Aptera Motors Direct Listing: Solar-Elektrofahrzeug auf dem Weg an die Nasdaq

 Ladekabel steckt im Ladeanschluss eines Elektroautos, passend zum Börsengang von Aptera Motors an der Nasdaq

Overview

Aptera Motors wagt einen ungewöhnlichen Schritt an die Börse. Statt eines klassischen IPOs mit Konsortialführern und Emissionspreis geht das kalifornische Startup über ein Direct Listing an der Nasdaq, gehandelt unter dem Ticker SEV. Bei dieser Variante übernimmt keine Investmentbank ein festes Kontingent, stattdessen können bestehende Aktionäre ihre Anteile direkt am Markt verkaufen. Aptera selbst nimmt dabei kein Geld ein.

Das Unternehmen wurde 2019 von Chris Anthony und Steve Fambro in Delaware gegründet und sitzt in Carlsbad, Kalifornien. Seitdem hat sich Aptera vor allem über Regulation-A- und Crowdfunding-Runden finanziert, mit über 19.000 Kleinanlegern und insgesamt mehr als 147 Millionen US-Dollar an eingesammeltem Kapital. Genau für diese Investorenbasis ist das Direct Listing gedacht: Es schafft Liquidität für die bestehenden Anleger, ohne dass Aptera neue Aktien ausgeben oder die Stimmrechtsstruktur antasten muss.

Der Zeitpunkt ist allerdings kein Zufall. Aptera hatte zum 30. Juni 2025 noch 13,1 Millionen US-Dollar Cash bei einer monatlichen Brennrate von 1,2 bis 1,5 Millionen US-Dollar. Der Wirtschaftsprüfer hat einen Going-Concern-Vermerk ausgesprochen. Das Unternehmen braucht zwingend frisches Kapital, um die Produktion überhaupt starten zu können. Allein für die Low-Volume-Phase sind nach eigenen Angaben weitere 60 bis 70 Millionen US-Dollar nötig. Das Listing ist auch ein Versuch, neue Kapitalquellen zu öffnen, ohne sich auf einen einzigen Großinvestor verlassen zu müssen.

Management zum Zeitpunkt des Direct Listings

An der Spitze stehen die beiden Co-CEOs Chris Anthony und Steve Fambro, beide seit der Gründung im März 2019 dabei. Anthony bringt einen Hintergrund aus der Batterie- und Elektronikbranche mit. Er war Gründer und CEO von Flux Power, einem Anbieter für Lithium-Batterien, sowie von Epic Boats. Nach eigenen Angaben hat er im Lauf seiner Karriere über 200 Millionen US-Dollar an Kapital eingesammelt. Bis ein neuer Finanzchef antritt, hält Anthony zusätzlich die Position des Interim-CFOs.

Steve Fambro ist Elektroingenieur mit Ausbildung an der University of Utah und kommt aus dem Bereich Cleantech und nachhaltige Lebensmittelproduktion. Er gründete unter anderem Famgro, ein Indoor-Farming-Unternehmen, und war als Venture Partner und COO bei Ocean Holding tätig. Beide Gründer halten gemeinsam rund 54 Prozent der stimmberechtigten Class-A-Aktien.

Mit dem Listing soll Tom DaPolito als Interim-CFO einsteigen, zunächst befristet auf ein Jahr. DaPolito hat über 20 Jahre Erfahrung in Finanzfunktionen, unter anderem bei Take-Two Interactive, Monster Worldwide und zuletzt als Finanzchef von Ricardo Automotive & Industrial. Das Board wird zum Listing aus vier Mitgliedern bestehen, darunter die beiden unabhängigen Direktoren Tony Kirton, ein Veteran aus der internationalen Automobilindustrie mit Stationen bei Audi, Volkswagen und BMW, und Todd Butz, ehemaliger CFO von Mayville Engineering.

Wichtig für Anleger: Das Listing umfasst ausschließlich Class-B-Aktien, die kein Stimmrecht haben. Die Stimmrechte bleiben bei den Class-A-Haltern, also überwiegend bei den Gründern und frühen Investoren. Direktoren, Vorstände und Großaktionäre kontrollieren rund 92 Prozent der Stimmrechte.

Branche

Der Markt für Elektrofahrzeuge wächst weltweit, allerdings unterschiedlich schnell. In den USA lag das Marktvolumen 2024 bei rund 207 Milliarden US-Dollar und soll laut MarketWatch bis 2033 auf etwa 538 Milliarden US-Dollar steigen, was einer jährlichen Wachstumsrate von 11,2 Prozent entspricht. Global rechnet die Branche zwischen 2025 und 2029 mit einem Plus von 446 Milliarden US-Dollar. BloombergNEF prognostiziert für 2030 einen EV-Markt von 8,8 Billionen US-Dollar.

