Taiwan Semiconductor Manufacturing (NYSE: TSM) hat am Donnerstag früh Zahlen für das zweite Quartal 2026 vorgelegt, die kaum besser hätten ausfallen können. Der Umsatz kletterte auf 40,2 Milliarden Dollar, ein Plus von 33,7 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal. Die Bruttomarge landete bei 67,7 Prozent und damit über der eigenen Zielspanne von 65,5 bis 67,5 Prozent. Fortschrittliche Fertigung mit sieben Nanometern und darunter machte 77 Prozent des Wafer-Umsatzes aus.
Unterm Strich blieben 706,6 Milliarden Taiwan-Dollar, umgerechnet rund 22 Milliarden Dollar. Verglichen mit dem Vorjahr sind das 77 Prozent mehr. Je amerikanischem Hinterlegungsschein verdiente der weltgrößte Auftragsfertiger 4,31 Dollar, die Wall Street hatte etwa 3,80 Dollar erwartet. Fünf Rekordquartale in Folge. Und weil das noch nicht reichte, hob das Management die Jahresprognose an, von einem Umsatzplus von mehr als 30 Prozent auf etwas mehr als 40 Prozent.
Die Reaktion fiel bemerkenswert aus. Vorbörslich verlor die TSM-Aktie in New York rund vier Prozent und rutschte auf etwa 403 Dollar, nach einem Schluss von 419,48 Dollar am Vortag. Wenn ein solches Zahlenwerk den Kurs nach unten schickt, geht es längst nicht mehr um das Quartal.
Der Investitionsplan verschreckt die Anleger
Den Ausschlag gab eine Zahl, die nicht in der Gewinnrechnung steht. TSMC hebt sein Investitionsbudget für 2026 von zuvor 52 bis 56 Milliarden Dollar auf 60 bis 64 Milliarden Dollar an. Obendrauf kommt eine zusätzliche Zusage über 100 Milliarden Dollar für den Ausbau in den USA, womit sich die Verpflichtungen rund um Arizona auf 265 Milliarden Dollar summieren. Vier neue Werke sollen dort im 2-Nanometer-Verfahren fertigen.
Im ersten Halbjahr hat TSMC davon erst 26,8 Milliarden Dollar ausgegeben. Um den neuen Rahmen zu erreichen, müssten bis Silvester 33 bis 37 Milliarden Dollar folgen, pro Quartal also 24 bis 39 Prozent mehr als im bisherigen Tempo. Der freie Cashflow, also das Geld, das nach dem Bau neuer Fabriken übrig bleibt, sank im zweiten Quartal bereits um 17,5 Prozent gegenüber dem ersten.
Dazu kommt die Marge. Für das dritte Quartal stellt TSMC 44,6 bis 45,8 Milliarden Dollar Umsatz in Aussicht und liegt damit klar über dem Analystenkonsens von rund 43 Milliarden. Die operative Marge soll aber nur bei etwa 57 Prozent landen, rund 70 Basispunkte unter den Erwartungen. Finanzchef Wendell Huang bezifferte die Verwässerung durch die neuen Auslandswerke auf zwei bis drei Prozentpunkte in der Anlaufphase und drei bis vier Punkte in der Folgezeit. Der Hochlauf der 2-Nanometer-Fertigung drückt zusätzlich.
Wir halten diese Kombination für den eigentlichen Auslöser des Kursrutschs. Rekordumsatz bei steigender Marge ist eine Geschichte. Rekordumsatz bei sinkendem Cashflow und explodierender Investitionslast ist eine völlig andere.
Rekordzahlen prallen am Sektor ab
Der Mittwoch hatte das Muster schon vorgezeichnet. ASML (AMS: ASML) hob seine Jahresprognose zum zweiten Mal in diesem Jahr an, auf 43 bis 45 Milliarden Euro Umsatz statt zuvor 36 bis 40 Milliarden. Der Kurs sprang in Amsterdam am Morgen deutlich nach oben, drehte im Tagesverlauf und pendelte am Nachmittag um den Vortagesschluss. Zwischen 1.554 und 1.678 Euro lagen an einem einzigen Tag Welten.
Bei Infineon (XETRA: IFX) kam von der guten Nachricht gar nichts an. Die Aktie brach am 15. Juli um 6,4 Prozent auf 67,21 Euro ein und war Schlusslicht im DAX. Am Donnerstag ging es nach den TSMC-Zahlen zeitweise um weitere 3,1 Prozent auf 65,22 Euro abwärts. Vom 52-Wochen-Hoch bei 89,67 Euro vom 3. Juni fehlen inzwischen rund 25 Prozent, obwohl die Münchner operativ nichts falsch gemacht haben.
In Seoul schloss SK Hynix (KRX: 000660) am Donnerstag 11,5 Prozent tiefer, einen Tag nach einer Rally von acht Prozent. Samsung verlor mehr als acht Prozent, die Korea Exchange musste den Programmhandel per Sidecar für fünf Minuten stoppen. Micron (NASDAQ: MU) gab an der Wall Street am Mittwoch acht Prozent ab, der Halbleiter-ETF VanEck Semiconductor rund zwei Prozent. In Japan traf es Advantest, Tokyo Electron und Renesas.
