findell fordert deshalb strengere Kostendisziplin und eine unabhängige Prüfung durch den Verwaltungsrat. Dazu kommt, dass Insider in den vergangenen drei Monaten Aktien im Wert von rund 17,6 Millionen Dollar verkauften, ohne dass jemand zukaufte. Günstig ist die Aktie ohnehin nicht. Gemessen an den für die Zukunft erwarteten Gewinnen liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis bei rund 69.
Unsere Einschätzung: Der Sprung ist eine Erleichterungsrally, getragen von Marktmechanik statt von einer neuen Erkenntnis. Das Wachstum und der dicke Kassenbestand sind echt, die Frage nach dem Schutzwall gegen die KI bleibt aber offen. Solange dieser Streit nicht entschieden ist, bleibt Figma ein Wert für Anleger mit starken Nerven.
Ein Datum im August wird zum Prüfstein
Der nächste große Termin steht schon fest. Im August läuft eine weitere Haltefrist für Altaktionäre aus, im Fachjargon Lock-up genannt. Danach dürfen mehr Insider ihre Aktien verkaufen, was zusätzliches Angebot in den Markt spülen und auf den Kurs drücken kann. Genau dieser Überhang bremst die Fantasie derzeit.
Der zweite Prüfstein sind die nächsten Quartalszahlen. Der Markt wird genau darauf schauen, ob Figma sein KI-Geschäft weiter in bare Münze verwandeln kann. Die Kursziele der Banken liegen mit 30 bis 36 Dollar deutlich über dem aktuellen Niveau. Ob die Aktie diese Lücke schließt, hängt weniger vom nächsten Short Squeeze ab als von der Antwort auf die eine große Frage, ob Design in der KI-Welt seinen Preis behält.

