Hertz IPO 2021: Comeback aus der Insolvenz – zweite Chance oder Schuldenfalle?

Hertz Global Holdings ist der weltbekannte Mietwagenkonzern hinter den Marken Hertz, Dollar und Thrifty mit Standorten in über 160 Ländern. Das Unternehmen hat im Juni 2021 erfolgreich ein Chapter-11-Insolvenzverfahren abgeschlossen und geht nun unter dem Ticker HTZ an die NASDAQ. Der Börsengang ist eine reine Sekundärplatzierung: Hertz selbst erhält keinen Cent aus dem Erlös.
Overview
Hertz kennt jeder. Die gelben Schilder an Flughäfen rund um die Welt, der Gold-Plus-Rewards-Ausweis in der Brieftasche vielgeschwächter Vielreisender, der Thrifty-Schalter für alle die lieber sparen. Was weniger bekannt ist: Hinter diesem Konzern steckt eine der dramatischsten Unternehmensgeschichten der letzten Jahre.
Im Mai 2020, als COVID-19 den globalen Reiseverkehr zum Erliegen brachte, meldete Hertz Global Holdings Insolvenz nach Chapter 11 an. Ein Konzern mit über 100 Jahren Geschichte, 1918 gegründet, stand am Abgrund. Über 13 Monate kämpfte sich das Unternehmen durch das Insolvenzverfahren, schnitt sich von Schulden frei und strukturierte sich von Grund auf neu. Am 30. Juni 2021 trat der Reorganisationsplan in Kraft. Hertz ist zurück.
Der Börsengang im Oktober 2021 ist der nächste Schritt dieses Comebacks. Das Unternehmen plant die Notierung an der NASDAQ unter dem Ticker HTZ. Wichtig zu verstehen: Es ist keine klassische Kapitalerhöhung. Hertz selbst erhält keinen Cent aus dem Angebot. Verkäufer sind die Altaktionäre, die im Zuge der Reorganisation neue Anteile erhalten haben.
Management zum Zeitpunkt des IPOs
Die operative Führung von Hertz liegt bei einem Team, das das Unternehmen durch die Insolvenz geführt hat. General Counsel M. David Galainena ist als verantwortlicher Ansprechpartner im S-1 benannt. Die Reorganisation wurde von drei Plan-Sponsoren begleitet: Knighthead Capital Management, Certares Opportunities und Apollo Capital Management, die zusammen 2,781 Milliarden US-Dollar in Form von Common Stock investierten.
Die Stimmrechtsstruktur nach dem Börsengang ist eine Standard-Einklassen-Struktur. Alle ausgegebenen Aktien haben ein Stimmrecht pro Aktie. Allerdings halten die Pre-IPO-Eigentümer nach der Transaktion weiterhin einen bedeutenden Anteil. Zusätzlich existieren 89 Millionen ausstehende Warrants mit einem Ausübungspreis von 13,80 US-Dollar, die bis 2051 laufen, und ein noch nicht finalisiertes Management-Incentive-Programm über 10% des Stammkapitals.
Branche
Der globale Mietwagenmarkt war 2019 ein Hochlaufbetrieb mit Milliardenumsätzen. Hertz erzielte in dem Jahr fast 9,8 Milliarden US-Dollar Umsatz. Dann kam COVID-19 und riss alles mit. 2020 brach der Umsatz auf 5,3 Milliarden Dollar ein, die Fahrzeugauslastung kollabierte von 80% auf 54%.
Die Erholung ist deutlich sichtbar: Im ersten Halbjahr 2021 hat Hertz bereits 3,2 Milliarden US-Dollar Umsatz erzielt. Die Fahrzeugauslastung ist auf 76% gestiegen, der durchschnittliche Tagespreis (Total RPD) von 41,58 Dollar im ersten Halbjahr 2020 auf 55,28 Dollar. Der Reisemarkt erholt sich, die Nachfrage übersteigt das Angebot.
Ein wichtiger Faktor auf der Kostenseite bleibt der globale Chip-Mangel. Neue Fahrzeuge sind schwer zu bekommen, die Einkaufspreise für Gebrauchtfahrzeuge sind gestiegen und die Abschreibungskosten pro Fahrzeug schwanken stark. Der Markt für Mietwagen ist oligopolisch: Enterprise, Avis Budget und Hertz kontrollieren gemeinsam den Großteil des US-Markts. Dazu kommen neue Angreifer wie Turo mit Peer-to-Peer-Modellen und der langfristige Trend zu autonomen Fahrzeugen und Ride-Hailing, der das klassische Mietwagenmodell langfristig unter Druck setzen könnte.