Andreas Lipkow von CMC Markets ordnete die ausbleibende Reaktion so ein, dass die offiziellen Zahlen lediglich längst bekannte Eckdaten bestätigt hätten. Die Skepsis über den weiteren Verlauf im KI- und Rechenzentrumsgeschäft bleibe in einer spätzyklischen Phase bestehen. Morgan Stanley hatte schon zuvor geraten, Halbleiterwerte zu verkaufen und stattdessen in Cloud-Anbieter umzuschichten.
Das Geld wandert zu Apple und den Clouds
Wohin das Kapital fließt, ließ sich am Mittwoch fast in Echtzeit beobachten. Apple (NASDAQ: AAPL) legte vier Prozent zu und markierte ein Allzeithoch. Amazon (NASDAQ: AMZN), Alphabet (NASDAQ: GOOGL) und Microsoft (NASDAQ: MSFT) gewannen jeweils rund drei Prozent. Gleichzeitig fielen Micron, Lam Research und AMD. Der S&P 500 schloss 0,38 Prozent höher bei 7.572 Punkten, die Nasdaq 0,62 Prozent im Plus. Unter der Oberfläche fand also eine Umschichtung statt, die der Indexstand komplett verdeckt.
Die Logik dahinter ist simpel. Apple hat den Rechenzentrumswettlauf weitgehend ausgelassen und wird dafür gerade belohnt. Der freie Cashflow soll im laufenden Geschäftsjahr auf einen Rekord von 140 Milliarden Dollar steigen, ein Plus von über 40 Prozent. Bei Alphabet erwartet der Markt im selben Zeitraum einen Rückgang um rund zwei Drittel auf 21 Milliarden Dollar, weil die KI-Investitionen alles auffressen. Seit dem 25. Juni hat Apple 16 Prozent zugelegt, während der Philadelphia Semiconductor Index rund zehn Prozent verlor.
Louis Kondratev vom Handelshaus XFUNDs lieferte die Zahl, die den Rest erklärt. Halbleiter machen inzwischen etwa 20 Prozent des S&P 500 aus. Während der Dotcom-Blase im Jahr 2000 waren es gut acht Prozent, historisch pendelte der Anteil zwischen zwei und fünf Prozent. Anfang Juli verlor der Sektor nach Schätzungen 1,3 bis 1,4 Billionen Dollar an Marktwert, und zwar in wenigen Handelstagen.
Für Anleger zählt jetzt die Bewertung, nicht der Beat
Aus unserer Sicht ist das die Kernbotschaft dieser Woche. Gute Nachrichten wirken nur so lange, wie sie noch nicht im Kurs stehen. Der Philadelphia Semiconductor Index liegt 2026 trotz der Korrektur noch 78 Prozent im Plus und steuert auf sein bestes Jahr seit 1999 zu. Wer bei solchen Vorzeichen einsteigt, kauft keine Quartalszahlen mehr, sondern eine Erwartungshaltung.
Infineon zeigt das im Kleinen. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis lag zuletzt über 90, für 2026 rechnen Analysten mit einem Gewinn je Aktie von 2,03 Dollar, für 2027 mit 3,04 Dollar. Deutsche Bank und Morgan Stanley sehen die Aktie bei 90 und 91 Euro, 20 von 24 Analysten raten zum Kauf. Trotzdem fällt der Kurs, weil die Bewertung keinen Puffer für Zweifel lässt. Auffällig war zuletzt auch das dünne Volumen an schwachen Tagen. Der Abverkauf ist damit eher Stimmung als eine breite institutionelle Verkaufswelle.
Bei TSMC sieht die Rechnung anders aus. Nach dem vorbörslichen Rutsch wird die Aktie mit etwa dem 23- bis 25-fachen des für 2026 erwarteten Gewinns gehandelt. Das ist keine Blasenbewertung, sondern der Preis für den Betreiber einer Mautstraße, der gerade mehrere sehr teure Spuren dazubaut. Ob der Verkehr auch dann noch zunimmt, wenn die Baustelle fertig ist, entscheidet über die Rendite.
Den Unterschied zwischen Nachfrage und Rendite hat Konzernchef C.C. Wei selbst angedeutet. Die Cloud-Konzerne blieben optimistisch, sagte er, gleichzeitig gerieten preissensible Endmärkte durch steigende Komponentenpreise unter Druck. Genau diese Preise haben Apple im Juni zu Aufschlägen bei Mac, iPad und Home-Geräten gezwungen. Der KI-Boom kostet inzwischen die Kunden der Kunden Geld.
Die nächsten Prüfsteine im Chipsektor
Der Terminkalender beantwortet die Frage schneller, als vielen lieb sein dürfte. SK Hynix legt in der kommenden Woche Quartalszahlen vor, Intel folgt am 23. Juli. Infineon berichtet am 5. August und hat für das dritte Quartal zuletzt 4,8 Milliarden Dollar Umsatz in Aussicht gestellt.
Für TSMC selbst zählt der Bericht im Oktober. Landet der Q3-Umsatz am oberen Ende der Spanne und hält die Marge trotz 2-Nanometer-Hochlauf, wäre der Investitionsplan bestätigt. Verfehlt der Konzern die Marge, bekommt die Skepsis Futter. ASML liefert mit seinen Auftragseingängen den Frühindikator dafür, ob die Kunden ihre Bestellungen für 2027 und 2028 wirklich durchziehen. Bis dahin gilt die unangenehme Regel dieser Woche. Der Markt zahlt nicht mehr für Gewinne, sondern fragt, was sie gekostet haben.