Die Verkaufszahlen untermauern den Trend. 2024 wurden in den USA laut Kelley Blue Book 1,3 Millionen Elektroautos verkauft, ein Plus von 7,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der EV-Anteil an allen Fahrzeugverkäufen lag damit bei 8,1 Prozent. Weltweit stiegen die Verkäufe um 25 Prozent auf 17,1 Millionen Fahrzeuge.

Aptera spielt allerdings in einer Nische. Das dreirädrige Konzept wird in den USA aktuell als Motorrad reguliert und unterliegt damit den Federal Motor Vehicle Safety Standards für Motorräder. Die National Highway Traffic Safety Administration prüft, ob es eigene Sicherheitsregeln für dreirädrige Fahrzeuge geben soll. Das könnte das Design beeinflussen oder neue Zertifizierungen erforderlich machen. Auch die Helmpflicht ist von Bundesstaat zu Bundesstaat unterschiedlich geregelt.

Direkter Wettbewerb kommt von etablierten EV-Herstellern wie Tesla oder Rivian und von einer wachsenden Zahl von Startups. Im engeren Segment der dreirädrigen oder hochaerodynamischen Solarfahrzeuge ist Aptera bislang weitgehend allein, was Chancen wie Risiken bedeutet. Die Akzeptanz solcher Fahrzeuge muss erst noch unter Beweis gestellt werden.

Produkte

Im Mittelpunkt steht das Aptera Launch Edition Fahrzeug mit folgenden Spezifikationen:

  • Antrieb und Reichweite: Elektroantrieb mit angestrebter Reichweite von 400 Meilen pro Ladung, Level-3-Schnellladung sowie Standard-Steckdose
  • Solar-Charging: Rund 700 Watt integrierte Solarzellen, etwa 3 Quadratmeter Fläche, geplante 40 Meilen pro Tag und bis zu 11.000 Meilen pro Jahr aus reiner Sonnenenergie
  • Form und Konstruktion: Dreirädriges, zweisitziges Fahrzeug mit aerodynamisch optimierter Composite-Karosserie, 32,5 cubic feet Stauraum
  • Reservierungen: Über 49.000 Vorbestellungen mit einer Anzahlung von je 100 US-Dollar, voll erstattbar (also keine verbindlichen Kaufverträge)

Aptera baut nicht alles selbst, sondern arbeitet mit einer Reihe von Partnern. Mit dem chinesischen Hersteller Chery besteht eine Technologielizenz für Fahrzeugkomponenten und Plattform-Know-how, vergütet mit 1 Million US-Dollar in cash und 5 Millionen US-Dollar in Class-B-Aktien. Yazaki liefert die Hochvolt- und Niedervolt-Verkabelung. Der italienische Composite-Spezialist CPC ist für Karosserieteile zuständig. Mit dem koreanischen Unternehmen CTNS gibt es eine strategische Allianz für den Bau von Batteriepacks und der dazugehörigen Produktionslinie. Wichtig: Viele dieser Vereinbarungen sind bislang nicht bindend, sondern als Memorandum of Understanding oder Letter of Intent ausgestaltet.

Outlook

Aptera steht vor einer entscheidenden 12- bis 18-monatigen Phase. Das Management hat den Kapitalbedarf transparent kommuniziert: rund 60 bis 70 Millionen US-Dollar bis zum Start der Low-Volume-Produktion, weitere 140 bis 160 Millionen US-Dollar für die Skalierung auf eine Jahreskapazität von 20.000 Fahrzeugen am Standort Carlsbad.

Ein wichtiger Baustein ist der zugesagte Zuschuss der California Energy Commission über 21,9 Millionen US-Dollar. Bislang wurden 4,1 Millionen US-Dollar abgerufen, davon 2,5 Millionen ausgezahlt. Weitere geschätzte 6 Millionen sollen 2025 folgen, 14 Millionen im Folgejahr. Voraussetzung sind die Meilensteine 50 produzierte und verkaufte Fahrzeuge bis Februar 2026 sowie 500 bis Oktober 2026. Diese Ziele wurden bereits einmal verlängert, ihre Erreichung hängt direkt davon ab, ob Aptera rechtzeitig Kapital einsammelt.

Die finanzielle Lage ist angespannt. Der Nettoverlust für das Geschäftsjahr 2024 lag bei 34,9 Millionen US-Dollar, im ersten Halbjahr 2025 bereits bei 22,9 Millionen US-Dollar gegenüber 17,8 Millionen US-Dollar im Vergleichszeitraum. Bisher hat das Unternehmen keinen einzigen Dollar Umsatz aus Fahrzeugverkäufen erwirtschaftet. Hinzu kommen Risiken aus der laufenden SEC-Untersuchung, einem Patentstreit mit Zaptera USA sowie zwei vom Management identifizierten Material Weaknesses im internen Kontrollsystem, die bereits zu einer Restatement der Bilanz 2023 geführt haben.