Produkte
Hertz betreibt ein Portfolio aus vier Marken mit unterschiedlichen Preissegmenten:
- •Hertz (Premium): Die Kernmarke. Zielt auf Geschäftsreisende und anspruchsvolle Urlauber. Mehrfach ausgezeichnet mit Platz 1 bei J.D. Power Customer Satisfaction (2019 und 2020). Angebote wie Gold Plus Rewards, Hertz Ultimate Choice und Spezialfahrzeugkollektionen positionieren die Marke im Premiumsegment.
- •Dollar (Smart Value): Für preisbewusste Reisende die trotzdem Verlässlichkeit wollen. Schwerpunkt auf dem Flughafenmarkt für Familien, Freizeitreisende und kleine Unternehmen.
- •Thrifty (Deep Value): Für Sparfüchse die aktiv nach dem besten Deal suchen. Tagline: "The Absolute Best Car for Your Money". Ebenfalls primär am Flughafen vertreten.
- •Firefly (International Deep Value): Positioniert in ausgewählten internationalen Freizeitmärkten für sehr preissensible Kunden.
Zusätzlich betreibt Hertz das Autoverkaufsprogramm Hertz Car Sales und die Carsharing-Sparte Hertz 24/7 in internationalen Märkten. Die Marken teilen sich Flotte, Flottenmanagement und Back-Office-Funktionen, was Synergien auf der Kostenseite schafft.
Outlook
Die Zahlen der ersten Jahreshälfte 2021 sind ein starkes Zeichen der Erholung. Adjusted Corporate EBITDA von 642 Millionen US-Dollar in sechs Monaten, während dasselbe Halbjahr 2020 noch minus 830 Millionen Dollar zeigte. Das Unternehmen hat seine Kostenbasis deutlich verschlankt und profitiert jetzt davon, dass der Reisemarkt schneller zurückkommt als erwartet.
Der strategische Fokus liegt auf drei Themen: Flottenoptimierung in einem Markt mit knappen Fahrzeugen, Ausbau des Treuekundenprogramms und die Frage, wie Hertz in einer Welt mit Elektroautos und autonomen Fahrzeugen langfristig positioniert ist. Das Unternehmen hat bereits Schritte in Richtung Elektrifizierung seiner Flotte angekündigt.
Das zentrale Risiko bleibt die Bilanz. Hertz trägt nach wie vor erhebliche Schulden von rund 8,5 Milliarden US-Dollar (Stand Juni 2021). Dazu kommen die Komplexität der Fahrzeugfinanzierung über Asset-backed Securities und die strukturelle Anfälligkeit gegenüber externen Schocks wie dem nächsten Pandemie-Event oder einer Rezession, die den Reiseverkehr wieder einbricht.
Details zum IPO
Emissionspreis und Volumen wurden im S-1 noch nicht festgelegt. Das Angebot ist eine reine Sekundärplatzierung: Alle Erlöse gehen an die verkaufenden Altaktionäre, Hertz selbst erhält keine Mittel. Als Joint Book-Running Manager wurden Goldman Sachs & Co. LLC, J.P. Morgan und Morgan Stanley mandatiert, ergänzt durch Barclays und Deutsche Bank Securities.
Vor dem Börsengang werden insgesamt 471.528.799 Aktien ausstehend sein. Zusätzlich existieren knapp 89 Millionen Warrants mit einem Ausübungspreis von 13,80 US-Dollar, die bis 2051 laufen und potenziell verwässernd wirken. Ein Management-Incentive-Programm über bis zu 10% des Stammkapitals ist in der Pipeline, aber zum Zeitpunkt des S-1 noch nicht finalisiert.
Bewertungskriterien
Starke Markenerholung: Hertz, Dollar und Thrifty sind etablierte Marken mit hoher Wiedererkennbarkeit in über 160 Ländern
Klare operative Trendwende: Von minus 830 Millionen EBITDA in H1 2020 auf plus 642 Millionen in H1 2021
Post-Insolvenz deutlich niedrigere Schuldenlast und bereinigtes Kostenprofil
Keine frischen Mittel für Hertz: Das Unternehmen erhält aus dem IPO keinen Cent, alle Erlöse gehen an Altaktionäre
Immer noch rund 8,5 Milliarden US-Dollar Gesamtschulden auf der Bilanz
Starke Abhängigkeit vom globalen Reisemarkt, der sich bei neuen Krisen schnell wieder einbrechen kann
Chip-Mangel und Fahrzeugknappheit erschweren Flottenaufbau und erhöhen die Einkaufskosten