Irgendwo an der Front im Donbas läuft folgende Szene ab: Eine Drohne filmt eine Baumreihe, ein Satellit hat dieselbe Position vor einer Stunde überflogen, Bodensensoren liefern Wärmesignaturen. Innerhalb von Minuten verdichtet ein Algorithmus alle Daten zu einem einzigen Lagebild und schlägt dem Kommandanten eine Handvoll russischer Feuerstellungen vor. Der klickt, eine Feuermission startet. Dieser Ablauf hat einen Namen: Gotham. Und hinter Gotham steckt Palantir Technologies (NYSE: PLTR).
Das 2003 gegründete Unternehmen aus Denver, Colorado, ist seit zwei Jahrzehnten der wichtigste Datenzulieferer westlicher Geheimdienste und Streitkräfte. Was lange im Verborgenen geschah, ist seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine an die Öffentlichkeit gerückt. Palantir ist keine Waffenschmiede. Die Firma baut keine Raketen und keine Drohnen. Was sie baut, ist etwas Subtileres und in modernen Kriegen mindestens ebenso entscheidend: Software, die Informationschaos in Entscheidungen verwandelt.
Ukraine: Das erste große Testfeld
Als Russland im Februar 2022 die Ukraine überfiel, traf das Militär in Kiew auf eine schlichte Realität. Die Armee war zahlenmäßig unterlegen und stand kurz vor der Kapitulation ihrer Hauptstadt. Westliche Waffen konnten helfen, aber Waffen allein reichen nicht. Präzision braucht Daten, und Daten brauchen Software.
Palantir stellte der Ukraine seine Gotham-Plattform anfangs kostenlos zur Verfügung. CEO Alex Karp sagte gegenüber dem Magazin Time, die Software sei verantwortlich für einen Großteil der Zielerfassung in der Ukraine. Palantirs System analysiert Satellitenbilder, Open-Source-Daten, Drohnenaufnahmen und Berichte aus dem Feld und präsentiert Kommandanten daraus militärische Optionen. In einem Krieg, in dem HIMARS-Raketen auf genaue Koordinaten angewiesen sind, war das kein Randdetail. Genauigkeit entschied darüber, ob Munition ihr Ziel traf oder ins Leere flog.
Die Plattform verschmolz Geheimdienstinformationen, beschleunigte die Zielerfassung, dokumentierte Kriegsverbrechen und half bei der Planung der Minenräumung nach dem Krieg. Über eine Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft Ukraine wurden Daten zu fast 80.000 dokumentierten russischen Kriegsverbrechen verarbeitet. Palantir schloss Vereinbarungen mit dem ukrainischen Ministerium für Digitale Transformation, dem Wirtschaftsministerium und dem Bildungsministerium. Das Bildungsministerium nutzt Palantir Foundry, um Schulen zu identifizieren, die sich als Schutzräume eignen, in Regionen unter Beschuss.
2024 weitete Palantir seine Kooperation mit dem ukrainischen Wirtschaftsministerium auf die Minenräumung aus. Das System priorisiert, welche Gebiete zuerst geräumt werden sollen, Drohnen, Satelliten und Bodensensoren liefern dazu Daten, die auf einer gemeinsamen Karte mit Risikobewertungen zusammenfließen. Ukraine hat durch den Krieg mehr Landminen pro Quadratkilometer als fast jedes andere Land der Welt. Ohne systematische Datenauswertung ist eine Rückkehr in viele Regionen schlicht unmöglich.
Was in der Ukraine passiert, hat strategische Dimension weit über das Land hinaus. Westliche Streitkräfte beobachten genau, welche Technologien im realen Kampfeinsatz funktionieren. Die Ukraine ist für die Verteidigungsindustrie das geworden, was Silicon Valley für Consumer Tech ist: ein Live-Testfeld unter Extrembedingungen.
Milliarden-Deals mit dem Pentagon
Lange bevor die Ukraine die Welt auf Palantir aufmerksam machte, war das US-Militär der wichtigste Kunde des Unternehmens. Seit 2009 erhielt Palantir mehr als 2,7 Milliarden Dollar an Verträgen von der US-Regierung, davon über 1,3 Milliarden Dollar vom Verteidigungsministerium.
Die Vertragshistorie der letzten zwei Jahre liest sich beeindruckend. Im März 2024 vergab die US Army einen Vertrag über 178 Millionen Dollar für das TITAN-System, kurz für Tactical Intelligence Targeting Access Node. TITAN ist eine mobile Bodenstation, die Armeeinheiten mit Hoch- und Weltraumsensoren verbindet und daraus Zieldaten für Soldaten liefert. Der Vertrag umfasst zehn Prototypen. Im Mai 2024 folgte ein fünfjähriger 480-Millionen-Dollar-Vertrag für das Maven Smart System, das Kernsystem zur KI-gestützten Lagebilderfassung.
Das Pentagon erhöhte diesen Vertrag im Mai 2025 um weitere 795 Millionen Dollar. Im September 2024 kam ein separater 99,8-Millionen-Dollar-Vertrag hinzu, der den Zugang zum Maven Smart System auf Army, Air Force, Navy und Space Force ausweitete. Der vorläufige Höhepunkt: Im August 2025 unterzeichnete die US Army einen Vertrag über bis zu 10 Milliarden Dollar, der 75 bestehende Einzelverträge in einem einzigen Rahmenabkommen für Software und Daten bündelt.