Wenn Aptera es schafft, kurzfristig substanzielle Mittel einzusammeln und die Produktion 2026 tatsächlich anlaufen zu lassen, wäre das Unternehmen einer der wenigen Hersteller mit einem stark differenzierten Solar-Konzept. Wenn nicht, ist eine erneute Verzögerung oder im schlimmsten Fall eine Einstellung der Aktivitäten möglich. Der Going-Concern-Vermerk steht nicht ohne Grund im Prüfbericht.

Details zum Direct Listing

Aptera plant ein Direct Listing an der Nasdaq unter dem Ticker SEV. Im Gegensatz zu einem klassischen IPO gibt es kein Bookbuilding, keinen Konsortialführer und keinen festgelegten Emissionspreis. Stattdessen werden 31.741.948 Class-B-Aktien zum Wiederverkauf durch bestehende Aktionäre registriert. Aptera selbst erhält aus dem Listing kein frisches Kapital. Der Eröffnungspreis wird über das Nasdaq-Verfahren mit dem sogenannten Current Reference Price ermittelt.

Als Financial Advisor begleitet Northland Securities das Listing, gegen eine Pauschalgebühr von 500.000 US-Dollar. Sollte Aptera während der Vertragslaufzeit zusätzlich eine öffentliche oder private Platzierung durchführen, fällt eine Provision von 7,5 Prozent auf die eingenommenen Erlöse an, abzüglich der bereits gezahlten 500.000 US-Dollar.

Anleger sollten zwei strukturelle Besonderheiten kennen. Erstens hat Aptera am 5. August 2025 einen Reverse Split im Verhältnis 1:3 durchgeführt, alle Zahlen im Prospekt sind entsprechend angepasst. Zweitens gibt es eine Dual-Class-Struktur (zwei Aktienklassen mit unterschiedlichen Rechten): Die börsennotierten Class-B-Aktien haben kein Stimmrecht, die Stimmrechtsmehrheit liegt bei den Class-A-Aktien, die zu rund 92 Prozent von den Gründern und Großaktionären gehalten werden.

Aptera hat sich zudem als Public Benefit Corporation nach Delaware-Recht aufgestellt. Das verpflichtet das Management, bei Entscheidungen nicht nur die Aktionärsinteressen, sondern auch den im Statut festgelegten Gesellschaftszweck zu berücksichtigen, in diesem Fall die Förderung solarer Mobilität. In Konfliktfällen kann das dazu führen, dass nicht der maximale Aktionärsnutzen Vorrang hat.

Historische Kursdaten aus Privattransaktionen zeigen für das erste Halbjahr 2025 eine Bandbreite zwischen 28,62 und 44,40 US-Dollar pro Class-B-Aktie. Diese Preise stammen aus geschlossenen Crowdfunding- und Privatverkäufen und sagen wenig über den späteren öffentlichen Handelspreis aus.

Bewertungskriterien

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Über 49.000 Reservierungen zeigen reales Kundeninteresse trotz mehrfacher Verzögerungen, dazu kommen 16 erteilte Patente und 80 weltweit anhängige Patentanmeldungen

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Hauseigene Solar-Technologie mit rund 700 Watt pro Fahrzeug und einzigartigem dreirädrigen Konzept, das sich bewusst von herkömmlichen EVs absetzt

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21,9 Millionen US-Dollar Förderzusage der California Energy Commission als wichtiger Baustein für die Produktionsvorbereitung

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Direct Listing schafft Liquidität für über 19.000 bestehende Crowdfunding-Investoren, die bisher in einem illiquiden Markt feststeckten

Going-Concern-Vermerk vom Wirtschaftsprüfer und akute Liquiditätskrise mit nur rund 13 Millionen US-Dollar Cash bei monatlicher Brennrate von 1,2 bis 1,5 Millionen US-Dollar

Aktive SEC-Untersuchung seit Januar 2025 sowie Patentstreit mit Zaptera USA, dazu zwei Material Weaknesses im internen Kontrollsystem und eine bereits durchgeführte Restatement

Direct Listing ohne Underwriter, ohne Lock-up und mit nicht-stimmberechtigten Class-B-Aktien für neue Anleger erhöht das Volatilitätsrisiko in den ersten Handelstagen erheblich

Seit Gründung 2019 kein produziertes Fahrzeug, kein Umsatz, der ursprünglich für 2021 geplante Produktionsstart wurde mehrfach verschoben und hängt weiter vollständig an der Kapitalbeschaffung