Das Maven Smart System erlaubt es einer Gruppe von 20 bis 50 Soldaten, riesige Mengen an Gefechtsinformationen zu verarbeiten, eine Aufgabe, die in früheren Konflikten wie dem Irak oder Afghanistan Hunderte oder Tausende von Analysten erfordert hätte. Der militärische Effizienzgewinn ist real, und das Pentagon zahlt entsprechend dafür.
NATO kauft so schnell wie noch nie
Im April 2025 meldete sich die NATO mit einer ungewöhnlichen Nachricht. Das Allied Command Operations beginne das Maven Smart System innerhalb von 30 Tagen nach Vertragsabschluss einzusetzen. Die Beschaffung wurde am 25. März abgeschlossen. Der Vertragswert wurde nicht veröffentlicht.
Was diesen Deal besonders macht, ist die Geschwindigkeit. Die NATO bezeichnete die Beschaffung als eine der schnellsten in ihrer Geschichte, von der Definition der Anforderungen bis zur Vertragsunterzeichnung dauerte es nur sechs Monate. Wer die NATO kennt, weiß, was das bedeutet. Die Allianz ist für jahrelange Beschaffungsverfahren bekannt. Sechs Monate sind historisch gesehen ein Augenblick.
Was die NATO bekommt, ist ein einheitliches KI-Rückgrat, das Daten von Drohnen, Satelliten und Geheimdienstdatenbanken zu einem umfassenden Schlachtfeldbild zusammenführt, ausgelegt für schnelle und informierte Entscheidungen in allen 32 Mitgliedsstaaten. Die Plattform funktioniert wie ein Nervensystem für die militärischen Operationen der Allianz.
Der Zeitpunkt ist politisch bemerkenswert. Europa rüstet auf, weil Trumps Administration offen mit dem Rückzug aus der NATO gedroht hat und weil der Krieg in der Ukraine die Verteidigungsbudgets des Kontinents neu justiert hat. In dieser Gemengelage wählt die NATO für ihre kritische KI-Infrastruktur einen US-amerikanischen Anbieter mit engen Verbindungen zur Trump-Administration. Das sagt viel über die technologische Abhängigkeit Europas von amerikanischer Softwareindustrie.
Der Preis der Abhängigkeit
Palantir ist kein neutraler Werkzeuglieferant. Der Mitgründer Peter Thiel ist einer der einflussreichsten Unterstützer der republikanischen Partei und eng mit der Trump-Administration verknüpft. CEO Alex Karp hat öffentlich erklärt, Palantirs Mission sei es, den Westen zu verteidigen und Feinde zu erschrecken. Diese ideologische Positionierung ist ungewöhnlich für ein Technologieunternehmen dieser Größe.
Ein großer nordischer Investor trennte sich 2024 von seinen Palantir-Anteilen wegen Bedenken im Zusammenhang mit dem Einsatz der Software bei der israelischen Armee. Die Nutzung von Palantir-Systemen durch die IDF im Gazastreifen hat die Diskussion über Verantwortung im KI-gestützten Krieg international angeheizt.
Die Schweizer Armee empfahl nach einer umfassenden Risikoprüfung Ende 2024, Alternativen zu Palantir zu suchen. Der Bericht warnte vor technologischer Abhängigkeit von externem hochqualifizierten US-Personal, dem Verlust von Datenhoheit und nationaler Souveränität sowie vor schwer kalkulierbaren Lizenz- und Wartungskosten.
In Deutschland nutzen mehrere Bundesländer Palantir-Software in der Polizeiarbeit. In Hessen und Hamburg führte der Einsatz im Februar 2023 zu einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das den damaligen Einsatz für verfassungswidrig erklärte. Die grundsätzliche Spannung ist dieselbe wie bei der Militärnutzung: Ein privates US-Unternehmen, dessen Algorithmen ein Geschäftsgeheimnis sind, trifft Einschätzungen mit weitreichenden Konsequenzen für Menschen und Einsätze. Gerichte können die Rechtmäßigkeit einer Entscheidung kaum prüfen, wenn die zugrundeliegende Logik des Systems nicht einsehbar ist.
Das macht den Einsatz von Palantir nicht falsch. Aber es macht ihn kompliziert.
Wohin KI-Kriegsführung steuert
Das Bild, das sich aus der Ukraine, den Pentagon-Verträgen und dem NATO-Deal zusammensetzt, ist eindeutig: KI-gestützte Entscheidungssoftware wird zum Standard in westlichen Streitkräften. Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wie schnell und unter welchen Bedingungen.
Für Palantir selbst steht die nächste Expansion im europäischen Verteidigungsmarkt an. Deutschland erhöht seinen Verteidigungshaushalt 2025 auf über 86 Milliarden Euro, andere NATO-Mitglieder ziehen nach. Dieser Anstieg fließt nicht nur in Panzer und Munition, sondern zunehmend in Digitalisierung und KI-Führungsfähigkeit. Genau dort ist Palantir positioniert.
Die entscheidende offene Frage ist die der digitalen Souveränität. Europa braucht Fähigkeiten zur KI-gestützten Kriegsführung, hat aber kaum eigene Anbieter auf diesem Niveau. Wer diese Abhängigkeit von einem einzigen US-Unternehmen als strategisches Risiko bewertet, dem fehlt bislang eine überzeugende europäische Alternative. Bis eine entsteht, bleibt Palantir das Betriebssystem moderner Schlachtfelder.
